Mittwoch, 22. November 2017


Wo sind Reichenbergs goldene Zeiten?

Deutsch-Tschechische Kulturtage 2017 in Reichenberg/Liberec

Augsburg, (lifePR) - Deutsch-Tschechische Kulturtage haben Tradition und sind auch erfolgreich. Erfolgreich, weil sie einerseits zeigen, wie gemeinsame Geschichte rückblickend erlebt wird. Anderseits aber auch, weil sie Wege einer gemeinsamen Zukunft in der Mitte Europas öffnen.

So war es auch in diesem Jahr wieder beim "Dialog", den die beiden Städte Augsburg und Reichenberg/Liberec unter tatkräftiger Unterstützung und Einbeziehung des Heimatkreises Reichenberg mit Sitz in Augsburg und des Verbandes der Deutschen in der Region Reichenberg veranstalteten. Nach intensiver Vorbereitungszeit war es endlich soweit. Vom 22.-25. Juni 2017 fanden die diesjährigen Deutsch-Tschechischen Kulturtage statt. Und vorweg - sie waren erfolgreich.

Die Veranstalter wählten in diesem Jahr den Titel "Kreativ Dialog 2017" und diesen kreativen Dialog gab es auch. Heimatkreis Reichenberg und Verband der Deutschen wiederum gingen dabei insbesondere der Frage nach wo denn Reichenbergs goldene Zeiten blieben.

Dabei spannten die vertriebenen und verbliebenen Reichenberger einen weiten Bogen. Auf der Suche nach den goldenen Zeiten galt es schließlich sich auf Spurensuche zu begeben. Diese Spuren sind in Reichenberg, das heute viel zu oft nur bei seinem tschechischen Namen Liberec genannt wird, an vielen Orten sichtbar. Inschriften an Häusern und auf Denkmälern finden sich allerorten. So war es selbstverständlich, dass sich ein Vortrag auch diesen Kulturdenkmälern nachging. Doch dazu später.

Die Spurensuche begann am 22. Juni im Begegnungszentrum der deutschen Minderheit in Reichenberg. Urd Rothe und Hans Pieke stimmten die Besucher ein. Dabei ging es um die Entwicklung von Kultur und Wirtschaft vom 19. Jahrhundert bis zur Vertreibung und die Entwicklung bis heute. Hans Pieke wusste dabei profund zu berichten. Anschließend entführte Urd Rothe die Zuhörer zurück in die Zeit der Kindheit und Jugend. Denn „wie uns der Schnabel gewachsen ist“, so klang eben der Reichenberger Dialekt – und auf diesen versteht sich Urd Rothe, obwohl selbst weder in Reichenberg geboren oder aufgewachsen. Vielmehr hat sie ihn von den Eltern gelernt, die den Reichenberger Dialekt auch nach der Vertreibung sprachen und so an Urd weitergaben.

Das Programm der vier Veranstalter war ineinander verwoben, so dass es immer wieder zu gemeinsamen Zusammenkünften kam. Der erste war die offizielle Eröffnung des diesjährigen „Dialogs“ im Nordböhmischen Gewerbemuseum mit einer Ausstellung der Hinterglasmalerei des Künstlers Vincenz Jahnke mit musikalischer Untermalung durch Katerina Sokolová-Rauer (Gesang) und Wolfgang Weber (Klavier).

Reichenberg war bis 1945 eine Stadt mit mehrheitlich deutscher Bevölkerung. Nach der Vertreibung lebt heute nur mehr eine deutsche Minderheit in der Stadt. Doch wie steht es mit dem Minderheitenschutz und dem lernen und der Entwicklung der deutschen Sprache heute? Dieser Frage stellte sich Robert Schiller, der in die Grundschule Husova einlud. Hier wird Deutsch ab der ersten Klasse angeboten – wie so oft als Angebot aber eben noch nicht verpflichtend. Die Schüler wussten die Gäste mit einer Darbietung in Sprache, Gesang und Mimik von ihren Lernerfolgen zu begeistern und wurden mit Applaus belohnt.

Einer der bekanntesten Familien der Stadt Reichenberg war und ist die Familie Liebieg. Mit diesem Namen verbinden sich Reichenbergs goldene Zeiten wohl am engsten. Wirtschaftsgigant in der Doppelmonarchie, Arbeitgeber für tausende in Reichenberg und weit darüber hinaus, hohe Steuerkraft und Mäzen, das war die Firma Liebieg. Noch heute sind deren Spuren in Reichenberg sichtbar, so dass es ein Einfaches war, diesen Spuren bei einer Stadtführung zu folgen.

Hans Pieke zeigte diese Wirtschaftskraft und deren Bedeutung in der Entwicklung der Stadt Reichenberg auch bei einem Vortrag in der Bibliothek. Die Bibliothek, gebaut auf dem Feld der einst vernichteten Synagoge, steht seit Jahren als sichtbares Symbol der Versöhnung inmitten der Stadt und beherbergt tausende von Büchern zum wissenschaftlichen Studium – darunter auch viele Sudetica, die vom Heimatkreis und der Sudetendeutschen Stiftung zur Verfügung gestellt wurden. Der Leiterin Frau Konvalinková oblag es auch in die Arbeit und Perspektiven der Bibliothek sowie die Zusammenarbeit mit der Hochsschule einzuführen.

Eingerahmt in die Kulturtage fand übrigens die Verleihung der Ehrenmedaille der Stadt Reichenberg/Liberec statt. Erwähnung findet diese hier, da mit Erwin Scholz ein Wegbereiter der deutsch-tschechischen Verständigung und Motor der grenzüberschreitenden Arbeit zwischen Reichenberg/Liberec und Augsburg mit dieser bedeutenden Auszeichnung geehrt wurde. Auch diese Verleihung wurde von den bereits erwähnten Katerina Sokolová-Rauer und Wolfgang Weber musikalisch begleitet.

Vor dem Rathaus fand derweil auch ein Open-Air Ballett statt. Die Ballett- und Tanzakademie Daniel Záboj aus Augsburg zeigten ihr einstudiertes Repertoire gemeinsam mit dem Ballettensemble des F.X. Salda Theaters aus Reichenberg. Das Theater ist den älteren Reichenbergern eigentlich nur als Stadttheater bekannt und war und ist Hort kulturellen Hochgenusses.

Bereits eingangs erwähnt wurde ein Programmpunkt ganz speziell dem Erhalt deutscher Kultur am Beispiel der deutschen Kulturdenkmäler gewidmet. Dr. Jan Mohr führte die Zuhörer geschickt zu einzelnen Orten und erläuterte eindrucksvoll die Bemühungen der Kultureinrichtungen und der Stadtverwaltung.

Robert Schiller, der ja bereits in der Husova dem Thema deutsche Sprache nachging, zeigte bei einem Vortrag im Begegnungszentrum weitere Orte in Reichenberg, wo man die deutsche Sprache erlernen kann. Bereits im Vorschulalter, in der Grundschule und auch dem Gymnasium ist der Spracherwerb möglich. Auch im Berufsleben stehenden Menschen steht diese Möglichkeit offen. Somit könnte man getrost nach vorne schauen, wenn der Sprachunterricht in Deutsch eben nicht nur freiwillig wäre.

Außerdem ist Robert Schiller doch ein kleiner Tausendsassa. Dies bewies er eindrucksvoll, als er zu einer Führung einlud, die den Blick auf die Glanzzeiten Reichenbergs in die Galerie unter dem Ritter in das Rathaus einlud. Während die Teilnehmer sich unter dem Rathaus aufhielten, war es an den Künstlern Hanna Lohmann und Jiri Jiroutek auf dem Rathausplatz die Skulptur „Objekt Liberec“ und die Diashow „Landart“ zu zeigen. Abends unterhielten Künstler aus Augsburg und Reichenberg Einheimische und Gäste auf dem Rathausplatz mit einem Jazzkonzert.

Auch die schönsten Tage gehen vorüber. Diese Kulturtage wurden mit einer festlichen Messe in der Kirche des hl. Antonius, die mit ihrem Kirchturm in der Nähe des Rathauses weithin sichtbar ist, eingeleitet. Katerina Sokolová-Rauer und der Kirchenchor „Arcicur“ waren für die musikalische Begleitung verantwortlich.

Nach dem Abschlussgottesdienst gedachten die Teilnehmer im alten Friedhof in der Ruppersdorfer Strasse der Toten und legten eine Blumenschale nieder.

Im Begegnungszentrum begann die Spurensuche, hier sollte sie auch enden. Urd Rothe und Hans Pieke luden noch einmal ein, gaben Rückblick, Zusammenfassung und Ausblick. Reichenbergs goldene Zeiten sind vorüber, doch neue erfolgreiche Zeiten liegen vor uns. Dies bestätigten auch noch einmal Primator Batthaný und Augsburgs Bürgermeister Dr. Kiefer. Beide lobten die gelungene Zusammenarbeit der Partner, hoben das ehrenamtliche Engagement des Heimatkreises und des Verbandes der Deutschen hervor und vergaßen auch nicht zu erwähnen, dass die Initiative des Kulturaustausches einst von den vertriebenen und den verbliebenen Deutschen ausging.

Abschließend noch ein Wort zum Erfolg, der eingangs bereits erwähnt wurde. Die Bürgermeister stellten fest, dass auch bei diesen Kulturtagen sich die Bewohner von Reichenberg/Liberec wieder ein Stück näher kamen. Viele hundert Besucher wurden bei den Veranstaltungen beim „Kreativ Dialog 2017“ gezählt. Mehr als vierhundert Besucher hatten allein die Veranstaltungen des Heimatkreises Reichenberg und des Verbandes der Deutschen. Dies zeigt eindrucksvoll, dass Deutsch-Tschechische Kulturtage Tradition haben, aber eben auch erfolgreich sind. Diese Tradition eines erfolgreichen Dialogs wird in zwei Jahren in Augsburg fortgesetzt, daran gibt es keinen Zweifel. Und so zieht auch Klaus Hoffmann, Vorsitzender des Heimatkreises Reichenberg eine positive Bilanz: „ Was vor drei Jahrzehnten als Versuch die deutsche Kultur in Reichenberg/Liberec zu zeigen begann, hat sich zu einer sehr erfolgreichen Veranstaltungsreihe „Dialog“ entwickelt. Dies gelang, weil alle Partner – Heimatkreis Reichenberg, Verband der Deutschen, Stadtverwaltung Augsburg und Stadtverwaltung Reichenberg/Liberec – an den Erfolg glaubten und sich gemeinsam der Vielfalt deutscher und tschechischer Kultur und deren Weiterentwicklung verschrieben haben. Mein Dank gilt allen Aktiven und den Besuchern.“
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Sudetendeutsche Landsmannschaft Landesgruppe e. V

Der Heimatkreis Reichenberg Stadt und Land e.V.

Als eingetragener Verein mit Sitz in Augsburg vertreten wir die Belange der ehemaligen Bewohner des Bezirkes Reichenberg in Nordböhmen. Nach 600-jähriger wechselvoller Geschichte wurden die meisten deutschen Bewohner mit Ende des Zweiten Weltkrieges ihrer Heimat beraubt und vertrieben. Sie ließen sich in allen Teilen Deutschlands, Österreichs und in der ganzen Welt nieder und haben sich an ihren neuen Wirkungsstätten maßgeblich am Wiederaufbau nach dem Krieg und an der politischen und wirtschaftlichen Neugestaltung beteiligt.

Augsburg wurde Patenstadt über alle ihrer Heimat beraubten Deutschen aus dem Stadt und Landkreis Reichenberg. In Augsburg unterhalten wir daher auch das "kleinste Museum Augsburgs", die Reichenberger Heimatstube, ein Archiv und eine Bücherei. Die Arbeit des Heimatkreises ist auf viele Schultern verteilt. Gemeindebetreuer und Gildenvorsitzende in ganz Deutschland und Österreich führen Ortskarteien und tragen durch Veranstaltungen aller Art zur Pflege und zum Erhalt des heimatlichen Erbes bei. Regelmäßige Fahrten in die Heimat runden dabei das Bild ab. Zu den in der Heimat verbliebenen Deutschen, die sich im Kulturverband und in der Landesversammlung der Deutschen zusammengeschlossen haben, unterhielten wir schon lange vor der Wende beste Kontakte. In Reichenberg/Liberec entstand vor über zwanzig Jahren ein Begegnungszentrum, das als Anlaufstelle und Zentrum der kulturellen Arbeit auch über die Region hinaus hohe Anerkennung genießt.

Mit unserer Arbeit wollen wir einen zukunftsweisenden Beitrag zu einem auf Demokratie, Freiheit, Recht und Wahrheit aufgebauten partnerschaftlichen Verhältnis zwischen Deutschen und Tschechen leisten. Daher besuchen wir regelmäßig unsere Patenstadt Augsburg und unsere Heimatstadt Reichenberg und sorgen für den notwendigen Austausch mit den dort Verantwortlichen zur Weiterentwicklung unserer Beziehungen. Bundes-, Gemeinde- und Gildentreffen, Deutsch-Tschechische Kulturtage "DIALOG", die Herausgabe heimatlicher Literatur, der "Reichenberger Heimatkalender", das "Reichenberger Heimatblatt", das "Jeschken-Iser-Jahrbuch" und unser Internetauftritt www.reichenberg.de gehören zu den regelmäßigen Maßnahmen, mit denen wir wir unseren Satzungszweck erfüllen.

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