Verborgene Schätze deutscher Heimatvertriebener in Baden-Württemberg

Begeisterte Zuhörende bei den Landeskulturtagen im Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg

Raimund Haser MdL
(lifePR) ( Stuttgart, )
Baden-Württemberg ist ein reiches Kulturland, das dürfte jedem bekannt sein. Dass sich in diesen Reichtum aber wahre Schätze der deutschen Heimatvertriebenen einreihen, die in den Jahrzehnten nach Ende des Zweiten Weltkriegs hier entstanden, wohl noch nicht. Sudetendeutsche Landsmannschaft und Bund der Vertriebenen hatten jedenfalls ein umfangreiches und abwechslungsreiches Programm zusammengestellt für die diesjährige Landeskulturtagung. Diese verborgenen Schätze und noch mehr Wissenswertes lernten die Teilnehmer der diesjährigen Tagung, die wiederum unter der Schirmherrschaft des baden-württembergischen Innenministers Thomas Strobl CDU stand, am 24. und 25. September kennen.

Hartmut Liebscher, Landesgeschäftsführer des Bund der Vertriebenen Baden-Württemberg (BdV), begrüßte die Gäste zur diesjährigen Landeskulturtagung an Stelle von Albert Reich, dem langjährigen Landeskulturreferenten. War dieser doch kurzfristig erkrankt und grüßte die Teilnehmenden vom Krankenbett aus. Dies sollte, wie sich schnell herausstellte, übrigens nicht die einzige Änderung im Ablauf bleiben.

Die Tagung fand, wie heute üblich, unter Corona-Bedingungen im Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg in Stuttgart statt. Die Sehnsucht nach einer Präsenzveranstaltung war groß und so war der Saal bis auf den letzten Platz besetzt.

Das geplante Grußwort der BdV-Landesvorsitzenden Iris Ripsam musste berufsbedingt auf den zweiten Tag verschoben werden. Das Grußwort des brandenburgischen Landesobmanns der Sudetendeutschen Landsmannschaft (SL) Herbert Fechtner verlas der SL-Landesobmann von Baden-Württemberg Klaus Hoffmann, da Fechtner sich entschuldigt hatte. Nach dem Totengedenken ging der Landesobmann auf die für alle schwierige Situation in den letzten Monaten ein. War doch das soziale, das wirtschaftliche und das kulturelle Leben völlig zum Erliegen gekommen. Erst ab August konnte über die Durchführung der Landeskulturtagung 2020 ernsthaft nachgedacht werden. Denn erst ab diesem Zeitpunkt waren die Rahmenbedingungen im Haus der Heimat geklärt. Hoffmann berichtete von einem Gespräch mit Frau Staatsministerin Schopper in der Villa Reitzenstein, bei dem er mit ihr über die Bedeutung der Kultur in diesen Tagen sprach. Kulturförderung ist grundsätzlich eine freiwillige Aufgabe des Staates. In der gegenwärtigen Krise wurde Kultur jedoch als systemrelevant eingestuft und der Erhalt über das normale Maß hinaus gefördert. In diesem Zusammenhang verwies er auf die staatlich zugesicherte Förderung der Kultur der deutschen Heimatvertriebenen sowie deren Verankerung im §96 des Bundesvertriebenengesetzes.

Damit leitete er auch schon über zum ersten Referenten des Tages, Herrn Michael Konnerth, stv. Bundesvorsitzender und Landesvorsitzender des Verbands der Siebenbürger Sachsen. Konnerth berichtete über „Das Siebenbürgische Kulturzentrum in Gundelsheim – Institut, Bibliothek, Museum“

Hinter diesem nüchternen Begriff verbirgt sich das bereits 1254 gegründete Schloss Horneck, das um nur eine Episode aus der langen Geschichte zu erwähnen, von Götz von Berlichingen während der Bauernkriege zerstört wurde. Es wurde anschließend wieder errichtet und ist seit 1960 im Besitz der Siebenbürger Sachsen.

Konnerth nahm die Tagungsteilnehmer mit auf eine Zeitreise einerseits, andererseits weihte er sie aber ein in die vielfältigen Aktivitäten der Siebenbürger Sachsen weltweit. Familienforschung, Jugendarbeit, Sozialarbeit und die breite Palette der Kultur sind hier zu erwähnen.

Nach einer kurzen Diskussion und der notwendigen Corona-Pause freuten sich die Gäste auf ein tagesaktuelles Thema das „Zentrum gegen Vertreibungen (Stiftung der deutschen Heimatvertriebenen)“. Über dessen Aufgabe und aktuelle Herausforderungen stand Markus Patzek vom Bundesverband des Bundes der Vertriebenen Rede und Antwort. Patzek vertrat die eigentlich angekündigte Referentin Gisela Schewell, die kurzfristig absagen musste.

Wesentliche Triebfeder der Stiftungsgründung ist die Versöhnung mit den Nachbarvölkern. Daher ist auch der Stiftungsname gleichsam Programm. Geht es doch um Ächtung von Vertreibungen weltweit. So ging er auf die vier Kernaufgaben der Stiftung ein. Die Vertreibung von 15 Millionen Deutschen am Ende und nach dem Zweiten Weltkrieg sowie die Integration der deutschen Heimatvertriebenen in Deutschland. Ein wichtiger und wesentlicher Aspekt ist weiterhin das Aufarbeiten der Vertreibungen und Genozide weltweit. Er verwies darauf, dass allein in Europa mehr als 30 Volksgruppen von Menschenrechtsverletzung betroffen waren. Schließlich schilderte er die letzte Aufgabe – die Verleihung des Franz-Werfel-Menschenrechtspreises, der in diesem Jahr an Bundespräsident a.D. Joachim Gauck verliehen wird.

Von Bonn, dem Sitz der Stiftung „Zentrum gegen Vertreibungen“, führte das Programm nach Ostpreußen. Dr. Christopher Spatz nahm die Teilnehmenden auf seiner Zeitreise mit zurück in die Nachkriegsjahre. Er schilderte die unsagbaren Vorgänge als Kinder in den Wirren der damaligen Zeit vom Hunger bedroht ihrem Schicksal teilweise allein gegenüber standen. In seinem Buch „Nur der Himmel blieb derselbe – Ostpreußens Hungerkinder erzählen vom Überleben.“ verarbeitete er die Geschichte von 50 zwischen 1930 und 1942 in Ostpreußen Geborenen. Erschütternde Berichte, sieben Jahrzehnte nach den verheerenden Ereignissen, ließen die Geschehnisse aufleben. Die Anwesenden im Haus der Heimat fühlten mit jedem einzelnen Schicksal mit. Spatz erntete für seinen Vortrag, vor allem aber der Aufarbeitung dieser Schicksale, Dank und Anerkennung.

Wie Wenzel Jaksch sich vergeblich bemühte die Vertreibung der Deutschen aus Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien zu verhindern, schilderte Prof. Dr. Erich Zettl in seinem Vortrag „Wenzel Jaksch, BdV-Präsident 1964 bis 1966 – sein Kampf mit Edvard Benesch, die Vertreibung der zu verhindern.“ Wenzel Jaksch war sozialdemokratischer Politiker. 1938 ging er zusammen mit anderen nach dem Abschluss des Münchner Abkommens ins britische Exil und gründete dort die Treugemeinschaft sudetendeutscher Sozialdemokraten. Bis 1942 rief er über den britischen Rundfunk die Sudetendeutsche dazu auf, der Tschechoslowakischen Republik loyal gegenüber zu sein und Widerstand gegen den Nationalsozialismus zu leisten. Vergeblich versuchte er in der Zeit in London Benesch von dessen Vertreibungsgedanken abzuhalten, bis Benesch schließlich die Alliierten von seiner Position überzeugen konnte und sich zuletzt mit Stalin verbündete. Nach Kriegsende kehrte Jaksch auf den Kontinent zurück, ließ sich in Westdeutschland nieder und trat der SPD bei. 1966 starb er bei einem Verkehrsunfall. Jaksch versuchte mit seinen Mitteln die Vertreibung zu verhindern. Letztendlich waren seine Bemühungen nicht von Erfolg gekrönt.

BdV-Landesvorsitzende Iris Ripsam erfreute die Teilnehmenden am Samstag mit ihrem Grußwort und stimmte in den zweiten Tag der Landeskulturtagung ein. Sie hob noch einmal die Bedeutung und die Erfolge der Kulturarbeit der deutschen Heimatvertriebenen hervor ehe sie an den nachfolgenden Referenten übergab, der sich einem wenig bekannten Kapitel der Nachkriegsgeschichte widmete.

Die Vertreibung der Deutschen aus deren angestammten Siedlungsgebieten traf vor sieben Jahrzehnten alle, die als deutsche Minderheiten in Mittel- und Osteuropa heimisch waren. Die Oder-Neiße-Linie war zur neuen Grenze zwischen Ost und West geworden. Doch nicht alle Heimatvertriebenen wollten in Deutschland oder Österreich bleiben. Manch einer suchte nach ferneren Zielen, um sein Glück zu finden. So einige Donauschwaben, die sich den Gedanken von Pater Josef Stefan und Ingenieur Michael Moor anschlossen und im südbrasilianischen Paraná in der Siedlung Entre Rios eine neue Heimat fanden. 222 Siedler kamen im Jahr 1951 in Entre Rios an und entwickelten im Lauf der Jahre den Ort zu einer Erfolgsgeschichte. Sie rangen dem kargen Boden landwirtschaftliche Produkte ab und entwickelten die Stadt kontinuierlich weiter. Seit 1987 sind Entre Rios und Rastatt partnerschaftlich verbunden, womit sich der Kreis auch für Baden-Württemberg wieder schließt. Stefan Teppert, Bundeskulturreferent der Donauschwaben von 1988 bis 1999, freier Journalist, Redakteur und Autor, geboren in Entre Rios, heute wohnhaft in Meßstetten nahm die Zuhörer mit in eine sieben Jahrzehnte dauernde Erfolgsgeschichte, mit allen Höhen und Tiefen. Es offenbarte sich ein besonderes Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Nach diesem Ausflug auf den südamerikanischen Kontinent unterstrich als nachfolgender Referent das stv. BdV-Präsidiumsmitglied und stv. Landesvorsitzende des BdV Baden-Württemberg Raimund Haser MdL in seinem Vortrag die Bedeutung eines vereinten Europa. Haser, zudem Vorsitzender des Haus der Donauschwaben e.V. in Sindelfingen, sieht sich denn auch als „Donauschwabe – Oberschwabe – Europäer“. Im Mittelpunkt seiner Gedanken stand die Charta der deutschen Heimatvertriebenen, die vor siebzig Jahren, am 5. August 1950 vor den Trümmern des Neuen Schlosses in Stuttgart vor Hundertausenden deutscher Heimatvertriebener verkündet wurde. Das als Grundgesetz der deutschen Heimatvertriebenen angesehene Werk dient den Heimatvertriebenen seither als Richtschnur für ein gemeinsames, ein vereintes Europa. Nichts hat die Charta an Bedeutung verloren in einer Zeit, in der Flucht und Vertreibung noch immer politisches Mittel sind. Umso wichtiger ist an diesem gemeinsamen Haus Europa weiterzubauen, so sein Aufruf an alle Anwesenden.

Lebhafte Diskussionen löste schließlich Verleger Konrad Badenheuer, Bundespressesprecher der Sudetendeutschen Landsmannschaft von 1993 bis 2001 aus. Sein Vortrag „Alles verloren? Lage und weitere Perspektiven zur Vertreibung der Deutschen nach dem 2. Weltkrieg.“ sowie „Die 80 Thesen zur Vertreibung der Deutschen nach 1946 von Prof. Dr. Alfred de Zayas.“ fesselte die Zuhörer in ihren Bann. Kritisch setzt sich Badenheuer mit der Vertreibung auseinander, untersuchte die Arbeit der Vertriebenenverbände und Wiedergutmachungspolitik einzelner Vertreiberstaaten. Die Sudetendeutsche Frage ist weiterhin offen, die Vertreibung war und ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, daran besteht kein Zweifel. An der Beseitigung des Unrechts zu arbeiten sind alle Beteiligten aufgerufen. Und auch wenn die Sudetendeutsche Frage noch offen ist, so sollten die bisherigen Erfolge dazu ermutigen, den Weg der Aufarbeitung weiter zu gehen.

Mit dem Blick auf die Vertreibung endete die Landeskulturtagung 2020. Bürgermeister Klaus Hoffmann dankte allen Referenten und Teilnehmenden für die gelungene Veranstaltung. Ein besonderer Dank galt Albert Reich, verbunden mit Genesungswünschen, und den Mitarbeitenden hinter den Kulissen für die Vorbereitung und Durchführung. Mit dem Hinweis auf die nächste Landeskulturtagung am 24/25. September 2021 schloss die Tagung.

Statt des gemeinsamen Singens der Nationalhymne am Ende der Landeskulturtagung rezitierte Reinhold Frank, Vorstandsmitglied des BdV und 1. Vorsitzender des Landesverbandes der Heimat- und Trachtenverbände Baden-Württemberg, den Text „Einigkeit und Recht und Freiheit …“.
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