Montag, 23. Oktober 2017


Offener Dialog um Wunden zu heilen

Gedenkfeier der Sudetendeutschen Landsmannschaft zum Tag des Selbsbestimmungsrechts

Stuttgart, (lifePR) - Der 4.März 1919 ist ein markantes Datum in der Geschichte der Sudetendeutschen. An diesem Tag demonstrierten in sieben Städten des Sudetenlandes die Sudetendeutschen für ihr Selbstbestimmungsrecht. Mit militärischer Gewalt der tschechischen Armee, fanden die friedlichen Demonstrationen ein Ende und forderten 54 Todesopfer und zahlreiche Verletzte unter der deutschen Bevölkerung.

Zum 98. Jahrestag dieses historischen Ereignisses, gedachten die Sudetendeutschen in einer Feierstunde im Haus der Heimat in Stuttgart den Opfer und erinnerten so auch an das Selbstbestimmungsrecht der Völker.
Unter den zahlreichen Besuchern, die der Einladung zur Feierstunde zum Gedenken an den 4.März 1919 gefolgt waren, konnte der Landesobmann der Sudetendeutschen Landsmannschaft Baden-Württemberg, Klaus Hoffmann, auch wieder eine große Anzahl von Ehrengästen begrüßen, wie den CDU-Landtagsabgeordneten Konrad Epple, die Leitende Ministerialrätin aus dem baden-württembergischen Innenministerium, Dr. Christiane Meis, den Oberbürgermeister der Stadt Backnang, Dr. Frank Nopper, den ehemaligen CDU-Landtagsabgeordneten und Landesvorsitzenden des BdV, Arnold Tölg, Alt-Regionalrat Hans-Werner Carlhoff, Alt-Stadtrat Rolf Schlierer, den Sprecher der Südmährer, Franz Longin sowie von der Sudetendeutschen Landsmannschaft Stuttgart den Ehrenkreisobmann Ernst Merkl und Kreisobfrau Waltraud Illner.

Ein besonderer Gruß galt jedoch der CDU-Bundestagsabgeordneten, Stadträtin Iris Ripsam, die in der von Matthias Kinzler, Elke Stauber-Micko, Gerlind Preisenhammer und Martin Preisenhammer musikalisch umrahmten Feierstunde, die Gedenkrede hielt.

Iris Ripsam, die auch baden-württembergische Landesvorsitzende der „Union der Vertriebenen und Flüchtlinge in der CDU/CSU“ ist, ging in ihrer Ansprache zunächst auf die Vorgeschichte ein, die zu den tragischen Ereignissen des 4.März 1919 führten. So hatte der amerikanische Präsident Woodrow Wilson mit dem Ausgang des Ersten Weltkrieges den Völkern Österreich-Ungarns ihr Selbstbestimmungsrecht zugebilligt, welches jedoch von der neu gegründeten Tschechoslowakei nicht gewährt wurde, galten für die deutschen Minderheiten in den neu gegründeten Nationalstaaten im östlichen Europa lediglich Minderheitenschutzrechte. Als Bürger 2.Klasse behandelt, wünschten sich die Sudetendeutschen einen Anschluss an Deutsch-Österreich und demonstrierten am 4.März 1919 in zahlreichen Städten des Sudetenlandes friedlich gegen die Nichtzulassung zu den Wahlen zur Provisorischen Nationalversammlung der Republik Österreich im Februar 1919, gegen die Eingliederung in die neu gegründete Tschechoslowakische Republik und für den Verbleib in der Republik Österreich, deren Forderungen nach Selbstbestimmung jedoch durch Schüsse paramilitärischer tschechischer Einheiten ein gewaltsames Ende fanden. Die CDU-Politikerin erinnerte an dieser Stelle an die 52 Deutschen und zwei tschechoslowakischen Polizisten, die an diesem Tag in Kaaden, Mährisch Sternberg, Karlsbad, Arnau im Riesengebirge, Eger, Mies und Aussig ums Leben kamen und nannte jedes einzelne Schicksal, das damals für das Selbstbestimmungsrecht gestorben war, bei seinem Namen.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg war es wieder die deutsche Minderheit, welche die Last für die furchtbaren Verbrechen des Krieges in besonderer Weise tragen musste. „Der Zweite Weltkrieg war ja eigentlich am 8.Mai 1945 offiziell beendet, doch für die Sudetendeutschen folgten weitere schlimme Monate und Jahre, in denen sie ihr Hab und Gut, ihre Heimat, ja gar ihr Leben verloren haben“, so Iris Ripsam weiter. Doch hielten die Sudetendeutschen, trotz der leidvollen Erfahrung der Vertreibung, an dem Bemühen um einen Dialog fest und untermauerten ihre Absicht, an einem geeinten Europa mitzuwirken, „in dem die Völker ohne Furcht und Zwang leben können“ bereits im Jahre 1950 mit der Verkündung der „Charta der deutschen Heimatvertriebenen“, einem Dokument, welches das Selbstverständnis und das Handeln aller deutschen Heimatvertriebenen prägt und bis heute Halt und Richtung gibt. Die Stuttgarter CDU-Stadträtin schilderte dabei auch die Umstände, unter welchen Bedingungen im Nachkriegsdeutschland die deutschen Heimatvertriebenen leben mussten und zeigte großen Respekt vor den Verfassern der „Charta“, die bei der Verkündung am 5.August 1950 in Stuttgart von den Grundgedanken des Willens zur Eingliederung, zur Gleichberechtigung, zum Wiederaufbau, zur Rückkehr in die Heimat wie auch dem Wunsch nach Frieden und Freiheit in einem geeinten Europa geprägt war. „Mit der „Charta der deutschen Heimatvertriebenen“, hatten sich die Sudetendeutschen für Versöhnung und Frieden in Europa ausgesprochen. Sie ebneten den Weg für die EU als Friedensprojekt und die Geschichte gibt ihnen Recht“, so die Gedenkrednerin. Iris Ripsam, verschwieg auch nicht, dass die gemeinsame und teils sehr leidvolle Geschichte, die Tschechen und Deutsche verbinde, viele Wunden hinterlassen habe und das die Aufhebung der Benes-Dekrete, die bis heute noch nicht erreicht werden konnte, eine der Wunden ist, die noch der Heilung bedürfen. Mit einem Appell an die Heimatvertriebenen, angesichts der Flüchtlingsströme und des damit aufflammenden Nationalismus in Europa, mit ihren Erfahrungen als Mittler und Brückenbauer zu fungieren, schloss die Stuttgarter CDU-Stadträtin ihre Ansprache und sagte:

„Der Verlust der Heimat kann jeden Menschen an jedem Ort der Erde treffen. Und er ist für alle gleich. Entwurzelnd und entmutigend“.
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Sudetendeutsche Landsmannschaft Landesgruppe e. V

Wir vertreten die im Land Baden-Württemberg wohnenden Sudetendeutschen.

Die Nachfahren jener Deutschen, die vor mehr als 800 Jahren in den sogenannten "Böhmischen Ländern", nämlich in Böhmen, Mähren und dem südlichen Teil Schlesiens (diese Länder bilden heute die "Tschechische Republik") ansässig geworden sind, wurden in diesem Jahrhundert unter dem Sammelnamen "Sudetendeutsche" bekannt.

1945/46 wurden 3,2 Millionen von den insgesamt 3,5 Millionen Sudetendeutschen aus ihrer Heimat vertrieben, ihr Eigentum wurde entschädigungslos konfisziert. Konfiskation und Vertreibung waren begleitet von blutigen Exzessen. Grundlage dieser gegen Menschen- und Völkerrecht verstoßenden "ethnischen Säuberung" bildeten Dekrete, die vom damaligen tschechoslowakischen Staatspräsidenten Edvard Beneš erlassen worden waren und die heute noch gültig sind.

Rund 600 000 dieser vertriebenen Sudetendeutschen kamen nach Baden-Württemberg, wo sie sich eine neue Existenz aufbauten und in das wirtschaftliche, gesellschaftliche, kulturelle und politische Leben eingegliedert wurden. Sie fanden sich in zahlreichen Vereinigungen zusammen, deren Grundlage ganz verschiedenartig war: Herkunftsgebiete, politische oder kulturelle Interessen, Freizeitgestaltung, berufliche Gemeinsamkeiten und manches mehr.

Jeder 15. Einwohner Baden-Württembergs ist Sudetendeutscher. Heute gibt es in Europa und Übersee insgesamt rund 3,8 Millionen Sudetendeutsche. Rund 600 000 von ihnen kamen im Zuge der Vertreibung aus ihrer Heimat nach dem 2.Weltkrieg nach Baden-Württemberg. Gemeinsam mit der einheimischen Bevölkerung trugen sie in der Nachkriegszeit zum Wiederaufbau des Landes bei. Durch ihre Stimmabgabe bei der Volksabstimmung 1952 waren sie wesentlich am Zustandekommen des "Südweststaates" beteiligt. Die für Baden-Württemberg kennzeichnende Ausgewogenheit zwischen großen Weltfirmen, Mittel- und Kleinbetrieben hat die wirtschaftliche Eingliederung der Sudetendeutschen und die Gründung neuer Werke und Fabriken durch sudetendeutsche Unternehmer in besonderem Maße erleichtert. Stellvertretend dafür seien genannt die Autofirma Porsche in Stuttgart, die Wiesenthal-Glashütte in Schwäbisch Gmünd, die Aluminium-Hütte Grohmann in Bisingen,die Maschinenfabrik Panhans in Sigmaringen, die Papierwerke Zechel in Reilingen,das Pharmawerk Merckle in Blaubeuren, dazu zahlreiche weitere mittlere und kleinere Betriebe.

27 Städte und Gemeinden Baden-Württembergs übernahmen Patenschaften über sudetendeutsche Kreise, Gemeinden und Landschaften. Insgesamt 24 kulturelle sudetendeutsche Einrichtungen - wissenschaftliche Gesellschaften, Archive, Büchereien, Sammlungen, Heimatstuben - wurden durch eigene Kraft der Sudetendeutschen und mit Hilfe öffentlicher Stellen in Baden-Württemberg aufgebaut.

Aus dem kulturellen Leben des Landes sind manche Namen von Sudetendeutschen nicht mehr wegzudenken, wie z. B. der Bildhauer Prof. Otto H. Hajek, die Tänzerin Birgit Keil, die Komponisten Karl-Michael Komma und Widmar Hader, der weltbekannte Posaunist Armin Rosin, die Dirigenten Wolfgang G. Hofmann und Emmerich Smola, die Malerin Traude Teodorescu-Klein oder der Dichter und Schriftsteller Josef Mühlberger - um nur einige wenige stellvertretend zu nennen.

Das Sudetenland im Vergleich zur Fläche einzelner deutscher Bundesländer

Bayern 70550 km2
Baden-Württemberg 35750 km2
Sudetenland 26500 km2
Hessen 21100 km2
Schleswig-Holstein 15700 km2
Saarland 2600 km2

Die kulturelle Verflechtung der Sudetendeutschen mit den übrigen deutschen Ländern und Landschaften ist seit Jahrhunderten eng und vielgestaltig.

Beispiele sind: Der schwäbische Baumeister Peter Parler aus Schwäbisch Gmünd, der im 14. Jahrhundert u. a. den Veitsdom in Prag erbaute, oder der aus dem Egerland kommende Barockbaumeister Balthasar Neumann, der nicht nur die Würzburger Residenz, sondern z. B. auch berühmte Treppenhäuser in Brühl und Bruchsal schuf. Auch andere Namen, herausgegriffen aus einer großen Zahl, beweisen den lebendigen Anteil, den die Deutschen aus den böhmischen Ländern am geistigen Leben des gesamten deutschen Volkes hatten und haben: Der Komponist Johann Wenzel Stamitz aus Deutsch-Brod beispielsweise, der später in Mannheim wirkte, Vinzenz Prießnitz und Johann Schroth, die großen Naturheiler, der Brünner Abt Gregor Mendel, dessen Vererbungslehre zur Grundlage moderner Genetik wurde, die Friedensnobelpreis-Trägerin Bertha von Suttner, die Dichter Rainer Maria Rilke, Adalbert Stifter, Marie von Ebner-Eschenbach, die Maler Alfred Kubin oder Ferdinand Staeger, aber auch die Bamberger Symphoniker, die nach der Vertreibung aus den "Prager Deutschen Philharmonikern" hervorgegangen waren, oder auch der Schriftsteller Otfried Preußler aus Reichenberg, dessen "Räuber Hotzenplotz" und "Kleine Hexe" heute Millionen Kinder und Erwachsene erfreuen.

Die Organisationen der Sudetendeutschen spiegeln in ihrer Vielfalt und Vielschichtigkeit das Leben und die Interessen der Angehörigen dieser Volksgruppe wider. Im politischen, kulturellen, wissenschaftlichen, wirtschaftlichen, beruflichen, sozialen und gesellschaftlichen Bereich gibt es sudetendeutsche Zusammenschlüsse, aber auch auf Generationsebene und im Bereich der Freizeitgestaltung.

In Baden-Württemberg gibt es heute 27 größere sudetendeutsche Vereinigungen, von denen viele noch Untergliederungen auf Orts- und Kreisebene haben.

Mehrere sudetendeutsche Zeitschriften werden in Baden-Württemberg herausgegeben, ebenso haben verschiedene sudetendeutsche Stiftungen, Institute und Gesellschaften ihren Sitz in diesem Lande.

Die Sudetendeutschen im Vergleich zur Einwohnerzahl verschiedener Staaten

Norwegen 4,1 Mio
Sudetendeutsche 3,8 Mio
Irland 3,3 Mio
Albanien 2,7 Mio
Luxemburg 0,36 Mio
Island 0,23 Mio

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