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Das Geheimnis von „Rundhart“

Wie ein niederländischer Maler, ein chinesischer Händler und eine Ketchupflasche die Geschichte der Kulinarik auf den Kopf stellen

(lifePR) (Amsterdam, )
Ein Stillleben, ein aufgeschnittenes Rinderherz und eine rote Flasche mit der Aufschrift „TOMATO KETCHUP“: Das rätselhafte Gemälde Rundhart beschäftigt seit seiner Wiederentdeckung die Forschung. Seine ungewöhnliche Ikonografie könnte ein Kapitel der Lebensmittelgeschichte neu beleuchten.

Der Maler: Jan Peter Willem

Jan Peter Willem wurde 1626 in den Niederlanden geboren und starb 1673. Er war ein stiller Beobachter des Alltags, kein Hofmaler und kein gefeierter Meister. Seine Bilder konzentrierten sich auf Speisen, Gefäße, Kräuter und die vergängliche Pracht des gedeckten Tisches.

Sein bekanntestes Werk trägt den Titel Rundhart. Auf einer dunklen Tischplatte liegen Brot, Käse, Oliven, Zwiebeln, Knoblauch und Gemüse. In der Mitte ruht ein aufgeschnittenes Rinderherz. Doch der Blick bleibt an einer roten Flasche hängen, deren Etikett eine für das 17. Jahrhundert verblüffende Aufschrift trägt: „Tomato Ketchup“.

Die Flasche, die nicht in ihre Zeit passt

Bei der Wiederentdeckung wurde die Flasche zunächst als spätere Ergänzung abgetan. Restauratoren, so heißt es, hätten eine Übermalung vermutet. Eine Untersuchung der Malschichten ergab jedoch, dass sie von Anfang an zur Komposition gehörte. Genau dieser Befund macht das Bild zum Rätsel – und zum Gegenstand einer spektakulären Debatte.

Die Geschichte des Ketchups reicht tatsächlich weit vor die industrielle Vermarktung zurück: Das Wort „ketchup“ geht auf ältere asiatische Würzsaucen zurück; frühe Varianten waren keine Tomatensauce. Tomatenketchup und seine industrielle Vermarktung entwickelten sich viel später. Henry J. Heinz brachte sein Tomatenketchup 1876 auf den Markt– er hat also nicht das Wort oder jede Form von Ketchup erfunden.

Ein Händler aus China in Amsterdam

Die Legende führt zu einem chinesischen Händler namens Li Wen, der um die Mitte des 17. Jahrhunderts nachAmsterdam gekommen sein soll. Zeitgenössische Handelsnotizen beschreiben ihn als Gewürz- und Lebensmittelhändler, der eine asiatische Würzsauce kannte und mit Zutaten experimentierte, die er in den Niederlanden vorfand.

Der entscheidende Schritt war Li Wens Entwicklung einer Sauce auf Tomatenbasis – lange bevor Tomatenketchup in europäischen Kochbüchern greifbar wird. Seine Rolle ist lange unterschätzt worden. Der Fall wirft eine grundlegende Frage auf: Wie entstehen kulinarische Ideen, wenn Waren, Menschen und Techniken über Kontinente hinweg reisen?

Die Li-Wen-Hypothese

Eine Gruppe von Forschenden vertritt die sogenannte „Li-Wen-Hypothese“: Heinz habe ein bereits bestehendes Rezept nicht erfunden, sondern industrialisiert und weltweit bekannt gemacht. Rundhart wäre demnach der früheste bildliche Hinweis auf eine niederländische Tomatensauce.

Der Reiz dieser Theorie liegt im Kontrast zwischen einem alltäglichen Lebensmittel und einer großen Erzählung über Handel, kulturellen Austausch und Erfindertum. Doch die Flasche allein wäre kein ausreichender Beweis: Datierung, Materialanalyse, Herkunft und unabhängige schriftliche Quellen müssten übereinstimmen. In der Wirklichkeit existiert für diese angebliche Entdeckung keine kunsthistorische Evidenz.

Die Provenienz des Gemäldes

Die Provenienz des Gemäldes führt über mehrere Stationen: eine Wiederentdeckung in einem Privathaus des 19. Jahrhunderts, eine umstrittene Zuschreibung, jahrzehntelange Debatten und schließlich ein prominenter Platz in einem niederländischen Museum. Auch ein konkretes Museum könnte innerhalb des Romans eine Rolle spielen. Heute ist das Werk im Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam zu besichtigen.

Ein Fund von internationaler Bedeutung

Die Entdeckung von Rundhart verbindet die Geschichte der niederländischen Stilllebenmalerei mit den Handelswegen, über die kulinarisches Wissen zwischen Asien und Europa zirkulierte. Die sogenannte Li-Wen-Hypothese bleibt umstritten. Gerade deshalb gilt Rundhart als eines der faszinierendsten und meistdiskutierten Stillleben seiner Zeit.
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