Überblick über die Gastfamilienstudie
Idee & Zielsetzung: Interkultureller Austausch lebt vom Engagement der Gastfamilien. Gleichzeitig wird es immer schwieriger, Menschen für dieses Engagement zu gewinnen. Hier setzt die Gastfamilienstudie an, die 2025 in Zusammenarbeit von Wissenschaft (Markus Gamper, Universität zu Köln) und Praxis (Experiment e.V.) entstanden ist. Ziel ist es, Perspektiven, Motive und Herausforderungen aktiver und potenzieller Gastfamilien sowie Zusammenhänge besser zu verstehen: Wer wird Gastfamilie – und wer nicht? Was motiviert Menschen, sich zu engagieren, und was fordert heraus? Und welche Rahmenbedingungen unterstützen dieses Engagement?
Vorgehen & Methodik: Im Sommer 2025 wurde eine breit angelegte standardisierte Online-Befragung durchgeführt. Die Befragung richtete sich sowohl an Menschen, die bereits als Gastfamilie aktiv sind oder waren (aktive Gastfamilien), als auch an jene, die bisher nicht am Gastfamilienprogramm teilgenommen haben (potenzielle Gastfamilien). Über verschiedene Kanäle wurden insgesamt 1132 Personen erreicht. Die Auswertung der Ergebnisse erfolgte mithilfe verschiedener statistischer Methoden und im Dialog von Wissenschaft und Praxis.
Relevanz: Die Studie schafft eine aktuelle und umfassende Datengrundlage, die neue empirische und zugleich praxisnahe Antworten auf zentrale Fragen aus der aktuellen Austauschpraxis liefert und somit zur gezielten Weiterentwicklung des Gastfamilienprogramms beiträgt.
Kernergebnisse
Zentrale Einflussfaktoren
- Räumliche Voraussetzungen entscheidend: Haushalte, die über ein freies Zimmer verfügen, weisen eine um 81 % höhere Wahrscheinlichkeit (Odds) auf, Gastfamilie zu sein.
- Kinder im Haushalt als "Motor" für das Engagement: Familien mit eigenen Kindern im Haushalt haben eine um 48,1 % erhöhte Wahrscheinlichkeit (Odds), Gastfamilie zu sein. Familien, deren Kinder bereits gymnasiale oder vergleichbare formale Bildungswege verfolgen, sind dabei fast doppelt so häufig Gastfamilien.
- Finanzielle Lage als Eintrittshürde: In Haushalten mit einem Einkommen von maximal 2.000 Euro pro Monat sind nur 8,2 % der Befragten als Gastfamilien aktiv. Sobald das Einkommen die 2.000‑Euro-Grenze überschreitet, steigt die Beteiligung sprunghaft auf 29,5 %. In den höheren Einkommensgruppen (ab 3.500 Euro) bleibt die Quote stabil zwischen 30,6 % und 33,3 %.
- Niedrigere Beteiligungsquoten im Kontext von Migration: Personen mit Migrationshintergrund haben ca. 75 % geringere Wahrscheinlichkeit (Odds), Gastfamilie zu sein.
- Ideelles und gesellschaftliches Potenzial des Gastfamilien-Engagements besteht nicht nur theoretisch, sondern wird im Familienalltag tatsächlich erlebt. Besonders viel Zustimmung zeigt sich bei den Aspekten Perspektivenübernahme (aktive Gastfamilien: 96 %; potenzielle Gastfamilien: 96,4 %), Toleranz (aktive Gastfamilien: 92 %; potenzielle Gastfamilien: 94,1 %) und friedliches Miteinander (aktive Gastfamilien: 90,3 %; potenzielle Gastfamilien: 91,5 %).
- Viele Befürchtungen sind in der Wahrnehmung der aktiven Gastfamilien weniger ausgeprägt als in der Vorstellung der potenziellen Gastfamilien: Die größten Reibungspunkte zeigen sich für aktive Gastfamilien in der täglichen Haushaltsführung (40,5 % Zustimmung) sowie bei kulturellen Konflikten (39,5 % Zustimmung) und für potenzielle Gastfamilien in der täglichen Haushaltsführung (52,2 % Zustimmung) sowie den räumlichen Kapazitäten (62 % Zustimmung).
- 48,7 % der aktiven Gastfamilien wünschen sich insbesondere mehr Unterstützung bei der Erledigung von Verwaltungsaufgaben, gefolgt von mehr gesellschaftlicher Anerkennung (46,8 % Zustimmung) und mehr emotionaler Unterstützung (42,2 % Zustimmung).
- 93,6 % der potenziellen Gastfamilien möchten ausreichend unterstützt werden, gefolgt von ausreichender Unterstützung bei der Erledigung von Verwaltungsaufgaben (85,1 % Zustimmung) und dem Wunsch nach ausreichender emotionaler Unterstützung (81 % Zustimmung).
- Entkopplung von Wohnraum und Teilhabe: bspw. durch Konzepte jenseits von klassischen „Ein-Zimmer-Voraussetzungen“, flexible Wohnraumnutzung, alternative Unterbringungsmodelle.
- Nutzung und Erweiterung der (formalen) Bildungsnetzwerke: bspw. durch den systematischen Einbezug von Real- und Gesamtschulen sowie berufsbildenden Einrichtungen.
- Transparenz und gezielte finanzielle Unterstützung: bspw. durch Erstattungen, Zuschüsse und Stipendien, insbesondere für Familien unterhalb oder knapp oberhalb der 2.000-Euro-Grenze.
- Migrationsgesellschaftliche Öffnung und Nutzung biografischer Expertise: bspw. durch die Entwicklung gezielter Strategien, welche Vielfalt stärker einbeziehen, Austauschprogramme als gemeinsamen und wertvollen Raum für Lernen und Wachstum begreifen und bestehende Barrieren noch gezielter untersuchen und abbauen.
- Gastfamilien-Engagement als wertvollen informellen Bildungs- und Erfahrungsraum stärken und sichtbar machen, u.a. vor dem aktuellen Diskurs zur Stärkung von Demokratie und zentralen Zukunftskompetenzen.
- Umfassende, gezielte und transparente Informations- und Unterstützungsangebote zentral, um angepasst an verschiedene Zielgruppen über Anforderungen, Herausforderungen und Unterstützungsstrukturen zu informieren und Vertrauen zu wecken.
- Realistisches Erwartungsmanagement und Reduzierung von Sorgen entscheidend: bspw. durch ehrliche Erfahrungsberichte, Austauschmöglichkeiten von und mit aktiven Gastfamilien sowie individuelle, unverbindliche und vertrauensvolle Beratungsgespräche auf Augenhöhe.
- Mehr Entlastung bei Verwaltungsaufgaben notwendig: bspw. durch die Bereitstellung klarer Anleitungen, Checklisten, digitaler Tools und einer zentralen Anlaufstelle für administrative Fragen.
- Mehr Anerkennung für das Gastfamilien-Engagement notwendig: bspw. durch öffentlich wirksame Veranstaltungen oder Medienberichterstattung.
- Aufbrechen von traditionellen Vorstellungen und Bildern, bspw. durch gezieltes Hinterfragen und Erweitern von bestehenden Bildern, Vorstellungen sowie Begrifflichkeiten und das Sichtbarmachen verschiedener Lebensrealitäten.
- Vertiefte Auseinandersetzung mit der Thematik aus verschiedenen Perspektiven zentral: bspw. durch weiterführende wissenschaftliche Forschung sowie die gezielte, mutige Analyse, Nutzung und Weiterentwicklung der Handlungsempfehlungen durch die Praxis.