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Die Frau des Schriftstellers, auf der Suche nach dem Nichtschlafland – Vier E-Books zum Sonderpreis sowie ein Superpreis-Angebote für nur 99 Cents

(lifePR) (Pinnow, )
Interessieren Sie sich für den Frieden? Diese Frage könnte man dem Titelhelden des ersten der vier Deals der Woche stellen, die im E-Book-Shop www.edition-digital.de eine Woche lang (Freitag, 30.03.18 – Freitag, 06.04.18) zu jeweils stark reduzierten Preisen zu haben sind. Manisch, der Schriftsteller, interessiert sich allerdings eher für das Thema und möchte gern herausfinden warum die Welt so ist wie sie ist. Wieso gibt es eigentlich nicht mehr Frieden und weniger Kriege in der Welt? Ob Manisch eine Antwort findet? „Manisch“ von Erich Günter Sasse ist ein anregendes, im besten Sinne des Wortes provozierendes Buch, das seine Leser nicht in Frieden lässt …

Kennen Sie eigentlich schon Wirbellutz? Nein, dann wird es aber Zeit. Die beiden Märchen „Die Kinder im Tobteufelhaus“ und „Das Wunderpferdchen aus Kornhagen“ von Holda Schiller sind philosophischer und hintergründiger, als sie auf den ersten Blick scheinen. Über „Das liebliche Fest“ schreibt Jutta Schlott. Gemeint ist Pfingsten. Und es geht um viel mehr als um die Frage, wie man diese drei freien Tage über die Runden bringt. Zu guter vorletzt sind war dann noch in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, in Südamerika und in der großen Politik, die mehr oder weniger überraschend viele Parallelen mit dem heutigen Weltgeschehen hat. Wolfgang Schreyer schreibt wie üblich gut recherchiert und faktenreich, abenteuerlich und spannend über „Bananengangster“ in einer „Bananenrepublik“.

Außerdem dürfen sich die Empfänger dieses Newsletters zum Schluss noch über ein besonderes 99-Cents-Schnäpphen freuen. Mehr dazu ganz am Ende. Und damit zurück zum Anfang, zurück zu „Manisch“ …

Erstmals 1990 erschien im Rostocker Hinstorff Verlag das Buch „Manisch“ von Erich-Günther Sasse: Kann ein Künstler ein Volk führen? Manisch, ein Schriftsteller unserer Tage, recherchiert die Todesumstände seines verschollenen Vaters und entdeckt, dass er Erbfolgekönig des im Geheimen lebenden wendischen Volkes ist. Trotz erzwungener Anpassung an christliche Glaubens- und Machtverhältnisse und an die wechselvolle Geschichte der Deutschen konnten die Wenden ihre verborgene Identität bewahren, denn sie hatten das Schwert beiseite gelegt und wurden Bauern. Krone und Zepter wurden über Jahrhunderte weitervererbt. Nun käme die Reihe an Manisch. Doch reale Macht und Kunst sind nach den Vorstellungen von Manischs Großmutter, der schon zur Legende gewordenen, letzten herrschenden Wendenkönigin, unvereinbar. Mit dem scharfen Blick der Wissenden erkennt sie nicht nur Ehrgeiz und Größe, sondern auch Zweifel, Ratlosigkeit und Ruhmsucht im Wesen ihres Enkels. Lange zögert sie, ehe sie sich entschließt, die Geheimnisse der Macht und die Erbschaft des Thrones einem Unbekannten zu übergeben. Manisch bleibt verstrickt in der Banalität seines Alltags. Krieg, Macht und Kunst sind Schlüsselprobleme dieses Künstlerromans, der, überraschend und herausfordernd, traditionelle Vorstellungen vom Mythos des Künstlers zerstört. Ehe wir Manisch, den Schriftsteller, und seine Frau treffen, treffen wir ganz am Anfang des Buches „Die Uralte“, die offenbar endlich einen Entschluss gefasst hat:

„1. Kapitel
An jenem Tag stand die Sonne früher als sonst schon so hoch über den Bäumen, dass sie durch die Gardinen ins Zimmer fiel, auf die Alte, die hustend, keuchend und murmelnd für ihren Sohn und dessen Sohn, Manisch, betete und die Götter anflehte, ihnen nichts geschehen zu lassen.

Aber die Uralte trauerte auch. Wenn es überhaupt einen Sinn hatte, wieder und wieder auf die Erde zu kommen und auszuharren, war es der, zu erfahren, dass es ständig neue Kriege gegeben hatte und dass sie grausamer und grausamer geworden waren. In ihrer Familie gab es Könige und Fürsten, Heerführer und Diplomaten, aber auch Hirten und Wächter. Bauer war ihr Vater gewesen, und sie, die Tochter von Königen, selber Königin, hatte ihr Leben hindurch Bauernarbeit verrichtet.

Ob es in der Familie jemals einen Schriftsteller gegeben hatte, sagten ihre Bücher nicht. Nicht, dass die Alte Manisch hasste, aber sie hatte ihn Jahre beobachtet und lange gehofft, er würde sich der Verantwortung bewusst werden, sich endlich des Erbes würdig zeigen. Weil er es bis jetzt nicht getan hatte, fasste sie den Entschluss, ihre Geheimnisse mit ins Grab zu nehmen...

Sie griff an ihr Herz und seufzte, ehe sie die feuchte Stirn trocknete und auf den Schrank starrte, hinter dem sich in der Wand die geheime Nische befand, wo die Bücher lagen, in denen von Anbeginn der Zeit aufgeschrieben stand, was das Volk und seine Könige erlebt und durchlitten hatten.

Dreimal verneigte sich die Alte dorthin. So etwas wie Freude fühlte sie darüber, dass sie nun entschlossen war, der Entscheidung nicht mehr auszuweichen. Erleichtert sagte sie mit klarer Stimme: Ihr Götter, ich danke Euch! Sie lehnte sich zurück und schloss die Augen. Nun war sie stark genug, die wenigen Wochen, die ihr noch blieben, ruhig, gelassen und ohne Bitterkeit zu überstehen. Das Ende kannte sie voraus, den Tag und sogar die Stunde hätte sie nennen können. Ihre Pflicht war es gewesen, die Würde und das Wissen weiterzugeben. Aber sie hatte alles verloren, was ein Mensch nur verlieren kann. Sie hatte verloren. Wenigstens den Schwur wollte sie halten: Niemand, der unwürdig wäre, sie zu bewahren, würde die Geheimnisse erfahren. Die Unsterbliche wünschte, endlich sterben zu können. Die Altesehnte sich nach Ruhe.

2. Kapitel
Wann Manisch begriffen hatte, dass der Krieg seiner Mutter und seiner Großmutter die Hoffnung genommen hatte, wusste er nicht mehr. Schon wieder war überall in der Welt Krieg. Das hätte ihn zwar nicht betreffen brauchen, denn diese Kriege spielten sich weit weg von ihm ab, aber obwohl er anscheinend außerhalb stand, war er doch mittendrin.

Bestürzt hatte er irgendwann gemerkt, dass ihn Bilder im Fernsehen, Bücher und Zeitungen nicht mehr aufregten. Das Eingeständnis, abzustumpfen, und der Wille, sich dagegen zu wehren, waren vor allem entscheidend für den Wunsch, ein Buch über den Krieg zu schreiben. Obwohl seine Notizen schon mehrere Hefter füllten, gelang es ihm nicht, daraus etwas zu schaffen, das ihn selber bis ins Innerste bewegte. Immerhin war das Ergebnis des Fleißes, mit dem er viele Bücher durchforscht hatte, eine wichtige Erkenntnis: Die Erinnerungen von Politikern und Heerführern an den größten und schrecklichsten aller Kriege dienten vor allem dazu, sie selber ins rechte Licht zu setzen und ihre eigene Leistung genügend herauszustreichen. Oft widersprachen sie in ihren Aussagen einander vollkommen. Aus diesen Büchern erfuhr Manisch kaum Neues. Nachdem schon einige Jahre vergangen waren, fragte er sich, ob seine Methode wohl die richtige sei. In den wichtigen Archiven hätte er arbeiten mögen, dort wäre sicher manches zu entdecken, das noch nirgendwo gedruckt stand. Aber die Archive waren geschlossen und würden sich für ihn nicht öffnen. Wer war er denn, dass er ein Buch über den Krieg schreiben zu wollen sich erdreisten konnte?

Manisch war gerade vierzig und hatte niemals Krieg erlebt. Vieles ging ihm verquer. Meistens reagierte er nicht so, wie andere es erwarteten, häufig sogar anders, als er selber es lange von sich gewöhnt war. Die Einsicht, seine Versuche würden noch nicht zu dem Gewünschten führen, traf ihn, denn es war beileibe nicht das erste Mal, dass er den Dingen schreibend auf den Grund kommen wollte. Schreiben half ihm, besser mit dem Leben fertig zu werden. Obwohl allzu viele Jahre vergangen waren, ohne dass er seinen Zielen näher gekommen wäre, hatte Manisch das Gefühl, Entscheidendes läge vor ihm. Vor Jahren schon hatte er sich für das Schreiben entschieden. Nun wurde es Zeit, auf ernsthafte Weise damit zu beginnen.

3. Kapitel
Ganz gegen seine Gewohnheit lag Manisch um halb neun im Bett. Er fühlte sich müde, zog die Decke bis ans Kinn, und schon fielen ihm die Augen zu. Weil er noch nicht schlafen wollte, öffnete er sie wieder, nahm ein Buch vom Nachttisch und begann in den Erinnerungen des Königs zu lesen: „Es war im Mai, als ich nach Paris kam. Der Krieg stand unmittelbar bevor. Ich wusste es, und der Präsident, der mich vom Bahnhof abholte, wusste es auch. Wir alle spürten die Spannung dieser Tage. Der Empfang war herzlich. Viel Volk stand an den Straßenrändern. Mir fiel auf, wie festlich die Leute gekleidet waren. Mag sein, sie hofften, der Krieg werde vorübergehen. Vielleicht sehnten sie sich auch nur nach Abwechslung und suchten Erholung und Freude nach einem langen und harten Winter. Sie ahnten nichts von dem, was ihnen bevorstand.

Das Volk winkte, und wir winkten zurück. Ich hörte den Präsidenten reden, spürte, er sprach von ernsten politischen Dingen, und wusste, die Gefahr, sie würden bald in ernste militärische Dinge umschlagen, konnte nicht größer sein. Ich hörte und nickte, aber ich verstand nicht, wovon der Präsident redete, denn ich betrachtete die beiden Reiter neben unserem Wagen. Der eine war kräftig und untersetzt. Er hatte ein braungebranntes, etwas stumpfes Gesicht, dem anzumerken war, wie wichtig er sich vorkam. Ich ahnte, dieser Mann würde ein guter Familienvater sein und der Erzeuger vieler kräftiger, untersetzter Kinder, die nach ihm starke Kinder zeugen würden und wie ihre Vorväter den Boden bearbeiten, wie die Pflicht es verlangt, und die ihre Steuern bezahlen würden, pünktlich und genau. So erfüllt war der Kavallerist vom Gefühl seiner Wichtigkeit, dass er nicht zu merken schien, wie lange ich ihn musterte.

Der andere war ein sehr junger Mann, blond und zart, er schien sich in der Uniform nicht besonders wohl zu fühlen. Jedenfalls sah er gleichgültig, fast gelangweilt mit seinen großen, hellblauen Augen über die Menge hin. Von uns nahm er keine Kenntnis. Auch er merkte nicht, dass ich ihn lange anblickte.

Ich wusste, die beiden Männer müssten bald töten oder würden getötet. Ich wünschte wahrhaftig den Krieg nicht, aber ich zweifelte nicht daran, dass er kommen würde. Ich saß hoch im Wagen, der leicht schaukelte, und konnte alles übersehen, die sauber gefegten Straßen und das geputzte Volk, die hohen Kastanienbäume, die gerade zu blühen anfingen, dieses Bild des Friedens, der Ruhe und des Glückes.

Immer wieder fiel mein Blick auf die beiden Männer. Ich war mir der Verantwortung für sie bewusst, aber ich trug auch Verantwortung für die vielen. Wenn diese beiden nicht stürben, würden sehr viele sterben müssen. Das wusste ich. Und auch, warum dieses Opfer zu hoch war.

Dann stand der Wagen. Wir stiegen aus. Ich hielt eine Rede. Ich weiß, sagte ich, dass nun die Zeit gekommen ist, alle Demütigungen zurückzugeben. Von Rache, wie man später behauptete, sprach ich nicht. Denn niemals spürte ich den Wunsch, mich zu rächen. Wie ernst mir das ist, weiß nur Gott.

Während ich sprach, zu dieser Zeit war ich noch in der Lage, lange frei zu reden, fiel mein Blick wieder auf die beiden Männer, die jetzt mit gezücktem Säbel neben uns standen. Ich sah sie stehen, den kräftigen und den zarten. Nun war ich sicher, dass sie bald sterben würden. Still und ergeben der eine. Mit Gestöhn und Geschrei, Gott verfluchend, der andere, der schmale blasse junge Mann mit den klugen Zügen, der vielleicht der Welt keine Kinder gegeben hätte, die den Boden bearbeiteten und hackten und gruben, aber ein Buch vielleicht oder ein Gedicht, ein Bild...

Ich war voller Mitleid für sie, als ich Gott zum Zeugen anrief, dass ich den Krieg nicht, niemals gewünscht hatte. Unter dem Beifall, der aufbrauste und zum Orkan wurde, rief ich: So wahr mir Gott helfe! Dann trat ich zur Seite, um dem Präsidenten das Wort zu überlassen.“

Manisch warf das Buch auf den Nachttisch zurück. Plötzlich überkam ihn ein starkes Gefühl von Feindschaft. Er legte sich auf den Rücken und schloss die Augen.

Als seine Frau dann auch kam, fragte sie: Was machst du denn? Gerade darauf wollte Manisch nicht antworten, er fürchtete endlose Diskussionen und Streit. Obwohl sie einander genau kannten, stritten sie sich oft. Dabei hasste Manisch nichts mehr als Streit. Er sah der Frau ins Gesicht, das von Creme glänzte.

Sie kannte diesen Blick und drehte sich um. Als sie ins Bett stieg, fragte sie: Willst du noch lange lesen?

Manisch hörte den Ton in ihrer Stimme, mit dem sie früher nie geredet hatte und von dem sie genau wusste, wie sehr er ihn verletzte. Sie benahm sich, als wäre es ein Verbrechen, Bücher zu lesen, und gar, welche zu schreiben. Das ärgerte ihn. Tatsächlich hatte sie keines seiner Bücher je gelesen. Manchmal wünschte Manisch, sie sollte alles von ihm erfahren. Aber immer häufiger verspürte er den Drang, sich irgendwo zu verkriechen, um allen Demütigungen, die das Schreiben für ihn schon mit sich gebracht hatte, zu entgehen.

Er war nicht wütend auf die Frau. An ihre Art hatte er sich gewöhnt. Daran, wie sie den Kopf hielt, wenn sie sprach, an ihre Stimme, die leise sein konnte und weich, aber auch hart und schrill.

In diesem Augenblick hatte er den Wunsch, seine Frau sollte ihn bewundern. Aber wie konnte sie das denn? Er schrieb schon so lange. dass er immer wieder von ihr und den Kindern Opfer forderte, musste sie als rücksichtslos empfinden.

Krieg, sagte sie, nachdem sie einen Blick auf das Buch geworfen hatte, weißt du darüber denn noch nicht genug? Die vielen Bücher, die du gekauft und gelesen hast, und es ist nichts dabei herausgekommen. So geht es jedenfalls nicht mehr weiter! Eindringlich sah sie ihm ins Gesicht.

Das konnte Manisch nicht ertragen. Was er getan hatte und noch zu tun beabsichtigte, durfte nicht ohne Sinn geschehen sein. Wenn er sich dem Gefühl überließe, alles wäre sinnlos, könnte er keine Zeile mehr schreiben. Aber Schreiben war sein Leben. Hör doch auf, dachte er und sagte müde: Von einem bestimmten Alter an muss jeder das Recht haben, an sich zu denken!

Und ich? Die Frau schluckte, während sie nach Worten suchte, um dem Mann endlich deutlich zu machen, für wie egoistisch sie ihn hielt und dass es so nicht weitergehen könne. Er nahm sie ganz in Anspruch. Wenn er sein Leben dem Schreiben opferte, war es seine Sache, aber sie musste sich dagegen wehren, geopfert zu werden. Gegen ihn musste sie sich zur Wehr setzen. Weil sie spürte, dass sie jetzt nicht die richtigen Worte fand, sagte sie nur: Hör auf damit!

Manisch nahm das Buch wieder in die Hände und gab sich den Anschein, lesen zu wollen.

An ihrem Schweigen merkte er, wie er die Frau provozierte. Schon seine Existenz schien eine Provokation zu sein. In den letzten Jahren war es ihm häufig passiert, dass Menschen ihn von sich gestoßen hatten, weil sie sich von ihm provoziert fühlten.

Wieder wünschte er, irgendwohin gehen zu können, wo er allein wäre und lesen und schreiben dürfte, was und soviel er wollte, wann immer er Lust dazu hätte. Aber er war hier und musste hier bleiben!

Er zog die Bettdecke zu sich heran. Lass mich in Ruhe, dachte er. Die Frau sollte sich ja um ihn kümmern, sein Gesicht sollte sie streicheln, den Hals. Sie sollte mit ihm reden. Streiten sollte sie, dass er wüsste, sie wenigstens nähme Anteil an seinem Leben. Tödlich war nur dieses Schweigen!

Als die Frau sagte: Du hast dein Zimmer und einen Schreibtisch, dort kannst du machen, was du willst, sprach Manisch schnell irgend etwas... Weil er nahe daran war, die Frau anzubrüllen, legte er, schneller als gewollt, die in Leinen gebundenen Erinnerungen des Königs auf den Nachttisch, zu anderen Büchern. Er knipste das Licht aus und warf sich herum, so dass er der Frau den Rücken zudrehte. Die Kälte in ihm ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Er kroch unter die Decke und versuchte sich von seiner Niedergeschlagenheit abzulenken. Manisch dachte an Ber.“

Zu den bekanntesten und beliebtesten (und sogar noch heute gern gesammelten) DDR-Buchreihen gehörten „Die kleinen Trompeterbücher“ des Kinderbuchverlages Berlin mit insgesamt fast 200 Titeln). Als Band 57 erschien 1966 „Die Kinder im Tobteufelhaus“ und 1968 als Band 66 „Das Wunderpferdchen aus Kornhagen“ – beide Titel von Holda Schiller: In dem Märchen „Die Kinder im Tobteufelhaus“ erfahren wir, dass Lutz, auch Wirbellutz genannt, ein etwa sechs Jahre alter Junge, bereits vieles über die Stadt, in der er lebt, über Tiere im Zoo und Bäume im Park gelernt hat. Etwas Wichtiges weiß er aber noch nicht: Dass er nachts schlafen muss. Mahnt ihn die Mutter abends, ins Bett zu gehen, erhebt er ein Lamento, dass die Nachbarn es hören und sagen: „Ach ja, der unruhige Junge.“ Schlafen findet er langweilig, und so zieht er eines Tages mit seinem Roller, den er sehr liebt, los, um das Nichtschlafland zu suchen. Wem er begegnet, was für aufregende Erlebnisse er hat und wie er den Tobteufel und dessen Hexenmutter besiegt, das ist eine fantasievolle und spannende Geschichte, vergnüglich zu lesen.

„Das Wunderpferdchen aus Kornhagen“ ist ein Märchen, das dem Phänomen der Begabung nachspürt. Moritz, das Fohlen, ist eben erst zur Welt gekommen, kann auf seinen zarten Beinen noch gar nicht richtig stehen, als es auch schon zu springen anfängt. Und das Springen bleibt sein Liebstes. Er soll aber nicht springen, er soll ziehen, meint der Tierpfleger und spannt ihn an den Wagen. Zunächst wehrt sich Moritz, doch dann lernt er ziehen. Aber sein Liebstes bleibt ihm nach wie vor das Springen. Das kann er dann auch immer besser, immer höher und immer schöner, bis es Kunst geworden ist und er über alle und alles hinwegspringt. Nun geht er in die Stadt, will zum Zirkus. Es gelingt auch, doch der Zirkus ist eine Enttäuschung. Moritz darf nicht springen, er muss tanzen. Da wird er immer trauriger, kann nicht mehr trinken, nicht mehr essen, auch nicht mehr schlafen und kann auch nicht mehr lustig sein. Hilfe kommt ihm von Heiner und dem Clown Jonathan, die Rat wissen, sodass Moritz am Ende das tun kann und darf, was ihm das Liebste ist. Hier aber erstmal der Beginn des Märchens vom neunmalklugen rasenden Rollerfahrer, der nicht schlafen wollte:

„In einer Stadt lebte einmal ein Junge mit blonden Haaren und blauen Augen, der hatte einen so hellen Kopf, dass er alle Straßen und Plätze, alle Fabriken und Hochhäuser seines Wohnortes kannte. Er wusste allerlei über die Tiere im Zoo, über die Bäume im Park und kannte die Fahrzeuge, die an ihm vorüberfuhren. Vieles hatte er gelernt. Nur eines wollte er nicht begreifen: Dass er nachts schlafen musste.

Schickte ihn die Mutter abends ins Bett, erhob er jedes Mal ein Lamento, dass die Nachbarn darüber, darunter und daneben es hörten. „Ach, der unruhige Junge“, sagten sie dann, „er will nicht schlafen, nur herumtoben. Schade um das neunmalkluge Kind! Wenn es nicht schläft, wird sein Verstand verderben, vertrocknen wie die Blume auf dem Beet, der das Wasser fehlt. Er sollte nicht so viel Rollerfahren.“

An dem Roller aber hatte der Junge die größte Freude. Er pflegte ihn, er sprach mit ihm, er liebte ihn. Denn es war das geschwindeste Kinderfahrzeug, das es gab. Kein Kind weit und breit hatte einen solchen Roller. Der Junge fuhr damit von früh bis spät durch die Straßen. Er fuhr so schnell, dass hinter ihm Wind aufstieg und die Kieskörner des Fahrweges herumwirbelte.

Alle Leute in der Stadt kannten den Jungen. Wenn er dahinraste, dass ihnen der Rückwind seines Rollers ins Gesicht sprang, sagten sie: „Das ist Wirbellutz! Er will nur herumtoben und nicht schlafen. Wenn er nur nicht so viel Wind mit seinem Roller machte!“

Eines Tages spielte Wirbellutz im Garten, da rief ihn die Mutter. Er aber dachte: Jetzt muss ich schlafen gehen, und ich will nicht. Im Bett ist es langweilig. Nicht einmal Purzelbäume sind erlaubt. Eine Weile überlegte er, dann sagte er entschlossen: „Ja, das mache ich. Ich fahre einfach fort und fahre so lange, bis ich ein Land finde, in dem ich nicht zu schlafen brauche.“ Und statt auf die Mutter zu hören, schlich Wirbellutz in den Hausflur, wo sein Luftroller stand. Er brachte ihn auf die Straße, setzte das rechte Bein aufs Trittbrett und stieß sich mit dem linken so kräftig ab, dass der Roller wie eine Rakete losschoss. Der Rückwind blies im ersten Stock zum offenen Fenster hinein und blähte die Gardinen auf.

Wirbellutz aber stand schon an der Kreuzung und wollte die Straße überqueren. Doch plötzlich begann die Verkehrsampel wie toll mit dem roten Auge zu blinken. „Wo willst du hin, Wirbellutz, rief nicht die Mutter dich ins Haus?“

„Halt mich nicht auf!“, sagte Wirbellutz. „Ich habe Wichtiges vor und muss michbeeilen.“ Da flackerte das rote Auge zornig, als wolle es jeden Augenblick aus der Ampel springen. Wirbellutz aber blickte zu ihm empor: „Du hast gut reden, du darfst Tag und Nacht leuchten. Dich schickt niemand ins Bett. Ich muss jeden Abend schlafen gehen und will nicht. Darum fahre ich in die Welt hinaus. Es gibt so viele Länder, und ich suche das Nichtschlafland.“

Was sollte die Verkehrsampel tun? Am Übergang standen viele Leute. Sie konnte sie nicht länger warten lassen. Sie blinkte kurz gelb, dann leuchtete das grüne Auge auf. Da beeilte sich Wirbellutz, über die Straße zu kommen. Und bevor die Leute am Übergang begriffen, dass sie die Straße überqueren durften, war er auf der anderen Seite. Er raste auf dem Radweg dahin, dass der Fahrtwind in die Baumkronen griff und darin sang. Plötzlich bekam er dicken Qualm in die Nase, sodass er husten und bremsen musste. Der hohe Schornstein der Zuckerfabrik stieß dicken Rauch in sein Gesicht und verdunkelte ihm den Weg.

„Warum hältst du mich auf? Ich habe es eilig“, rief Wirbellutz. Der hohe Schornstein brummte: „Wo willst du hin? Ich hörte die Mutter rufen. Wenn du nicht umkehrst, räuchere ich dich rundherum wie eine Makrele.“ Wirbellutz wurde traurig. „Du hast leicht reden. Du darfst Tag und Nacht qualmen, dich schickt niemand ins Bett. Aber ich muss Abend für Abend schlafen gehen. Darum will ich in die Welt fahren und das Nichtschlafland suchen.“

Als der hohe Schornstein sah, wie ernst es dem Jungen war, ließ er den Rauch zum Himmel aufsteigen, und um Lutz herum wurde es wieder hell und freundlich. Der Junge hielt sich nicht länger auf. Sein Roller schoss wie eine Rakete davon, und der Rückwind stieß dem Schornstein ins Gesicht. Er lachte jedoch von oben herunter und dachte: Nun wird es bald dunkel. Die Fahrzeuge fahren in die Garagen, die Vögel fliegen in ihre Nester, und die Menschen gehen in die Betten. Dann freut sich auch Wirbellutz, dass es das Schlafland gibt.

Wirbellutz hatte schon die letzten Stadthäuser hinter sich gelassen. Er fuhr geschwind durchs Sommerland und rief den Feldern, über denen weiße Wolken schwebten, zu: „Ich hab's gut! Ich hab's gut!“ Seine Haare wehten im Wind, die Augen strahlten mit der niedergehenden Sonne um die Wette.

„Ich hab's gut! Ich hab's gut!“ Der Luftroller flog immer schneller, und je weiter die Sonne vom Himmel herunterstieg, um so wohler fühlte sich Wirbellutz. Denn jetzt begannen die Gräser, die Sträucher und das Getreide zu duften, dass er die Nase hob und noch lauter rief: „Ich hab's gut! Ich hab's gut!“ Unter den Rollerreifen aber sang es: „Ein Kind, das wollt' mal klüger sein als alle großen Leute. Drum fuhr es von zu Hause fort, es fuhr sehr weit, von Ort zu Ort, und suchte ein Schlaraffenland, in dem das Schlafen unbekannt. Wer weiß, was es am Ende fand ...“

Wirbellutz hörte nicht darauf. Er fuhr und fuhr, und als er eine Weile gefahren war, kam er an eine große Wiese, auf der viele Kühe weideten. Er bremste und blickte neugierig über die Weide hinweg, auf deren anderer Seite Bäume, Stallungen und ein Karussell standen. Auf dem Karussell aber vergnügten sich keine Kinder, sondern die Kühe.

Zwischen ihnen hantierte ein Mann, der trug einen Kittel, wie ihn die Verkäuferinnen im Geschäft tragen. Er trieb die Kühe von der Weide aufs Karussell und hängte ihnen etwas ans Euter. Wirbellutz wusste nicht, was da vorging. Er hatte noch nie gehört, dass Kühe Karussell fahren. Das hier musste ein anderes Land sein. Am Ende war er schon im Nichtschlafland?“

Erstmals 1984 veröffentlichte Jutta Schlott im Verlag Neues Leben Berlin „Das liebliche Fest“: Pfingsten – drei freie Tage für Astrid und ihren fünfjährigen Sohn Kai. Was könnten sie alles unternehmen: Zu den Eltern nach Leipzig fahren, die Freundin Lisa besuchen, vielleicht kann sich auch Knuth von seiner Familie abseilen. Oder es hat jemand Astrid geschrieben und lädt sie ein. Sie kann auch mit Kai in den ZOO gehen und es sich zu Hause gemütlich machen. Soll sie ins Theater gehen und sich in der Arbeit Vorlauf für die nächste Woche schaffen? Ach ja, der Maler wollte ja auch noch kommen. Es werden drei lange Tage für Astrid, die ihr zeigen, dass sie eine Menge ungelöster Probleme mit sich herumträgt.

1. Kapitel
Sie bekam selten Post und hatte keine zu erwarten. Außerdem war es noch zu früh für die Briefrunde der Postbotin. Astrid hielt die Augen geschlossen und überlegte, von wem ein Brief, eine Karte kommen könnte. Von den Eltern. Von Lisa. Von irgendwem, der traditionsgemäß Festtagsgrüße verschickte. Aber noch nicht nachsehen. Die Hoffnung erhalten. Es mochte zwischen sieben und acht Uhr sein. Aus Kais Zimmer war kein Laut zu hören. Sie drehte sich auf die Seite. Vielleicht gelang es ihr, wieder einzuschlafen. Sie versuchte, an etwas Angenehmes zu denken ... Urlaub. In sechs Wochen war die Spielzeit zu Ende.

Sie hatte den Bungalow des Theaters für vierzehn Tage mieten wollen, aber ihr Antrag war abgelehnt worden. Familien mit zwei und mehr Kindern gingen vor. Vielleicht ein paar Tage zu den Eltern. Ein paar Tage zu Lisa ... Richtige Ferien waren das nicht. Man müsste etwas haben, wo sie für sich wären und trotzdem unter Leuten ... Sie könnte mit Uta die Wohnung tauschen wie im vergangenen Jahr. Uta hat einen Ferienplatz in Ungarn, fiel ihr ein. Wenn die Verhältnisse anders wären, könnte sie Knuth fragen, ob er ihnen für ein, zwei Wochen die Datsche überließ. Sie blieb sowieso meist ungenutzt ... Am schönsten wäre ein Urlaubsplatz an der Ostsee, und dann nur Sonne, Sonne ... Faulenzen, sich bedienen lassen. Und schlafen. So viel, so oft und so lange, wie man wollte.

Ein kleiner, warmer Körper schmiegte sich an ihren Rücken. Kai! Astrid hatte ihn nicht kommen hören, also musste sie wieder eingedruselt sein. Er kletterte über ihren Rücken auf die andere Seite und pustete ihr ins Gesicht. Sie gab sich Mühe, keine Miene zu verziehen.

Mami, schläfst du noch? fragte er leise.
Sie täuschte tiefen Schlaf vor, atmete ruhig, mit schnurrenden Kehllauten.
Ach, Mami, du bist doch wach! Er pustete wieder und begann, vorsichtig an ihren Wimpern zu zupfen.

Sie verkniff sich das Lachen, gab vor, sich schlaftrunken zu rekeln, und drehte sich auf die andere Seite. Wer stört die liebe Mutter im tiefen Schlaf? brummte sie mit Bassstimme. Sie strich ihm die Haarfransen aus der Stirn. Ich bin noch ganz schön müde!

Aber ich bin ganz schön munter!
Sie seufzte. Das kann ich mir denken.
Ich hab dir schon ein Bild gemalt. Soll ich es holen?
Sie gähnte, dass ihr die Tränen kamen. Ja, hol’s.
Er krabbelte aus dem Bett und lief zur Tür.
Hausschuhe! rief sie ihm hinterher.

Auf dem Blatt waren drei Personen zu sehen: Mann, Frau und Kind. Jeder hatte auf der Brust einen großen roten Filzstiftkrakel.
Sie zeigte darauf. Was ist denn das?
Er war enttäuscht. Na, die Mainelke!

Sie wollte den Fehler wiedergutmachen. Ach so! Das hätte ich mir ja auch denken können

... Und der Junge hier, das bist bestimmt du, die Haare sind sehr ähnlich ... Und das soll ich sein, ja?

Er nickte stolz.
Und erklärst du mir bitte, wer der Mann ist?
Der Vater!
Wieso?
Frau Warnke hat im Kindergarten gesagt, wir sollen malen, wie wir mit den Eltern demonstrieren gehen, und dann haben alle Mutter, Vater, Kind gemalt.

Sie brach das Thema ab. Na, nun müssen wir uns wohl langsam hochrappeln, was?
Erst einmal Hubschrauber, nur einmal — ja?

Hubschrauber hieß ein von ihm erfundenes Spiel, bei dem sie ihn in Rückenlage zwischen Knie und Füßen balancierte und durch die Luft schweben ließ.
Du bist schon viel zu groß!
Bloß einmal! Bitte, bitte!

Na gut, aber dann nicht mehr betteln. Sie schwenkte ihn drei-, viermal hin und her, dann ließ sie ihn aufs Bett plumpsen.

Er juchte. Ist heute Sonntag?
Sonnabend. Sie setzte sich auf und streckte sich.
Musst du heute arbeiten?
Ich weiß noch nicht, wich sie aus.

Sie schickte ihn zum Waschen und Zähneputzen. Im Bad zog sie sich den Morgenrock über. Rascher Blick in den Spiegel. Kai gurgelte geräuschvoll.
Ich hol schnell Post hoch.

Im Flur war es kühl. Sie zog den Gürtel enger. Aus einer Wohnung im Erdgeschoss drang laute Blasmusik. Jemand pfiff die Melodie mit.

In den Kästen steckte noch die Post. Sie schloss auf. Nur die beiden Tageszeitungen fielen ihr entgegen.

Dann eben nicht, murmelte sie vor sich hin. Ihr Herz klopfte.
Beim Frühstück blätterte sie die Zeitungen durch.

Die nächste Ausgabe erscheint am Dienstag. Wir wünschen allen unseren Lesern ein frohes Fest.
Wenn ich in die Schule gehe, dann lese ich auch immer Zeitung.
Ja, dann kannst du mir vorlesen, und ich erhol mich inzwischen.
Gutenacht-Märchen lese ich dir auch vor.
Sie musste lachen. Ist gut, Kai.
Was machen wir jetzt?
Erst mal einkaufen, sauber machen müssen wir. Und ich muss Wäsche waschen.
Gehen wir spazieren?

Vielleicht am Nachmittag. Sie räumte das Frühstücksgeschirr beiseite. Der Abwasch war auch noch zu erledigen.

Was müssen wir einkaufen? Kai sammelte mit der angefeuchteten Fingerkuppe die Brotkrümel von der Tischdecke und steckte sie sich in den Mund. Milch und Kartoffeln. Vielleicht gibt es was Schönes.

Schokolade?
Na, ich dachte mehr an Gurken oder so.
Aber Schokolade auch!
Mal sehen — wenn du lieb bist! Kuchen werden wir uns kaufen.

Auf der Straße hüpfte Kai über die Platten der Gehwege. Wenig Menschen waren unterwegs. Die Verkäuferinnen langweilten sich hinter den Tischen. Sie räumten auf oder fegten. Die junge Frau im Gemüseladen versuchte, ein Gespräch zu beginnen: Haben Sie was vergessen?
Ich brauch bloß Kartoffeln, erwiderte sie. Haben Sie nicht was Schönes für uns?

Die Verkäuferin zuckte die Achseln. Ist keine Ware mehr gekommen. Die Fahrer wollen heute auch freihaben.
Na denn! Schönes Fest!
Wir haben die Schokolade vergessen, erinnerte Kai auf der Straße.

Die kannst du dir selber aus der Kaufhalle holen. Sie drückte ihm einen Fünfmarkschein in die Hand und wartete mit der Einkaufstasche und dem Kartoffelbeutel vor dem Eingang.

Eine ältere Frau verkaufte auf den Treppenstufen Stiefmütterchen und Sumpfdotterblumen.

Kai kam stolz mit der Schokolade und dem Wechselgeld. Astrid ließ ihn einen Strauß aussuchen. Er nahm die kräftigen gelben Blüten. Auf dem Weg nach Hause begegnete ihnen die Briefträgerin.

Sind Sie schon bei uns gewesen? rief Astrid ihr entgegen.
Heute nichts für Sie, Frau Femme! Schönes Fest auch.
Woher kennt sie deinen Namen? fragte Kai.
Er steht doch auf der Post.
Kennt sie mich auch?
Bestimmt.

Die Wege hinter den Backsteinbauten waren säuberlich geharkt. Sie ermahnte Kai, dort nicht unnötig herumzutrampeln.
Kann ich unten bleiben, Roller fahren? bat er.
Ich wollte eigentlich mit dir ins Theater.
Zum Arbeiten?

Sie hatte sich überlegt, dass sie die Korrektur, die gestern Abend für das Programmheft aus der Druckerei gekommen war, durchsehen könnte, dann hatte sie Anfang der Woche Vorlauf. Außerdem lag vielleicht im Theater Post für sie.

Musst du da arbeiten? wiederholte er die Frage.
Ich les mir nur was durch. Dauert nicht lange.
Ist Onkel Knuth da?
Ich glaube nicht, aber vielleicht treffen wir jemanden, den du auch kennst.
Na gut, willigte er ein.

Die Uhr vom Dom schlug elf. Kai zählte die Schläge mit. Zu Hause stellten sie die eingekauften Sachen in die Küche.

Auf dem Weg zur Haltestelle übte Kai Weitsprung. Die Straßenbahn war fast leer. Ein paar Leute mit viel Gepäck, die am Bahnhof ausstiegen, ein Ehepaar mit Tomatenpflanzen im Spankorb, ein junges Pärchen. Kai stieß seine Mutter an. Guck mal, die küssen sich. Sie drehte sein Gesicht nach vorn. Das gehört sich nicht, die Leute anzustarren.

Schon von Weitem sah sie, dass sie im Theater kaum jemanden antreffen würde. Der Fahrradständer war leer, der Parkplatz auch. Nur der Wagen des Intendanten stand auf seinem Platz.

Einer der alten Pförtner, Vater eines Schauspielers, hatte Dienst. Sie erwiderte flüchtig seinen Gruß. Hastig überflog sie mit den Augen den braunen Holzkasten, über den die Privatpost der Theaterangestellten verteilt wurde. Zettel mit dickem Ausrufezeichen hinter dem Namen und dem Vermerk dringend, ein paar Briefe und Postkarten, viele Kuverts von der BGL, sicherlich Einladungen zu einer Sitzung. Für Knuth steckte eine Karte aus Lyon. Seine Frau war Französischlehrerin.

Der Pförtner beobachtete sie. Ne, ne, Kleine, für Sie ist heute nichts dabei.
Ich guck auch nur so, erwiderte sie. Lächelnd, mit leichter Verwunderung, wie munter ihre Stimme klang. Keine Spur von Enttäuschung. Unterwegs war sie sich ganz sicher gewesen, hier im Kasten stecke ein Telegramm für sie, jemand habe ihr telegrafiert, er wolle über die drei freien Tage kommen, oder sie solle unbedingt ...

Wer dieser Jemand sein sollte, vermochte sie sich nicht vorzustellen. Oder doch — vielleicht die Schwester.

Jaja, die sind schon alle weg, fügte der Pförtner zusammenhanglos hinzu. Sie verreisen auch, Frau Femme?

Wir kriegen den Maler, antwortete Kai für sie.
Ach so, Sie lassen sich die Wohnung vorrichten?

Nur den Flur, entgegnete sie kurz. Die behagliche Geschwätzigkeit des alten Mannes war ihr unangenehm.

Er wand sich aus seinem Kabuff. Ich bleib auch im Lande, heut und morgen hab ich Dienst. Na, und im Garten ist Arbeit mehr als genug.

Geben Sie mir bitte meinen Schlüssel, sagte sie sachlich.
Am heiligen Feiertag wollen Sie arbeiten?
Sie nahm Kai an die Hand. Ich muss.

Ihr Arbeitszimmer, das sie mit zwei anderen Dramaturgen teilte, war flüchtig aufgeräumt. In der Ecke standen eine leere Rotweinflasche und unausgewaschene Gläser. Auf den Schreibtischen türmten sich Bücher mit eingelegten Zetteln, Manuskriptstapel, hektografierte Blätter und Notizblöcke. Vom Poster über Gerds Platz lächelte wie immer Miss August und entblößte freundlich und selbstbewusst ihre schönen, vollen Brüste.

Kai nahm sich, ohne zu fragen, einen Stapel mit Probenfotos für die laufende Inszenierung.

Lass das liegen, ermahnte sie ihn, du bringst sie durcheinander. Sie drückte ihm ein Schreibmaschinenblatt und Filzstifte in die Hand. Mal lieber was Schönes!

Was soll ich denn malen? maulte er.
Sie überlegte. Mal, wie wir beide im Zoo spazieren gehen.
Er setzte sich hin, nagte an der Plastkappe eines Stiftes und zog die ersten Striche.

Sie blätterte ärgerlich den Andruck für das Programmheft durch. Fast eine Seite Überhang. Sie musste sich beim Layout verrechnet haben. Sie zwang sich, die Texte Wort für Wort durchzugehen, auf die Zeichensetzung zu achten. Die Beiträge kamen ihr belanglos vor, läppisch und uninteressant. Das Stück ist eben nicht mein Fall, dachte sie entschuldigend. Ich hätte mir das niemals ausgesucht. Trotzdem, so blässlich hätte das Heft nicht geraten müssen. Der reinste Routinemist. Oberflächlich und ohne Ideen, beschimpfte sie sich. Sie sah auf das Telefon, das vor ihr stand. Man müsste jetzt anrufen, aufgekratzt Hallo! sagen, anfragen, ob der Jemand heute Abend oder besser schon am frühen Nachmittag kommen wolle … sich einen schönen Tag machen ..., ein Fläschchen Wein ...

Sie schob das Telefon von sich. Es gab keinen Jemand. Sie strich im Text eine Wiederholung aus und vermerkte die Korrektur am Rand. Es war keine gute Idee gewesen, heute im Theater zu arbeiten. Unbedingt notwendig war es nicht. Das Programmheft ging ohnehin nicht vor Ende der nächsten Woche in Druck.“

Erstmals 1959 erschien beim Verlag des Ministeriums für Nationale Verteidigung Berlin die Druckausgabe von „Bananengangster“ von Wolfgang Schreyer: Die zeitgeschichtliche Reportage liest sich spannend wie ein Abenteuerroman. Sie entstand zu einer Zeit, in der die kubanische Revolution noch nicht gesiegt hatte und niemand die Ereignisse in Chile voraussehen konnte. Akribisch genau recherchiert und fesselnd geschrieben, informiert das Buch über ein kleines Land (Guatemala) und einen Vorgang scheinbar am Rande des Weltgeschehens, der nicht länger als zwölf Tage im Jahre 1954 Schlagzeilen machte (der von der CIA organisierte Sturz von Jacobo Arbenz Guzmán). Pressefreiheit, demokratische Wahlen, Gewerkschaften, Landreformen, Streikrecht, vier Kommunisten im Parlament, das alles hätte in anderen amerikanischen Staaten Schule machen können. Heute erscheint uns dieser Vorgang in schärferem Licht; er gewinnt an Bedeutung, wenn man an die Verbrechen der chilenischen Konterrevolution denkt und an den Überfall der USA auf die friedliche Antilleninsel Grenada im Oktober 1983, der den von der CIA gesteuerten Putsch der Bananengesellschaft in Guatemala auf erschreckende Weise wieder aktuell werden ließ. Die „Bananengangster“ ergänzen übrigens in hervorragender Weise Schreyers Roman und Vorlage für den gleichnamigen TV-Straßenfeger „Das grüne Ungeheuer (Der grüne Papst)“.

Aber zurück zu den „Bananengangstern“ und zum Beginn einer völkerrechtswidrigen Invasion in eine – „Bananenrepublik“ im wahrsten Sinne des Wortes:

„1. Kapitel
Im Morgengrauen des 18. Juni 1954 wickelten sich nahe der zweihundertzwanzig Kilometer langen Nordwestgrenze von Honduras an dreißig verschiedenen Stellen fünftausend Männeraus ihren Zeltplanen, Decken und Gummimänteln, krochen fluchend unter den Riesenblättern der Corozopalmen hervor, aus denen sie sich regensichere Hütten gebaut hatten, aßen hastig eine Handvoll Kekse oder ein paar Brocken billiger Schokolade, formierten sich zu kompaniestarken Gruppen, schulterten deutsche Maschinenpistolen – Modell 40 –, setzten leichte helle Hüte auf und fielen in die Republik Guatemala ein.

Sie überschritten die Grenze pünktlich um fünf Uhr zentralamerikanischer Zeit, ohne auf Widerstand zu stoßen. Sie mussten sich nur der Mücken erwehren, die in grauen Wolken dem Zuge folgten. Über ihren Köpfen hingen Goldamselnester, schnatterten Papageien; flinke Eidechsen, bis zu zwei Meter lang, huschten vor ihrem Marschtritt ins Unterholz. Nicht überall gab es Wege; von Straßen ganz zu schweigen. An manchen Stellen ging es quer durch die Wildnis der Schling- und Kriechpflanzen, und der Vorhut oblag es, die fleischig verwachsenen Arme der Lianen, Orchideen, Bromeliazeen mit Macheten – schweren zweischneidigen Haumessern – passierbar zu machen.

Es war ein schwüler Morgen, die Sonne schien, der Urwald dampfte vor Feuchtigkeit. Entlang der gesamten Front fielen nicht mehr als zwei Dutzend Schüsse; sie kamen meist von denen, die ihre iberoamerikanische Freude am Knall nicht hatten zügeln können. Die Männer stammten aus Kostarika, Nikaragua, Honduras, El Salvador, Panama, Kolumbien, Venezuela und von den Antillen; einige waren guatemaltekische Emigranten, andere ausgediente Unteroffiziere, entlassene oder entlaufene Häftlinge, Abenteurer, Tramps; nur ein paar kamen aus Deutschland, Italien, den USA. Zum Glück sprachen die meisten Spanisch und konnten den Kommandos folgen. Sie trugen verwaschene khakifarbene Hemden, eng sitzende Hosen, olivgrüne Gamaschen, gummibesohlte Schuhe aus überschüssigen Armeebeständen der Vereinigten Staaten; um den linken Arm eine blaue Binde mit weißem Schwert und Querbalken. Wenn zwei der Gruppen im Dickicht Flankenberührung bekamen, riefen die Flügelmänner: „Dios y honor!“ Denn „Gott und Ehre“, das war ihr Losungswort.

Es war ein Freitag; den Abergläubischen unter ihnen behagte das nicht. Aber schon gegen Mittag erreichten sie unangefochten die befohlenen Tagesziele: im Südabschnitt den berühmten, wenngleich armseligen Wallfahrtsort Esquipulas; im mittleren Sektor die Höhe 737 auf halber Strecke zwischen der hondurenischen Ruinenstadt Copán und dem guatemaltekischen Garnisonsort Zacapa; und in der atlantischen Küstenniederung des Nordens, wo jede Marschstunde Ströme von Schweiß und zehntausend Moskitostiche kostete, sichteten sie das rechte Ufer des Rio Motagua – zwei oder drei Kolonnen fingen sogar an, Behelfsbrücken zu bauen. Im Allgemeinen aber stellte man Posten aus und ließ sich im Schatten der Sapotill- und Mahagonibäume zum Mittagsmahl nieder. Wo die Truppen in Dörfern lagerten, machten sie Jagd auf Mitglieder des guatemaltekischen Landarbeiterbundes, stellten sie an die Wand, plünderten die Häuser der Ermordeten und Geflüchteten, ließen sich von den Daheimgebliebenen Bohnensuppe kochen, als Befreier feiern und Arm in Arm mit ihnen (für die Auslandspresse) fotografieren; nach dem Essen vergewaltigten sie ein paar Indiomädchen.

Jedoch, es war zu heiß; die vom Marsch erschöpften Strauchdiebe hatten wenig Freude daran. Es gelang den Offizieren auch nicht, sie wieder auf die Beine zu bringen. Gegen vier Uhr nachmittags ging im Mittelabschnitt ein kurzer, aber verheerender tropischer Regenguss nieder; er weichte die Vormarschstraßen nach Chiquimula, Zacapa und Gualán dermaßen auf, dass der örtliche Befehlshaber beschloss, es für heute genug sein zu lassen. Seine Soldaten waren nass geworden, ihr Kampfgeist war dahin. Und da es keinen Sinn hatte, die Offensive an den Flanken fortzusetzen, wenn das Zentrum liegen blieb, kamen die Kommandeure auf dem Funkwege überein, erst am nächsten Morgen wieder anzugreifen.

Zwölf Stunden nach Invasionsbeginn stand die „Befreiungsarmee“ auf breiter Front zehn bis fünfzehn Kilometer tief in Feindesland. Ihre Verluste beliefen sich auf siebzig Mann: sechs waren mit einem Proviantkarren desertiert, zehn hatten sich Blasen gelaufen, und einer hatte sich durch die Hand geschossen; zwei Dutzend waren der Hitze erlegen. Der Rest hatte sich in den Wäldern verirrt.

2. Kapitel
Um diese Zeit befand sich das Hauptquartier der „Befreiungsarmee“ noch zweihundertdreißig Kilometer hinter der Kampflinie in einem altmodischen Hotel von Tegucigalpa, der Regierungsmetropole von Honduras; einem ehemaligen Bergarbeiterstädtchen mit kaum neunzigtausend Einwohnern. Oberst Carlos Castillo Armas, der Oberbefehlshaber, empfing gerade in seinem mit der düsteren Eleganz der Jahrhundertwende ausgestatteten Appartement die ersten Journalisten. Der Oberst war ein neununddreißigjähriger, kleiner, langnäsiger Mann mit welligem schwarzem Haar und zierlichem Schnurrbart; er ließ sich kaum jemals aus der Ruhe bringen. Vor Jahren war er Chef der guatemaltekischen Militärakademie gewesen, hatte gegen die bürgerlich-demokratische Regierung Arévalo konspiriert, war nach einem gescheiterten Putschversuch vom damaligen Kriegsminister Jacobo Arbenz inhaftiert worden, aber ausgebrochen und dann nach Kolumbien emigriert, bis er Anfang 1953 in entlegenen Gegenden Nikaraguas und Honduras' damit begonnen hatte, seine „Befreiungsarmee“ aufzubauen. Nun stand er hier inmitten der Reportermeute und spürte das Auge der Weltöffentlichkeit auf sich ruhen.

Sein ersehnter großer Tag war gekommen. „Señor Coronel“, fragte ihn eben ein Korrespondent der „New York Herald Tribune“, der auf die Kriegsnachricht hin sofort eine Maschine der „Panamerican Airways“ bestiegen hatte und erst vor einer halben Stunde auf Tegucigalpas Flugplatz eingetroffen war, „welche Fortschritte machen Ihre Truppen?“

Oberst Armas zögerte zwei Sekunden. Er war noch ohne genaue Nachricht über die Lage an der Front, aber er wusste, dass die Amerikaner, die ihm schließlich den Feldzug bezahlten, jetzt nicht durch magere Erklärungen enttäuscht werden durften. „Beim Einmarsch meiner Truppen", antwortete er in der ihm eigenen, verhaltenen Art, „hat sich die Bevölkerung Guatemalas spontan gegen das Arbenz-Regime erhoben. Durch Luftaufklärung wurde festgestellt, dass besonders in Puerto Barrios, Zacapa und Quetzaltenango schwere Aufstände ausgebrochen sind. Rechnet man den breiten Gebietsstreifen hinzu, den die Befreiungsarmee schon erobert hat, so... Ja, Sie können schreiben: Ein Drittel des ganzen Landes ist fest in unserer Hand.“

Der Reporter, ein auffällig gekleideter Mann namens Homer Bigart, notierte das. Ein anderer, Vertreter der nordamerikanischen Nachrichtenagentur INS, sagte: „Herr Oberst, man behauptet, hierzulande müsse ein Aufstand binnen achtundvierzig Stunden Erfolg gehabt haben, oder die Sache ist verpatzt.“

„Das gilt vielleicht für Umsturzversuche, die von innen heraus unternommen werden“, erwiderte Armas mit leisem Lächeln. „Auf uns trifft das nicht zu.“ – „Werden Sie von irgendeiner Seite her unterstützt, Señor Coronel?“, fragte der Korrespondent einer linksliberalen mexikanischen Zeitung. Er kniff die Augen zusammen, wodurch sein Gesicht einen pfiffigen Zug bekam, und fügte hinzu: „Etwa von den Vereinigten Staaten?!“

„Höchstens moralisch“, antwortete Armas. „Immerhin gehen wir daran, den einzigen kommunistischen Brückenkopf auf der westlichen Halbkugel zu zertrümmern; ich bin sicher, alle freien Nationen beobachten unser schwieriges Vorhaben mit Sympathie.“

„Die Regierung von Honduras duldete monatelang Ihre Truppen im Lande, sie erlaubte Ihnen, Flugplätze zu benutzen und die Grenze auf breiter Front zu überschreiten?“

Der Oberbefehlshaber berührte sein Lippenbärtchen mit dem Finger, sein spitzes stolzes Gesicht wurde starr. Es war offenkundig, er fühlte sich durch diese Frage belästigt. Carajo! Schließlich wusste dieser Mexikaner genauso gut wie er, dass der hondurenische Präsident Gálvez als Syndikus der United Fruit Company in sein Staatsamt aufgestiegen war und den Befehlen des Bananentrusts, der sein Land wirtschaftlich beherrschte, folgen musste, genau wie er, Armas, von der Company abhängig war. – „Die Republik Honduras“, erklärte er kurz, „verhält sich streng neutral. Sie hat damit nichts zu tun. Dieser Kampf, der heute früh begann, ist eine Auseinandersetzung zwischen Guatemalteken, zwischen den freiheitliebenden Emigranten, die mit der Waffe in der Hand in ihre Heimat zurückkehren, und jener kleinen Clique, die dort eine rote Diktatur errichtet hat. Wenn wir jetzt diese Tyrannei zerbrechen, so ist das allein unsere innere Angelegenheit.“

„Können Sie uns Einzelheiten über den Ablauf der Operationen mitteilen?“, fragte Mr. Bigart von der „Tribune“. In seinen langen Reporterjahren hatte er gelernt, politische Fragen zu umgehen, dafür aber eine Fülle von Nebensächlichkeiten aus prominenten Leutenherauszuholen: im Interesse der achthunderttausend sensationslüsternen Leser seines Blattes und wegen der harten Dollars, die er dafür bekam.

Doch plötzlich war Oberst Armas verschwunden. Mit einer kleinen Verbeugung hatte er sich, von nur wenigen bemerkt, still entfernt; und sein Vertreter, Coronel Mendoza – ehemals Chef der Luftstreitkräfte Guatemalas –, sagte beschwichtigend: „Bitte, haben Sie Verständnis, Caballeros, Coronel Armas hat militärische Entscheidungen zu treffen... Ja, ich darf Ihnen noch mitteilen, unsere Luftwaffe hat die Öllager im Pazifikhafen San José erfolgreich attackiert, strategische Bahnlinien wurden allenthalben mit Bomben belegt, über Guatemala-City Flugblätter abgeworfen..., ebenso Waffen, um die Aufständischen in ihrem Kampfesmut zu bestärken und es ihnen auch dort zu ermöglichen, das Joch des Arbenz-Regimes abzuschütteln, wohin wir noch nicht gekommen sind.“

Er gab noch einige Auskünfte und schloss die erste Pressekonferenz mit der liebenswürdigen Floskel: „Ich weiß, Caballeros, Tegucigalpa ist die primitivste Hauptstadt Mittelamerikas, es fehlt an jeglicher Art Zerstreuung, und es tut mir leid, dass Sie unseretwegen genötigt sind, Ihre Zeit hier zu verbringen. Aber der Ort liegt, glaube ich, dreitausend Fuß hoch, das Klima ist angenehm und der Aufenthalt insofern gesund, als es kaum Nachtlokale gibt. Auch darf ich daran erinnern: Unser Ziel ist Guatemala-City, dort wird es auch Ihnen besser gefallen. Ich hoffe Sie morgen im Hauptquartier wieder zu sehen und wünsche Ihnen nun erholsame Nachtruhe.“

Im Hinausgehen sagte Homer Bigart zu Manuelo Padilla, seinem mexikanischen Kollegen: „Kommen Sie dem Armas morgen bloß nicht wieder mit politischen Fangfragen, sonst verzieht er sich genau wie heute, und wir quetschen kaum mehr aus ihm 'raus.“

„Jungs“, sagte der INS-Korrespondent George Teller, „ich werd' verrückt! An die vierzig Revolutionen hab' ich hier unten schon persönlich erlebt, aber noch nie wurde in der Regenzeit Krieg gespielt. Da wird denen doch das Pulver nass! Zum Teufel, was dieser Höllenhund Armas macht, ist absolut gegen die Spielregeln.“

„Es geht ja auch zum ersten Mal gegen den Kommunismus“, antwortete Manuelo Padilla sarkastisch. „Da gibt's keine Spielregeln, Gentlemen.“

Zum Superpreis von nur 99 Cents ist diesmal außerdem eine Einladung ins Paradies zum Angebot – ins Gartenparadies. Im vergangenen Jahr hatte EDITION digital als Eigenproduktion „Vogelgezwitscher aus dem Garten am Wald“ von Irma Köhler-Eickhoff herausgebracht – und zwar sowohl als gedruckte Ausgabe wie als E-Book. Und worum es in diesem Buch geht, das erfahren wir vorab von der Autorin selber: „Mit dem „Garten am Wald“ hatten wir uns rund um unser Wohnhaus ein kleines Refugium geschaffen, in dem wir im Laufe der Jahre immer wieder von unseren „Mitbewohnern“ überrascht wurden. Die Tiere, die der Gartenteich angelockt hatte, fühlten sich genauso wohl dort wie wir. Besonders viele Vögel hatten sich bei uns eingefunden. Wir staunten über ihre Vielfalt, beobachteten die Amseln, die ihre Kräfte beim Zusammentragen des Nistmaterials fast überschätzt hatten und litten später mit ihnen, als ihr Nest ausgeraubt wurde. Wir brachten eine kleine Blaumeise fast zur Verzweiflung, weil wir ihre „Hilferufe“ lange nicht deuten konnten, zitterten mit der kleinen Schwalbe, die Angst vor dem Fliegen hatte, hielten mit dem Rotkehlchen die Luft an, als es beobachtete, wie sich eine Ringelnatter einen Frosch aus dem Teich holte, und vieles mehr. Doch lassen wir die Vögel selbst erzählen.“ Hören wir zum Beispiel den Bericht eines Rotkehlchens, das noch ganz aufgeregt ist:

„Auf Beutezug
Ein Rotkehlchen erzählt

Hallo, hier meldet sich wieder das Rotkehlchen aus dem Garten am Wald. Ich bin ganz aufgeregt, denn ich habe gerade Schreckliches beobachtet. Vielleicht geht es mir besser, wenn ich euch gleich davon berichte: Ich hatte mein Nest für einen Moment verlassen, um mir etwas Futter zu suchen, als ich über mir in der Weide die Amseln ganz aufgeregt um ihr Nest flattern sah. Kurz darauf nahm ich einen langen Schatten links von mir wahr.

Ich drehte mich um und sah eine Ringelnatter aus dem Teich kommen. Dort hatte sie einen Frosch erbeutet, der noch in ihrem Maul zappelte. So schnell ich konnte, verschwand ich wieder in meinem Nest, denn die Schlange kroch auf das Efeu zu. Ich machte mich ganz klein und bewegte mich nicht. So verharrte ich eine Weile, bis ich sicher sein konnte, dass die Schlange an mir vorbeigezogen war. Mein Glück war, dass sie bereits den Frosch gefangen hatte und kein Interesse mehr an meinem Gelege verspürte. Ganz vorsichtig streckte ich meinen Kopf nach oben. Die Schlange war nicht mehr zusehen, doch über mir die Amseln flatterten noch aufgeregter um ihr Nest herum als zuvor. Ich wagte mich noch etwas weiter aus meinem Versteck.

Jetzt sah ich die beiden Elstern, die die Aufregung um die Schlange genutzt hatten, um in das Nest der Amseln zu fliegen. Gerade sah ich noch, wie sie ein Ei nach dem anderen aufhackten und den Inhalt genüsslich und höhnisch grinsend verspeisten. Die Amseln wagten nicht, die Diebe anzugreifen, sondern flatterten verzweifelt und laut schimpfend um ihr Nest, was die Elstern aber nicht im Geringsten beeindruckte. Sie ließen sich Zeit, schauten sich mehrmals nach allen Seiten um, als wenn sie für ihre Tat Beifall erwarteten. Erst dann flogen sie wieder davon. Sofort kamen die Amseln und suchten vergeblich die Eier in ihrem Nest.

Erst jetzt bemerkte ich, dass ich vor Schreck über diesen furchtbaren Raub mein sicheres Versteck fast vollständig verlassen hatte. Schnell kroch ich zurück und duckte mich tief über mein Gelege, damit die Eier nicht kalt wurden. Mein kleines Herz schlägt immer noch ganz laut und ich zittere am ganzen Körper, aber es hat gut getan, euch von dem schlimmen Ereignis zu erzählen.“

Auch Rotkehlchen wissen eben, dass mitunter Gesprächspsychotherapie Entlastung verschaffen und Depressionen in Folge schrecklicher Erlebnisse vermeiden kann. Und für alle menschlichen und tierischen Glückssucher gilt ein Garten am Wald oder am Haus oder auch in der Gartenanlage als eine Art Königsweg zum Glück. Denn wie heißt es doch so schön: DAS GLÜCK KANN MAN PFLANZEN …

Ein anderer Königsweg zum Glück ist und bleibt natürlich das Lesen. Viel Spaß beim Lesen, beim Glückpflanzen und bis demnächst.

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EDITION digital wurde 1994 gegründet und gibt neben E-Books (vorwiegend von ehemaligen DDR-Autoren) Kinderbücher, Krimis, historische Romane, Fantasy, Zeitzeugenberichte und Sachbücher (NVA-, DDR-Geschichte) heraus. Ein weiterer Schwerpunkt sind Grafiken und Beschreibungen von historischen Handwerks- und Berufszeichen sowie Belletristik und Sachbücher über Mecklenburg-Vorpommern.

Insgesamt umfasst das Verlagsangebot derzeit fast 900 Titel (Stand Februar 2018)

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