Thomas Müntzer, lange Abend mit einem Freund sowie Irrlichter und kein Held, die Kunst des Boxens und eine Liebe im Sozialismus

Sieben E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis

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Wir sind gewissermaßen mitten im Reformationsjahr. Also ist häufig von Martin Luther die Rede. Es sollte aber auch von Thomas Müntzer die Rede sein. Und das geschieht im ersten der insgesamt sieben Deals der Woche, die im E-Book-Shop www.edition-digital.de acht Tage lang (Freitag, 12.05. 17 - Freitag, 19.05. 17) zu jeweils stark reduzierten Preisen zu haben sind.

Auch die anderen sechs Angebote bieten eine spannende, an- und aufregende Lektüre, berührende und fantasievolle Leseerlebnisse. Und immer wieder ist von Menschenschicksalen zu hören – mitunter von solchen in fernen Zeiten. Manchmal in ferner Vergangenheit, manchmal in ferner Zukunft. Und manchmal ist das Lesen eines solchen Buches, wie wenn man lange Abende mit einem Freund verbringt, der Geschichten aus seiner Familie erzählt, gehörte und selbst erlebte, und die gehörten erzählt er wie selbst erlebte. So jedenfalls lobt der Schweriner Germanist Dr. Jürgen Borchardt den Roman „Schloss Karnitten“ von Manfred Kubowsky. Und, nehmen Sie diese Einladung an? Aber dazu später. Beginnen wir mit der Reformation. Schließlich schreiben wir das Jahr des Herrn 2017 …

Erstmals 1972 erschien im Kinderbuchverlag das Buch „Rebell mit Kreuz und Schwert“ von Heinz Kruschel. Darin geht es um das Leben des Thomas Müntzer: Das Buch für Kinder ab 12 Jahren gibt einen spannenden Einblick in die Geschehnisse um 1525. Der Prediger Thomas Müntzer gibt sich mit den Lehren von Martin Luther nicht zufrieden und kämpft nicht nur gegen die vom Papsttum beherrschte geistliche Obrigkeit, sondern auch gegen die weltliche Ordnung, gegen Klassenunterschiede, Ausbeutung und Unterdrückung. Das Buch zeigt das Wirken Müntzers bis zu seiner Hinrichtung und große Schlachten des Bauernkrieges auf. An packenden Einzelschicksalen zeigt Kruschel überzeugend die Not und Unterdrückung der Landbevölkerung auf. Zuerst aber lernen wir Hans Habenicht kennen, den hörigen Bauern Hans Habenicht. Der hat ein ganz bestimmtes Ziel:

„Der Bauer Hans Habenicht ging die ganze Nacht hindurch, er kannte die Wege und mied die Straßen. Die Nacht war kühl, aber er ging schnell und spürte die Kälte nicht. Heimlich war er weggelaufen, den Aufseher hatte er nicht gefragt. Am kommenden Morgen schon wollte er wieder in seinem vogtländischen Dorf sein. Er war kräftig, untersetzt und breit in den Schultern, die Anstrengung machte ihm nichts aus. Als der Morgen graute, tanzten die Nebelschwaden in den Tälern, dann zerstach die Sonne die Schleier, und Hans Habenicht sah kleine Halden und muldenartige Vertiefungen. Von diesen Pingen hatte der Vetter gesprochen. „Dort haben die Zwickauer zuerst nach Erz geschürft. Bist du an den Pingen und steigst den Kirchberg hinauf, so stößt du auf das Bergwerk und siehst schon die Kirchtürme der Stadt.“

Steil war der Weg hinauf. Dann stand Hans Habenicht auf einer Ebene, sah große Haufen tauben Gesteins, einige Knappen beim Siebwaschen, die spitzen Göpelhütten und gähnende Löcher, aus denen schwarzer Rauch quoll. Über einer Schachtöffnung am Rande eines aufragenden Felsens drehte sich knarrend ein riesiges Wasserrad, vom Felsen herab strömte das Wasser in einer hölzernen Rinne in einen Kasten. Knechte nahmen die Erzkübel ab, die aus der Tiefe heraufkamen. Hans Habenicht staunte. Noch nie hatte er eine solche Anlage gesehen.

Er trat an einen Bergknappen heran, der mit einer Schaufel einen zweirädrigen Karren belud, bot ihm den Morgengruß und sagte: „Ich will mich bei euch ein wenig ausruhen.“ Der Mann, ein derber Bursche, blickte ihn an, nickte und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er schwitzte trotz der morgendlichen Kühle.

Habenicht setzte sich auf einen Steinbrocken und sah sich um. Ein Rutengänger schritt murmelnd vorüber, gefolgt von einem Markscheider, der in Abständen Pflöcke in den Boden trieb. „Das Bergwerk soll noch größer werden“, erklärte ihm der Knappe, „sie suchen neue Erzzüge.“ Der Rutengänger verschwand im Wald. Der Knappe brachte dem Bauern reines Quellwasser. Habenicht trank und stopfte einen Kanten Brot in sich hinein. Andere Bergknappen kamen heran, stellten ihre Kratzen ab und betrachteten schweigend den Fremden.

„Wer bist du? Wo kommst du her?“ „Ich bin ein Bauer aus dem Vogtländischen, Hans Habenicht, hörig dem Grafen. Ich will zum Müntzer.“ „Den kannst du leicht finden“, sagte ein alter, unrasierter Knappe, „er predigt in Sankt Katharinen, das ist so ein vierstöckiger Bau mit spitzem Helm, gleich in der unteren Burggasse. Jedes Kind kann dich zu ihm führen, nach Müntzer kannst du jeden fragen.“

„Nicht jeden“, widersprach ein Hagerer, dem ein Ohr fehlte. „Ein Bettelmönch wird dir den Weg zur Hölle weisen, wenn du nach dem Müntzer fragst.“ Sie lachten. „Aber warum?“, fragte Habenicht. „Das weißt du nicht? Die Franziskaner erließen einem Mörder gegen wohlklingende Münze seine Schuld, sie sprachen den Dieb frei, wenn er ihnen Geld gab. Der Müntzer aber predigt die lutherische Lehre, der Müntzer predigt gegen die Franziskaner.“ Habenicht begriff. Auch durch sein Dorf waren die Ablasshändler gezogen. „Was führt dich zum Müntzer?“

Habenicht erzählte. Es tat ihm gut, sein Herz auszuschütten. Er sprach von der Not des gemeinen Mannes, von den Untaten der Herren, von verzweifelten Bauern, von seinem eigenen Schicksal. „Ach, Brüder, wie soll das noch werden!“ „Komm zu uns“, sagte der Derbe, der ihm das Wasser gebracht hatte, „hier werden Knappen eingestellt, hier bist du freier als in deinem Dorf.“ Der Unrasierte wies ihn zurecht: „Der Mann ist noch hörig, Junge, vergiss das nicht! Und wie frei bist du denn hier? Ein Bettelgeld für diese Schinderei!“ „Eine Verwüstung der Welt wird kommen, ein Strafgericht wird die Gottlosen und Unfrommen austilgen, denn die Schinder sind nicht von Gott. Nur die Guten werden dann übrig bleiben, und erst dann wird das wirkliche Reich Gottes auf Erden beginnen.“ Der Hagere sprach mit verzücktem Gesicht, hielt die Augen geschlossen und hatte die Arme ausgebreitet. Hans Habenicht lauschte begierig. Der Unrasierte sagte: „Das sind doch Fantastereien! Wer sollte denn strafen und richten? Na, wer, frage ich dich? Ach, Keiche, darauf weißt du keine Antwort.“

Habenicht blickte verständnislos von einem zum andern. „Der Keiche gehört zu den Propheten, zu den Schwärmern, weißt du. Manche nennen sie auch die Wiedertäufer, weil sie die Kindtaufe ablehnen. Sie glauben weissagen und in die Zukunft sehen zu können, diese Narren.“ Der hagere Keiche wandte sich um und ging. „Und gehört der Müntzer auch zu diesen Schwärmern?“, fragte Habenicht. „Ich glaube nicht, aber genau weiß ich das nicht. Zu denen gehört er wohl nicht, ist ja ein Lutherfreund, ist einer von uns. Bruder, was willst du denn nun von ihm?“

„Er soll zu uns kommen, bei uns soll er predigen, wir brauchen ihn. Versteht ihr das?“ Die Knappen nickten. Der Unrasierte winkte einen Jungen heran. „Führe den Bauern in die Stadt zum Müntzer.“ Bald sah Habenicht die Stadt in einer weiten Talaue liegen, die kleinen einstöckigen Fachwerkhäuser hinter der Mauer, die geschmückten Giebel der großen Patrizierhäuser und die massigen Wachtürme.“

Ebenfalls sehr viel mit Geschichte hat der Roman „Schloss Karnitten. Der Weg der Väter“ von Manfred Kubowsky zu tun, den EDITION digital 2009 als gedrucktes Buch herausgebracht hat. Der Schweriner Germanist Dr. Jürgen Borchardt fasste sein Urteil über dieses Buch in die folgenden Zeilen: Vielfältige Recherchen führen den Autor zunächst in das Russland um 1700. Hier begegnet er dem russischen Landadligen Petrus Dobrovskij, dessen Nachkommen sich in halb Europa verstreuen. Ein zentraler Punkt ist das Schloss Karnitten eines walisischen Barons in Ostpreußen, wo der junge Schlossgärtner Gustav sein Vaterland verlässt, um in Potsdam Wildpark die Königlich Preußische Gärtner-Lehranstalt zu besuchen. Erst kaisertreu und später mit nationalsozialistischer Gesinnung wird er in der Prominentensiedlung Kolonie Alsen in Berlin-Wannsee leben. Sein Enkel wird im Osten Berlins geboren und wächst in die DDR und in das später wiedervereinigte Deutschland hinein. Es ist die überaus facettenreiche Geschichte einer ost-westlichen Familie über dreihundert Jahre, beeinflusst von den Ereignissen dieser Jahrhunderte und deren Protagonisten, von Katharina der Großen, über die Preußenkönige, Kaiser Wilhelm II., u.a. bis in die heutigen Tage hinein ...

Das Buch liest sich, wie wenn man lange Abende mit einem Freund verbringt, der Geschichten aus seiner Familie erzählt, gehörte und selbst erlebte, und die gehörten erzählt er wie selbst erlebte. Er durchquert dabei dreihundert Jahre deutscher Geschichte, springt aus älteren in neuere Zeiten, geht zurück in die Stationen dazwischen, um wieder ins Heute zu kommen. Man liest dramatische und anrührende Geschichten, komponiert in einer ungewöhnlichen Abfolge. Man findet interessante Einsichten und Perspektiven und kommt an in der Weisheit Salomons, des Predigers. Und doch will der Erzähler nicht resignieren: sein Roman ist anregend-streitbar, lustvoll, unterhaltsam, melancholisch-hoffnungswillig.

Als kleine Kostprobe zu „Schloss Karnitten“ hier der Prolog zu dem Buch: „DAS DÖRFCHEN DOBROVO lag ungefähr 30 Kilometer nordwestlich von Moskau, an der Linie von Klin im Norden bis Istra im Süden. Südlich der Volokolamsker Chaussee gelangte man zunächst nach Visokovo, dann über Dobrovo nach Troitskoje oder Petrovskoje. Von hier aus brauchte man zu Pferde knapp zwei Stunden, um zum Novojerusalimski Monastir, dem Kloster Neujerusalem bei Istra, zu gelangen. Das Kloster war eines der prächtigsten im alten Russland; 1656 von dem Patriarchen Nikon gegründet, wurde es im Verlaufe der Jahre weitläufig ausgebaut. Es erhielt viele Gebäude mit goldenen und kupfernen Kuppeln und einen hohen Glockenturm. Im 17. Jahrhundert wurde das Kloster durch eine umfangreiche Bibliothek bereichert; prachtvolle Handschriften aus mehreren Jahrhunderten sowie frühe russische Drucke fanden hier ihre Heimstatt.

Das Gut Dobrovo und etliche der umliegenden Weiler und Dörfer, die zum Besitz der Familie Dobrovskij gehörten, existieren heute nicht mehr. Ende Oktober 1941, als die Hitlertruppen etwa sechzig Kilometer vor Moskau standen, hatten die deutschen Panzer den Ort vollständig niedergewalzt. Das Kloster Neujerusalem bei Istra war schwer beschädigt und von den Deutschen geplündert worden. Den Glockenturm hatte man gesprengt. Die Deutschen hatten im Sommer 1941 in den gewaltigen Kesselschlachten von Wjasma und Brjansk zunächst gesiegt und 670 000 sowjetische Soldaten gefangen genommen. Bei diesen Schlachten und danach wurden unzählige Dörfer und Siedlungen dem Erdboden gleichgemacht, die Bewohner getötet oder vertrieben. Von Anfang Oktober bis Ende November waren die Deutschen bis zu der Linie Wjasma im Süden über Moshaisk und Istra bis Klin im Norden vorgestoßen; damit wurden auch Visokovo und Petrovskoje eingenommen, während Dobrovo vom Erdboden verschwand.

Das im barocken Stil erbaute kleine Landschlösschen, die weiße Kirche, die Speicherhäuser, Stallungen und die Häuser der Landarbeiter wurden vom Krieg gefressen. Übrig blieb eine Trümmerwüste, derer sich über Jahrzehnte hinweg die Natur erbarmte. Sechzig Jahre später fand man die Stelle, an der das Dorf stand, frei von Kriegsspuren; einige wenige Gebäudereste und Fundamente waren vom Grün überwuchert. Der kleine See aber glänzte wie eh und je silbern inmitten heller, leuchtender Birkenwälder, die hier und da von Kiefern und Buchen durchmischt waren. In der Mitte des Juni, zur Sonnenwendzeit, zeigte sich die Landschaft hell und strahlend, so als wollten sich aus den überwachsenen Steinresten die hellen Häuser, die Kirche, das Gutshaus wieder erheben, wie Phönix aus der Asche.

Doch dies geschah nur in der Fantasie des Nachfahren; das Dorf der Vorväter erstand in seinem Geiste wieder, mit ihm die Menschen und ihr Leben, auch Petrus Dobrovskij erstand wieder, ein unbedeutender russischer Landadliger aus der Zeit des Zaren Peter dem Großen. Während mit Petrus die eigentliche Geschichte der Familie beginnt, ist über dessen Vater Jewgenij nur wenig bekannt. Man weiß nicht einmal genau, ob er Jewgenij oder Jegor hieß, wann er geboren und wann gestorben war. Erzählt wird, dass er seine Ehefrau, eine Moskauer Dame, die einer Beamtenfamilie entstammte, durch eine Epidemie verlor. Die Cholera hatte damals auch fast die Hälfte der vierhundert Seelen, die seine Dörfer und Güter bevölkerten, dahingerafft. Seine Zugehfrau, die ihm das Essen servierte, das Bett mit heißen Ziegelsteinen wärmte, den Salon, der keine Gäste mehr empfing, entstaubte, sie servierte ihm mit der Zeit auch Zuneigung und mehr. So schuf Jewgenij oder Jegor in einer lauen Frühjahrsnacht die Voraussetzungen für die Geburt von Petrus.

Die Überlieferung besagt, dass die Kindsmutter sich zur Zeit der Geburt in Petrovskoje aufgehalten habe; dies wie auch die tiefe Frömmigkeit des Vaters, der oftmals das Kloster Neujerusalem besuchte, um in der Bibliothek zu stöbern und die Mönche zum Dank mit Kohl, Brot und frischem Kwas zu versorgen, - das seien die Gründe gewesen für den sehr religiösen und kaum russischen Namen des Knaben: Petrus. Doch zwei Empfindungen quälten fortan Jewgenijs Brust, die sich heftigst bekämpften: er hatte Gott gelästert, indem er mit einer Niederen sich dem fleischlichen Genusse hingegeben hatte; andererseits dankte er Gott für den Sohn, der nun sein Ein und Alles war, und heiratete die Zugehfrau, was ihm die Missbilligung von benachbarten Bojaren und Grundbesitzern sowie der eisern-gottesfürchtigen Popen einbrachte. Glückwünsche und Besuche wurden ihm verweigert, in der Kirche war er gerade noch so geduldet, wenn auch das drohende Murmeln der Kirchgänger und die scheelen Blicke unter schwarzen Tüchern und dunklen Krempen nicht zu übersehen waren.

Jewgenij oder Jegor aber war offenbar nicht der Mann, der leicht einzuschüchtern war. Allzu hart hatte ihn das Leben angepackt, der schleichende Tod, kriegerische Horden, welche die Dörfer verwüsteten, die Dürren und die eisknarrenden russischen Winter, Stürme, die über das Land brausten und das Korn niederlegten, Feuersbrünste und Heuschreckenplagen, er konnte sich an nichts erinnern, an was er sich nicht erinnern konnte, was er nicht erlebt haben sollte an Widrigkeiten und Gottesprüfungen. Mit großem Schauder aber dachte er noch oft an jenen sonnigen Sommertag in Moskau im Jahre 1671, als er noch ein kleiner Knabe war; sein Vater oder auch sein Großvater hatte ihn an der Hand zum Roten Platz geführt, wo gerade die Schergen des Zaren Stepan Rasin, den Führer der rebellischen Bauern, zum Schafott führten. Wild und entschlossen hatte Stenka auf die Menge herabgeblickt und keinerlei Angst gezeigt. Und konnte doch den Scharfrichtern nicht entkommen. Und während zwei ihn auf den Richtblock pressten und das Halseisen schlossen, trennte der dritte mit einem gewaltige Hieb Stenkas Kopf ab, der mit dumpfem Schlag auf die Bretter fiel. Und als die Menge ringsum aufstöhnte, waren Furcht und blankes Entsetzen in Jewgenijs Augen und er fing an zu weinen. So wurde erzählt.

Er war heil herausgekommen aus aller Unbill seines Lebens, hatte alles bestanden, mit zugegriffen, wenn es nötig war, wie ein Knecht, ein Holzfäller, hatte anderen Trost gespendet und manchen Rubel dazu, wenn Not und Hunger am schärfsten schnitten. Und wenn man sagte, der Name Dobrovo bedeute eigentlich Gutes Dorf, so sagte man auch bald, Dobrovskij bedeute Guter Mensch. In der Tat war Jewgenij, wie erzählt wurde, über Generationen hinweg, für seine Zeit ein besonders guter Herr, der ein Herz auch für den kleinsten seiner Knechte und Leibeigenen hatte; bei einem solchen Herrn musste kein Stenka die Bauern aufwiegeln und dafür seinen Kopf verlieren. So schob er auch die Unbill, die von den anderen ausging, schlicht beiseite, freute sich an seiner Frau, die wohl an die dreißig Jahre jünger war, und an seinem Sohn, den er, wie um Gott zu besänftigen, Petrus nannte und den er aufzog zu einem Wesen voller Kraft und Mut, freiheitsliebend, ehrlich und menschlich, dabei dem Praktischen und Nützlichen äußerst zugetan.

Mehr ist von Jewgenij oder Jegor, der irgendwann, als Petrus schon lange flügge war, still und heiter starb, nicht zu berichten. Sein Grabstein, der einst auf dem kleinen Kirchhof von Dobrovo leuchtete, wird nun irgendwo unter der westrussischen Erde ruhen, mit abgeflachter, ausgewaschener, nicht mehr lesbarer Inschrift, so dass auch niemand mehr erfahren kann, wann und als wessen Sohn er das Licht der Welt erblickte. Der erste Geist also, der für den späten Nachfahren zu neuem und beredtem Leben aufstand, war wirklich allein Petrus Dobrovskij. Er war an einem sehr sonnigen Maitage des Jahres 1705 erwacht, im Gutshaus von Petrovskoje, wo der kleine Knabe inmitten von Schreien, Ächzen, Schweiß und Blut geboren, in einem Zuber gebadet und in weiße Tücher gehüllt wurde ...“

1986 veröffentlichte Barbara Kühl im Kinderbuchverlag Berlin „Irrlichter“: Das ist die Geschichte einer schwierigen, nicht konfliktfreien Annäherung. Christian, der in einem Heim in Berlin lebt, seit seine Eltern bei einem Badeunfall ums Leben gekommen waren, soll wieder Eltern bekommen. Wieder richtige Eltern. Inselfischer Hinnerk Puttbreese und seine Frau wollen den Jungen adoptieren und laden ihn probeweise zu sich an die Küste ein.

Puttbreese, der einen eigenen Kutter besitzt, hat allerdings auch einen Hintergedanken. Gern möchte er, dass aus Christian eines Tages ein Fischer wird wie er und dass er den Kutter übernimmt. Aber taugt denn Christian überhaupt für das Leben an der Ostsee und für diesen Beruf? Ein bisschen spillerig sieht er ja man aus, dieser schmächtige Hüpper aus Berlin, denkt Puttbreese. Außerdem müssen sie sich alle erst mal aneinander gewöhnen. Und da gibt es noch ganz andere Schwierigkeiten für Christian. Gut, dass da plötzlich sein Freund Rotfuchs, der wieder mal aus dem Heim abgehauen ist, an der Küste auftaucht …

Schauen wir einmal in das erste Kapitel der „Irrlichter“ hinein, und zwar gleich an den Anfang des ersten Kapitels. Christian ist ganz aufgeregt: „Christian lehnt am geöffneten Fenster. Ob Puttbreeses wohl kommen? Noch ist der parkähnliche Krankenhausgarten menschenleer wie an jedem Tag zu dieser frühen Stunde. Spatzen lärmen in der Fliederhecke. Eine Katze schnürt durch den Zaun. Irgendwo tschackert eine Elster. In den hohen Kiefern harft der Wind. Vom nahen Bahnhof weht ein Summton herüber, verebbt allmählich. Ein S-Bahn-Zug eilt Richtung Berlin.

Tage sind vergangen, seit Christian und sein Freund Rotfuchs hier auf der Unfallstation erwachten, Tage und Nächte, die die Jungen im gleichen Zimmer verbringen. Und wenn es da nicht Schmerzen gäbe und den hinderlichen Verband am Bein von Rotfuchs, wären sie längst zueinander ins Bett geschlüpft in aller Heimlichkeit wie so manchen Abend im Heim.

Christian lag gern mit dem Zwölfjährigen unter einer Decke, flüsternd und kichernd. Und in der Nase diesen erregenden Schweißgeruch. Erst neulich hatte Rotfuchs ihm gezeigt, an wieviel Stellen seines Körpers rote Haare wachsen. Sagenhaft! Ja, Christian - schmächtig und zimperlich - mag den robusten Uwe mit dem brandroten Schopf, den die Schulkameraden „Assi“ spotten wegen seiner Eltern. Als wenn Rotfuchs was für den Lebenswandel seiner Eltern kann! Hat er sie sich etwa ausgesucht – den Säufer und die Diebin? Und Christian? Nicht einmal solche Eltern hat er seit mehr als einem Jahr, nur zwei Gräber im Urnenhain von Blumwerder. Etwas zum Liebhaben - er braucht es genauso wie jemanden, der seine Zärtlichkeit erwidert, der ihn behütet oder aufmunternd in die Seite knufft. Denn Christian ist kein Held, ist nie einer gewesen.

Der Junge atmet tief auf. Wenn Puttbreeses kommen, darf er heute das Krankenhaus verlassen. Die Schnittwunden an den Händen sind verheilt. Auf Stirn und Schläfe wulstet eine blaurote hässliche Narbe. Rotfuchs muss noch bleiben. Das Heim ist nicht eingerichtet auf humpelnde Halbkranke. Armer Kerl! denkt Christian und fühlt sich ein ganz klein wenig schuldig. Bisher hatten es die Jungen vermieden, miteinander über ihr gefährliches Abenteuer zu sprechen. Sie wissen, dass sie ihr Leben einem Zufall verdanken, einem riesigen Haufen Torfmull, der in das Gewächshaus gefahren worden war. Nie wieder würde er ... schwört sich Christian, nie wieder! Oder vielleicht doch? Bei so einem Grund?

Und noch einmal steht Christian im Erzieherinnenzimmer des Kinderheimes Kastanienallee Nummer sieben vor Frau Männel, gegen Übelkeit und schlechtes Gewissen ankämpfend. Blutsbrüderschaft hatten sie miteinander geschlossen, er und Rotfuchs, dazu die in die Unterarme geritzten winzigen Wunden aufeinandergepresst. Was wollte die Heimleiterin? Hatte sie etwas gemerkt?

„Wie gefällt es dir bei uns, Christian?“, fragte sie den blassen Jungen, den man ihr vor einem reichlichen Jahr gebracht hatte. „Ich weiß nicht ...“ Christian zögerte. „Zu Hause war es besser.“ „Und ein neues Zuhause - könntest du dir das vorstellen?“ „Das Heim ist nicht mein Zuhause!“ „So meinte ich es nicht, Christian. Der Anruf eben ... es gibt da Menschen, die sich für dich interessieren. Ein Ehepaar, das dich vielleicht adoptieren möchte.“ „Was ist das - adoptieren?“ „Sie wollen dich aufnehmen wie einen Sohn, wollen dir Vater und Mutter sein. Verstehst du das?“ Christian glaubt, sich verhört zu haben, und misstrauisch fragt er: „Ich soll wieder Eltern kriegen? Richtige Eltern? Geht denn das überhaupt?“ „Warum soll das nicht gehen?“ Da war sie wieder, die Sehnsucht nach den Eltern. Und auch Hoffnung war da, das Leben könne noch einmal so werden wie mit Mama und Papa.

„Kenn ich die? Wohnen die auch hier in Berlin? Und - wann holen sie mich?“ „Christian, Christian, eins nach dem anderen.“ Lachend hob Frau Männel die Hände und betrachtete den zehnjährigen Jungen. Röte hatte sein bleiches Gesicht überzogen bis in die dünnen blonden Haare hinauf, die Augen glänzten ungewöhnlich. „Sie werden herkommen, Christian. Am Sonntag schon.“ „Und mich mitnehmen?“ „Aber nein! Zuerst müsst ihr euch doch wohl ein bisschen beschnuppern, müsst herausfinden, ob ihr euch mögt - sie dich und du sie. Und nicht nur für einen Tag! Einen fremden Menschen lieb haben, so, wie er ist, Christian, das lässt sich nicht befehlen. Das kommt auch nicht von heut auf morgen. Geduld gehört dazu und viel, viel Zeit. Eine Probezeit sozusagen für sie und für dich. Sie heißen übrigens Puttbreese.“

„Und wann adoptieren sie mich?“, fragte Christian hartnäckig. „Na, ein bisschen dauern wird das wohl“, meinte die Heimleiterin unbestimmt, obwohl sie genau wusste, dass Kinder und Pflegeeltern oft ein Jahr und länger aufeinander warten müssen, ehe alle notwendigen Bescheinigungen eingeholt sind und die gestrengen Leute von der Jugendhilfe einer Adoption zustimmen. Daher tröstete sie: „Wenn du dich übermorgen von deiner besten Seite zeigst, darfst du sie sicher bald besuchen auf der Insel.“ „Was für eine Insel?“ „Die Insel, auf der sie wohnen.“ Für Sekunden war Christian sprachlos. „Mann“, stotterte er dann, „Mann, das muss ich Rotfuchs erzählen! Neue Eltern vielleicht. Und eine Insel dazu!“

Etwas wie Freude trieb ihn durch den Flur, ließ ihn Sprünge machen und übermütig an die Zimmertüren donnern. Wie stark er sich plötzlich fühlte, wie leicht! Selbst die merkwürdigen Halsschmerzen waren verschwunden, die ihn seit dem Unglück quälten. Im Essenraum wischte Rotfuchs die Tische ab. Er war allein. „Na endlich!“, knurrte er, als Christian auftauchte. „Dein Mittagessen sollst du dir aus der Küche holen.“ Christian schüttelte den Kopf. Ihm war nicht nach Essen. „Rotfuchs!“, stieß er hervor, „Rotfuchs, ich krieg vielleicht neue Eltern!“ „Na und?“ „Eltern, Rotfuchs, richtige, echte! Ist das nicht super?“ „Du freust dich doch nicht etwa?“ „Und wie! Ich könnt sonst was anstellen.“ „Ach, du armer Irrer ...“ „Rotfuchs ...“ Christian begann zu schwärmen, „Rotfuchs, wenn das klappt! Den Schornstein von der Gärtnerei würd ich hochklettern!“ Rotfuchs ließ den Lappen um den Finger kreisen. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen. „Hast du einen gesoffen, oder was? Du willst den Schornstein rauf? Du mit deinen mickrigen Streichholzärmchen? Das traust du dich nie!“ „Wetten, dass ich mich traue? Wetten?“ „Okay, wetten wir! Und um was?“ „Um die Ehre.“ „Pah, Ehre!“ Rotfuchs spuckte aus dem Fenster. „Deinen Plüschhund gegen mein Taschenmesser. Und nicht weniger.“ Den Plüschhund! Warum ausgerechnet den? Er war Mamas letztes Geschenk. Nur ungern willigte Christian ein.“

Mit einer ganz anderen Zeit und Thematik befasst sich das erstmals 2002 beim BS-Verlag Rostock erschienene Buch „Mördermord“ von Günther Fuchs und Hans-Ulrich Lüdemann: MÖRDERMORD ist trotz der erfundenen Rahmenhandlung eine authentische Story, sie bedient sich eines über jeden Zweifel erhabenen Materials. Die Rede ist von einem stenografierten Schwurgerichtsprozess in Berlin des Jahres 1921. Angeklagt war ein armenischer Student, den ehemaligen Türkischen Innenminister Talaat Pascha auf offener Straße um die Mittagszeit erschossen zu haben. Das Gericht gab sich große Mühe, die Motive des jungen Mannes zu erfahren. Es stellte sich heraus, dass der einundzwanzigjährige Solomon Teilirian unter einem Trauma litt, entstanden durch die von Türken unter Talaats Ägide gegen die armenische Minderheit ausgeübten Gräueltaten, wie er sie in seiner Kindheit erlebt hatte. Bis zum heutigen Tage leugnet der türkische Staat jenen Genozid. Zur Ehre des Gerichts sei aber erwähnt, dass mehrere Zeugen aus eigenem Augenschein jene unfassbaren Massaker schildern durften. Dennoch kann in der Türkei jedermann gerichtlich belangt werden, der diesen Völkermord öffentlich benennt. Es ist der Fall einer Lehrerin bekannt, die auf eine Frage ihrer Schüler die Schuld der Türkei bejahte, anderntags wurde sie von der Geheimpolizei zum Verhör abgeholt. Unbelehrbar demonstrieren türkische Landsleute jedes Jahr gegen „diese armenische Lüge vom Genozid“, wenn am 24. April während einer diesbezüglichen Veranstaltung in Berlin der Gemeuchelten aus dem Jahre 1915 gedacht wird. Und der Staat Türkei tut noch ein Übriges: Länder, die offiziell den Genozid an den Armeniern als Faktum des Völkermords anerkennen, werden Sanktionen angedroht. Frankreich büßte beispielsweise das Geschäft mit den an den NATO-Staat Türkei zu liefernden Düsenjägern Mirage ein; der USA wird die Kündigung der Lande- bzw. Überflugrechte angedroht. Hat dieses rigide Verhalten gegen NATO-Mitglieder Auswirkungen auf den von der Türkei gewünschten Beitritt in die EU?

Wider Erwarten sprach das Schwurgericht den überführten und geständigen Attentäter frei. Aufgrund der Weltempörung, die die Aussagen des armenischen Schützen zur Folge hatte, flüchteten die Richter respektive die Geschworenen sich in die Anwendung des Paragraphen 51, also im Sinne des Gesetzes nicht schuldfähig. Solomon Teilirian verließ Deutschland als freier Mann, ging zuerst in die USA, heiratete in Europa, wurde zweimal Vater und als er in den Sechzigern des vorigen Jahrhunderts starb, legte die armenische Gemeinde in San Franzisco auf den Sarg ein Fernglas, mit dem der Mörder Talaats tagelang sein Opfer observiert hatte. In diesem Zusammenhang erwähnt Dr. Stephan Heymann in seinem Nachwort, durch seine Studien in Armenien ein Kenner des Sachverhaltes, die Terroranschläge der ASALA (Geheimarmee zur Befreiung Armeniens) 1975-1985 auf türkische Diplomaten und Einrichtungen, die eine Wiederbeschäftigung mit dem vergessenen Völkermord in internationalen Gremien bewirkten. Es scheint mittlerweile unbestritten, dass der Berliner Attentäter im Auftrag einer Feme-Organisation den Schreibtischmörder Talaat Pascha, er lebte inkognito als Ali Bey in Berlin, eliminierte. Auch bleibt die Frage offen, wer seinerzeit die besten Anwälte Deutschlands bezahlte, die einen Freispruch für den Salomon Teilirian bewirkten.

Dass die Autoren von Mördermord sprechen, fand das Missfallen der Armenischen Kolonie zu Berlin. Es gibt auch eine Art Rivalität zwischen Juden und Armeniern. Letztere fühlen sich zurückgesetzt, weil in der Weltöffentlichkeit stets der Holocaust gewürdigt wird, nicht aber im gleichen Maße das Leid der armenischen Minderheit in der Türkei Anfang des 20. Jahrhunderts. In einem Telegramm zur Deportation der Armenier wies der Innenminister Talaat Pascha zynisch an: der Ort der Verbannung ist das Nichts. Der Leichnam Talaats ist übrigens in einem Staatsbegräbnis beigesetzt worden; sein Todestag wurde zugleich Staatsfeiertag in der Türkei.

Höchst bedenklich ist Folgendes, was eine junge armenische Berliner Ärztin nach einer Lesung berichtete: Danach hatte sie im Laden eines türkischen Händlers Kleingeld eingewechselt. Der junge Mann folgte ihr auf die Straße und fragte, ob sie Armenierin sei? Als die Ärztin bejahte, spuckte der Türke aus und rief, ihre Anwesenheit sei ein Beweis, dass seine Vorfahren 1915 leider einige Armenier hatten entwischen lassen. Ein nachgeborener Türke also, kommt uns Deutschen diese öffentliche Schmähung nicht bekannt vor? Ein ergreifendes und sehr brisantes E-Book, auf alle Fälle lesenswert.

Die Handlung setzt ein in Berlin-Kreuzberg, 27. September 1995, 22 Uhr15: „Die Forster Straße, vom Görlitzer Park zum Landwehrkanal führend, ist zu dieser späten Abendstunde menschenleer. Mr. Melikjan aus Kalifornien, seit drei Monaten wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin, verflucht seinen Einfall, nach einem Besuch bei Freunden den Heimweg zu Fuß angetreten zu haben. Er hatte den Berichten einiger Kollegen in Berkeley über wachsenden Ausländerhass in Deutschland nicht glauben wollen. Aber nun hilft alles Fluchen nichts mehr. In diesem Augenblick rennt Soghomon Melikjan um sein Leben. Er keucht und ein stechender Schmerz in den Seiten raubt ihm fast die Sinne. Blitzartig spulen Filmszenen vor seinen Augen ab. Mit Bildern, die nach Berichten seines armenischen Großvaters Soghomon Tehlerjan, der sich später Saro Melikjan nannte, aus Blut, Schändungen und Leichen zusammengesetzt waren. Als türkische zivile und uniformierte Schlägertrupps alle Mitglieder der Familie Tehlerjan aus ihren Häusern vertrieben, um sie irgendwo in der Fremde zu ermorden. Unterwegs fanden die Armenier nur selten Beistand durch türkische Mitbürger. Das geschah 1915 und offiziell erklärtes Ziel dieser Verbannung war das Nichts ...

Jetzt erreichen die Verfolger, junge Kerle in Bomberjacken, die mit ihren Schnürstiefeln ein Stakkato auf dem Pflaster schlagen, Soghomon Melikjan und reißen ihn zu Boden. Einer brüllt: „Du Ausländersau! Uns kein Feuer geben wollen! Wer nicht hören will, muss fühlen!“ Auch die Schläger sind atemlos vor Anstrengung und so hört sich das darauffolgende „Ausländer raus“ des einen gar nicht so markig an wie sonst. Aber mit ganzer Kraft zuschlagen, das kann er.

Melikjan versucht, mit beiden Armen seinen Kopf zu schützen. Aus den aufgeplatzten Lippen rinnt Blut. Schließlich bettelt der junge Mann aus Kalifornien, dass man ihn doch gehen lassen solle. „Gehen?! Kriechen sollst du!“ Nach einem hämischen Auflachen tritt der Zweite wie von Sinnen zu. Wieder und wieder trifft seine Stiefelspitze den am Boden Liegenden. „Nicht schlagen!“, schreit Melikjan. Sein amerikanischer Akzent ist jetzt nicht mehr zu überhören. „Macht die Brillenschlange einen auf Amerikaner?! Willst uns wohl verarschen?!“ Alles Bitten Melikjans scheint die jungen Männer nur noch anzustacheln. Von einem Baseball-Schläger wird der Akademiker am Kopf getroffen. Scheppernd zerbricht die Brille. „Ich zieh dir den Scheitel gerade, du Schwein!“

Die letzten Worte hört Melikjan nicht mehr. Der Bewusstlose hat Glück, dass in diesem Augenblick ein Ehepaar auf dem Weg zur Tochter die Forster Straße überqueren muss. Der Gemüsehändler Ergun Ince erkennt sofort die Situation. „Feiges Gesindel!“, schreit der Fünfzigjährige so laut er kann. Und er kommt näher. Die Schläger lassen jetzt ab von Soghomon Melikjan. Und weil sie in der Überzahl sind, haben sie auch keine Angst vor einem stämmig gebauten Ince Ergun. Springmesser klappen metallisch. „Zu Hilfe, ihr Leute!“, schreit Frau Ince, als sie sieht, dass ihr Ergun angegriffen wird.

„Mal sehen, was rauskommt, wenn ich dich Knoblauchzehe aufschneide!“ Dann sticht einer der Glatzköpfe zu. Während Ergun Ince stöhnend zu Boden sinkt, ruft seine Frau wiederholt nach Hilfe. Aber weder hinter den erleuchteten noch hinter den dunklen Fenstern in der Straßenfront regt sich jemand ... „Ab durch die Mitte, Männer!“, ruft der Messerstecher jetzt seinen Kumpanen zu. Das Knallen ihrer Stiefelabsätze entfernt sich schnell ins nächtliche Dunkel. „Ergun!?“ Entsetzt beugt sich Frau Ince über ihren Mann. „Ergun!!“, schreit sie und der Name hallt wider in einer von Autos zugestellten nächtlichen Straße. Antwort erhält Frau Ince nicht. Erst die Sirene eines Funkstreifenwagens, aus dem vorbeifahrenden Taxi alarmiert, durchbricht die tödliche Stille in der Forster Straße. Fortan läuft alles routinemäßig ab.“

Aus den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts geht es in dem nächsten Buch rasch weit in die Zukunft. Der Band 3 seiner Raumlotsen von Carlos Rasch hieß „Daheim auf Erden“ und erschien erstmals 2010 im Projekte-Verlag der Cornelius GmbH Halle: Die Raumlotsen Ben, Jan und Cora erleben weitere Abenteuer auf der Erde, im Orbit, auf Merkur und Mond - und sogar in einer fernen Zukunft, in der es die Menschheit nicht mehr gibt. Und gleich zu Beginn bekommen es die handelnden Personen und die Leser mit einem Bordcomputer zu tun, der sich irgendwie merkwürdig verhält:

„Bordcomputer SyNI hat sich zickig
Ben spielte mit Jans Freundin Seluela Schach. Sie saßen in der Sesselecke der Bodenstation für die Raumlotsen. Es war ruhig auf den Kreisbahnen rings um den Erdball. Ein Alarmfall war vorerst nicht zu erwarten. Seluela tat einen Zug mit einer ihrer Figuren und entfernte Bens Dame vom Spielbrett. Der Altlotse nahm diesen großen Verlust gelassen hin, prüfte die Stellung der Figuren auf dem Spielfeld und rückte dann eine davon durch die Reihen. „Oh je! Jetzt hast du freie Bahn für deine Doppeltürme. Du nimmst meinen König in die Zange“, beklagte Seluela ihre Unaufmerksamkeit. ›Nur noch wenige Züge, und ich bin schachmatt,‹ dachte sie. ›Der Altlotse hat den Sieg bei dieser Partie praktisch schon in der Tasche.‹ „Manchmal muss man auch zu Opfern bereit sein und seinem Gegner einen fetten Lockvogel anbieten, Seluela. In diesem Fall habe ich dir meine Dame als Rosine hingestellt. Es war eine Finte“, erklärte der Altlotse der Studentin. Seluela lachte. „Das machst du nicht nur beim Schach. So gehst du auch im Leben in so manchen Situationen vor. Ich denke dabei nur an den Testflug des Raumkreuzers BUMERANG als Lockvogel für Jans Prüfungsflug.“ Am Leitpult ertönte ein Signal. „Die Raumstation ELLIPSOS hat einen Wunsch“, rief Arkif und winkte Ben heran. In der Telekugel war Gorm Grimmlund, Kommandant von ELLIPSOS, zu sehen. „Die Schichtleiter sind auf meiner Raumstation ausgefallen“, sagte er. „Der eine macht Urlaub auf der Erde; der zweite ist nach Port Selena geflogen, um dort zu heiraten; und der letzte ist total verwirrt, weil er dem Bordrechner SyNI nicht gewachsen ist. Ich übrigens zuweilen auch nicht. Ich brauche ersatzweise einen Stellvertreter. Kann einer von euch Raumlotsen einspringen?“ „Höchstens für eine Woche, falls der Operativstab sonst nichts für uns zu tun hat“, sagte Ben. „Der würde zustimmen. Habe nämlich schon gefragt“, sagte der Kommandant von ELLIPSOS. „Kann eurer bester Mann, Arkif, ab morgen hier bei uns im Erdumlauf Dienst machen?“ „Wir haben hier weder einen besten noch einen schlechtesten Mann. Jeder ist gut“, stellte Ben fest. „Selbstverständlich. War nicht so gemeint“, winkte Gorm Grimmlund hastig ab. „Habe es nur gedankenlos dahingeredet. Wie wäre es mit Cora? Die ist doch sowieso schon hier bei mir an Bord.“ Ben überlegte: „Cora ist zwar auch Navigatorin, aber sie soll für die Zukunfts-Weltraum-Assoziation und den Raumrat eine Studie anfertigen zu Problemen der Raumfurcht bei Langzeitastronauten. Jan könnte einspringen. Er ist auch schon im Orbit, vierzig Minuten von eurer Position entfernt auf der Raumschiffwerft.“ „Ach der, euer Junglotse. Wenn sich nichts anderes machen lässt, dann erwarte ich eben diesen Springinsfeld“, stimmte Grimmlund, nicht sonderlich begeistert, zu. „Neulich beim Taumelkurs habe ich recht gute Erfahrungen mit ihm gemacht. Also gut, schicke ihn mir.“ Sein Abbild in der Telekugel verblasste. „Armer Jan ...“, sagte Seluela, als Ben das Schachspiel mit ihr fortsetzte, während Arkif den Dienstablauf in der Bodenstation besorgte. Sie hoffte, trotz der starken Allianz von Bens Doppeltürmen gegen sie auf dem Spielfeld vielleicht doch ein Patt oder ein Remis herbeiführen zu können. „... Es wird ihm gar nicht passen, für ein oder zwei Wochen auf ELLIPSOS Notnagel zu sein.“ „Dienst ist Dienst. Das ist überall so auf Erden und vor ihrer Haustüre. Für uns Astronauten heißt das: Wenn die Raumflotte ruft, sind wir zur Stelle“, sagte Ben. „Überall auf Erden? Solche Rastlosigkeit bezweifele ich. Es gibt eine Menge Leute, die sich ihrem Beruf nicht mit Haut und Haaren verschreiben. Solide Arbeit zu leisten, das ist in Ordnung, aber doch nicht immerzu und unentwegt“, war sie der Meinung.“

Wieder zurück auf die Erde und direkt in ein Land, das es inzwischen schon eine ziemliche Weile nicht mehr gibt, führen die Kurzgeschichten, die Jan Flieger unter dem Titel „Polterabend“ erstmals 1981 im Mitteldeutschen Verlag Halle – Leipzig veröffentlicht hatte: Sie erzählen von einem Land, das es nicht mehr gibt, und von den Leuten, die in diesem Land gelebt und geliebt haben. Diese Kurzgeschichten sorgten damals in dem heute nicht mehr existierenden Land wegen ihrer zum Teil kritischen Sicht auf den Alltag und mit ihrem besonderen Blick auf die Liebe für einiges Aufsehen. Und diese Kurzgeschichten sind auch heute noch ein Leseerlebnis – und nicht zuletzt eine liebevolle Erinnerung an ein verschwundenes Land. Als kleines Beispiel dafür präsentiert ihnen der aktuelle Newsletter die allererste dieser lesenswerten Kurzgeschichten, die von einem nicht alltäglichen, aber sehr wirkungsvollen Unterricht handelt:

„Wie mir Großmutter das Boxen beibrachte
Großmutter wohnte in einer Straße, deren Häuser auf Gärten und Lauben sahen. Früher, vor dem Krieg, so sagte sie, standen dort auch Häuser. Die Gärten fand ich besser, auch die Ruinen in der Nachbarstraße und das herrliche Gelände, das entstanden war, nachdem man die Ruinen abgetragen hatte. „Die ewigen Jagdgründe“ nannten wir es: wild wucherndes Gestrüpp, kleine Bäume, vergessene Steinhaufen, richtig geschaffen für Cowboys und Indianer. Aber diese Jagdgründe erschloss ich später als andere Jungen meines Alters, eigentlich erst, nachdem mir Großmutter das Boxen beibrachte.

Gewöhnlich spielte ich nur mit Mädchen, weil sie nicht so laut waren. Natürlich ging ich auch in die „ewigen Jagdgründe“, aber so richtig ernst nahm mich dort keiner, ich blieb nur Gast. Mein Leben änderte sich, als Falko einzog, in die Wohnung des alten Färber, der mir Kautabak gegeben hat. Falko war so alt wie ich, nur größer und kräftiger. Er verprügelte der Reihe nach alle Jungen, die ihm vor die Fäuste liefen. Nur mich verschonte er. Aber nicht aus Menschenliebe oder aus Respekt vor mir. Nein, aus Angst vor meiner Großmutter. Sehr schnell hatte er begriffen, dass im ersten Stockwerk unseres Hauses auf meinen Hilferuf „Oma“ die Großmutter am Fenster erschien. Und sie erschien prompt, denn dort war die Küche, ihr Lieblingsort. Größere Jungen machten sich einen Spaß daraus, sie ans Fenster zu locken. Falko rannte durch die Straßen und fing Kinder mit einer Wäscheleine. Mich tyrannisierte er oft, nur außer Sicht- und Hörweite meiner Großmutter. Aber sie merkte es doch. Eines Tages war ihre Geduld zu Ende.

„Wenn es nötig ist“, sagte sie, „muss man auch mal boxen.“ Ich starrte sie fassungslos an. Vom Boxen verstand ich absolut nichts. Meine Großmutter auch nicht, sie hatte noch nie einen Kampf gesehen, aber sie zeigte mir, wie sie es sich vorstellte. Ihre Arme wirbelten durch die Luft. Vor solch einem Angriff musste man sich schon in acht nehmen. Ich übte vor dem Spiegel: Es wirkte Furcht einflößend. Ich betrat die Straße mit dem Vorsatz, das Gelernte anzuwenden. Ich fühlte mich unbesiegbar. Der, den ich zuerst sah, war ... Falko. Er sprach mit Volker, einem kleineren Jungen, der mit seiner Schwester im ersten Haus der Straße wohnte, dort, wo der große, grüne Papagei der alten Frau Schneider in seinem Käfig im Fenster stand. Wir spielten Fußball, Falko kommandierte, alles verlief wie immer. Er schoss den Ball in den Schrebergarten vom Rentner Lehmann.

„Den holst du“, befahl er. „Hol ihn selber“, sagte ich. Falko blickte wie ein Boxerhund. Langsam kam er auf mich zu. Ich vergaß alle guten Vorsätze, wirbelte herum und verließ mich auf meine Beine. Das Küchenfenster der Oma stand offen: Hier war die Rettung! Doch sie stand schon da und wirbelte mit den Armen. Mehr hatte ich nicht zu erwarten. Und Falko schnaufte heran. Wie ein Spatz fühlte ich mich vor einem Kampf mit einem Adler. Falko stand vor mir, völlig überrascht. Ich trat ihm gegen sein rechtes Schienbein: Das war ein für Falko neuartiger Angriff, dafür um so schmerzhafter. Dann begannen meine Arme zu wirbeln. Ich traf etwas Weiches, etwas Hartes, wieder etwas Weiches, plötzlich schlug ich ins Leere. Falko lief, lief, so schnell er konnte.

„Er heult“, sagte Volker, „seine Nase blutet.“ Falko verschwand im Nebenhaus. Ich sah in die ehrfürchtigen Augen der anderen. So viel Ruhm hatte ich nicht erwartet. Es sprach sich herum, aus dem kurzen Kampf wurde eine Ringschlacht. Dabei blieb es nicht. Mein Ruhm wurde größer und größer, erreichte die umliegenden Straßen, die Schule. Ich hatte ein völlig neues Lebensgefühl. Falko mied mich, musterte mich nur noch misstrauisch aus einem gewissen Sicherheitsabstand. In den „Jagdgründen“ war ich ein „Häuptling“ geworden. Eigenartig nur, zu boxen brauchte ich nicht mehr.“

Zwanzig Jahre zuvor und damit noch in der frühen DDR erschien beim Volksverlag Wismar der Roman „Manche nennen es Seele“ von Wolfgang Held: Der Brigadier Klaus und die Betriebsschwester Monika lieben sich und freuen sich auf das gemeinsame Kind. Anfang der 1960er Jahre ist es selbstverständlich, dass die beiden ganz schnell heiraten wollen. Doch damit beginnen die Probleme.

Monika, die Tochter des Kirchenältesten von Streckenroda, träumt von einer kirchlichen Trauung im Heimatdorf. Klaus' Brigade kämpft als erste im Automobilwerk um den Titel „Kollektiv der sozialistischen Arbeit“. Dazu gehört nach der Bitterfelder Konferenz aber auch das sozialistische Leben. Alle Brigademitglieder erwarten von Klaus, der nicht konfirmiert und schon lange aus der Kirche ausgetreten ist, eine sozialistische Eheschließung, ohne Pfarrer und Kirche. Die harte Bewährungsprobe der beiden Liebenden eskaliert fast, als ein Redakteur der Regionalzeitung den Konflikt aufgreift und damit öffentlich macht.

Das 1962 erstmals veröffentlichte Buch schildert spannend und mit satirischer Überspitzung Auseinandersetzungen zwischen Kirche und Staat in der DDR zu Beginn der 1960er Jahre. Mit seinem für den heutigen Leser unerwarteten Schluss ist der Roman nach den politischen Veränderungen scheinbar noch interessanter als bei seinem erstmaligen Erscheinen.

Hier ein Auszug aus dem Vorspann des Buches:
„Leise Tanzmusik kam aus dem kleinen Radio. „Bitte ...“, flüsterte das Mädchen auf dem Bett. Leise Tanzmusik kam aus dem Radio. Der junge, breitschultrige Mann mit dem offenen Hemdkragen gab keine Antwort. Das dunkelhaarige Mädchen wandte ihren Kopf leicht zur Seite. Der Kuss hatte ihr den Atem schnell gemacht. Sie fühlte das Blut so heiß in ihren Adern, dass sie davon wie benommen war. Wie in einem Spiegel sah sie sich in den hellen Augen dicht über ihrem Gesicht. Auch der Atem des Mannes war hastig wie bei einem Fiebernden. Die Lippen des Mädchens bewegten sich kaum, und ihre Worte waren nur ein Hauch: „Bitte, du ...“ „Angst?“ „Nein, aber ... Es ist alles so ... so ... ich weiß nicht.“ Der Blick des dunkelhaarigen Mädchens irrte durch das kleine Zimmer, unsicher und ziellos wie der Fluchtflug einer getroffenen Wildtaube. Ich liebe ihn doch! dachte das Mädchen. Ich liebe ihn, weil er gut ist und ehrlich und stark ... und weil er mich liebt! Habe ich Angst? Warum bin ich dann mit hierher in sein Zimmer gegangen? Ich wusste doch, dass ... Weil ich ihn liebe, deshalb! Ich will seine Küsse fühlen und seine Hände; ich will keine Angst haben vor alldem, was vor uns ist ... Morgen, nächste Woche und später, das alles ist so weit. Und er liebt mich. Und wir sind jung. Und wir leben doch, um glücklich zu sein ... Niemand soll uns trennen können! Nichts soll uns trennen können! Nichts! Nichts! „Meine Wirtsleute, sie können uns nicht hören“, sagte der junge Mann leise. „Ihr Wohnzimmer liegt auf der anderen Seite, und die Tür ist abgeschlossen!“ Seine Lippen suchten ihren Mund, berührten die warme, glatte Haut in der sanften Biegung ihres Halses zur Schulter. Ihre Hand glitt weich über seinen kräftigen, gebräunten Nacken ...

„Bitte“, flüsterte sie noch einmal und schaute ihn nicht an. „Bitte mach doch das Licht aus …“ Die Hand des jungen Mannes tastete nach dem Schalter der kleinen Lampe auf dem Nachttisch. Leise Tanzmusik kam aus dem Radio. Der April dieses Jahres hatte an jenem Tag schon einen milden Sommerabend ... Und die Tage vergingen nach dieser Stunde in dem Zimmer des jungen Mannes. Und die Wochen danach hatten keine Schatten für ihn und das dunkelhaarige Mädchen, bis dann der Tag kam ...“

Viel Spaß beim Weiterlesen. Oder wollen Sie wirklich nicht wissen, was dann …
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