Neue Reise in Wolkows Zauberland, Kampf um Olympia sowie ein Stullenpaket für den Weltraumflug - Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis

5 preisgesenkte E-Books
(lifePR) ( Pinnow, )
Kann man einen Erfolg wiederholen? Das klappt nicht immer, aber im Falle des zweiten der insgesamt fünf Angebote, die wie immer eine Woche lang zum Sonderpreis im E-Book-Shop www.edition-digital.de (Freitag,16.10.20 – Freitag, 23.10. 20) zu haben sind, hat es funktioniert, sehr gut funktioniert sogar. Es geht um die neuen Zauberland-Bücher, die Aljonna und Klaus Möckel zunächst unter einem Pseudonym in der Tradition und Nachfolge der berühmten Reihe des russisch-sowjetischen Schriftstellers Alexander Melentjewitsch Wolkow (1891 bis 1977) geschrieben hatten und die nicht nur in der DDR viele Freunde und begeisterte Leser fanden. In dem E-Book „Von Seemonstern, Hexern, Drachen, Feen und Smaragdenbienen“ sind alle acht ihrer neuen Zauberland-Bücher zusammengefasst. Eine im wahrsten Sinne des Wortes zauberhafte Sammlung.

Für die Sportlergeschichte „Quirl hält durch“ von Wolfgang Held gibt es ein reales Vorbild: Manfred Matuschewski, Jahrgang 1939, der für die DDR startend in den 1960er Jahren im 800-Meter-Lauf erfolgreich war. Im Endlauf der Olympischen Spiele 1960 in Rom erreichte er den sechsten Platz. Sein Sieg 1962 bei den Europameisterschaften war die erste Goldmedaille für die DDR-Leichtathleten (damals noch innerhalb einer gemeinsamen deutschen Mannschaft) überhaupt. Wegen seiner mehrfach erst auf der Ziellinie entschiedenen Siege wurde Matuschewski übrigens als „Millimeterläufer“ („Millimeter-Matu“) bekannt.

In „Du kannst den Wind nicht aufhalten …“ erzählt Karina Brauer von einer jungen Frau, die sich den Widrigkeiten des Lebens tapfer entgegenstellt.

Gerhard Branstner schrieb „Die Reise zum Stern der Beschwingten. Schilderung der galaktischen Erfahrungen etlicher Erdenmenschen, die versehentlich in die Milchstraße geraten, nach mancherlei erlittenem Ungemach aber glücklich wieder daheim angelangt sind“.

Und damit sind wir wieder beim aktuellen Beitrag der Rubrik Fridays for Future angelangt. Jede Woche wird an dieser Stelle jeweils ein Buch vorgestellt, das im weitesten Sinne mit den Themen Klima, Umwelt und Frieden zu tun hat – also mit den ganz großen Themen der Erde und dieser Zeit. Und da hat die Literatur schon immer ein gewichtiges Wort mitzureden und heute erst recht. Heute geht es erneut um einen Rückblick in die Zukunft und um eine Sicht auf die Welt, die davon ausgeht, dass der Mensch keineswegs den Mächten des Schicksals ausgeliefert ist, sondern ganz im Gegenteil sein Schicksal in die eigenen Hände nehmen und gestalten kann. In diesem Sinne ist es tatsächlich ein Mutmachbuch. Und es bietet nicht zuletzt einen etwas anderen Blick auf die Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der frühen DDR, als es sehr viel Hoffnung auf ein neues, befreites Morgen gab. Zugleich aber kann und muss man sich fragen, wie und weshalb es später anders geworden ist und was anders zu machen gewesen wäre …

Erstmals 1962 erschien im Mitteldeutschen Verlag Halle „Wir sind nicht Staub im Wind“ von Walter Schulz. Erstmals 1974 folgte ebenfalls im Mitteldeutschen Verlag Halle sowie im Damnitz Verlag München „Triptychon mit sieben Brücken“: „Welches Unmaß an Hoffnung!“ Als Prof. Dr. Füßler diese zuversichtlichen Worte ausspricht, ist der Krieg beendet, lebt in den Menschen die Gewissheit auf ein friedliches, befreites Morgen. Weit ist der Weg dahin, weil er von jedem Einzelnen Besinnung, Auseinandersetzung und Entscheidung fordert. Das aber verlangt Wende, und Wende ist Überwindung. Hagedorn, Saliger, Hilde und Lea müssen sich vor allem von der Einstellung lösen, dass der Mensch machtlos dem Schicksal unterworfen ist. Das Leben dieser Zentralgestalten, ihre vielfältig verflochtene, unterschiedliche Entwicklung dient dem Autor zum Nachweis der These, die dem spannenden Geschehen den Titel gegeben hat: Wir sind nicht Staub im Wind! Ein wahrhaft poetischer, wortkünstlerisch faszinierender Roman, der getragen wird von der nationalen Mission der Literatur. Diese Gewissheit. Welches Unmaß an Hoffnung! „Wir sind nicht Staub im Wind“ – dieser Roman wurde zu einem der erfolgreichsten Bücher in der DDR.

In dem folgenden, in sich abgeschlossenen Buch „Triptychon mit sieben Brücken“ führt der Autor die Gestalten, die mit einem Unmaß an Hoffnung aus der Handlung entlassen wurden, in den dramatischen Augusttagen des Jahres 1968 wieder zusammen. Jetzt gilt es zu überprüfen, ob jene „unverlorene Generation“ den Weg in ein erfülltes menschliches Dasein gefunden hat, ob sie die inzwischen errungene Einheit von Macht und Geist im Sinne des Menschen zu gebrauchen weiß. Dabei hat die Entscheidung zu fallen, ob die Angst der früheren Welt überwunden und praktische Verantwortung aus inzwischen gewonnener Erkenntnis gewachsen ist. Mit einer ungewöhnlichen Episodenfülle, die der Autor ausbreitet, um seine nur wenige Tage umfassende Fabel poetisch umzusetzen, ist eine außerordentlich dichte Romanstruktur entstanden, die bis zur letzten Szenerie, einem Triptychon mit sieben Brücken, Charaktere und Handlungsabläufe zusammenhält. Im folgenden Ausschnitt aber gehen wir noch einmal zurück an den Anfang des ersten Buches, jedenfalls fast an den Anfang, wo es um ein bezauberndes Mitglied der Familie Füßler geht:

„Um Lea Füßler wob sich vom ersten Tag ihres Erscheinens in Reiffenberg ein lockendes Geheimnis. Sie war fünfzehneinhalb Jahre, als sie ihr Onkel Dr. Theo Füßler, ein Junggeselle, Rektor der Goetheschule, als Pflegetochter zu sich nahm. Mit ihrem blauschwarzen Haar, dem hohen, schmalhüftigen Wuchs, den mandelbraunen Augen und dem etwas üppigen Mund in dem madonnenreinen Gesicht war sie einfach die Stadtschönheit. Gleich als sie das erste Mal mit ihrem Onkel durchs Städtchen ging, als er sie vom Bahnhof abholte, verschlug es Knaben und Kerlen den Atem, grüßten Männer in den besten Jahren den Doktor mit außerordentlicher Hochachtung und meinten in Ergebenheit seine Begleiterin, wiegten sich junge Mädchen auf einmal herausfordernd stolz im Schritt und taten beleidigend kühl, lächelten Frauen erinnerungsvoll, blieben alte Weiblein ungeniert stehen und nickten sich zu: „So was Auffälliges, nein! Wo kommt das junge Ding denn her? Und der kanariengelbe Mantel, habt ihr das gesehen ...“ Und ein kleines Mädel, das den Reifen schlug, rannte nach Hause zur Mutter und berichtete mit hochroten Wangen: „Ich habe das Schneewittchen gesehen ...“ Woher Lea Füßler kam, wusste niemand genau. Man entsann sich, dass in der Großvätergeneration der Füßlerschen Familie ein italienischer Baumeister aufgegangen sei, ein schöner Mann mit feurigem Auge und pechschwarzen Locken. „Vielleicht kommt sie von dort unten, wo wir doch jetzt mit den Italienischen große Freundschaft haben. Vielleicht spricht sie sogar fremd …“ Aber Lea sprach ein fast bühnenmäßig reines Hochdeutsch, nur mit einem - man möchte hier wirklich schreiben - allerliebsten Anklang ans rheinische Platt. Nicht in den Worten, nur in der Sprechmelodie. Wenn sie sagte: „Bitte, drei Zigarren für meinen Onkel“, dann klang es eben ganz anders wie von einem Reiffenberger Mädchen. Das sagte: „Bitte, drei Zigarr’n for mein’ Onkel.“

Doch es dauerte nicht lange, da erfuhr man, dass die Mutter des schönen Mädchens, Dr. Füßlers jüngere Schwester, eine Schauspielerin gewesen war, die sich vom Theater bereits längere Zeit zurückgezogen hatte, zuletzt unter ihrem Künstlernamen in Düsseldorf gelebt und unlängst an der Schwindsucht gestorben war. Über den Vater Leas erfuhr man aber nichts. „Glaubt es nur; sie ist das Kind einer großen Liebesleidenschaft. Wer weiß, was für ein hochgestellter Herr der Vater ist, vielleicht ein Fürstensohn oder ein Millionärssohn, der die Mutter nicht hat heiraten können, weil sie bloß eine vom Theater war. So geht’s zu in der Welt ...“

In solchen und ähnlichen Reden liefen Vermutungen und Klatsch hinter dem Mädchen her, und Lea tat, als höre sie nichts davon, grüßte jedermann freundlich und bescheiden, grüßte auch in die Fenster, dahinter die Gardinen sich bewegten, wechselte für Reiffenberger Begriffe nicht nur provozierend oft die Garderobe, wechselte dazu auch die Frisur, trug einmal Zöpfe, dann Schnecken, dann Kranz, dann Knoten und - was Knaben und Kerle reinweg toll machte - lose fallendes Haar, gehalten mit einem hellen Band.“ Und damit zu den ausführlicheren Vorstellungen der anderen vier Sonderangebote dieses Newsletters.

Von Seemonstern, Hexern, Drachen, Feen und Smaragdenbienen. 8 Zauberland-Märchen in einem E-Book. Erstmals waren diese Bücher von Aljonna und Klaus Möckel zwischen 1996 bis 2003 bei der LeiV Buchhandels- und Verlagsanstalt GmbH erschienen: Die acht in diesem Band vereinten abenteuerlichen Märchen schließen an die Zauberland-Reihe des russischen Schriftstellers Wolkow an und gewannen dem Scheuch, dem Tapferen Löwen, dem Eisernen Holzfäller und ihren Mitstreitern viele neue Freunde. Erst 2013 lüfteten die Russisch-Übersetzerin Aljonna Möckel und ihr Mann Klaus Möckel das Geheimnis ihres Pseudonyms, so dass seitdem ihre Namen über den von der EDITION digital Pekrul & Sohn herausgegebenen E-Books mit den Zauberland-Titeln stehen. Die unter „Bachnow“ publizierten Bücher, inzwischen teilweise vergriffen, erreichten bisher eine Gesamtauflage von etwa 70.000 Stück. Sie verdanken ihren Erfolg der Bekanntheit ihrer liebenswerten Hauptfiguren, dem Einfallsreichtum der Autoren, die es verstanden, immer wieder neue, spannende oder lustige Abenteuer zu erfinden, und nicht unwesentlich auch den fantasievollen Illustrationen von Hans-Eberhard Ernst. Wenn der Leser hier nun, in einem Sammelband zusammengefasst, alle acht Geschichten vorfindet, kann er sich achtmal von den wundersamen und packenden Geschehnissen, von der Vielfalt und dem Farbenreichtum im Zauberland fesseln lassen. Zur besseren Einordnung des Projekts hier das aufschlussreiche Vorwort:

„Als Alexander Wolkow Mitte des vorigen Jahrhunderts seine Bücher über das Zauberland jenseits der Weltumspannenden Berge veröffentlichte, in denen er sich am berühmten „Zauberer von Oz“ des Amerikaners Lyman Frank Baum orientierte, konnte er nicht ahnen, welchen Erfolg er damit haben würde. Nicht nur in der damaligen Sowjetunion fanden die Geschichten vom Mädchen Elli, dem Weisen Scheuch, dem Tapferen Löwen und dem Eisernen Holzfäller zahlreiche Leser, sie wurden auch in viele Sprachen übersetzt. In der DDR wuchsen Generationen von Kindern mit den sympathischen Helden auf, und die Wolkow-Bücher überlebten schließlich sogar die Wende. 1992 wurde der „Zauberer der Smaragdenstadt“ im LeiV Verlag Leipzig neu herausgebracht und stand, genau wie einige weitere Bücher der Märchenreihe, in den Bestsellerlisten für Kinderliteratur lange an vorderster Stelle.

Es ist nicht erstaunlich, dass sich in Russland und anderswo bald Autoren fanden, die an diesen Erfolg anknüpfen wollten. Nach einigen Experimenten mit russischen Schriftstellern, die, den neuen Zeiten Rechnung tragend, die Wolkowschen Gestalten zum Teil auf ferne Atolle und ins Weltall schickten, kam der Verlag auf die Idee, wieder die ursprüngliche Wirkungsstätte in den Mittelpunkt zu rücken. Klaus und Aljonna Möckel, die sich als Schriftsteller bzw. Übersetzerin in der DDR einen Namen gemacht hatten, übernahmen unter dem Pseudonym Nikolai Bachnow (Nikolai als russische Version von Klaus; Bachnow nach dem Mädchennamen Bach der Übersetzerin), die Aufgabe, weitere Geschichten für die sympathischen Helden zu erfinden.

Natürlich sollten die Leser – Kinder und Erwachsene, die diese Bücher früher verschlungen und inzwischen selbst Kinder hatten – den Bezug zum bisherigen Geschehen herstellen bzw. den Übergang nachvollziehen können. Neue Gestalten waren schon in den letzten Wolkow-Bänden aufgetaucht, Söhne und Nichten der ursprünglichen Heldin Elli bestanden gefahrvolle Abenteuer, und in drei Bänden des Nachfolge-Autors Kusnezow wirkten weitere Helden mit. Doch das ursprüngliche Zauberland rückte dadurch in den Hintergrund, war kaum noch fassbar, das Geschehen oft verwirrend und zu abstrakt dargestellt.

Um diese Situation, die von vielen Lesern als unglücklich empfunden wurde, zu beenden und gleichzeitig die wichtigsten Verbindungen fortzuführen, konzentrierten sich Aljonna und Klaus Möckel erneut auf die Grundzüge der Zauberland-Serie. Sie hielten, zumindest in den ersten Bänden, an einigen der neueren Figuren wie dem Kapitän Charlie oder Chris Tall, Ellis Sohn, fest, stellten aber die vertrauten Gestalten wieder mehr ins Zentrum. Mit der Zeit formte sich ein neues Ensemble, in dem neben dem Scheuch, dem Löwen und dem Holzfäller besonders Goodwins Enkelin Jessica und die Puppe Prinzessin Betty, die der Scheuch zur Frau genommen hatte, herausragten, zu dem aber auch witzige Gestalten wie der Hobbyzauberer Pet Riva, die starke Spinne Minni oder der schlaue Mäuserich Larry Katzenschreck gehörten.

1996 kam es zur Veröffentlichung des ersten Bachnow/Möckel-Bandes „In den Fängen des Seemonsters“, in dem sich die Bewohner des Zauberlandes mit einer Verschmutzung im Muschelmeer, dem Reich der Fee Belldora, auseinandersetzen müssen. „Manches hat sich im Zauberland verändert“, schrieb seinerzeit die Kritikerin Karolin Kullmann im Internet, „aber dennoch hat man von der ersten Seite an das Gefühl, wieder im wundervollen Märchenreich zu sein ... Mit dem Autor Nikolai Bachnow, der von nun an das Schreiben neuer Geschichten übernimmt, hat die Reihe viel dazu gewonnen.“ Und die Rezensentin, die auch zu den späteren Büchern Kritiken verfasste, sprach am Ende die Hoffnung aus, „dass auch die Nachfolger mithalten können“.

Von dem Autorenpaar entstanden in den Jahren 1996 bis 2003 acht Bände, die nun auch digital vorliegen. Aljonna und Klaus Möckel hatten sich vorgenommen, gut verständlich, spannend, mit Fantasie und Humor zu erzählen, so wie es für Kinder (und Erwachsene) sein sollte. Der Leser mag nun selbst urteilen, ob sich die Hoffnung der Kritikerin erfüllt hat.“

Erstmals 1964 veröffentlichte Wolfgang Held in der Reihe „Robinsons billige Bücher“ der Kinderbuchverlags Berlin „Quirl hält durch“: Quirl ist Kapitän der Hockeymannschaft und nimmt wenige Minuten vor einem wichtigen Entscheidungsspiel aus Angabe an einem 800-Meterlauf teil und belegt, allerdings ohne Wertung, den 2. Platz. Dabei beobachtet ihn eine Trainerin, die ihn für den Leistungssport gewinnen will. Nach reiflicher Überlegung nimmt Quirl das Angebot an und verlässt seine Mannschaft, um nun Leichtathletik zu trainieren. Den Verlust der Freundschaft mit den Mannschaftskameraden und seinem Hockeytrainer, sogar ihre Verachtung, nimmt er in Kauf. Nun verfolgt Quirl neben seiner Lehre nur ein Ziel: Er will zu den besten Mittelstreckenläufer der DDR gehören, sogar zur Europa- und Weltspitze aufsteigen. Das erstmals 1964 im Kinderbuchverlag Berlin in der Reihe „Robinsons billige Bücher“ erschienene Buch beschreibt spannend, einfühlsam und überzeugend den Weg des Jungen mit dem Spitznamen Quirl zum Europameister und Teilnehmer am Endlauf bei den Olympischen Spielen in Rom. Hier ausnahmsweise das gesamte 2. Kapitel:

„Quirl musste eine Weile suchen, bis er in den Haltegestellen noch einen freien Platz für sein Rad fand. Er schloss es ab, schnallte den Hockeyschläger von der Querstange, nahm die Aktentasche vom Gepäckträger und machte sich auf den Weg zum Hartplatz. Überall auf den weiträumigen Stadionanlagen herrschte munteres Treiben. Drüben hinter dem hohen Maschenzaun schlugen weiß gekleidete Tennisspieler ihre Bälle über die Netze. Auf den drei Vorderplätzen der großen Sportarena waren die Fußballlausscheide bereits wieder im vollen Gange, und die weißen, blauen, roten Sportdresse der Leichtathleten schmückten den riesigen grünen Rasenteppich, der vom tiefen Schwarz der Aschenbahn umkränzt wurde. Über fünfhundert Mädchen und Jungen aus allen Berufsschulen der Stadt standen hier seit gestern Mittag im sportlichen Wettstreit. Die Lehrlingsmannschaft aus dem VEB Maschinenbau hatte im Hockey das Endspiel erreicht. Das war keine Überraschung. Wer in der Stadt etwas vom Kampf um die kleine harte Kugel verstand, der wusste auch, dass bei diesem Turnier eigentlich nur eine von zwei Mannschaften als Pokalsieger in Betracht kam. Und viele tippten auf die jungen Maschinenbauer, deren Kapitän Quirl war. Die Jungen hatten ihn einstimmig gewählt, obwohl er nicht der älteste Spieler des Kollektivs war. Ausschlaggebend für das Vertrauen der Freunde war auch nicht allein Quirls sportliches Können als Außenstürmer. Gewiss, jeder gegnerische Torsteher fürchtete Quirls Scharfschüsse, und er hatte mit seinen wieselflinken Täuschungen im Schusskreis schon manchen Verteidiger ins Schwitzen gebracht, aber gute Spieler gab es in der Mannschaft auch noch andere. Mulle, der rechte Läufer zum Beispiel, oder auch der Mittelstürmer Sepp. Sie wären mit ihren Leistungen durchaus würdige Kapitäne gewesen. Und niemand konnte auch nur einem der elf Jungen unsportliches Verhalten nachsagen. In einem Punkt jedoch unterschied sich Quirl von seinen Freunden. Er blieb auch in den schwierigsten Situationen heiter und zuversichtlich. Kein anderer in der Mannschaft brachte das so fertig wie er. Und so etwas ist manchmal wichtiger als ein gelungener Torschuss! Einmal, als sie gegen eine Mannschaft der Bezirkshauptstadt schon mit 0:5 ins Hintertreffen gekommen waren und alles auf eine haushohe Niederlage hindeutete, hatte Quirl das sechste Tor der Gegner vergnügt mit den Worten „Nun fangt langsam an, Jungens, jetzt haben wir die nötige solide Grundlage!“ kommentiert und damit die bereits auf den Nullpunkt gesunkene Stimmung so aufgefrischt, dass es bis zum Schlusspfiff noch zu einem 7:7 gekommen war. Und beim heutigen Endspiel würde Quirls Optimismus wieder besonders nötig sein!

Die Hockeyelf des VEB Straßenbau hatte den jungen Maschinenbauern bisher dreimal gegenüber gestanden. Jede der beiden Mannschaften war dabei einmal als Sieger vom Platz gegangen. Der letzte Kampf lag knapp vier Wochen zurück und hatte mit einem 5:5 keine Entscheidung gebracht. Im Hockeylager der Stadt wurde deshalb die heutige Auseinandersetzung mit ungewöhnlicher Spannung erwartet. Würde die bessere Technik der Maschinenbauer den Pokal erzwingen oder trugen Kraft und faire Härte der jungen Mannschaft aus dem Straßenbaubetrieb den Sieg davon?

Quirl schritt ohne Eile entlang der abgezäunten Aschenbahn, von deren schwarzer Haut sich die sauber gezogenen Trennlinien weiß wie Zahnpasta abhoben. Über der Tribüne wiesen die Zeiger der Stadionuhr auf vierzehn Minuten vor Neun. Quirl hielt Ausschau nach Mitspielern, aber er konnte nirgends einen aus seiner Mannschaft entdecken. Pünktlich um neun Uhr wollten sie sich im Umkleideraum hinter der Tribüne treffen. Auch der Hockeyplatz lag jenseits der hohen Sitzreihenterrasse. Der Spielbeginn war für halb zehn angesetzt.

Wegen des blöden Schnürsenkels werde ich wahrscheinlich heute noch der Letzte sein, dachte Quirl, aber er war nicht beunruhigt. Es schien ihm sicher, dass er auf keinen Fall zu spät kommen würde. Er bog zur Tribünenseite ein, wo die Mädchen ihre Weitsprung-Wettkämpfe austrugen. Einige von ihnen kannte er aus dem Lehrwerk. Die blonde Anke, die gerade zum Anlauf ansetzte, war Mulles Schwester. Sie wirbelte an ihm vorüber und stand schon bei den Schiedsrichtern, die ihre Weite notierten, als er an der Sprunggrube war.

„Hallo, Anke, zufrieden?“, rief er dem Mädchen zu.

Sie sah zu ihm herüber, winkte bekümmert ab und zeigte dann zur Stadionuhr hinauf. „Du musst dich beeilen, Quirl!“ Sie wischte eine helle Haarsträhne aus ihrer Stirn. „Und lasst euch nicht unterkriegen!“

Unternehmungslustig schwenkte Quirl den Schläger und setzte seinen Weg in Richtung einer Gruppe von Jungen fort, die auf das Startzeichen zum 800-Meter-Lauf warteten. Anke ist ein nettes Mädchen, dachte er und schaute sich noch einmal nach ihr um. Sie maß mit leichten, federnden Schritten die Anlaufstrecke für ihren nächsten Sprung ab. Quirl merkte gar nicht, dass er stehen blieb und lächelte. Wirklich ein feines Mädchen, wenn sie nur nicht dauernd so wichtigtuerisch daherreden würde. Mulle wird ja schon unruhig, wenn er sie von ferne sieht. Und mit mir fängt sie auch an. „Du musst dich beeilen, Quirl!“ ... Als wenn nicht noch über eine halbe Stunde Zeit bis zum Spielbeginn wäre! Und den Mulle hat sie neulich vor der ganzen Mannschaft gefragt, ob er nicht das Zähneputzen wieder mal vergessen hätte. Den eigenen Bruder vor seinen Kameraden! Also nichts gegen Anke als Mädchen, aber als Schwester stelle ich sie mir ziemlich anstrengend vor. Noch viel anstrengender als zwei Brüder jedenfalls.

Quirl war mit seinen Gedanken noch bei Mulles blonder Schwester, als ihm jemand von hinten so kräftig auf die Schulter schlug, dass er mindestens einen Zentimeter in die Erde zu sinken glaubte. Wütend schnellte er herum und starrte in das lachende Gesicht eines Jungen, der mit Volker befreundet und ebenfalls Maurerlehrling war. „Na Quirl, schafft ihr es allein gegen die Teerkocher, oder soll ich euch helfen?“

Quirl zog vorsichtig seine Schulter unter der Respekt einflößenden Pranke des Jungen hervor, setzte eine nachdenkliche Miene auf und meinte endlich todernst: „Komm ruhig mal mit ... Weißt du, es ist immer besser, wenn der Schiedsrichter noch eine Ersatzpfeife zur Hand hat!“

Einen Augenblick lang bekam der Maurerlehrling den Mund nicht zu, dann schnappte er zwei-, dreimal nach Luft und zwang ein herablassendes Grinsen auf seine Lippen. „Würmchen! Schade, dass du keine Puste für die achthundert Meter hast!“

„Du meinst, dann hätte so ein Bär wie du keine Chance mehr?“

„Großmaul! Los, schwirr ab zu deinen Krückenheinis!“

„Du glaubst, ich trau mich nicht?“ Ein Wort löste das andere aus, und zwei Minuten später wusste Quirl selbst nicht mehr genau, wie es gekommen war, dass er plötzlich mit an der Startlinie stand. Verlassen lagen sein Schläger, der Trainingsanzug und die Aktentasche mit den „Toppen“ am Rande der Aschenbahn. „Ich laufe nur mal außer Konkurrenz mit“, hatte er dem Mann mit der Startklappe gesagt, und der hatte keine Einwände gegen dieses Vorhaben gehabt.

„Auf die Plätze ...!“, ertönte die scharfe Kommandostimme hinter den leicht nach vorn gekrümmten Rücken der angetretenen Achthundertmeterläufer. Ihre Muskeln waren hart und gespannt. Jeder Zug in den jungen, gebräunten Gesichtern verriet hohe Konzentration. Quirl hatte die Außenbahn. Auch er versuchte, sein ganzes Denken und Fühlen auf das Startzeichen zu richten, aber seine Gedanken waren in diesen Sekunden ungehorsam. Wie konntest du dich nur auf diesen Unsinn einlassen, schalten sie ihn. Bist du ein Achthundertmeterläufer? Nein, das bist du nicht! Aber ein Hockeyspieler bist du, und es ist gleich neun! Die Jungen werden warten, und der Trainer wird warten, und sie werden sagen, dass der Mannschaftskapitän am allerwenigsten die Zeit verbummeln darf.

„Fertig ...!“, befahl die Kommandostimme. Und wenn dieser Bär von Maurerlehrling nun doch mehr Sturm in seinen Tretern hat, als ich glaube? überlegte Quirl. Also vor ihm muss ich unbedingt sein, sonst bin ich blamiert bis zur übernächsten Olympiade. Ich werde laufen wie ein ...

„Los!“ Das laute, schussartige Klatschen der Startklappe gab der geballten Kraft von sieben Läufern den Weg frei. Alle kamen gleichzeitig und glatt von der weißen Kreidelinie los. Nach zehn, zwanzig Metern liefen sie noch dicht beieinander. Quirl schielte verstohlen nach links. Den Nebenmann, einen dürren Burschen in weinrotem Dress, kannte er nicht. Neben diesem, auf der anderen Seite, lief der Bär! Für den Bruchteil einer Sekunde begegneten sich ihre Blicke. Flimmerte nicht ein Funken spöttischer Schadenfreude in den Augen des jungen Maurers? Quirl beschleunigte sein Tempo und war im Nu einige Schritte vor dem Feld. Am Ausgang der Kurve zur Gegengeraden betrug sein Abstand schon über sechs Meter. Er warf einen schnellen Blick über die Schulter und sah die anderen Läufer noch immer in geschlossener Formation.

Was sind das nur für lahme Enten? wunderte er sich. Achthundert Meter sind schließlich nur zwei Runden. Eine halbe Runde haben wir schon hinter uns. Wollt ihr etwa Kräfte sparen auf diesen paar Katzensprüngen? Bitte, wenn es euch Spaß macht! Aber ich kann mich da leider nicht anschließen, Freunde. Nur noch ein paar Minuten bis neun. Ich habe wirklich keine Zeit für so ein Opatempo.

In der Gegenkurve hatte Quirl den Abstand auf fünfzehn Meter erhöht. Der Bär wurde unruhig. Am Beginn der Geraden setzte er zur Verfolgung an. Die übrigen fünf Läufer ließen ihn kampflos ziehen und behielten ihren gleichmäßigen, zügigen Schritt bei, angeführt von dem Jungen im weinroten Dress.

Als Quirl den jungen Maurer nur noch wenige Meter hinter sich entdeckte und mit einem scharfen Zwischenspurt die Distanz wieder vergrößern wollte, musste er eine erschreckende Feststellung machen. Seine Beine verweigerten plötzlich ein schnelleres Tempo. Ihm war, als hätte er jetzt nicht mehr den biegsamen, weichen Porokrepp, sondern von Sekunde zu Sekunde schwerer werdende Bleisohlen unter den Füßen. Sein Atem war heiß und schnell geworden. Das dünne weiße Turnhemd begann schweißfeucht zwischen den Schultern zu kleben. Schon hörte er ganz nah die knirschenden Schritte seines Verfolgers. Und noch eine volle Runde lag vor ihm!

„Aufhören, Quirl!“, drang in der Kurve unvermittelt eine helle Mädchenstimme zu ihm. Das ist doch Anke! dachte er und ließ sich nicht beirren. Aufhören? Sie spinnt ... Da, jetzt ist der Bär wirklich schon neben mir!

Die blonde Anke gestikulierte aufgeregt hinter den beiden Läufern her. Kurzentschlossen setzte sie ihnen nach, indem sie die Kurve quer über den grünen Rasen des Innenraumes schnitt.

Die ist ja heute besonders schlimm, dachte Quirl, als er Anke erneut am Rande der Aschenbahn erspähte. Sie muss doch sehen, dass ich mit dem Burschen neben mir jetzt gerade genug zu tun habe.

„Hör doch endlich! Euer Spiel ist vorverlegt ... In fünf Minuten geht es los ... Alle warten auf dich, hörst du? In fünf Minuten!“

Die letzten Worte musste Anke den beiden Seite an Seite kämpfenden Läufern bereits wieder nachrufen. Mit mächtig ausgreifenden Schritten kam jetzt auch der dürre Sportler im weinroten Dress heran, zwei andere Läufer mitziehend.

Was hat sie da geschrien? durchzuckte es indes Quirl.

Vorverlegt? Unser Spiel beginnt gleich? Das kann doch nicht wahr sein! ... Oder? Da, jetzt ist es passiert!

Der Bär hatte die nur Sekunden währende Unaufmerksamkeit seines Gegners ausgenutzt und war an ihm vorbeigezogen. Die zahlreichen jungen Sportlerinnen und Sportler, die den spannenden Kampf vom Rand her verfolgten, schickten Anfeuerungsrufe zu den Läufern hinüber. Der Weinrote war nur noch fünf Schritte hinter Quirl. Sie erreichten die Kurve zur Zielgeraden. Noch zwei Schritte. Jetzt! Auch der Läufer im weinroten Dress ging an Quirl vorbei, sofort griff er den drei Meter weiter vorn laufenden Maurerlehrling an.

In spätestens vier Minuten beginnt unser Spiel, fieberte Quirl. Das sind gerade noch zweihundertvierzig Sekunden! Er riss alle Kräfte zusammen. Seine Fäuste wirbelten wie die Kolbenstangen an den mannshohen Rädern einer dahinjagenden Schnellzuglokomotive. Er fühlte nicht den Schweiß, der in kleinen Rinnsalen sein Gesicht zeichnete. Den Bär muss ich noch kriegen, dachte er nur. Ich muss!

Der Weinrote hatte den Maurerlehrling abgehängt und stieß als Erster in die Zielgerade. Die Rufe der Zuschauer schwollen an, wurden heiser vor Begeisterung, als nun der Bär und Quirl Schulter neben Schulter um die letzten hundert Meter kämpften. Hinter ihnen war die Läuferkette zerrissen wie ein morscher Strick.

Sieg! Der Dürre im weinroten Dress schoss über die Ziellinie und riss mit seiner Brust das weiße Band hinter sich her. Jetzt preschten die beiden Nächsten heran, immer noch auf gleicher Höhe. War es eine Täuschung oder hatte Quirl wirklich die Nase ein paar Zentimeter weiter vor? Die letzten zehn Meter ... sechs! ... vier! ... Jawohl, Quirl kam an dem Bär vorbei! Quirl wurde Zweiter, allerdings außer Konkurrenz.

Der Maurerlehrling schüttelte, ärgerlich über seine Niederlage, den Kopf. Dann rieb er sich mit dem Arm die Schweißperlen von der Stirn und schaute sich nach seinem Bezwinger um, entschlossen, dem Jungen aus der Hockeymannschaft zu gratulieren, wie es unter Sportlern selbstverständlich ist. Aber wo steckte Quirl? Er war wie vom Erdboden verschluckt. Auch Aktentasche, Schläger und Trainingsanzug waren verschwunden. Noch einmal schüttelte der Bär verständnislos den Kopf, dann ging er auf die Jungen zu, die den Sieger umringten. Er schüttelte herzhaft die Hand des Dürren, als eine nicht mehr ganz junge Frau zu ihnen trat.

„Ihr wart Klasse, Jungen“, sagte sie und lächelte anerkennend. Ihre hellgrauen Augen leuchteten aus dem gebräunten Gesicht wie Lichter hinter rauchfarbenem Glas. Sie trug einen weißen Trainingsanzug. An der linken Brustseite war das Staatswappen der Republik aufgenäht. Die Jungen sahen, dass sie eine Stoppuhr in der Hand hielt. Sie schaute von dem Sieger auf den Maurerlehrling. „Also, dass unser Dürrer immer gut für eine Zeit von 2.15,0 ist, das wusste ich. Aber du hast dich ja selbst übertroffen!“

Der Bär wurde ganz verlegen vor Freude. Die Frau fuhr fort: „Dein Trainer kann es noch gar nicht fassen. 2.18,4 war bisher deine Bestzeit, sagte er mir vorhin. Aber heute ist es 2.13,7 ... Kennst du den Schwarzkopf, der dich so angespornt hat?“

„Der ... der ist ... Und das stimmt wirklich mit den 2.13,7?" Der Bär schien es noch immer nicht für möglich zu halten. Er starrte die Frau an, als hätte sie ihm gesagt, dass er soeben den Weltrekord eingestellt habe. Erst ihre erneute Bestätigung bewirkte, dass aus seinem Gesicht der Schatten des Unglaubens verflog. Nun strahlte er vor Stolz. „Nee, dieses Würmchen! Ehrenwort, der darf ab sofort jeden Tag Ersatzpfeife zu mir sagen, wenn er will ... Jedenfalls vorläufig!“

„Also du kennst ihn?“, fragte die Frau im weißen Trainingsanzug. Sie schien ein wenig ungeduldig zu werden.

„Aber klar, das war doch Quirl. Sein Bruder arbeitet mit mir zusammen.“

„Quirl?“

„Fred Schablewsky heißt er eigentlich, aber ich glaube, er hört nur auf Quirl. Fred hat ihn jedenfalls noch nie einer genannt, wenn ich dabei war.“

„Und wo finde ich ihn, diesen schwarzhaarigen Quirl?“, fragte die Frau und schmunzelte.

„Bestimmt hinter der Tribüne. Sie spielen dort. Er ist Kapitän der Hockeymannschaft aus dem Maschinenbau.“

„Danke“, sagte die Frau, nickte dem Bär noch einmal zu und entfernte sich in Richtung des Hartplatzes. Die Jungen sahen ihr nach.

„Wer war das?“, fragte ein stupsnäsiges Bürschchen.

„Mann, die kennst du nicht?“, erwiderte ein anderer erstaunt. „Das ist Hilde Stricker, die Meisterin des Sports! Sie trainiert die Leichtathleten von Wissenschaft. Wetten, dass sie jetzt den Quirl zum Klasseläufer macht? Hat der ein Glück!“ Und ein wenig neidvoll folgte sein Blick der weiß gekleideten Frauengestalt, bis sie hinter der Ecke des Tribünenbaues verschwunden war.“

Erstmals 2009 in der ursprünglichen und erstmals 2014 in einer überarbeiteten Fassung veröffentlichte Karina Brauer im Eigenverlag ihr Buch „Du kannst den Wind nicht aufhalten …“: Chris ist fassungslos. Thorben, ihre erste große Liebe, wird eine andere heiraten! Mit elf Jahren begann für sie als Vollwaise eine traurige Jugend und nun, nach dem plötzlichen Tod ihrer geliebten „Ömi“, trifft sie der Verlust des letzten Ankers in ihrem Leben besonders schwer. Doch Chris macht diesen Tiefpunkt zum Beginn einer neuen Ära für sich selbst und merkt anfangs nicht einmal, dass sie bereits von ihrem zukünftigen Ehemann gefunden wurde. Ohne das Leben zu idealisieren, beschreibt Karina Brauer ebenso unterhaltsam wie optimistisch die Entwicklung einer starken jungen Frau, die trotz mehrfacher Schicksalsschläge nicht verzagt. Und so treffen wir diese junge Frau zum ersten Mal:

1. Teil

Es war kalt, sehr kalt und einsam. Die Kälte kroch an diesem Abend durch die Küche des alten Bauernhauses wie ein böses Ungeheuer und war willens, von allem Besitz zu ergreifen, was sich ihm bot. Durchgefroren erhob sich Chris-Tina, um endlich den alten Herd zu beheizen. Sie brauchte Wärme, so unendlich viel Wärme, aber es blieb kalt, sehr kalt und sehr, sehr einsam um sie herum. Nach einer Weile begann der alte Teekessel auf dem Propangasherd durch seinen stotternden Pfeifton anzuzeigen, dass das Wasser für den Tee bereit war. Chris goss es über die getrockneten Pfefferminzblätter und sogleich verteilte sich der Duft in der Küche. Die junge Frau rückte den schweren Stuhl näher an den alten Kohleherd, legte noch ein paar Holzscheite nach und kuschelte sich dann in die Wolldecke ein. Sie trank den Tee, der sie nun etwas aufwärmte.

Ein langer, ein trauriger Tag lag hinter ihr. Jetzt erst konnte sie alles an sich vorüberziehen lassen. Mitten in der Pädagogikvorlesung von Professor Niemann wurde sie, Chris-Tina Baumgarten, ans Telefon gerufen. Dr. Wigand Brothe, Chefarzt des Bezirkskrankenhauses und ein alter Freund ihrer Familie war am Apparat, um ihr mitzuteilen, dass sie so schnell es ihr möglich sei, kommen müsse. „Deine Großmutter hat gesagt, dass es Zeit ist. Es geht mit ihr zu Ende. Komm schnell!“

Seit Wochen war Chris darauf vorbereitet, diese Nachricht zu erhalten und doch gerade jetzt traf sie sie irgendwie unverhofft. Sie atmete einmal tief durch, dann war Chris wieder in die Vorlesung zurück gelaufen. Unter dem strengen Blick des Professors ergriff sie ihre Sachen und wollte schon schnell hinauseilen, als Petra, die Postfrau der Seminargruppe, ihr noch rasch die heutige Post zuschob. Im Wohnheim blätterte Chris im Kursbuch der Deutschen Reichsbahn. Schnell fand sie eine Verbindung in die sechzig Kilometer entfernte Bezirksstadt. Nun hieß es, flink sein, es blieben ihr nur fünfundzwanzig Minuten. Den Zug erreichte sie zwar gerade noch, aber natürlich hatte sie es nicht mehr an den Fahrkartenschalter geschafft. Nun musste sie den vollen Fahrpreis zahlen. Der Schaffner war unerbittlich. Sie hätte eine schöne Ausrede, meinte er und ein hübsches Gesicht, aber er hätte seine Vorschriften. Chris war sauer. Nicht, dass es ihr finanziell wehtat, keine Studentenermäßigung gewährt zu bekommen. Nein, hier ging es ums Prinzip! Da sie aber sowieso fünfzehn Minuten später in den Schnellzug umsteigen musste, verspürte sie keine Lust mit dem anzüglichen, sturen Schaffner zu diskutieren. Der Schnellzug war natürlich nicht pünktlich. Warum auch ausgerechnet heute? Endlich kam er. Na, wenigstens war der Zug fast leer, heute am Dienstag. Ein sehr angenehmer Duft empfing sie, als sie das Abteil betrat. In der Mitte des Raucherabteils machte sie es sich einigermaßen bequem. Der Zug fuhr gerade an, da holte Chris die Post aus ihrer Tasche. Wie sie es vermutet hatte, es war ein Brief von Thorben. Nun würde sich bestimmt aufklären, warum er nicht wie vereinbart am vergangenen Freitag zu ihr ins Wohnheim gekommen war. All ihre Hoffnung legte sie in diesen Brief, und doch gab es da auch so eine Ahnung. Chris konnte sich diese aber selbst nicht erklären. Deshalb zögerte sie noch, zündete sich eine Zigarette an. Den Brief neben sich legend, schloss sie die Augen und sah sich und Thorben. Ach, Thorben, wie schön hatte alles angefangen, seufzte sie leise ...

Chris war damals, vor einem halben Jahr, übers Wochenende mit zu ihrer Freundin Patricia nach Rostock gefahren. Patricia hatte sturmfreie Bude. Ihre Eltern waren – wie so oft - verreist und die Mädels wollten das Wochenende mal so richtig genießen. Mit ihren achtzehneinhalb Jahren konnten und durften sie das schließlich. In der „Pinguin“-Eisbar nahm das Schicksal dann seinen Lauf.“

Erstmals 1968 druckte der VEB Hinstorff Verlag Rostock „Die Reise zum Stern der Beschwingten. Schilderung der galaktischen Erfahrungen etlicher Erdenmenschen, die versehentlich in die Milchstraße geraten, nach mancherlei erlittenem Ungemach aber glücklich wieder daheim angelangt sind“ von Gerhard Branstner: Das Buch heimste bei ihrem Erscheinen besonderes Lob ein. Ein Literaturkritiker bezeichnete es als eine swiftsche Reise durch verschiedene groteske Staatswesen, darunter einen Staat der Molch-Kapitalisten oder Kapitalistenmolche. Die Bewohner des „Sterns der Beschwingten“ treiben sprachlich ein heiteres Spiel mit der Wirklichkeit. Gerade durch dieses heitere Spiel, welches den Ernst verstellt, werde aber die Wirklichkeit nur um so treffender bezeichnet. Und so gehen sie los – die galaktischen Abenteuer:

„Die Bommel startet zum letzten Flug

Muttchen Schimanksy stemmte die Arme in die Seiten und stampfte mit dem Fuß auf. Mit dem rechten. Wäre es der linke gewesen, hätte ihr Mann noch einen Widerspruch gewagt. Sie stampfte aber mit dem rechten auf, und damit war die Sache entschieden. Paul Schimansky klemmte das Stullenpaket unter diesen und die Filzpantoffeln unter jenen Arm und schob ab. Seine Frau hielt nichts von Weltraumverpflegung. Deshalb packte sie ihm jedes Mal ein Stullenpaket ein. Und die Filzpantoffeln sollten ihn an die Wärme des häuslichen Herdes erinnern. Sie winkte ihrem Manne nach. Der nickte nur mit dem Kopf, denn unter diesem Arm hatte er das Stullenpaket und unter jenem ...

Piccolomini blickte auf die Uhr, die sich über der Tür des Vorzimmers befand, und setzte sich. Als er zum zweiten Mal auf die Uhr blickte, waren fünf Minuten vergangen. Die Tür öffnete sich und ein Mann trat heraus. „Corinna?“ Piccolomini nickte.

Der Mann gab ihm einen Schnellhefter. „Da sind die technischen Daten.“

Piccolomini stand auf.

„Ich wünsche Ihnen eine gute Reise“, sagte der Mann. Piccolomini bedankte sich und trat auf die Straße. Der wolkenlose Himmel war blau. Logisch, dachte Piccolomini. Er blinzelte in die Sonne, bis er niesen musste.

„Zum Wohle!“, rief da einer.

„Mensch, Paul!“, rief Piccolomini, „lange nicht gesehen. Wo willst du denn hin?“

„Zur Milchstraße“, sagte Paul Schimansky.

„Wie, du auch?“ Piccolomini war nicht wenig überrascht. „Aber du bist doch seit Jahren nicht mehr geflogen.“

„Eben“, sagte Schimansky. „Die Bommel ist ja auch seit Jahren nicht mehr geflogen.“

„Die Bommel?“

„Genau“, sagte Schimansky.

„Dieser alte, abgetakelte Kahn?“

„Sie haben ihn wieder aufgetakelt“, erklärte Schimansky. „Nur steuern kann ihn keiner von den jungen Leuten, weil die an den neuen Schiffen ausgebildet worden sind. Deshalb haben sie auf mich zurückgegriffen.“

Piccolomini schob die Unterlippe vor und nickte mehrmals mit dem Kopf. „Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass man sich höhern Orts nicht viel von dieser Expedition verspricht. Dass man uns aber die alte Bommel gibt, ist geradezu bedenklich.“

„Lass dir deswegen keine grauen Haare wachsen“, sagte Schimansky und kletterte in einen der umherstehenden Flitzer. „Bis zur Milchstraße kommen wir mit ihr noch allemal.“

Piccolomini setzte sich zu ihm. Schimansky stellte auf Geradeaus und drückte den Fahrknopf. Das Gefährt surrte davon.

„Aber die wissenschaftlichen Geräte“, sagte Piccolomini, „wir bringen nur den geringsten Teil unter.“

„Das ist wahr“, gab Schimansky zu, „es wird ziemlich eng werden. Wir müssen eben ein bisschen zusammenrücken.“

Piccolomini lachte und hieb dem andern auf die Schulter. „Dich kann auch nichts erschüttern, wie?“

„Nee“, sagte Schimansky.

Er rückte die Schulter wieder zurecht und warf einen besorgten Blick auf sein Stullenpaket. Piccolomini bemerkte erst jetzt das Paket und die ineinander gesteckten Filzpantoffeln.

„Und deine Frau? Was sagt sie dazu?“

„Was soll sie schon sagen? Seemannslos …“

Piccolomini drückte nochmals auf den Fahrknopf. Der Flitzer verdoppelte die Geschwindigkeit.

„Immerhin kann es zwei, drei Jahre dauern, bis wir zurück sind. Eine lange Zeit für eine Frau ...“

Sie waren am Raumschiffhafen angelangt, einem akkuraten Quadrat von zehn mal zehn Kilometern, unterteilt in Quadrate von je hundert mal hundert Metern. Auf jedem der Quadrate stand eine riesige weiße Nummer, von eins bis neuntausendneunhundertneunundneunzig. Auf dem zehntausendsten stand das Hafenbüro. Als Schimansky und Piccolomini vom Flitzer stiegen, warteten die übrigen Expeditionsteilnehmer schon vor dem Büro.

Professor Hedderich, Leiter der Expedition, lag in einem Sonnenstuhl und gähnte.

„Schimansky?“, fragte er, als Schimansky vor ihm stand. „Genau“, sagte Schimansky.

„Jupiter oder Venus?“

„Neptun“, sagte Schimansky.

„Erinnere mich“, sagte der Professor, „erinnere mich“, sagte er, „war eine kuriose Tour, damals auf den Neptun. Hab jetzt noch einen steifen Daumen davon.“ Er reckte den steifen Daumen der rechten Hand hoch.

„Das war auf der Venus“, sagte Schimansky, „aber da hat Matschinske Sie geflogen. Auf dem Neptun, wo ich Sie geflogen habe, ist nichts passiert.“

„Also nichts.“ Der Professor schüttelte den Kopf und betrachtete verwundert seinen steifen Daumen. „Na schön. Und jetzt fliegen Sie uns zur Milchstraße. Waren Sie schon mal dort?“

„Ja.“

„Mit mir?“

„Nein.“

Hedderich nickte. „Erinnere mich. Mit Professor Busch. Wegen der Rotverschiebung. War eine große Pleite damals. Erst großer Spektakel und dann große Pleite.“

„Genau“, sagte Schimansky.

„Wie?“

„War eine große Pleite damals“, sagte Schimansky.

Der Professor nickte.

„Ich war’s aber nicht“, sagte Schimansky, „Kazmierek war’s, der Professor Busch geflogen hat.“

Hedderich nickte abermals.

„Erinnere mich. Und jetzt fliegen Sie uns zur Milchstraße. Waren Sie schon mal ...“

Piccolomini drückte Hedderich den Schnellhefter, auf dem das Ziel der Reise stand, in die Hand.

„Corinna“, sagte der Professor und strich sich über die spärlichen Haare. Sie waren von einem ausgeblichenen Gelb und befanden sich an seinem Kinn. Im übrigen war er haarlos, einsneunzig lang und leicht gekrümmt. Nur der Daumen nicht, der war steif und stand seitlich ab, wenn der Professor sich den Kinnbart strich, und er strich ihn fast immer.

Piccolomini hatte tiefschwarzes Haar, und es befand sich dort, wohin es gehörte, nämlich auf der Schädeldecke. Im Verein mit der edel gebogenen Nase und der bleichen Stirn machte es ihn zum bestaussehenden Mann der Expedition. Trotzdem strich er nicht mit der Hand darüber.

„Möchte wissen, was ich auf der Corinna soll“, warf Weynreich ein. „Ich komme zu dem Unternehmen wie die Jungfer zum Kind.“

Weynreich hätte wie ein Bierbrauer ausgesehen, sähe er nicht wie ein pensionierter Schauspieler aus; er besaß nur einen Haarkranz, lockig zwar, aber spärlich trotz seiner mittleren Jahre.

Rinstone sagte nichts. Rinstone sagte stets nichts. Aber nicht allein deshalb wirkte er blass. Wirkte Piccolomini blass, weil er schwarzes Haar hatte, so wirkte Rinstone noch blasser, weil er überhaupt keine Haare hatte, nicht einmal Wimpern.

Der Professor sah seine Gefährten der Reihe nach an, den bestaussehenden Piccolomini mit dem schwarzen Haar, den haarkranzgeschmückten Bierbauch Weynreich, den haarlos schweigsamen Rinstone und den grau melierten Schimansky, der gerade mit der angefeuchteten Kuppe seines Ringfingers über sein schmales Lippenbärtchen strich.

„Komisch“, sagte der Professor, „weshalb fliegen wir überhaupt?“

Piccolomini sagte: „Ich dachte, Sie wüssten es.“

„Ich?“ Der Professor blickte den andern erstaunt an. „Wie kommen Sie darauf?“

„Sie sind der Leiter der Expedition“, sagte Piccolomini.

„Richtig!“ Hedderich schlug sich an die Stirn. „Erinnere mich.“ Er blätterte in dem Schnellhefter. „Aber da stehen doch nur technische Daten.“

Einer blickte den andern an. Nachdem jeder jeden angeblickt hatte, hoben alle die Schultern.

Schimansky war unterdessen zum Hafenbüro gelaufen und kam jetzt zurück. Die gehobenen Schultern senkten sich. „Was ist“, sagte er, „fliegen wir nun, oder wie?“ Die Schultern hoben sich wieder.

„Wir haben keinen wissenschaftlichen Auftrag“, sagte Piccolomini, „wir wissen nur, dass wir zur Corinna sollen. Aber keiner hat eine Ahnung, weshalb.“

„Ich denke, wegen der Marsmenschen“, sagte Schimansky, „Genaueres wird wie üblich per Funk nachkommen.“

„Richtig!“, rief Hedderich und schlug sich abermals an die Stirn, „wegen der Marsmenschen!“

„Genau“, sagte Schimansky.“

Na dann Gute Reise!, kann man da wohl nur noch wünschen. Und hoffen, dass alle gesund, munter und glücklich wieder zurückkommen. Aber das geht ja eigentlich schon aus dem hübschen und absichtlich etwas umständlich formulierten Titel des Buches des Philosophen und Schriftstellers Gerhard Branstner hervor: „Schilderung der galaktischen Erfahrungen etlicher Erdenmenschen, die versehentlich in die Milchstraße geraten, nach mancherlei erlittenem Ungemach aber glücklich wieder daheim angelangt sind“.

Auch für diesen galaktischen Reisebericht wie für die anderen vier Sonderangebote dieses Newsletters viel Vergnügen beim Lesen, weiter einen schönen Herbst, bleiben Sie weiter gesund und vorsichtig und bis demnächst.
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