Seit seiner ersten Veröffentlichung im Jahr 2008 als Gemeinschaftsprojekt der MS International Federation (MSIF) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat sich der Atlas der MS zu einer der am häufigsten zitierten globalen Informationsquellen zum Thema MS entwickelt. Nach der Veröffentlichung der 3. Auflage in den Jahren 2020/21 hat sich der Atlas von periodischen Berichten zu einem fortlaufenden Programm aus Aktualisierungen der Kerndaten und themenspezifischen Umfragen weiterentwickelt. Durch die Zusammenführung nationaler Daten aus aller Welt trägt der Atlas dazu bei, grundlegende Fragen zu beantworten:
Wie viele Menschen leben mit MS und wo?
Die neuen Erkenntnisse aus dem „Atlas of MS“, die im „Multiple Sclerosis Journal“ veröffentlicht wurden, gehen davon aus, dass die weltweite MS-Prävalenz bei 3,1 Millionen Menschen liegt. Demzufolge lebt einer von 2.600 Menschen mit MS oder 38 pro 100.000 – mit großen Unterschieden in der geografischen Verteilung der beteiligten Länder.
Durch die Bereitstellung globaler, regionaler und nationaler Daten zu MS können Länder Fortschritte vergleichen, Lücken in der medizinischen Begleitung und Versorgung identifizieren und voneinander lernen. Der Atlas bietet eine wichtige Faktengrundlage für politische Entscheidungsträger, Gesundheitsdienstleister, Forscher und MS-Organisationen, die daran arbeiten, die Lebensqualität von Menschen mit MS zu verbessern.
Eine detailliertere Auseinandersetzung mit diesen Ergebnissen, einschließlich Handlungsempfehlungen und Fallstudien, die veranschaulichen, wie epidemiologische Daten zur Unterstützung von Interessenvertretung und politischen Veränderungen genutzt werden können, finden Sie im Epidemiologie-Bericht des Atlas (siehe Quellen unten).
Gemeinsam stärker als MS
„Kein Land kann MS im Alleingang bekämpfen. Der Atlas ermöglicht es uns, voneinander zu lernen, globale Muster zu verstehen und gemeinsam daran zu arbeiten, die Lebensqualität von Menschen mit MS zu verbessern. Er trägt dazu bei, Daten in Maßnahmen umzusetzen, indem er Interessenvertretung, Politik und eine bessere Gesundheitsplanung unterstützt“, betont Dr. Lydia Makaroff, Geschäftsführerin der MS International Federation.
Warum steigt die Prävalenz?
Die weltweite MS-Prävalenz ist von 1,8 Millionen im Jahr 2013 und 2,8 Millionen im Jahr 2020 auf 3,1 Millionen im Jahr 2026 gestiegen. Hinter diesem Anstieg stehen wahrscheinlich mehrere Faktoren. Dazu gehören eine frühzeitigere und genauere Diagnose – teilweise bedingt durch Änderungen der Diagnosekriterien im Laufe dieses Zeitraums –, eine längere Lebenserwartung von Menschen mit MS aufgrund verbesserter Versorgung und Behandlungen, ein wachsendes Bewusstsein der Erkrankung im Gesundheitssystem und damit einhergehend häufigere Diagnosen, verbesserte Datenerfassungssysteme sowie das Bevölkerungswachstum. Anhand der verfügbaren Daten lässt sich jedoch nicht mit Sicherheit sagen, ob das Risiko für MS zunimmt.
Wie viele Frauen und Männer sind an MS erkrankt?
Weltweit haben sieben von zehn Menschen mit MS ein weibliches Geschlecht. Das bedeutet, dass Frauen zwei- bis dreimal häufiger mit MS diagnostiziert werden als Männer. Dieses Muster gilt für alle Regionen und Einkommensstufen. In einigen Teilen der Welt, wie im westlichen Pazifik und in Südostasien, ist das Ungleichgewicht sogar noch größer: Dort erhalten etwa dreimal so viele Frauen wie Männer die Diagnose Multiple Sklerose
Wie viele Kinder wurden weltweit mit MS diagnostiziert?
Daten aus 59 Ländern zeigen, dass laut der neuen Aktualisierung des Atlas mindestens 40.000 Menschen unter 18 Jahren mit MS leben, verglichen mit rund 30.000 im Jahr 2020 (47 Länder) und 7.000 im Jahr 2013 (34 Länder). Der Anstieg spiegelt wahrscheinlich ein größeres Bewusstsein für pädiatrische MS, eine frühzeitigere Diagnose, eine verbesserte medizinische Begleitung und eine wachsende Zahl von Studien in dieser Bevölkerungsgruppe wider. Ein Einfluss durch Veränderungen des Krankheitsrisikos kann jedoch nicht ausgeschlossen werden.
Was wissen wir über die MS-Inzidenz weltweit?
Die Inzidenz bezeichnet die Anzahl der Personen, bei denen innerhalb eines bestimmten Zeitraums (in der Regel eines Jahres) erstmals MS diagnostiziert wurde. In der jüngsten Aktualisierung lagen Inzidenzdaten aus 91 Ländern vor, gegenüber 75 im Jahr 2020.
Die verfügbaren Daten deuten darauf hin, dass jedes Jahr bei mehr als 120.000 Menschen weltweit MS diagnostiziert wird, was etwa 330 neuen Diagnosen pro Tag oder einer Diagnose alle 4,4 Minuten entspricht. Auf globaler Ebene lässt sich bei der Inzidenz kein klarer Trend erkennen. Während einige Länder einen Anstieg der Neu-Erkrankungen melden, verzeichnen andere einen Rückgang, was eine Interpretation der globalen Daten erschwert.
Was muss getan werden?
Diese Aktualisierung des „Atlas of MS“ stellt einen Fortschritt im Verständnis der MS weltweit dar, da mehr Daten aus Ländern mit niedrigem Einkommen und aus afrikanischen Ländern vorliegen als je zuvor. Es bestehen jedoch weiterhin erhebliche Lücken, und ohne bessere Daten laufen Menschen mit MS Gefahr, unterversorgt zu bleiben. Bessere Daten können dazu beitragen, die Entwicklung nationaler Pläne für MS zu stärken, einen gerechteren Zugang zur Versorgung zu fördern und sicherzustellen, dass an MS erkrankte Menschen bei der Gesundheitsplanung und nationalen Gesundheitspolitiken nicht übersehen werden.
„Zu wissen, wie viele Menschen von MS betroffen sind, ist von entscheidender Bedeutung – es ist die Grundlage für eine effektive Entscheidungsfindung. Doch ohne Diagnose bleiben Menschen mit MS unsichtbar. Jeder muss wahrgenommen, erfasst und unterstützt werden“, erklärt Rachel King, Senior International Evidence Manager und Leiterin des „Atlas of MS“ der MSIF.
Die MSIF empfiehlt vier Hauptbereiche, die von der internationalen Gemeinschaft vorangetrieben werden sollten:
- Frühzeitige Diagnose, damit MS-Erkrankte wahrgenommen, erfasst und unterstützt werden, um rechtzeitig Zugang zu Behandlung und Versorgung zu erhalten
- MS sichtbar machen – in Datensysteme investieren
- Daten nutzen, um die Versorgung für alle Menschen mit MS individuell anzupassen, einschließlich Frauen, Kinder und unterversorgte Gruppen
- Veränderungen durch wissenschaftliche Erkenntnisse vorantreiben – politische Entscheidungen beeinflussen, Finanzmittel freisetzen und Gerechtigkeit fördern
Mit Blick auf die Zukunft stellen die McDonald-Kriterien von 2024 eine potenziell wichtige Veränderung bei der Diagnose von MS dar. Wenn die überarbeiteten Kriterien in die klinische Praxis übernommen werden, könnte die Zahl der erfassten Diagnosen zunächst steigen, da bei einigen Menschen die Diagnose früher gestellt werden kann. Die im Atlas vorgestellten Ergebnisse bieten daher eine wichtige Ausgangsbasis, anhand derer die Auswirkungen dieser Veränderungen gemessen werden können.
„Der MS-Atlas hat uns dazu angeregt, unsere eigenen Daten genauer unter die Lupe zu nehmen. Internationale Vergleiche haben uns dabei geholfen, Unterschiede zu erkennen, unsere Ergebnisse besser zu verstehen und aufzuzeigen, wo Verbesserungen erforderlich sein könnten. Diese Möglichkeit, von anderen Ländern zu lernen, ist eine der größten Stärken des Atlas. Hochwertige Daten sind unerlässlich für die Planung von medizinischen und sozialen Dienstleistungen, die Unterstützung der Forschung und die Gewährleistung, dass Menschen mit MS die Versorgung erhalten, die sie benötigen“, verdeutlicht Herbert Temmes, Geschäftsführer Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG), Bundesverband e.V.
Ein herzliches Dankeschön richten MSIF und DMSG an die Länderkoordinatoren und Mitwirkenden, deren Zeit, Fachwissen und Engagement den „Atlas of MS“ möglich gemacht haben.
Quellen:
Global prevalence of multiple sclerosis surpasses 3 million: 2024 update of the Multiple Sclerosis International Federation Atlas of MS (Multiple Sclerosis Journal, 2026). https://doi.org/10.1177/13524585261479954
Atlas der MS: https://www.msif.org/...
Epidemiologie-Bericht: https://www.msif.org/wp-content/uploads/2021/04/Atlas-3rd-Edition-Epidemiology-report-EN-updated-30-9-20.pdf