Zu der Feierstunde konnte er eine große Zahl von Ehrengästen begrüßen, unter ihnen den ehemaligen Ministerpräsidenten von Baden‑Württemberg, Vizepräsidenten des Europäischen Parlaments und EU‑Kommissar, Günther H. Oettinger MdL a.D. (CDU), der die Festrede hielt. Ebenfalls anwesend waren unter anderem der Landtagsabgeordnete Konrad Epple, der Cannstatter Bezirksbeirat Christoph Kapteina, die frühere Stadträtin Bärbel Häring, der BdV‑Landesvorsitzende Hartmut Liebscher, Ehrenvorsitzender des Sudetendeutschen Heimatrats Franz Longin MdL a.D., Regionalrat a.D. Hans‑Werner Carlhoff Vorsitzender xx der sowie Vertreter weiterer Landsmannschaften, Heimatkreise und Vertriebenenverbände. Musikalisch wurde die Gedenkstunde vom Duo „Bojazz“ gestaltet, das den würdigen Rahmen der Veranstaltung unterstrich.
In seiner Festrede spannte Günther H. Oettinger den Bogen von den blutigen Ereignissen des 4. März 1919 über die von Kriegen geprägte deutsche und europäische Geschichte bis hin zu den Lehren, die Europa nach 1945 gezogen hat. Er erinnerte daran, dass in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Grenzverschiebungen meist das Ergebnis militärischer Gewalt waren und damit den Keim für neue Konflikte legten, während nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs das Prinzip galt, Grenzen nicht mehr mit Waffen verändern zu dürfen – sichtbar etwa in der deutschen Wiedervereinigung 1990 und der friedlichen Teilung der Tschechoslowakei in Tschechien und die Slowakei. Angesichts der aktuellen Kriege und der Rückkehr autokratischer Machtpolitik, insbesondere Russlands unter Wladimir Putin, mahnte Oettinger, die Lehre der europäischen Nachkriegsordnung ernst zu nehmen und militärische Stärke mit einer klaren Verpflichtung zu Frieden, Sicherheit und dem Schutz der Selbstbestimmung der Völker zu verbinden.
Landesobmann Klaus Hoffmann ordnete die historischen Ereignisse aus sudetendeutscher Perspektive ein und erinnerte daran, dass der 4. März 1919 für die Sudetendeutschen zum „Tag der Selbstbestimmung“ wurde – und zugleich zu einem Symbol dafür, wie rücksichtslos der politische Wille einer Minderheit ignoriert werden kann. Er verwies darauf, dass die sudetendeutschen Regionen sich damals im Geiste des von US‑Präsident Woodrow Wilson formulierten Selbstbestimmungsrechts der Völker an Deutschösterreich anschließen wollten, ihre Abgeordneten jedoch an der Teilnahme an der Nationalversammlung in Wien gehindert wurden und die Demonstrationen brutal niedergeschlagen wurden. Zugleich machte Hoffmann deutlich, dass die Erinnerung an dieses Unrecht heute nicht der nationalen Aufwallung, sondern der Stärkung von Rechtsstaatlichkeit, Minderheitenschutz, Versöhnung und des Dialogs mit den tschechischen Nachbarn dient und dass die sudetendeutsche Erfahrung in Baden‑Württemberg in den demokratischen Aufbau des Landes eingeflossen ist.
Beide Redner verbanden die historische Erinnerung mit einem klaren Blick auf die Gegenwart: Der 4. März 1919 mahne dazu, wachsam zu bleiben, wenn Minderheiten marginalisiert, ihre Sprache, ihre Schulen oder ihre Symbole angegriffen werden, und internationale Zusagen wie das Selbstbestimmungsrecht nicht selektiv anzuwenden. In einer Zeit, in der Autokratien Grenzen erneut mit Gewalt in Frage stellen, komme es darauf an, dass demokratische Staaten in Sicherheitsfragen und wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit erfolgreich sind, um Freiheit, Frieden und die Rechte der Völker dauerhaft zu schützen. Die Sudetendeutsche Landsmannschaft Baden‑Württemberg bekräftigte daher ihren Auftrag, im Geist der Opfer des 4. März 1919 für Menschenwürde, Minderheitenschutz und ein friedliches, auf Verständigung gegründetes Europa einzutreten.