Vanessa Redgrave, 1937 in London geboren, entstammt einer der renommiertesten Schauspieldynastien Großbritanniens. In fast sieben Jahrzehnten hat sie an über 150 Film- und Fernsehproduktionen mitgewirkt und steht mit 89 Jahren noch immer vor der Kamera – 2026 kommen gleich drei neue Produktionen mit ihrer Beteiligung ins Kino. Ihre Karriere führte sie von der Royal Shakespeare Company, wo Arthur Miller und Tennessee Williams sie als die bedeutendste Bühnenaktrice Großbritanniens bezeichneten, über das Weltkino der 1960er und 70er Jahre bis in die Gegenwart. Mit Michelangelo Antonionis Kultfilm „Blow Up" (1966) wurde sie international bekannt; für ihre Rolle in „Isadora" (1968) wurde sie in Cannes als beste Darstellerin ausgezeichnet. Den Oscar erhielt sie 1978 als beste Nebendarstellerin für „Julia" – an der Seite von Jane Fonda und Meryl Streep.
Als Charakterdarstellerin besitzt Redgrave die seltene Fähigkeit, mit kleinsten Gesten extreme Wirkung zu erzielen. Ihre Rollen umfassen ein außergewöhnlich breites Spektrum: die geheimnisvolle Fotografenbekanntschaft in „Blow Up", die Widerstandskämpferin in „Julia", die leidenschaftliche Mrs. Wilcox in „Howards End", die trans Tennisspielerin in „Zweiter Aufschlag", die rasende Nonne in „Die Teufel". Was ihre Figuren verbindet, ist eine faszinierende Vieldeutigkeit – Frauen, die Geheimnisse tragen oder eine Unnahbarkeit ausstrahlen, die sich einer einfachen Einordnung entzieht.
Untrennbar von ihrem künstlerischen Werk ist ihr politisches Engagement. Als UNESCO-Botschafterin setzt sie sich für den Schutz von Kindern in Kriegsgebieten ein. Sie demonstrierte gegen den Vietnamkrieg und gegen Atomkraft, lehnte 1999 die Erhebung in den britischen Adelsstand ab – weil der Vorschlag von Tony Blair kam, den sie wegen des Irakkriegs ablehnte – und nahm die Auszeichnung erst 2022 von der Queen persönlich an. 2017 führte ihr Engagement zur ersten Regiearbeit: Der Dokumentarfilm „Sea Sorrow" verknüpft persönliche Kindheitserinnerungen an den Zweiten Weltkrieg mit der europäischen Flüchtlingskrise.
„Wenn du nicht bereit bist, Widersprüche zu akzeptieren, wirst du nicht sehr weit damit kommen, überhaupt irgendetwas zu verstehen", sagte Redgrave 2008 in einem Interview. In diesem Geiste ist auch ihr Lebenswerk zu verstehen: als eine Kunst, die Komplexität nicht auflöst, sondern bewohnbar macht.
Die Laudatio hielt Sir David Hare, einer der bedeutendsten britischen Dramatiker und Drehbuchautoren der Gegenwart. Hare wurde zweimal für den Oscar nominiert – für seine Drehbücher zu „The Hours" (2002) und „Der Vorleser" (2008) – und erhielt für erstgenannten Film den Writers Guild of America Award für das beste adaptierte Drehbuch. Als Theaterautor wurde er mit zwei Laurence Olivier Awards ausgezeichnet und dreimal für den Tony Award nominiert. 1998 wurde er von der Queen zum Ritter geschlagen. Hare und Redgrave verbindet eine langjährige künstlerische Nähe: Für sein Stück „The Year of Magical Thinking" (2007), das er für Joan Didion am Broadway inszenierte, war es Vanessa Redgrave, die die einzige Rolle auf der Bühne übernahm. David Hare zitierte in seiner Laudatio Jane Fonda, die mit Redgrave in Julia (1977) vor der Kamera stand: „Da ist eine Qualität, die mich glauben lässt, dass sie in einer anderen Welt lebt, in einem Geheimnis, das den Rest der Sterblichen übersteigt. Die Stimme kommt aus einem tiefen Ort voller verborgener Leiden. Ihr beim Arbeiten zuzusehen ist wie durch Jahre von Glas zu schauen, jede ihrer Gesten mythisch."
Daisy Bevan, die den Preis stellvertretend für ihre Großmutter entgegennahm, wandte sich auf der Bühne mit persönlichen Worten an das Publikum: „Eine der wichtigsten Lektionen, die ich von ihr gelernt habe – oder zumindest die, die ich heute Abend am meisten mit Ihnen teilen möchte – ist die der Hoffnung. Die Kraft der Hoffnung: wie sie sich entfalten, verwandeln und wachsen kann. Wie sie manchmal fern und unerreichbar erscheinen mag – und dennoch immer geschützt werden muss, denn sie gehört einem selbst, und es ist ein Akt des Widerstands, sie nicht aufzugeben. Ich habe Vanessa nie die Hoffnung aufgeben sehen."
Anne Heusmann von der Sparkasse Bremen sagte anlässlich der Verleihung: „Das Möglichmachen ist Teil der Philosophie der Sparkasse Bremen. Vanessa Redgrave verkörpert dieses Prinzip auf ihre ganz eigene Weise: Sie hat in ihrer Karriere immer wieder Möglichkeiten geschaffen – für komplexe Frauenfiguren, für unbequeme Geschichten, für politische Haltung auf der Leinwand. Mit dem Bremer Filmpreis ehren wir eine Künstlerin, deren Werk weit über das Kino hinauswirkt."
Festivalleiter Matthias Greving ergänzte: „Vanessa Redgrave hat das europäische Kino über Jahrzehnte mitgeprägt wie kaum eine andere – als Darstellerin von unvergleichlicher Intensität, aber auch als Künstlerin, die nie aufgehört hat, die Welt um sich herum zu befragen. Dass wir sie mit dem Bremer Filmpreis ehren dürfen, ist für das Filmfest Bremen ein besonderer Moment – und ein Zeichen dafür, dass Bremen längst zu einem Ort geworden ist, an dem das internationale Kino seine Besten feiert. Dass wir den Preis an ein Mitglied dieser außergewöhnlichen Schauspielerfamilie übergeben durften und dass ihr langjähriger Wegbegleiter Sir David Hare eine so persönliche und treffsichere Laudatio gehalten hat, hat uns noch einmal vor Augen geführt, wen wir hier auszeichnen – und welches Lebenswerk wir mit diesem Preis würdigen.""
Begleitend zur Preisverleihung zeigt das Filmfest Bremen eine Retrospektive mit ausgewählten Werken Vanessa Redgraves: „Blow Up" (Michelangelo Antonioni, 1966), „Julia" (Fred Zinnemann, 1977), „Howards End" (James Ivory, 1992), „Kein Koks für Sherlock Holmes" (Herbert Ross, 1976) sowie den Dokumentarfilm „Sea Sorrow" (Vanessa Redgrave, 2017).