Gegen Welthunger und Agrarkrise

"Die Zeit des billigen Fleisches ist vorbei"

(lifePR) ( Linz, )
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- Zum totalen Umbau von Landwirtschaft und Ernährung rät der Weltagrarbericht der Vereinten Nationen
- Der deutsche Mitautor Benedikt Haerlin (54) sagt im OÖN-Gespräch warum

Benedikt Haerlin (54) ist einer von rund 500 Experten, die am Weltagrarbericht der Vereinten Nationen mitgearbeitet haben. Auftrag: Wie können mit Wissen, Forschung und Technologie die Probleme des Hungers und des Agrarsektors gelöst werden? Haerlin ist auch als Journalist tätig gewesen und leitet heute das Berliner Büro der "Zukunftsstiftung Landwirtschaft". Er absolviert diese Woche auf Einladung von "Bio Austria" eine Vortragstour durch Österreich.

OÖN: Weil die Weltbevölkerung bis 2050 auf neun Milliarden Menschen wachsen und der Wohlstand in den Schwellenländern steigen wird, sollte sich die Agrarproduktion verdoppeln, sagen Experten. Wie können Sie das Gegenteil einfordern?

Haerlin: Die Welternährungsorganisation FAO stellt fest, dass vom gesamten Weizen, Mais und Reis im Schnitt nur 47 Prozent für die menschliche Ernährung verwendet werden, aber 35 Prozent für Tierfutter, damit für die Fleischproduktion, und der Rest für andere Dinge, darunter zu 80 Prozent für Energie, also Agrarsprit. Hochgerechnet würde das Getreide, das in die Fleischproduktion geht, 3,5 Milliarden Menschen ernähren. Die FAO spricht bis 2050 von einer nötigen Produktionssteigerung um 70 Prozent. Können wir uns das überhaupt leisten, mit diesem hohen Einsatz von Erdöl, Dünger, Pestiziden? Die Klimarechnung spricht dagegen. Wir können weitermachen wie bisher. Dann wird es Crashs geben. Einen spüren wir schon, steigende Lebensmittelpreise.

OÖN: Es ändert sich doch auch beim Klimaschutz nichts, trotz warnender UNO-Berichte?

Haerlin: Wir haben eine Milliarde Hungernde auf der Welt und genau so viele, die mit hoher Wahrscheinlichkeit gesundheitliche Schäden davontragen, weil sie Übergewicht haben. Weitere 1,2 Milliarden Menschen haben Mangelernährung, also nur die Hälfte der Menschheit ist gesund ernährt. Da kommen sogar in Industriestaaten Zweifler, die sagen: Das geht so nicht! In Deutschland ist die Diskussion über Fleisch sehr heftig. Für viele Junge ist Massentierhaltung unerträglich.

OÖN: Sie touren mit Ihren Vorträgen durchs Land, weil Sie nicht auf einen Wandel warten wollen?

Haerlin: Ich möchte, dass die Umstellung der Landwirtschaft so schnell wie möglich geht, weil die Folgen, die die nächste Generation zu spüren bekommen wird, heute verursacht werden. Jedes Jahrzehnt, in dem weiter ein beispielloser Verlust an Artenvielfalt passiert, werden wir einmal bereuen. Das Auslaugen der Böden, der Verlust an genießbarem Wasser - all das sind Hypotheken, die wir eingehen. So wie die Staatshaushalte die nächsten Generationen mit Schulden belasten, tut es unser Ernährungssystem mit den Lebensgrundlagen. Je länger wir so weiterfahren, desto schmerzhafter wird der Aufprall an die Wand sein. Es spricht viel dafür, dass es kriegerische Ausmaße annehmen wird, wenn die Ressourcen in manchen Ländern knapp werden. Die Reform der EU-Agrarpolitik, die 2014 wirksam wird, wird die Weichen stellen. Solange neue Viehställe gefördert werden und biologische Landwirtschaft weniger, geht es in die falsche Richtung.

OÖN: Bio-Landwirtschaft hat im Ackerbau rund 20 bis 30 Prozent weniger Erträge. Wie soll das die Menschheit ernähren? Bio-Fleisch ist um 100 bis 150 Prozent teurer. Wer soll sich das leisten können?

Haerlin: Nur auf den Flächenertrag zu schauen und nicht auf den Einsatz von Dünger und Chemie und fossiler Energie, das ist keine seriöse Effizienzrechnung mehr. In dem Maße, wie Energie teurer wird, werden die Agrarmonokulturen sich nicht mehr rechnen. Bio-Anbau hat dagegen riesiges Potenzial. Alle Untersuchungen zeigen, dass Bio-Bauern in Afrika und Asien mit minimalem Mitteleinsatz die Erträge um das 1,5- bis Zweifache steigern können. Das ist entscheidend für die Bekämpfung des Welthungers. Biologisch ist konventionellen Methoden weit überlegen. Die Bio-Bauern können das selbst in die Hand nehmen, ohne teure Pakete von Monsanto, Pioneer oder Syngenta kaufen zu müssen, die sie sich gar nicht leisten könnten. Die Kosten von Maximalerträgen sind längst nicht mehr vertretbar. Das funktioniert nur noch, weil die öffentliche Hand Teile der Kosten trägt und die Folgekosten nicht beachtet. In Australien und Teilen der USA werden hohe Erträge wegen des Klimawandels nicht mehr machbar sein. Viele Früchte werden nicht mehr anbaubar sein. Monokulturen sind Hochrisiko-Technologie. Sie garantieren keine Ernährungssicherheit.

OÖN: Das Spiel lautet noch immer: Bauern müssen wachsen oder weichen.

Haerlin: 40 Prozent der Weltbevölkerung leben nach wie vor von der Landwirtschaft. Wenn ich auf der südlichen Halbkugel die Kleinen mit der Wachsen-oder-weichen-Strategie der EU kaputt mache, treibt das Milliarden Menschen ins Elend. In der westlichen Hälfte der EU veröden wegen der Agrarstruktur ganze Landstriche. Die künftige EU-Agrarpolitik wird darüber entscheiden, ob diese Probleme auch nach Rumänien, Bulgarien, Polen etc. gebracht werden. Lasse ich die fünf Millionen Bauern in den Beitrittsländern über die Klinge springen? Welche Arbeitsplätze kann ich ihnen in den Städten anbieten? Oder schaffe ich mit ein wenig Fördergeld ein postindustrielles Modell, das die Arbeit auf den Höfen erhält. Die EU erspart sich die ökologischen Probleme und die Folgekosten, die ihr Agrarmodell der Landwirtschaft im Osten brächte, und sie spart sich die Kosten von fünf Millionen Arbeitslosen.

OÖN: Es geht aber in die Gegenrichtung. Der polnische Landwirtschaftsminister hat kürzlich gefordert, in der EU die Fleischproduktion zu steigern, weil sie auf dem Weltmarkt zurückfalle.

Haerlin: Die EU importiert derzeit netto Agrarprodukte, die zur Produktion eine Fläche von rund 35 Millionen Hektar erfordern würden, zu 77 Prozent als Futtermittel. Warum muss ein Schwein in Oberösterreich mit Protein aus Brasilien gefüttert werden? Diese Veredelung könnten wir, wenn schon, auch in der EU machen. Das funktioniert nur wegen ungerechter Regeln der Welthandelsorganisation WTO. Mit massiven Subventionen, zum Beispiel in den Stallbau, wird dieser ökonomisch-ökologische Wahnsinn ermöglicht. Wie will ich das dem Steuerzahler vermitteln?

OÖN: Der will billiges Fleisch essen, es ist einer der großen Lockvögel der Supermärkte.

Haerlin: Billig hat verschiedene, nicht klassisch marktwirtschaftliche Väter. Es gibt keine Importsteuern auf Soja und hohe auf Fleisch. In Deutschland werden zehn Milliarden Euro im Jahr in Werbung investiert, um Konsumenten von Nahrungsmitteln zu überzeugen. Eine Botschaft lautet: Fleisch muss billig sein. Aber ist das volkswirtschaftlich klug?

OÖN: Würden die Menschen so einfach auf billiges Fleisch verzichten?

Haerlin: Auch wenn wir nicht auf eine totale Spar- und Verzichtswirtschaft umsteigen wollen, werden wir bald viel genauer hinschauen, was die Dinge wirklich kosten. Die Zeit des billigen Fleisches ist vorbei. Wenn die Leute in den TV-Soaps keine Burger mehr essen, wird sich die Nachfrage ändern. Das ist auch wichtig in den Schwellenländern. Dasselbe ist es mit dem Zucker. Diese Massen an leeren Kalorien, die wir zu uns nehmen, das ist kein natürliches Verhalten. Je mehr Wissen, desto weniger brauchen wir. Das gilt für Bauern wie für die Konsumenten.
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