Sonntag, 24. Juni 2018


  • Pressemitteilung BoxID 689266

Kongresspräsidenten-Interview Prof. Dr. med. Tobias Schilling: "Pflege und Ärzte werden im Team als Partner verstanden - das ist einzigartig in der Notfallmedizin!"

12. Jahrestagung Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin, 12.-14.10 2017 in Stuttgart

Stuttgart, (lifePR) - Das Kongressmotto „Profession Interdisziplinarität“ der 12. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA) vom 12. – 14. Oktober 2017 in Stuttgart ist hochaktuell: Um die beste Versorgung von Notfallpatienten zu garantieren, soll die Zusammenarbeit optimiert werden. Pflege und Ärzte werden im Team als Partner verstanden – dieser Ansatz ist einzigartig bei der DGINA. Dazu werden Notfallmediziner, Notärzte, Gesundheits- und Krankenpflege sowie Rettungssanitäter, Rettungsassistenten und Ärzte aller Fachrichtungen aus dem In- und Ausland drei Tage lang aktuelle wissenschaftliche notfallmedizinische Erkenntnisse in Stuttgart austauschen, über ihre Erfahrungen diskutieren und in zahlreichen Workshops praktische Fertigkeiten einüben. Zu den Highlights der Tagung und aktuellen Themen in der Notfallmedizin gibt Kongresspräsident Prof. Dr. med. Tobias Schilling, Interdisziplinäre Notaufnahme (INA) am Klinikum Stuttgart, im Interview aktuelle Einblicke.

KA: Welche aktuellen Aspekte impliziert das Motto „Profession Interdisziplinarität“ bei der diesjährigen Jahrestagung?

Prof. Schilling: „Interdisziplinarität meint hier die Zusammenarbeit von verschiedenen Fachrichtungen am Patienten. Wenn ein Patient ein Symptom entwickelt, ist er interdisziplinär. Erst mit einer Diagnosestellung wird er einer Fachdisziplin zugeordnet. Der Weg vom Symptom zur Diagnose ist dabei entscheidend. Auf diesem Weg ist der Patient professionell und qualitativ hochwertig zu begleiten. Dies ist die wesentliche Aufgabe der Notfallärzte und der Notfallpflege in den Notaufnahmen. Das Motto des diesjährigen Kongresses ist es also, „mit Profession Interdisziplinarität“ am Patienten walten zu lassen.“

KA: Das vielfältige Kongressprogramm bietet neben wissenschaftlichen Sitzungen mit international anerkannten Experten gemeinsame Workshops, Teamtrainings und Simulationsübungen für alle Berufsgruppen, die an der Notfallversorgung beteiligt sind. Was sind in diesem Jahr die Highlights?

Prof. Schilling: „Bei den Workshops haben wir dieses Jahr sehr auf die Sicherung des Atemweges im Notfall geachtet. Hier finden sich z.B. Workshops, bei denen man an der Rehtrachea einen Luftröhrenschnitt üben kann. Auch ist die Rettungsübung beim Tunnelbau des Bahnhofprojektes Stuttgart 21 hervorzuheben. Hier wird auf die Besonderheiten einer Tunnelrettung eingegangen und praktisch geübt. Dieses Jahr werden wir auch eine neue Art von Simulation einführen. Eine Gruppe von Ärzten wird an einer Simulationspuppe eine Notfallversorgung üben: die Zuschauer werden dabei mittels einer TED-Abstimmung bei schwierigen Entscheidungen „hautnah“ integriert und müssen selbst entscheiden, was sie als nächstes tun würden. Das gleiche Prinzip der Integration von Zuhörern verfolgen die TED-basierten Fallvorstellungen. Hier werden Fälle aus der Praxis vorgestellt und die Zuhörer werden mittels TED gefragt, wie Sie entschieden hätten.“

KA: Das Hauptthema des Kongresses „wahre Interdisziplinarität“ soll in gemeinsamen Diskussionen von Ärzten und Pflegern geklärt werden soll. Was steckt hinter diesem Ansatz?

Prof. Schilling: „ ‚Interdisziplinarität‘ ist derzeit eine Art ‚Modebegriff‘. Viele Notambulanzen nennen sich interdisziplinär, sind es aber in Wirklichkeit gar nicht, sondern arbeiten nach dem Prinzip einer Zentralen Notaufnahme (ZNA). Bei einer ZNA wird ein Patient nacheinander von den verschiedenen Fachrichtungen abgeklärt. Bei einem Patienten mit Bauchschmerzen, der sich in einer ZNA vorstellt,  muss z.B. entschieden werden, wer den Patienten primär anschaut, der Internist oder der Chirurg. Wenn beide Disziplinen den Patienten anschauen, muss entschieden werden, welche Disziplin der Hauptbehandler ist und welche Disziplin als Konsil fungiert. Bei einer Interdisziplinären Notaufnahme (INA) nimmt sich der Notfallmediziner, unabhängig von seiner Fachrichtung, des Problems und des Symptoms des Patienten an. Er ist der Hauptbehandler. Falls er das Problem nicht eigenständig lösen kann, wird er entsprechende Fachdisziplinen in Form von Konsilen hinzurufen. Er bleibt aber weiterhin der Hauptbehandler des Patienten und vermittelt die Konsile an den Patienten. Dieses nimmt sozusagen die Problemsicht ein und löst das Problem des Patienten.

KA: Was sind die Schwerpunkte auf der diesjährigen Tagung? Welche aktuellen Themen in der Notfallmedizin sind besonders hervorzuheben?

Prof. Schilling: „Wir haben auf dem diesjährigen Kongress die Rolle und Bedeutung der Pflege für die Notfallbehandlung gewürdigt und in den Vordergrund gestellt. Die Pflege spielt bei der Notfallbehandlung eine wichtigere Rolle als ihr manchmal zugestanden wird. Wir, die Kongresspräsidentin und Kongresspräsidenten, stammen hälftig aus der Pflege. Wir haben darauf geachtet, dass sich bei den Vorträgen Ärzte und Pflege abwechseln. Inhaltlich haben wir die Sepsis und deren Behandlung in Form einer State-of-the-art-Vorlesung in den Vordergrund gestellt. Auch auf die aktuelle Problematik der zunehmenden Gefahr von Terrorlagen in Deutschland und deren Behandlung werden wir eingehen.“

KA: Ein wichtiges Kongressthema ist die weitere Professionalisierung der Pflege, insbesondere im Bereich der Notaufnahmen. Weshalb ist das aus Sicht der DGINA notwendig, wo gibt es Defizite?

Prof. Schilling: „Die Professionalisierung der Pflege ist ein wichtiges Thema. Von der Pflege wird außergewöhnlich viel Wissen und Können in der Notaufnahme abverlangt. Sie soll vom Schlaganfall über den Herzinfarkt auch Frakturversorgung und Gipsen beherrschen, vom ambulanten 08/15-Fall bis zum beatmungspflichten Notfallpatienten die ganze Bandbreite der Behandlungsschwere in den ersten Maßnahmen. Neben der Behandlung von Erwachsenen soll die Behandlung von Kindern beherrscht werden. Daneben gynäkologische, HNO-ärztliche und Probleme weiterer Fachrichtungen. Das ist eine wahre Herausforderung. Dazu muss die Pflege bereit sein, JEDES Problem von Notfallpatienten anzunehmen und zusammen mit den Ärzten im Team zu lösen. Es gibt hier kein Entkommen, keine Hintertür, mit der man das Problem an andere abgeben könnte. Bisher gab es bei der Pflege keine entsprechende Ausbildung; es musste im Alltag gelernt werden. Hier bedarf es schon lange einer entsprechenden Weiterbildung und Anerkennung dieser herausfordernden Tätigkeit. Dieser notwendigen Professionalisierung in der Notfallpflege trägt die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) auch ganz aktuell durch die Empfehlung einer Weiterbildung Notfallpflege adäquat Rechnung. Die Notfallpflege wird damit auf die gleiche Stufe einer Pflegekraft auf der Intensivstation mit Fachweiterbildung für Anästhesie und Intensivpflege gestellt.“

KA: Welche Fortschritte gibt es bei der fachlichen Qualifikation von Ärzten und Pflegenden für die klinische Akut- und Notfallmedizin? Welche Maßnahmen werden bei der Tagung diskutiert, um die notfallmedizinische Versorgung weiter zu optimieren? Gibt es dafür schon Finanzierungskonzepte?

Prof. Schilling: „Die Weiterbildung Notfallpflege ist ein wichtiger Schritt zur fachlichen Qualifikation der Pflege. Hier sind wir gerade dabei, die entsprechenden Weiterbildungsprogramme aufzulegen und anzubieten. Als Pendant für die Pflege brauchen wir für die ärztlichen Mitarbeiter in den Notaufnahmen ebenfalls einen Facharzt oder eine Zusatzweiterbildung. In Berlin ist die ärztliche Zusatzweiterbildung ‚Notfall- und Akutmedizin‘ bereits anerkannt. Im Moment wird die Zusatzweiterbildung gerade auf Bundesebene geprüft. Ich gehe davon aus, dass diese in den nächsten Jahren auch für Ärzte bundesweit kommen wird. Wir hinken hier Jahrzehnte anderen Ländern wie zum Beispiel England, USA, Australien und weiteren Ländern hinterher: Dort ist die ‚emergency medicine‘ und der ‚emergency doctor‘ eine anerkannte ärztliche Fachrichtung mit hohem Ansehen.“

KA: In welchen Bereichen sind weitere Verbesserungen der Standards für die klinische Notfallversorgung notwendig und möglich? Was muss sich in den Notaufnahmen ändern?

Prof. Schilling: „Aus meiner Sicht ist vor allen Dingen bei der Organisation von Notaufnahmen anzusetzen. Notaufnahmen müssen als eigenständige Abteilungen innerhalb des Krankenhauses anerkannt werden. Sie brauchen eine eigene und starke chefärztliche Führung mit einem gut ausgebildeten Team. Nur so lässt sich eine exzellente Qualität in der notwendigen Breite erreichen. Letztendlich haben Notaufnahmen dabei die Rolle einer fachübergreifenden Sicht auf den Patienten einzunehmen. Die Notambulanzen haben einen Blick auf den Behandlungsprozess des Patienten ohne Basis eines Fachrichtungshintergrundes zu werfen. Die Notaufnahmen haben die Aufgabe, den Behandlungsprozess so zu gestalten und zu planen, dass schnell die richtigen Ressourcen und die richtigen Fachrichtungen in der richtigen Reihenfolge aktiv werden mit dem Ziel, dass der Patient schnell wieder entlassen werden kann.“

KA: Die Struktur der notfallmedizinischen Versorgung in Deutschland ist immer noch heterogen. Welche Möglichkeiten werden diskutiert, eine qualitativ hochwertige notfallmedizinische Versorgung flächendeckend zu erreichen?

Prof. Schilling: „Wir brauchen die bereits dargestellten Weiterbildungs-Curricula für Ärzte und Pflege. Dann brauchen wir klare strukturelle Infrastrukturvorgaben, wie eigene chefärztliche Führung, Facharztstandard, Fachpflegestandard. Notfallmedizin ist aufgrund der Vorhaltung von 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr eine sehr teure Angelegenheit. Wir brauchen hier endlich eine adäquate Bezahlung und personelle Ausstattung, die dieser Aufgabe gerecht wird. Das wird aus meiner Sicht nur gelingen, wenn man die Vergütung der Notfallbehandlung von den Streitigkeiten um die Querfinanzierung der ambulanten Leistungen der Notambulanzen mit stationären Mitteln trennt. Wir brauchen eine fallbasierte Notfallpauschale, die unabhängig von den stationären (DKG) und ambulanten (KV) Töpfen bezahlt wird.“

KA: Wir bedanken uns herzlich für das Interview!

Weitere Informationen zur 12 . DGINA-Jahrestagung sowie das wissenschaftliche Programm gibt es unter www.dgina-kongress.de.

Diese Pressemitteilungen könnten Sie auch interessieren

GesundheitsCampus Osnabrück ist beim Hauptstadtkongress ein Treffpunkt für die Region

, Gesundheit & Medizin, Hochschule Osnabrück

Weit mehr als 8.000 Verantwortungsträger aus dem deutschen Gesundheitswesen sind in diesem Jahr beim Hauptstadtkongress Medizin & Gesundheit...

1.700 E.ON-Mitarbeiter spenden Blut

, Gesundheit & Medizin, E.ON Energie Deutschland GmbH

Aktion rund um Weltblutspendertag erfolgreich #missing­type lässt „O“ für eine Woche aus dem Logo verschwinden Rund um den Weltblutspendertag...

WM-Tipp: Mit diesen 11 richtig liegen

, Gesundheit & Medizin, MEDICOM Pharma GmbH

Die Medicom Pharma GmbH stellt die WM-Topspieler von Medicom vor! An diesem WM-Kader mit 11% Rabatt kommt keiner vorbei. Medicom ist seit mehr...

Disclaimer