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OECD-Studie Taxing Wages 2007: Steuer- und Abgabenlast in Deutschland aufgrund geringerer Sozialbeiträge gesunken

Gering- und Durchschnittsverdiener im OECD-Vergleich weiter überproportional belastet

(lifePR) (Paris/Berlin, ) Durch die geringeren Beiträge zur Arbeitslosenversicherung ist in Deutschland im vergangen Jahr auch die Gesamtbelastung der Arbeitseinkommen durch Steuern- und Sozialbeiträge gesunken. Im OECD-Vergleich liegt sie aber besonders für Gering- und Durchschnittsverdiener weiter auf hohem Niveau. Dies geht aus den jüngsten Berechnungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zur Steuer- und Abgabenlast hervor, die heute in Paris veröffentlicht wurden.

So beliefen sich im vergangen Jahr laut der Studie Taxing Wages 2007 in Deutschland Steuern und Sozialabgaben für einen alleinstehenden Durchschnittsverdiener auf 52,2 Prozent der Arbeitskosten (Bruttoverdienst plus Sozialbeiträge der Arbeitgeber). Dies sind 1,1 Prozentpunkte weniger als 2006. Nach Schweden und Island war das der stärkste Rückgang innerhalb der OECD. Nach wie vor hat Deutschland aber die dritthöchste Abgabenlast innerhalb der OECD. "Deutschland bewegt sich mit der stärkeren Steuerfinanzierung der Sozialleistungen in die richtige Richtung. Diese Strategie sollte entschlossen fortgesetzt und durch umfassendere Reformen für eine Verminderung der Belastung der Arbeitseinkommen ergänzt werden", sagte Christopher Heady, Leiter der Abteilung Steuerpolitik und Statistik der OECD.

Betrachtet man die Entwicklung seit 2000, so ist auch hier die Steuer- und Abgabenlast auf Arbeitseinkommen für fast alle untersuchten Haushaltstypen gesunken. Wichtige Ausnahme sind Alleinerziehende mit geringem Einkommen. Die Entlastungen sind allerdings sehr unterschiedlich verteilt und konzentrieren sich auf die Bezieher höherer Einkommen. So hat die Abgabenlast für Gering- und Durchschnittsverdiener trotz deutlich niedrigerer Steuersätze seit 2001 in den vergangen Jahren kaum abgenommen. Gut verdienende Singles haben dagegen deutlich geringere Abzüge als noch im Jahr 2000.

Ein Grund für diese unterschiedliche Entwicklung ist die sogenannte "kalte Progression", die die Steuerlast in einem progressiven Steuersystem schon allein durch höhere Nominallöhne steigen lässt. So sah die Steuerreform von 2001 für Durchschnittsverdiener eine Entlastung um 2 Prozentpunkte vor und damit fast in der gleichen Größenordnung wie für Spitzenverdiener. Bei den Durchschnittseinkommen ist durch Inflation und eine geringe Reallohnsteigerung von dieser Steuersenkung nun fast nichts mehr übrig. Um solche Effekte zu vermeiden, werden in den meisten anderen OECD-Ländern die Steuerstufen, Transfers und Steuererleichterungen automatisch an die Preisentwicklung angepasst. Steuersenkungen bleiben somit dauerhaft für alle Einkommensgruppen erhalten (siehe Taxing Wages S. 53).

In Deutschland hat sich dagegen die Steuer- und Abgabenlast weiter auf Gering- und Durchschnittsverdiener konzentriert, während die Belastungen höherer Einkommen im Vergleich zu anderen OECD-Ländern mit einer hohen Durchschnittsbelastung eher moderat ausfallen. So nimmt, anders als es das progressive Steuersystem vermuten lässt, die Gesamtbelastung ab einem bestimmten Einkommen sogar wieder ab. Grund dafür ist, dass die Sozialabgaben oberhalb der Beitragsbemessungsgrenzen komplett wegfallen. Wer als Single mehr als das Doppelte des Durchschnittslohns verdient, hat somit anteilig weniger Abgaben als ein Durchschnittsverdiener.

Dagegen haben die meisten OECD-Länder mit hoher Steuer- und Abgabenlast in den vergangen Jahren Anstrengungen unternommen, die unteren Einkommensgruppen deutlich zu entlasten. Diese Reformen waren vor allem von der Erkenntnis getrieben, dass bei wachsendem Einkommensgefälle und der gesunkenen Wettbewerbsfähigkeit gering qualifizierter Arbeitnehmer die Lasten anders verteilt werden müssen.

So fallen in Frankreich heute für einen Arbeitnehmer mit halbem Durchschnittslohns nur noch 30 Prozent der Arbeitskosten als Steuer- und Sozialabgaben an, in Deutschland sind es hingegen 45 Prozent. Auch in Belgien, Ungarn, Italien, Schweden, den Niederlanden und der Tschechischen Republik konzentrierten sich die Reformen auf die Geringverdiener, was in den meisten Ländern zu deutlichen Entlastungen dieser Einkommensgruppen geführt hat.

Besonders weit über dem OECD-Mittel liegt in Deutschland die Abgabenlast für Alleinerziehende mit geringem Einkommen (zwei Kinder und 2/3 des Durchschnittslohns). Für diesen Personenkreis liegt die Abgabenquote im OECD-Mittel um rund 80 Prozent unter deutschem Niveau. Hintergrund für diesen großen Unterschied ist, dass viele OECD-Länder diesem Personenkreis umfangreiche staatliche Transfers gewähren. In einigen Ländern führt das dazu, dass der Arbeitnehmer sogar netto mehr in der Tasche hat als der Arbeitgeber brutto zahlt. "Die Kombination aus relativ hoher Abgabenlast auf niedrige Arbeitseinkommen und vergleichsweise hohen Sozialleistungen bei Nichtarbeit, können ein Anreiz sein, keine Arbeit aufzunehmen. Dieser Faktor kann besonders bei Alleinerziehenden eine Rolle spielen, bei denen auch die sonstigen Umstände die Arbeitsaufnahme erschweren", sagte Heady.

Trotz der hohen Belastungen auf durchschnittliche Arbeitseinkommen sind in Deutschland die Gesamteinnahmen des Staates aus Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen vergleichsweise gering. So lag 2006 der Anteil der Steuer- und Sozialversicherungseinnahmen bei 35,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und damit unter dem OECD-Schnitt.

Die Steuer- und Sozialabgabenlast auf die Arbeitskosten berechnet sich aus Einkommenssteuer abzüglich Bartransfers (z.B. Kindergeld) plus Sozialversicherungsbeiträge der Arbeitnehmer und der Arbeitgeber. Pauschale Absetzungen von der Steuer für Werbungskosten oder Sozialversicherungsbeiträge werden ebenfalls berücksichtigt. Nicht enthalten in der Berechnung sind positive oder negative Einkünfte aus anderen Einkunftsarten (Kapital, selbständige Arbeit, Vermietung und Verpachtung etc.), Steuerabschläge, die an bestimmte Voraussetzungen gebunden sind (z.B. für Berufspendler) und Transfers, die ausschließlich für Bezieher geringer Einkommen gezahlt werden (z.B. Wohngeld). Für detaillierte Angaben zu Deutschland siehe S. 225ff Taxing Wages.

Als Durchschnittslohn wird der durchschnittliche Jahresbruttoverdienst eines Vollzeitarbeitnehmers in der Privatwirtschaft herangezogen (Deutschland 2007: 42.949 Euro). Ausgedrückt in US-Dollar zu Kaufkraftparitäten (US-Dollar PPP) entspricht das 49.744 US-Dollar PPP. Im OECD-Schnitt lag das durchschnittliche Jahresbrutto bei 34.033 US-Dollar PPP (ungewichtetes Mittel). Siehe auch S. 130/131 Taxing Wages.

www.oecd.org/de/taxingwages