Interview mit Jörg-Michael Satz auf dem MOVING Fahrschulforum am Schwielowsee

(lifePR) ( Berlin, )
Zum ersten Mal fand am 28. und 29. Mai das MOVING Fahrschulforum statt, auf dem Fahrschullehrer, Fahrprüfer und Experten zusammenkamen, um sich über die Fahrschule der Zukunft und richtungsweisende Themen wie E-Mobilität und Digitalisierung auszutauschen.

Im Interview resümiert Jörg-Michael Satz, Präsident der MOVING International Road Safety Association e.V. über das Forum und spricht über Trends sowie Entwicklungen der Branche.

In der Expertenrunde war häufig die Rede von der lebenslangen Vermittlung von Fahrkompetenz als zukünftiges Geschäftsfeld von Fahrschulen. Was genau bedeutet das?

Der typische Autokäufer ist über 50 Jahre alt. Er kauft sich Fahrzeuge mit den neuesten Assistenzsystemen – doch weiß er häufig nicht, wie diese funktionieren. Fatal, denn das beste Assistenzsystem bringt nichts, wenn es nicht sicher bedient werden kann. Hier gibt es großen Schulungsbedarf, auch hinsichtlich der Elektromobilität, den Fahrschulen zukünftig bedienen sollten. Um potentielle Kunden auf dieses Angebot der Fahrschulen und den großen Nutzen aufmerksam zu machen, bedarf es aus unserer Sicht Partnerschaften, Kooperationen und Unterstützung aus der Politik. Autofahrer sollten bestenfalls durch die Fahrschule ein Leben lang begleitet und auf neue Technologien und Mobilitätsmodelle vorbereitet werden.

Beim Forum wurde klar: Ein großes Thema der Branche ist der Nachwuchsmangel. Was kann die einzelne Fahrschule tun, um dem entgegenzuwirken und was erwartet MOVING von der Politik?

Zuerst einmal muss die Fahrlehrerschaft anfangen, ihren eigenen Nachwuchs auszubilden. Fahrschulen müssen sich attraktiv für potentielle Auszubildende machen und die vielen schönen Seiten sowie Vorteile des Berufs herausstellen. Außerdem wünschen wir uns natürlich eine stärkere Unterstützung seitens der Politik, beispielsweise in Form einer Schirmherrschaft des Verkehrsministers. Dieser unterstützt zwar u.a. zurzeit ein Projekt der Speditionsverbände, um den Beruf des LKW-Fahrers attraktiver zu machen – ein wichtiges Ziel. Allerdings muss man unserer Meinung nach erst mal mehr Fahrlehrer ausbilden. Was nützt es, wenn wir zwar willige Kraftfahrer haben, jedoch keine Lehrer, die diese zu Kraftfahrern ausbilden können?

Wenn sich der Fahrlehrernachwuchs weiterhin rückläufig entwickelt, was könnte das im schlimmsten Fall für Führerscheinanwärter bedeuten?

Momentan haben wir ca. 1.200 neue Fahrlehrer pro Jahr. Inwieweit das zu Absicherung des zukünftigen Bedarfs reicht, können wir zurzeit nicht abschätzen. Was wir aber wissen: Zurzeit ist mit den vorhandenen Fahrlehrern die Nachfrage kaum zu decken. Auch beim Fahrschulforum haben Fahrschulen berichtet, dass sie teilweise Schüler wegschicken müssen, da sie einfach nicht genug Ausbilder haben, deshalb sogar Umsatzeinbußen verzeichnen müssen. Geht das so weiter, so sehen wir uns schlimmsten Fall mit einer Versorgungslücke konfrontiert. Deshalb ist es extrem wichtig, dem jetzt entgegenzuwirken. Indem wir den Beruf des Fahrschullehrers wieder attraktiver machen und die Vorteile herausstellen.

Wie werden heute Fahrlehrer-Anwärter gefunden und ausgebildet?

Der Fahrlehrerberuf ist ein typischer Quereinsteigerberuf, der Gesetzgeber gibt vor, dass man erst mit 21 Jahren als Fahrlehrer tätig sein darf. Da haben viele junge Leute bereits eine andere Ausbildung abgeschlossen. Deshalb beziehen Fahrschulen viele Fahrlehrer über das Arbeitsamt, das Quereinsteiger bei der 13-monatigen Ausbildung finanziell fördert. Das reicht aber längst nicht, weshalb viele Fahrschulen jetzt schon geeignetes Personal rekrutieren und die Ausbildung selbst finanzieren. So kann qualifiziertes Personal gefunden werden, bei dem möglicherweise auch jemand dabei ist, der die Fahrschule in der Nachfolge übernehmen kann.

Sollte man diese Ausbildung attraktiver gestalten und wenn ja, wie könnte das aussehen?

Ein wichtiger Schritt wurde mit der Fahrlehrerreform 2018 gemacht, denn damit können nun auch Frauen und Männer ausgebildet werden, die einen Motorrad- und LKW-Führerschein haben. Das war früher anders und stellte eine große Hürde da, gerade bei Frauen. Wichtig ist außerdem, dass wir die Ausbildung finanziell unterstützen, denn die Kursgebühren sind sehr hoch. Die Quereinsteiger haben oft schon Familie und andere Lebenshaltungskosten als ein Auszubildender direkt nach der Schule. Im nächsten Schritt müssen wir unbedingt das Image des Fahrlehrer-Berufs attraktiver machen. Deshalb zeigen wir von MOVING auf, wie wichtig die Rolle des Fahrlehrers als Mobilitätsberater der Zukunft ist und welche spannenden Aufgaben vor dem Hintergrund neuer Technologien (z. B. Fahrassistenzsysteme, Simulatoren) auf den Fahrlehrerberuf warten.

Welche Vorteile bietet der Fahrschullehrer-Beruf konkret?

Da gibt es viele! Zuerst einmal ist der Beruf des Fahrschullehrers sehr abwechslungsreich: Man hat ständig mit jungen und ganz unterschiedlichen Menschen zu tun. Außerdem bietet der Beruf die Möglichkeit verschiedener Teilzeitarbeitszeitmodelle und flexible Arbeitszeiten. Und nicht zuletzt beschäftigt man sich mit einem Trendthema der Zukunft, das in der Gesellschaft große Anerkennung findet, der Mobilität.

Welche Investitionen müssen Fahrschulen zukünftig tätigen?

Das wichtigste Handwerkszeug der Fahrschule ist und bleibt das Auto, in das es zu investieren gilt. Damit Fahrschüler immer auf dem neusten Stand der Technik ausgebildet werden, sollten Fahrschulautos mit den aktuellen Assistenzsystemen ausgestattet sein. Auch ist es sinnvoll, neben einem Schaltwagen noch ein Elektromobil in die Fahrschulflotte mit aufzunehmen, sodass auch diese Art von Fahren gelernt werden kann. Auch kann die Anschaffung von Fahrsimulatoren einen Mehrwert schaffen: Fahrschüler können mit deutlich weniger Druck ihre ersten Fahrstunden absolvieren, bevor sie im echten Straßenverkehr das Fahren lernen.

Immer wieder ist die Rede von autonomen Mobilitätsmodellen. Was sagen Sie, ist dies tatsächlich ein aktuelles Thema oder wird es überschätzt?

Bis das autonome Fahren zu unserem Alltag gehört, werden noch einige Jahre, eher Jahrzehnte vergehen. Was aber bald kommen wird, sind teilautomatisierte Fahrzeuge. Fahrschulen werden Fahranfänger aber auch bereits erfahrende Autofahrer auf diese neuen Systeme vorbereiten. Die Ausbildung wird sich dadurch verändern. Fahrschulen werden ihre Angebote viel individueller ausrichten.

Ein erster wichtiger Meilenstein, um Fahrschüler auf moderne und zukunftsorientierte Systeme vorzubereiten, wurde gerade erst gesetzt. Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur hat auf unserem Fahrschulforum am Schwielowsee in Aussicht gestellt, dass die Automatik-Regelung bei der Fahrschul-Prüfung abgeschafft werden soll. Dafür haben wir lange gekämpft, denn jetzt können Fahrschulen endlich vermehrt auf modernen Automatik-Fahrzeugen ausbilden und trotzdem einen Führerschein ausstellen, der auch zum Bedienen von Schaltgetriebe-Fahrzeugen berechtigt.

Was bedeutet die Abschaffung der Automatikbeschränkung für den Endverbraucher, aber auch für die Fahrschulen?

Fahrschüler werden zukünftig im Anschluss an die Automatikprüfung die Möglichkeit haben, sich zusätzlich an einem Schaltgetriebe-Fahrzeug testen zu lassen, ohne, dass eine erneute Fahrerlaubnis-Prüfung notwendig ist. Dies ist für viele Fahrschüler interessant, denn mit einem Automatikgetriebe das Autofahren zu erlernen ist deutlich einfacher. Der Grund: Man kann sich ganz auf den Straßenverkehr konzentrieren ohne parallel schalten zu müssen. Außerdem ist das Automatikgetriebe modern und sehr gefragt. Damit können die Fahrschüler bei der Fahrausbildung viel besser auf den Umgang mit E-Autos vorbereiten und somit die steigende Nachfrage des Nachwuchses nach klimaneutraler Mobilität bedienen.

Herr Satz, Stichwort Shared Mobility: Chance oder Existenzbedrohung?

Aus unserer Sicht stellen Shared Mobility und das Car Sharing für die Fahrschule der Zukunft keine Bedrohung dar, denn ein Führerschein und eine solide Fahrausbildung werden natürlich trotzdem benötigt, um ein Automobil führen zu können.

Wie können sich Fahrschulen auf die Digitalisierung vorbereiten?

Fahrschulen sind bereits in hohem Maße digitalisiert, so z. B. in der Verwaltung und in der Ausbildung. Sie sind über Softwaresysteme miteinander vernetzt, über 90 Prozent der Fahrschüler können so sich so z. B. mit Hilfe von Apps auf die Prüfung vorbereiten. Die Digitalisierung findet auch durch das Üben an Simulatoren, das Bescheinigen des Fahrschulunterrichts oder die Auswertung der Theorieprüfung statt. Ein Thema wird sicherlich das sogenannte Blended Learning, also das e-Learning sein, das uns zukünftig erwartet. Allerdings werden die hierfür notwendigen Unterlagen von den Lehrmittelverlagen aufbereitet, sodass die Fahrschule voraussichtlich keine großen Investitionen tätigen müssen.

Werden digitale Modelle den Präsenzunterricht in der Fahrschule ablösen?

E-learning und Fahrsimulatoren sind sinnvolle Ergänzungen, um den Fahrschüler vorzubereiten, sie werden den Präsenzunterricht aber niemals ganz ersetzen können, diese Meinung teilten alle Experten auf dem Fahrschulforum. Auch das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur hat mehrmals hervorgehoben, wie wichtig der Präsenzunterricht in der Fahrschule ist, um die Verkehrssicherheit in unserer Gesellschaft zu gewährleisten.

Wie bewerten Sie die Zukunft des Fahrschullehrers?

Ich bin ganz der Meinung der Experten aus Politik, Wirtschaft, Verkehr und Bildung auf dem MOVING Fahrschulforum, dass der Fahrschullehrer perspektivisch eine wichtige Rolle in unserer Gesellschaft spielen wird. Wir stehen vor einer Verkehrswende mit neuen Technologien und Mobilitätsmodellen. Unsere Gesellschaft braucht Fahrlehrer, die sie bei diesen Veränderungen begleitet und sie auf die Zukunft der Mobilität vorbereitet. Das eröffnet völlig neue Perspektiven, der Beruf wird interessanter und vielseitiger als er es jemals war.

Sind Sie zufrieden mit dem ersten MOVING Fahrschulforum?

Wir sind sprachlos und überwältigt. Wir sind davon überzeugt, dass derartige Veranstaltungen Fahrschulen immens hinsichtlich ihrer zukünftigen Entwicklung helfen können. Deshalb planen wir auch, dass wir das Fahrschulforum im Zweijahresrhythmus fortführen werden. Außerdem organisieren wir einmal jährlich ein Expertenforum in Berlin und halten Fahrschulen über unseren Newsletter über Trends sowie Entwicklungen aus der Politik auf dem Laufenden.

Herr Satz, vielen Dank für das Gespräch!
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