Corona verursacht Rückstau bei Adipositas-Chirurgie: Lancet-Studie und Umfrage zur Lage in Deutschland

Experten kritisieren stiefmütterlichen Umgang mit Adipositas-Therapie insgesamt

(lifePR) ( Köln, )
In Zeiten von Corona mussten viele geplante Operationen, einschließlich der Adipositas-Chirurgie ausgesetzt werden. Nun kehren die Krankenhäuser langsam zur Normalität zurück und kämpfen mit knappen OP-Kapazitäten. Droht jetzt eine Benachteiligung übergewichtiger Patienten? 23 Experten der internationalen Konsenskonferenzreihe des Diabetes Surgery Summit (DSS) empfehlen in einem Positionspapier eine Triage-Strategie, um dringend bedürftige Adipositas-Patienten zu identifizieren. health tv hat deutsche Experten in Fachgesellschaften, Adipositaszentren, Berufs- und Patientenverbänden befragt. Hierzulande sind sich die Akteure jedoch uneins.

Nach Schätzung der AdipositasHilfe Deutschland wurden im Zeitraum 21. März bis 08. Mai 2020 rund 1.500 geplante Eingriffe nicht durchgeführt. „Das gilt für die zertifizierten Adipositaszentren. Hinzu kommen weitere 500 bis 600 aufgeschobene Operationen in den nichtzertifizierten Zentren, sagt Micheal Wirtz, Leiter der Gesundheitspolitik des Patientenverbandes im Interview mit health tv.

Kein Triage-System für Deutschland notwendig?

Lars Selig, Sprecher der Fachgruppe Adipositas vom Verband der Diätassistenten (VDD) hält ein spezielles Triage-System für nicht erforderlich. „Es besteht schon immer eine gewisse Triagierung, da multimorbide Patienten eher operiert werden als gesündere. Elektive Eingriffe in diesen Zeiten einer hohen Ansteckungsgefahr abzusagen, ist aber völlig in Ordnung“, betont der Leiter des Ernährungsteams am Universitätsklinikum Leipzig. Das sieht Prof. Dr. Goran Marjanovic, Leiter Metabolische Chirurgie am Universitätsklinikum Freiburg  ähnlich: „Wegen des Risikos einer möglichen Infektion im Krankenhaus muss man sehr gut abwägen, ob gerade die schwerwiegend kranken Adipositas-Patienten als erste neu geplant werden. Es wäre jedoch sicherlich falsch, alle Adipositas-Operationen als hoch planbare Eingriffe einzustufen und sie ohne differenziertere Betrachtung soweit zu verschieben, bis die Pandemie möglicherweise zu Ende ist!“ Dr. Thomas Mansfeld, Chefarzt und Leiter des Adipositaszentrums am Asklepios Westklinikum Hamburg ist sicher, dass die Problematik noch lange bestehen bleibt. „Wir werden innerklinisch Konditionen schaffen müssen, die das Risiko an COVID-19-Infektionen von Adipositas-Patienten weitest möglich ausschalten.“ Dass Kliniken nicht ausreichend vorbereitet sind, davon ist Melanie Bahlke, Vorsitzende der Adipositaschirurgie Selbsthilfe Deutschland überzeugt: „Wenn stark adipöse Patienten an Covid-19 erkranken, können Rettungspersonal, Pflegepersonal und Ärzte nicht optimal handeln, da die Begebenheiten nicht immer passen. Und das ist für Patienten, die zu einer Risikogruppe gehören fatal. Adipositas ist eine chronische Erkrankung, die in all ihren Stadien unterschätzt und diskriminiert wird. Gerade in Zeiten von COVID-19 stellt es Betroffene und Behandler vor viele schwierige Aufgaben und fordert Opfer.“

Corona wirkt sich auf die Versorgung von Patienten aus

Vor und nach einer Operation bedürfen Patienten einer umfangreichen Betreuung durch Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapeuten. Eine Versorgung mit direktem Kontakt zu den Betroffenen ist zurzeit noch nicht möglich. „Die Krise hat aber allen, Behandlern wie Patienten, Möglichkeiten eröffnet, wie eine Kommunikation und Interaktion auch ohne tatsächliche Begegnung über Audio- und Video-Lösungen möglich ist. Das wird einen bleibenden Effekt haben“, erklärt Dr. Jens Uwe Albrecht, Sektionsleiter Adipositas-Chirurgie der Asklespios Klinik Lich. „Ernährungstherapeuten haben relativ schnell auf Online-Therapie umgestellt“, bestätigt Michael Wirtz. „Allerdings ist die Bewegungstherapie stark eingeschränkt.“ Das sieht auch Dr. Gabriele Geurtzen, Mitglied des Arbeitskreises Adipositas vom BerufsVerband Oecotrophologie e.V. (VDOE): „Vor einem operativen Eingriff sind sportliche Nachweise erforderlich, die zurzeit nicht erbracht werden können. Da sollten Eigeninitiativen wie Fahrradfahren und Walken mit Gegenzeichnung Anerkennung bei Adipositaszentren und Krankenkassen finden.“ Zur grundsätzlichen Situation von Adipositas-Patienten erklärt sie: „Das Problem bei der Versorgung ist nicht COVID-19, sondern die fehlende Finanzierung seitens der Kassen und die mangelnde Anerkennung dieser Leistungen im Gesundheitssystem.“

Die Deutsche Gesellschaft für Adipositas (DAG) sieht die Corona-Krise als Weckruf für Gesundheitspolitik und gesundheitlichen Verbraucherschutz. „Menschen mit Adipositas haben derzeit keinen Rechtsanspruch auf eine Adipositas-Therapie, die Krankenhäuser und Intensivstationen sind auf ihre Bedürfnisse kaum zugeschnitten, und die Prävention ist ineffektiv“, so DAG-Präsidentin Prof. Dr. Martina de Zwaan.

Prof. Dr. Thomas Kurscheid, Geschäftsführer der Gesellschaft für Gesundes Gewicht bringt es auf den Punkt: „Wir sollten nicht nur auf die vergleichsweise kleine COVID-19-Pandemie schauen, sondern auf die wesentlich größere Adipositas-Pandemie, die schon seit Jahrzehnten grassiert, eine weitere Diabetes-Pandemie nach sich zieht und sich von Jahr zu Jahr verschlimmert. Trotzdem wird die multimodale Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie von den Kassen nicht verpflichtend übernommen. Sie zahlen seit Kurzem erst dann, wenn die Patienten schon so extrem zugenommen haben, dass sie eine Magen-OP benötigen, also viel zu spät.“

Videoclips mit Experten-O-Tönen zu Corona und Adipositas
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