Verhaftung im D-Zug nach Thessaloniki, Narrenfreiheit und Übernachtungen ohne Trauschein - Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis

5 preisgesenkte E-Books
(lifePR) ( Pinnow, )
Es ist ein ziemlich perfider Plan, den sich da die Zentrale Griechische Sicherheitsbehörde ausgedacht hat, um nach dem Putsch der Obristen von 1967 den kommunistischen Widerstand zu brechen. Eine wichtige Rolle spielt dabei der Tausch einer Identität. Was es damit genau auf sich hat und ob der Plan am Ende gelingt oder nicht, das erfahren wir im zweiten der insgesamt fünf aktuellen Angebote, die wie immer eine Woche lang zum Sonderpreis im E-Book-Shop www.edition-digital.de (Freitag, 04.06. 21 – Freitag, 11.06. 21) zu haben sind. „Makedonisches Duell“ lautet der Titel des spannenden Abenteuerromans von Hasso Grabner.

Ebenfalls von Hasso Grabner stammt der Roman „Kopfsteinpflaster“, in dem es um die ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg geht und – um die Anfänge des Sozialismus im Osten Deutschlands.

Mit zwei Büchern ist Matthias Biskupek in diesem Newsletter vertreten. In beiden sieht er die späte DDR satirisch-kritisch, veränderungswürdig, zugleich aber auch veränderungsfähig, so in „Meldestelle für Bedenken. Geschichten, Satiren und Grotesken“ und in „Der Bauchnabel. Und andere schöne Mittelpunkte einer Reise zu zweit“. Beide Bücher präsentierten eine Art Schwachstellen-Überwindungsprogramm.

Und damit sind wir wieder beim aktuellen Beitrag der Rubrik Fridays for Future angelangt. Jede Woche wird an dieser Stelle jeweils ein Buch vorgestellt, das im weitesten Sinne mit den Themen Klima, Umwelt und Frieden zu tun hat – also mit den ganz großen Themen der Erde und dieser Zeit. Erneut geht es um Widerstand, antifaschistischen Widerstand in Nazi-Deutschland. Wie lässt er sich organisieren? Welche Aufgaben ergeben sich daraus für jeden einzelnen? Und welche Rolle spielt die Partei? Ein Blick zurück, der auch zeigt, wie man die Hoffnung verteidigen kann, wenn scheinbar fast alle anderen Menschen zu Anhängern der Faschisten geworden sind. Was konnte man damals dagegen tun? Und welche Lehren lassen sich aus der damaligen Zeit für heutige Kämpfe ziehen?

Erstmals 1968 erschien im Mitteldeutschen Verlag Halle (Saale) „Die Zelle“ von Hasso Grabner: Antifaschistischer Kampf - über neun Jahre hinweg bedeutet das für die Kommunisten der Fräsmaschinenfabrik „Meier & Sonntag“, alle anzuhalten zu nur ausgezeichneter Arbeit, Fräsmaschinen höchster Güte herzustellen für den Auftraggeber Awtosawod Gorki aus der Sowjetunion (er bewahrte 1932 den kapitalistischen Betrieb davor, seine Arbeiter auf die Straße setzen zu müssen). Qualitätsarbeit - das heißt für sie, Stärkung des ersten sozialistischen Staates der Welt, arbeiten für die Verwirklichung eigener Träume. Nach dem 22. Juni 1941, dem heimtückischen Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion, ändern sich über Nacht Aufgabe und Taktik. Den Auftrag von Messerschmitt, dessen Bomber die verderbenbringende Last gegen das Land ihrer Sehnsucht fliegen, gilt es geschickt und wirkungsvoll zu sabotieren. Auch in dieser Situation bewährt sich die Betriebszelle der Partei. Hier der Anfang dieses Buches:

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Wenn der Meister Kirsten in die Halle kommt, vor dem trotz Oma Lauterbachs Putzlappen immer ein wenig staubigen Kalender stehenbleibt, die große 21 aus dem Blechrahmen herausnimmt, die Pappe nicht umdreht, sondern hinter die übrigen fünfzehn Kalenderkarten steckt, so also die 22 einfach unterschlägt und den Kalender gleich auf die 23 vorspringen lässt, dann ist Sonnabend, Sonnabend, der einundzwanzigste.

Der Kalender ist arm dran, denkt Willy Schnabel. Seit Jahr und Tag ist ihm durch Ernst Kirstens Ordnungssinn verwehrt, in der Mechanischen Werkstatt von Meier & Sonntag die Tage der Ruhe mit den Zahlen auf seiner breiten Brust zu feiern, die ihnen auf Geheiß des längst verblichenen Papstes Gregor zuständen. Für ihn gibt es nur Wochentage. Sonnabend, der einundzwanzigste – Montag, der dreiundzwanzigste. So will es Meister Kirsten, und der ist, was den Kalender betrifft, stärker als Seine Heiligkeit Anno dazumal.

Natürlich will der Meister Kirsten den Sonntag nicht aus der Welt schaffen. Dazu hat er das Kartenkunststück nicht erfunden. Ernst Kirsten ist zwar ein fleißiger Mann, ein sehr fleißiger, und er liebt auch den Fleiß anderer, aber Sonntag bleibt Sonntag. Den gönnt er sich und allen anderen, den Drehern, Fräsern, Hoblern, die hier in dieser Halle seinem Kommando unterstellt sind. Im Übrigen hätten sich alle auch ohne Kirstens Wohlwollen ihres Sonntags erfreut.

Im Knast, so hatte Herbert Müller vor Jahren seinem Freund Willy Schnabel berichtet, im Knast habe ich mich beim Aufwachen jeden Tag gefragt: Worauf kannst du dich heute freuen? Und, glaub es oder glaub es nicht – es gab immer etwas. Montags neue Bücher, dienstags turnen oder was sie da so nannten, mittwochs baden, donnerstags Hering, freitags neue Wäsche, sonnabends zeitiger Feierabend, na, und Sonntag war Sonntag. Diese selbst unter so schlimmen Verhältnissen tragfähige Philosophie der „Freuden des Alltags“ hatte Willy Schnabel gut handhabbar gefunden und sich seitdem oft zunutze gemacht. Heute früh hat er allerdings beim Aufwachen nicht erst fragen müssen. Heute steht ein guter Tag auf dem Programm: Gernsdorfer Wäldchen! An Freuden ist dringender Bedarf. Was diese Zeit zu bieten hatte, konnte selbst den bescheidendsten Ansprüchen nicht mehr genügen. Schließlich schreibt man nicht einen beliebigen Sonnabend, den einundzwanzigsten, sondern Sonnabend, den einundzwanzigsten Juni und den wiederum nicht in irgendeinem Jahr, sondern neunzehnhunderteinundvierzig!“ Und damit zu den ausführlicheren Vorstellungen der anderen vier Sonderangebote dieses Newsletters:

Erstmals 1973 veröffentlichte Hasso Grabner im Verlag Das Neue Berlin seinen Abenteuerroman „Makedonisches Duell“: Griechenland nach dem Putsch der Obristen im Jahre 1967. Im Express Athen-Larissa-Istanbul sitzt ein unauffällig gekleideter Mann, der in Thessaloniki, dem Zentrum der griechischen Nordprovinzen, Zugang finden soll zu einer Gruppe Linksoppositioneller, deren die Polizei bislang nicht habhaft werden konnte. Um sein Ziel zu erreichen, hat er sich der Identität eines anderen bemächtigt, dessen Leben in den Kellern des Athener Averoff-Gefängnisses längst ein Ende gefunden hat: Als angeblicher kommunistischer Kurier Galinos wird Nummer X 211 der Zentralen Griechischen Sicherheitsbehörde ein feinmaschiges Netz zu knüpfen suchen, in dem sich der illegale Widerstand im Norden des Landes verfangen soll. Und das so klug erdachte Spiel auf Leben und Tod scheint zu gelingen. Es treibt aufrechte, selbstlose Menschen in eine Bewährungsprobe, die Optimismus und Tragik, Mut und Versagen widerspiegelt und in der die Härte der Auseinandersetzungen im Griechenland von damals sichtbar wird. Besteigen wir den D-Zug nach Thessaloniki auf der Station Larissa, wo er lange aufgehalten wurde:

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Planmäßig hätte der D-Zug Larissa dreizehn Uhr eins verlassen müssen. Jetzt war es schon fast eine Stunde später, und noch immer stand er auf dem Bahnsteig. Die Reisenden wurden erregt. Der Zug war voll besetzt mit Kaufleuten, die zur Messe nach Thessaloniki fahren wollten. Kaufleute haben es zu allen Zeiten eilig, Verabredungen mit Geschäftsfreunden harren ihrer, und der Zug von Athen in die griechische Messemetropole verdiente den Namen D-Zug mit seinen rund zwölf Stunden Fahrzeit ohnehin nicht recht. Nun war auch noch dieser ärgerliche Aufenthalt dazugekommen, für den sich kein Grund erkennen ließ. Die Unruhe in den Abteilen schien sich auf den Bahnsteig übertragen zu haben. Jedenfalls eilten dort auffällig viele Männer hin und her, und die ohnehin nicht geringe Zahl von Polizisten vermehrte sich ständig.

Am Fenster eines Abteils zweiter Klasse stand ein Mann, der im Gegensatz zu seinen Mitreisenden ruhig blieb und von der allgemeinen Aufregung nicht angesteckt wurde. Allerdings täuschte der äußere Anschein. Der Mann war zwar nicht verärgert, aber besorgt. Nicht neugierig, sondern mit gespannter Aufmerksamkeit beobachtete er das Treiben auf dem Bahnsteig. Er hielt den Bahnsteigeingang fest im Auge, und so entging ihm nicht, dass nach langer Wartezeit zwei Männer dort erschienen, die einige Worte mit dem Bahnhofsvorsteher wechselten, der daraufhin eilig das Zeichen zur Abfahrt gab. Die Reisenden, die sich auf dem Perron die Füße vertreten hatten, stürzten in die Abteile. Die beiden Neuankömmlinge tasteten mit prüfenden Blicken die ganze Wagenschlange ab und stiegen als letzte ein.

Der Mann am Abteilfenster setzte sich. Sorgenvolle Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Es wäre zwar ungewöhnlich gewesen, dass die Politische Polizei der Obristen den fahrplanmäßigen D-Zug in einer solchen Hauptreisezeit nahezu eine Stunde aufhielt, aber unmöglich war in diesem Regime nichts. Mit rasch sich steigernder Geschwindigkeit, als wolle er den Zeitverlust aufholen, jagte der Zug das Tempetal hinab. Um diese Jahreszeit ist der unerhörte Reiz dieses Tores zur thessalischen Ebene schon ein wenig verblasst. Die weißen und rosa Schaumkronen auf dem Meer der Oleanderbüsche sind vor dem heißen Sommer dahingegangen, und die Generalversammlung der Nachtigallen, die im Frühjahr die lauen Nächte mit pausenlosem Konzert erfüllen, hat sich aufgelöst. Dennoch ist das Tal noch immer von berückender Schönheit. Von den Hängen der Gebirge stürzen zahllose kleine Wasserfälle herab, und das Grün, dessen das sommerliche Griechenland ringsum so sehr ermangelt, scheint hier unvergänglich zu sein. Über allem thront im Nordwesten der heilige Berg, der Göttersitz, von dem aus die Olympier in besseren Zeiten übers Land geschaut haben mögen. Als habe er ein Gegenstück nötig, um seine majestätische Schönheit so recht zu offenbaren, steigt südöstlich des Tales der Ossa in den ewig blauen Himmel. Wenig später lächelt die Ägäis zu den Abteilfenstern herein, im Osten begrenzt von den Steilhängen der Halbinsel Chalkidike.

Die Eisenbahnschienen schlängeln sich nun an der azurnen Küste dahin. Im Abteil sagte einer: „Jetzt sind wir erst in Katerini, mehr als fünf Minuten haben die noch nicht aufgeholt.“ Der Mann trat auf den Gang, wohl um sich rasch noch einmal den olympischen Wind um die Nase wehen zu lassen, er kam jedoch sehr schnell zurück und berichtete: „Weiter vorn kontrollieren sie die Papiere.“

Der stille Reisende beteiligte sich nicht am aufgeregten Geschwätz seiner Abteilgenossen. Ihnen wiederum fiel nicht auf, dass eine leichte Blässe sein bronzenes Gesicht überzog. Er kramte in seiner Tasche, holte ein kleines Papier heraus, las es mit angestrengter Aufmerksamkeit viele Male, zerriss es dann in kleinste Schnipsel, öffnete das Wagenfenster und ließ sie wie eine Handvoll Blütenblätter im Winde verwehen. Der Mann war von halsaufsteigender Angst erfüllt. Die Junta hatte alle Pässe umgetauscht, missliebige Personen erhielten keinen neuen. Die Aktion war fast abgeschlossen, und wer noch einen alten Pass besaß, wurde besonders unter die Lupe genommen. Die Partei war mit dem illegalen Umtausch für ihre Mitarbeiter nicht nachgekommen. So trug der Mann noch einen alten Ausweis in der Tasche.

Die Kontrolle schien zügig voranzugehen, jedenfalls näherte sich der damit verbundene Lärm schnell dem Abteil. Dies betrachtete der Mann zunächst als ein günstiges Zeichen. Es schien nicht mit besonderer Sorgfalt kontrolliert zu werden.

Als die Abteiltür mit heftigem Ruck aufgezogen wurde, wusste der Mann sofort, dass es besser gewesen wäre, diesen Augenblick nicht abzuwarten. Es wäre möglich gewesen, auf den Gang hinauszutreten, die Tür zu öffnen und hinauszuspringen. Das hätte bei der Hundertkilometergeschwindigkeit und bei den schroffen Felsen links und rechts der Bahngleise zwar den sicheren Tod bedeutet, aber was jetzt kam, war nicht besser.

Die Männer im Türrahmen stellten unverkennbar den Typ professioneller Menschenjäger dar. Hinter ihren massigen Figuren standen gleichgültige Uniformierte, bereit, jeden befohlenen Dienst zu tun. Einer der Kriminalbeamten hatte eine Fotografie in der Hand, die er noch einmal mit kurzem Blick erfasste, bevor seine Augen das Abteil abtasteten. Prüfend schaute er in jedes Gesicht, das ging sehr schnell, aber für den, der darauf wartete, von diesem eiskalten Blick erfasst zu werden, war es eine Ewigkeit.

Plötzlich kam so etwas wie Leben, ein böses, gefährliches Leben, in die Augen des einen Kriminalbeamten. Er stieß seinen Kollegen mit dem Ellenbogen in die Seite und deutete mit einer kurzen Kopfbewegung auf den stillen Reisenden. Die beiden Männer traten einen Schritt vor.

„Ihren Pass, bitte.“

Die Prüfung dauerte nur wenige Augenblicke. Dann hielt der Kriminalbeamte dem Mann die Fotografie vors Gesicht und fragte: „Kennen Sie den?“

Der Mann kannte das Bild. Es stellte ihn dar, ein hässliches Bild, aufgenommen im Averoff-Gefängnis in Athen. Das Bild in seinem Pass war wesentlich vorteilhafter, dennoch konnte niemand die Identität übersehen.

„Kommen Sie mit“, sagte der Beamte mit kühler Ruhe.

Als der Mann sein Köfferchen aus dem Netz nehmen wollte, sagte der zweite: „Bitte bemühen Sie sich nicht“ und griff schnell danach. Der Mann wurde zwischen den beiden Dicken an die Abteiltür geschoben, wo ihn kräftige Polizistenfäuste packten, im Nu schnappte eine Handschelle um sein Gelenk.

In Katerini verließ die Gruppe den Zug. Die Männer gingen zu einem schwarzen Buick, der sie sofort in rascher Fahrt zum Flughafen brachte.

Einige Tage später bestieg in Athen auf dem Larissa-Bahnhof ein Mann den Express nach Thessaloniki-Istanbul. Er hatte sich keine Fahrkarte kaufen müssen, die war ihm von der Dienstreiseabteilung der Athener Kriminalpolizei besorgt worden. Der Verkehr nach der Messestadt war bereits abgeflaut, der Mann fand schnell einen bequemen Platz und begann ein dünnes Aktenstück zu studieren. Hinter ihm lagen einige Tage intensiver Arbeit, das Ergebnis war zwischen den Papierdeckeln niedergelegt. Der Mann meinte, einen Menschen langsam zu Tode zu quälen und ihm seine Geheimnisse zu entreißen, sei im Grunde genommen eine Arbeit wie jede andere. Er selbst hatte sich dabei die Finger nie schmutzig gemacht. Dafür gab es genug niedrigbezahlte Chargen im Polizeiapparat. Ihm, einem hoch dotierten Spezialisten, der über Jahre im New Yorker Institut für Probleme des Kommunismus ausgebildet worden war, hatte es in den beiden letzten Tagen nur obgelegen, einem in Katerini gefangenen Mann die entsprechenden Fragen zu stellen. Dies hatte zunächst wie ein hoffnungsloses Unterfangen ausgesehen, aber das hatte der New Yorker Aspirant von vornherein einkalkuliert. Er und seine College friends waren genau unterwiesen worden, dass man die Folter mit größter Präzision und größtmöglicher Vorsicht in der Dosierung anwenden müsse. Die Kommunisten, so hatten ihnen ihre Lehrer erzählt, waren in solchen Situationen eher bereit zu sterben, als zu verraten, was man von ihnen wissen wollte.

Wissenschaftliche Untersuchungsmethoden sollten das verhindern und zu gleicher Zeit die Qualen ins Extreme steigern. Die vornehmste Aufgabe eines Untersuchungsspezialisten bestünde also, so die Lehrer, in der strengen Befolgung des christlichen Gebots: Du sollst nicht töten. Darin läge der Schlüssel zum Erfolg, weil es keinen Menschen gäbe, der auf die Dauer die fürchterlichsten Schmerzen auszuhalten bereit und imstande sei. Bisweilen benutzten die Gefolterten eine heimtückische Variante, um sich vor der Aussage zu drücken, sie wurden wahnsinnig, aber dieser Gefahr war durch noch feinere Dosierung der physischen und psychischen Folter zu begegnen.

Solcherart war also die Arbeit des Mannes gewesen, der jetzt im Zug nach Thessaloniki saß, und sie hatte ihm ein Erfolgserlebnis beschert. Jener zähe Kommunist hatte etwa von der dreißigsten Stunde an Stück für Stück erzählt. Er, der Instrukteur des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Griechenlands, habe sich auf einer Reise nach Thessaloniki befunden, wo eine kleine, recht aktive Gruppe dabei war, politische Gegner des Regimes um sich zu sammeln. Die Gruppe wurde von einem Mann namens Karneades geführt, einem Maler und Grafiker, sofern der Instrukteur richtig unterrichtet war. Mit diesem Karneades sollte sich der Genosse des ZK an jenem Tage, als er in Katerini aus dem Zug geholt wurde, in Thessaloniki treffen. Als Treffpunkt war ein elegantes Restaurant am Ausgang der Leoforus Vasileos Konstantinu in der Nähe des Weißen Turmes vereinbart gewesen. Ein schwieriger Ort, denn das Messegelände lag ganz in der Nähe, und man musste mit überfüllten Gaststätten rechnen. Aber gerade dieses Menschengewühl hatten die Konspiratoren für günstig befunden. Als Erkennungszeichen sollte Karneades eine mit einem Rotweinfleck gekennzeichnete, zwei Tage alte Nummer der „Morgenpost“ in der rechten Jackettasche tragen. Einen so markierten Mann wollte der ZK-Instrukteur mit den Worten ansprechen: „Der deutsche Stand ist wieder einmal exzellent.“ Darauf sollte jener Karneades entgegnen: „Ich weiß nicht, den französischen Messepavillon finde ich viel informativer, mein Herr.“

Soweit die Aussagen des Instrukteurs im Keller des Averoff-Gefängnisses, und es lag kein Grund vor, ihre Richtigkeit zu bezweifeln. Der Mann war viel zu fertig gewesen, als dass er sich noch Lügen hätte ausdenken können. Leider hatte er, wie gesagt, erst in der dreißigsten Stunde gesungen. Der Aufwand, ihn mit einem Sonderflugzeug von Katerini nach Athen zu befördern, war umsonst gewesen. Wenn er dem ersten schweren Ansturm des Verhörs erlegen wäre, hätte man noch am gleichen Abend mit dem Flugzeug die Messestadt erreichen und den Treff mit der weinbefleckten „Morgenpost“ wahrnehmen können. Jetzt, vier Tage danach, würde es viel schwerer sein, an jenen Karneades heranzukommen, von dem der Instrukteur leider nicht einmal den richtigen Namen, geschweige denn die Adresse kannte. Auch das musste ihm geglaubt werden. Es war eine alte Erfahrung, dass einer, der erst einmal angefangen hatte zu erzählen, nicht eher aufhörte, bis er das letzte bisschen Wissen von sich gegeben hatte. So hatten sie ihm denn ganz am Schluss des Verhörs den eigentlichen Grund seiner Reise herausgemartert. Die Gruppe in der Messestadt schien an die Möglichkeit zu glauben, eine illegale Zeitung ins Leben zu rufen. Der Instrukteur, in der Partei unter dem Decknamen Galinos bekannt, hatte den Auftrag, seinen Kumpanen bei der Gründung zu helfen. Zu diesem Zwecke trug er den an sich bescheidenen, für jene Kreise jedoch beachtlichen Betrag von zehntausend Drachmen bei sich. Diese Summe und noch einmal das Mehrfache steckten jetzt in der Tasche des Spezialisten zur Bekämpfung des Kommunismus. Ausgerüstet mit all dem Wissen, über das Galinos verfügt hatte, begab er sich nach Thessaloniki, in der Absicht, dort für eine Weile die Rolle des ZK-Instrukteurs zu spielen.“

Ebenfalls erstmals 1973 veröffentlichte Hasso Grabner im Mitteldeutschen Verlag Halle (Saale) seinen Roman „Kopfsteinpflaster“: Neu ist vieles für die Menschen in diesem Buch: Da zieht ein siegreiches Heer ohne klingendes Spiel, in abgerissenen Uniformen, mit Pferdewagen und müde marschierenden Soldaten in eine Stadt ein, und die, die jahrelang im illegalen Kampf ihr Leben für die Sowjetunion einsetzten, müssen ebenso die deutsch-sowjetische Zusammenarbeit erst aufbauen wie die, die auf den Schlachtfeldern auch für die Befreiung der deutschen Arbeiterklasse ihr Leben wagten. Nun können Kommunisten zu dem Brotdieb nicht mehr sagen: Gebt ihm zu essen, dann wird er nicht mehr stehlen. Und Arbeiter müssen einen der ihren wieder absetzen und den alten Besitzer zurückholen; da fahren hungernde, bettelnde, schiebende Menschen einen Zug eher in die Stadt zurück, um noch abstimmen zu können. Da will Lene Nitzsche nicht Bäuerin werden, obwohl sie nicht weiß, wie sie ihr Kind satt kriegen soll; und Herbert Müller soll mit dem Mann Schulter an Schulter arbeiten, der mit seiner Frau lebte, als er in Gefangenschaft saß. Da sagen die, der Sozialismus sei jetzt nicht zu machen, die jahrelang ihr Leben für ihn riskierten; und der alte Sozialdemokrat Berthold Liebetrau lernt mit denen eine Partei bilden, mit denen er zwölf Jähre lang illegal kämpfte. Es ist eine Wiederbegegnung mit den Menschen aus dem Roman „Die Zelle“, den wir ganz am Anfang dieses heutigen Newsletters vorstellen:

Hasso Grabner verschweigt nichts, er schlägt keine Bogen um heikle Fragen. Schwere, Leid und Irrwege dieser ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg begegnen uns in diesem spannenden Roman ebenso wie Humor und praktischer Sinn derer, die sie schufen. So wird lebendig, was für die meisten schon ferne Geschichte geworden ist. Auch hier der Beginn dieses Buches:

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Für einen frühen Julitag ist es ungewöhnlich warm. Es hat längere Zeit nicht geregnet, viel Staub liegt auf der Straße und in den Vorgärten. Daran ist nicht nur das trockene Wetter schuld, es gibt viel Staub in diesem Jahr. Schon ein leichter Wind schiebt feine, graubraune Wolkenschleier vor sich her, und kein Regen kann dieser Plage Herr werden. Es gibt zu viele Berge von Schutt, zu viele zertrümmerte Häuser, seitdem im Dezember 1943 der Krieg zum ersten Mal mit aller Macht über die Stadt gekommen ist. Was in jener Winternacht und später zu Schutt und Asche zerfallen ist, scheint für alle Zeit auszureichen, die Stadt in einen durchsichtigen Mantel zu hüllen, sobald es dem spielerischen Winde gefällt. Grau ist die vorherrschende Farbe geworden. Grau ist, was in den Gärten und Anlagen hätte grün aufblühen sollen. Grau sind die Fassaden der Häuser, die heil gebliebenen Fensterscheiben. Grau die Gesichter der Menschen, und grau ist auch ihr Gemüt. Als der Krieg für die Stadt im April zu Ende gegangen war und die Nächte, von Sirenengeheul ungestört, wieder dem Schlaf dienen durften, hatten die Leute tief aufgeatmet, und etwas wie Freude war in allen Mienen gewesen. Aber der Tod war nur so lange schrecklich, wie er allnächtlich gedroht hatte. Als dies vorbei war, gab er seinen Schrecken an das Leben ab, das graue, hoffnungslose Leben in Armut und Not und in Trauer um die, die nicht mehr lebten.

Es ist wenig Geschäftigkeit in dieser Stadt. Die unzerstört gebliebenen Fabriken liegen still. Den Handwerkern fehlt Material, in den Ämtern und Büros arbeiten nur wenige Leute. Die Bürger haben viel Zeit. Mehr, als ihnen lieb ist. Weil sie soviel Zeit haben, fehlt es ihnen an allem anderen.

Niemand weiß, wer in den Vormittagsstunden das Gerücht aufgebracht hat: Die Russen kommen. Es hieß schon längere Zeit, die Amerikaner ziehen ab und Russen rücken ein. Aber weil soviel darüber gewispert worden war, hatte es schließlich als Geschwätz gegolten. Eine Latrinenparole, wie die Leute sagten. Heute früh aber war die Nachricht in vieler Munde gewesen, und eine ganze Menge Leute, vornehmlich solche, die sich sagten: Was kann mir schon passieren?, hatten sich aufgemacht nachzuschauen, ob sie denn wirklich kämen, die Russen.

Es waren etliche darunter, die wussten, wie das aussieht, wenn eine siegreiche Armee einzieht. In die schöne Stadt Paris beispielsweise. Das war auch ein Sommertag gewesen. Ein glänzender Tag. Die Champs-Élysées hinab, jene Avenue, deren Name schon wie Champagner klingt. Eine champagnerselige Erinnerung, und sie liegt nicht lange zurück. Fünf Jahre, was ist das schon?

Oder noch ein Jahr früher, als die „Eigenen“ in die Heimatstadt zurückkehrten, die siegreichen „Elfer“, die dabeigewesen waren, als den Polen ruckzuck das Gas abgedreht wurde. Das war ein Jubel. Unsere tapferen Feldgrauen. Die Soldaten des Führers. Die unbesiegbare deutsche Wehrmacht.

An diesen Tag können sich fast alle erinnern, die hier in der Ostvorstadt stehen, um zu sehen, ob die Russen tatsächlich kommen. Von jenem Tag in Paris wissen nur wenige aus eigenem Erleben, vielleicht ein halbes Dutzend, und von denen haben drei oder vier teuer dafür bezahlt. Dem einen schlottert ein leerer Ärmel am Körper, der andere hat ein Hosenbein mit einer leblosen Substanz gefüllt, einem dritten fehlen ein Auge und ein Stück Kiefer. Als gesunde Männer könnten sie kaum hier stehen, sondern säßen mit hoher Wahrscheinlichkeit irgendwo zwischen Fort Devans und Workuta in einem Kriegsgefangenenlager.“

Erstmals 1981 erschien im Eulenspiegel Verlag Berlin „Meldestelle für Bedenken. Geschichten, Satiren und Grotesken“ von Matthias Biskupek: Humorvoll und überspitzt schildert der Autor in zahlreichen Episoden Schwachstellen in der DDR: Die Wohnungspolitik, das Künstler- und Studentenleben, die Bürokratie, die Polizei, Probleme von Alt und Jung. Das Buch von 1981 ist sehr gesellschaftskritisch und nutzt die Narrenfreiheit eines Karikaturisten. Und so liest es sich, einschließlich des titelgebendes Textes:

Die Sonder-Veranstaltung

Für den sechsten Mai war eine Sonder-Veranstaltung des Hauses geplant. Dies war natürlich nur offiziellen Stellen bekannt, und die ließen nichts nach außen dringen. Doch Gerüchte machten sich allenthalben breit.

Wenn sich Kollegen trafen, kamen über kurz oder lang alle Reden auf die Sonder-Veranstaltung; so hieß es, dass eine ausländische Delegation der Auftraggeber sei; dann wurde vertraulich mitgeteilt, dass die Höchste Zentrale Stelle selbst die Sonder-Veranstaltung gewünscht hatte.

Im offiziellen Terminplan des Hauses wurde die Sonder-Veranstaltung nicht ausgewiesen, doch alle Mitarbeiter hatten eingehende Informationen erhalten.

So wuchs die Spannung, und die Kollegen lebten in schöpferischer Unruhe.

Vier Wochen vor dem sechsten Mai erging ein vertrauliches Informationsblatt an alle Haus-Mitarbeiter. Es enthielt die Mitteilung, dass die nicht näher bezeichnete Sonder-Veranstaltung außerhalb stattfinden würde, im Vulpianeum, einem klassizistisch-intimen Gebäude. Die den Zufahrtsweg säumenden Weiden waren wegen ihres intensiven Blattgrüns bekannt, das bereits Johann Melzer jun. im dritten seiner Vulpianeischen Briefe erwähnt hatte.

Nach Verlauf von weiteren acht arbeitsintensiven Tagen erfolgte in einer außerordentlichen Leitungssitzung die Auswahl der Kollegen, die auf die Mitarbeiterliste der Sonder-Veranstaltung gesetzt wurden. Aus der Mitarbeiterliste wurden zwei Reiselisten erarbeitet. Liste Nr. 1 enthielt den engen Mitarbeiterkern, der bereits am fünften Mai sechs Uhr dreißig zum Vulpianeum gefahren werden sollte. Die auf Liste Nr. 2 Aufgeführten sollten exakt vierundzwanzig Stunden später folgen.

Zwei zuverlässige Sekretärinnen wurden mit dem Schreiben der Listen beauftragt. Von jeder Liste wurden zwei Durchschläge zusätzlich ausgefertigt, die nach sorgfältigem Lesen vernichtet wurden.

Bereits zu diesem Zeitpunkt hatte ein fähiger Mitarbeiter des Hauses alle vorhandenen Druckmöglichkeiten erkundet und freie Kapazität ermittelt. Die Mitarbeiter- und Reiselisten konnten so in ausreichender Auflage und sorgfältig neutraler Typografie gedruckt werden und lagen bereits zwei Wochen vor dem Termin vor. Ein ausgeklügelter Verteiler-Schlüssel und ein geschulter Außendienst-Kollege versorgten alle interessierten Institutionen mit dem Listen-Material.

Etwa zehn Tage vor dem geplanten Termin traf die konkretisierende Nachricht ein, dass nicht die gesamte Höchste Zentrale Stelle, wohl aber ein Leitender Mitarbeiter der Höchsten Zentralen Stelle mit mehreren seiner Referenten und Hauptabteilungsleiter auf der Sonder-Veranstaltung anwesend sein werde.

In den verbleibenden Tagen wurde jeder beteiligte Kollege des Hauses einer eingehenden Befragung unterzogen, die mit einer freundschaftlichen Belehrung über Aufgaben der Sonder-Veranstaltung gekoppelt war. Ein aufs Genaueste instruierter Personenkreis wurde alle zwölf Stunden ins Vulpianeum entsandt, um das Gebäude einer sorgfältigen Überprüfung zu unterwerfen.

Für den engen Mitarbeiterkreis wurde allmorgendlich eine Schulung anberaumt, in deren Verlauf Informationen über die Tätigkeit des Leitenden Mitarbeiters der Höchsten Zentralen Stelle gegeben wurde.

Es wurde weiterhin ein Katalog möglicher Fragen des Leitenden Mitarbeiters zusammengestellt, und jeder Kollege des Hauses legte eine Prüfung dazu ab; durch die Anwendung der elektronischen Datenverarbeitung war eine Auswertung schnell und sicher möglich. Kollegen, denen Unsicherheiten bei der Prüfung nachzuweisen waren, wurden von der weiteren Mitarbeit zwar nicht entbunden, doch konnten ihnen nur noch periphere Tätigkeiten übertragen werden.

Am vierten Mai erfolgte in einer außerordentlichen Versammlung nochmals eine Darlegung der Bedeutung der Sonder-Veranstaltung. Es wurde über die verschiedenen Aspekte der Sonder-Veranstaltung referiert, letzte Unklarheiten bei einigen Mitarbeitern konnten gemeinsam ausgeräumt werden.

Am fünften Mai sechs Uhr dreißig, exakt vierundzwanzig Stunden vor der entscheidenden Abfahrt, begann die Aktion „Sonder-Veranstaltung“. Nach achtundzwanzig Minuten reibungsloser Fahrt war der Zielort, das Vulpianeum, erreicht. Die elastischen Sicherheitsvorkehrungen am Ort befriedigten allgemein; bereits seit zwei Wochen konnten nur noch unmittelbar beteiligte Kollegen das Gebäude nach Ausweisung betreten.

Die die Zufahrtsstraße säumenden Weiden wurden ein letztes Mal registriert; auf mögliche Umsturzgefahr hin abgeklopft.

Alle Kollegen des engen Mitarbeiterkreises wurden nochmals zu einer Aussprache zusammengerufen, die mit einer einstimmigen Resolution beendet wurde. Von diesem Zeitpunkt an übernahm jeder selbständig sein bestätigtes Aufgabengebiet. Der Organisationsstab arbeitete reibungslos; jedes Anzeichen von Hektik wurde im Keim erstickt.

Auf die Sekunde genau vierundzwanzig Stunden vor Sonder-Veranstaltungs-Beginn (Stufe IV) erfolgte die Durchführung einer genauen Nachbildung in zeitlicher Vor-Verschiebung der Sonder-Veranstaltung. Verdiente Mitarbeiter des Hauses wurden zur körperlichen Darstellung des Leitenden Mitarbeiters sowie seiner Referenten und Hauptabteilungsleiter eingesetzt. Die Nachbildung der Sonder-Veranstaltung lief präzis und problemlos ab.

In einer offiziellen Verlautbarung wurde festgestellt, dass die Vorbereitungen bestens gediehen waren. In Auswertung derselben wurde beschlossen, die Leistungen aller Kollegen des Hauses zu einem späteren Zeitpunkt in einer Feierstunde zu würdigen.

Die Sonder-Veranstaltung fand am sechsten Mai statt. Sie war ein voller Erfolg.“

Die Meldestelle für Bedenken

Er hatte in der lokalen Presse von dieser neuen Einrichtung gelesen und wollte sie jetzt endlich nutzen. Die Öffnungszeiten waren günstig gelegt, so dass er nach der Arbeit genügend Zeit hatte, dort vorzusprechen. Links neben dem Eingang glänzte das schlichte Metallschild mit der Bezeichnung: „Meldestelle für Bedenken im VEB Dienstleistungskombinat“.

Er wurde in ein Zimmer längs eines Ganges verwiesen. Eine Dame, die hinter einem Schalter saß, schob ihm drei Formulare zu: weiß, gelb und grün. Er nahm sie verwundert und sagte: Entschuldigen Sie, aber ich bin hier, weil ich Bedenken habe, wegen ... Ganz recht, meinte die Dame, Sie wollen Bedenken anmelden. Deshalb sind Sie hier. Füllen Sie nur die Formulare aus; hinten links finden Sie Schreibpulte. Wenn Sie keinen Stift bei sich haben, rechts drüben liegen welche. – Und wenn ich alles ausgefüllt habe, was dann, fragte er. Dann registrieren wir Ihre Bedenken mit Hilfe der elektronischen Datenverarbeitung. Sie haben Ihre Bedenken somit angemeldet. Die Wartezeit beträgt im Normalfall fünf Jahre. Damit liegen wir unter dem Republikdurchschnitt. –

Und dann, fragte er und drückte die Formulare an sich. Nach dieser Zeit erhalten wir Nachricht, ob Ihre Bedenken berechtigt sind oder ob sie nicht mehr zutreffen. In den meisten Fällen können wir dann die Bedenken zerstreuen. Unsere Zerstreuungsquote liegt bei etwa 85%. Eine Anmeldefrist von fünf Jahren hat sich bei Versuchen bisher als optimal erwiesen.

Er blieb eine Weile stehen, wendete sich dann doch noch einmal an die freundliche Dame hinter dem Schalter: Und was geschieht mit den restlichen 15 % ? Nun, meinte diese, sollten sich für die angemeldeten Bedenken nach Ablauf der Wartefrist noch objektive Gründe finden, verweisen wir die Bedenken an die Bezirksmeldestelle.

Aha, sagte er und fürchtete lästig zu werden, wenn er weiter fragte. Er nickte und wollte zum Ausfüllen der Formulare an eines der Stehpulte gehen. Doch die zuvorkommende Dame lächelte verbindlich: Wir erteilen gern Auskunft. Ausführlich finden Sie alles in unserer Informationsschrift. Damit drückte sie ihm ein Faltblatt in die Hand.

Er ging an eines der Stehpulte, und bevor er begann, die Formulare auszufüllen, las er aufmerksam das Informationsblatt durch. Da meldeten sich bei ihm Bedenken.“

Erstmals 1986 veröffentlichte der Mitteldeutsche Verlag Halle-Leipzig „Der Bauchnabel. Und andere schöne Mittelpunkte einer Reise zu zweit“: Maria und Eumel zelten an der Ostsee, beide sind nicht allein und kennen sich nicht. Als es ununterbrochen regnet, kommt es in beiden Partnerschaften zum Streit und sowohl Maria als auch Eumel brechen ihren Zelturlaub ab. Beide suchen Schutz vor dem Regen in einer Fernfahrerkneipe, wo sie aufeinandertreffen. Maria kommt die Idee einer Wette: Ob es wohl möglich sei, in der verbliebenen Urlaubswoche wahllos durch die DDR zu reisen und jede Nacht ein Quartier zu finden, obwohl sie unangemeldet sind. In einem mecklenburgischen Dorf nimmt sie ein betrunkener Kneipengast mit zu seiner Frau. In Mittweida geraten sie in ein Klassentreffen. Ein Fernfahrer setzt sie rechtzeitig vor der Grenze ab und sie gelangen nach Jena, wo sie aus dem Quartier bei Eumels Verwandten fliehen. In Leipzig wird es schwierig, in Berlin fast aussichtslos. Die Suche der beiden nach Übernachtungsmöglichkeiten, was in der DDR ohne Voranmeldung und langer Planung und dazu noch ohne Trauschein sehr schwierig war, lässt den Leser in vielen spannenden Episoden das Leben und Miteinander in der DDR authentisch miterleben. Hier zunächst das freundliche Vorwort, das sich übrigens nicht nur an Leser und Leserinnen, sondern auch an künftige Rezensentinnen und Rezensenten wendet, und ein paar weitere Textauszüge:

Vorwort an geneigte Leser(innen)

Diese Geschichte ist zweihundertzwanzig Seiten lang. Es ist eine Liebesgeschichte; wahrscheinlich. Eine wirkliche Liebesgeschichte hat nie zweihundertzwanzig Seiten, sondern immer nur zwei. Die erste Seite, auf der alles beginnt. Sobald man sie umgeblättert hat, ist schon die andere – die letzte – Seite da. Dort steht immer drauf „Schluss!“. Das ist der Unterschied zwischen Buch und Leben.

Es soll Liebe geben zwischen drei, vier, sieben oder achtundzwanzig Leuten. Der Verfasser hat einen konstruierten Fall herausgegriffen: Liebe zwischen zweien. Der Verfasser weiß aus sicherer Quelle, dass dies möglich ist. Der sicheren Quelle hat er volle Diskretion zugesichert.

Die Helden heißen Maria und Eumel. (Nützlicher Hinweis für Rezensenten.) Sie heißen demnach selten Adam und Eva und nie Marilyn und Jaroslaw. Es ist überhaupt nicht einzusehen, dass Eumel und Maria irgendwo im Lande frei herumlaufen sollten. Der Verfasser würde sich für ihr reales Vorhandensein wirklich schämen.

In der Geschichte kommen verschiedene Orte vor: Teterow, Magdeburg usw. Alle Magdeburger, Teterower usw. werden schnell herausfinden, dass ihre Heimat ganz anders ist, da es in der Geschichte von Fehlern nur so wimmelt. Der Verfasser hat das mit Absicht gemacht.

Er hat überhaupt alles absichtlich geschrieben. Noch in den Druckfehlern lauert ein verborgener Sinn. In jenem Sinn wünscht er ein reines Lesevergnügen.

Wasserdichtes Heim

Dieses ist eine Urlaubsgeschichte. Also muss hier nun etwas über den Regen gesagt werden.

Regen tritt auf in Theorie und Praxis. Im Wetterbericht wird er als leichter Schauer angekündigt; für Urlauber stellt er sich als tagelanger Wolkenbruch dar. Genossenschaftsbauern trotzen ihm und bergen verlustlos. Pionierferienlagergruppen lassen sich nicht die gute Laune verderben. Katastrophenkommissionen treffen unverzüglich alle Maßnahmen.

Auf Campingplätzen stellt der Regen eine Folter verschärften Grades dar. Das unablässige Trommeln auf Zeltplanen ist eine zeitgenössische Form jener Marter, die einst Karl May beschrieb. Dem Delinquenten wird eine Stelle auf dem Kopf kahlrasiert. Noch feixt der Delinquent. Sein Kopf wird fest an einen Baum gebunden. Eine sinnreiche Tropfeinrichtung wird darüber angebracht. Das Schicksal nimmt seinen bösen Lauf. Ein guter Tropfen folgt dem nächsten. Immer auf die schlimme Stelle.

Der Delinquent sagt alles, was man wissen will, wird anschließend wahnsinnig und hernach gütigst mit einem vergifteten Pfeil gemeuchelt.

Urlauber unserer Tage schützen sich vor diesem Schicksal. Sie entfliehen dem Leben im Regen. Im trauten wasserdichten Heim nehmen sie täglich sich steigernde Dosen von UV-Licht und erzählen ihren Kollegen vom einmaligen Urlaubswetter. Weiber und Hitze, sag ich dir, heiße Weiber, das sag ich.

Eumel hat keinen UV-Strahler. Weiber würde er gern kennen. Sein trautes Heim hat eine nasse Wand, die im Sanierungsplan steht. Eumel hält es auf dem Zeltplatz aus.

Abbruch der Zelte

Es regnet und es regnet. Die Große Nässe schlägt jetzt zu. Es regnet im Wald, auf Feldern, am Strand; es regnet an der gesamten Ostsee; es regnet an allen Bademöglichkeiten Europas; des Universums.

Die Große Nässe hat zugeschlagen. Eumel schlägt sich mit ihr herum. Er wohnt mutterseelenallein auf seinem riesigen Zeltplatz; das nächste Zelt steht achtzehn Meter entfernt.

Eumel gibt auf. Eumel packt. Das quietschnasse Zelt quietscht wirklich, als Eumel es zusammenrollt. Eumel stellt fest, dass gewisse Wörter richtig am Platze sind.

Er verlässt den Platz. Eumel ist jetzt wieder Manfred Eumert, zwanzig, gelernter Tischler, tätig in der Restaurationswerkstatt eines Museums.

Maria verlässt ebenfalls den Zeltplatz. Leider ist es ein ganz anderer Zeltplatz als der Eumels. So kann sie Eumel nicht treffen. Schade.

Schade, denkt Maria nicht. Sie denkt: Scheiße. Da hat man nun schon mal Urlaub, da pissts. Große Scheiße.

Maria hat ihr Päckchen zu tragen. Ein schmutzig-rotes Päckchen, drin ist ein feuchtes rotes geknülltes Zelt.

Und ein Bild trägt sie noch im Portemonnaie. Irgendwo in einem der hinteren Fächer. Da ist der junge Mann in tadelloser Freizeitkleidung drauf. Maria hat einfach vergessen, das Bild herauszunehmen, es zu zerreißen; die Schnipsel in alle vier Regenschauer zu streuen und bittere Tränen darob zu vergießen.

Lohnt sich ja auch nicht. Niemand würde es sehen. Theater kann man nur spielen, wenn Zuschauer da sind. Und vergossen wird auch so genug Wasser.

Am Eingang des Campingplatzes steht der rot-weiße Schlagbaum. Campingplätze haben rot-weiße Schlagbäume. Die weit offenstehen.

Und es regnet und es regnet, und die Erde wird nass.

Annäherung, verkehrt

Die Erde ist nass, und was drauf klebt, der Asphalt, ist blank. Die Autos sind spritzige Typen. Sie haben ihre vorgegebenen Linien.

Die weißen Markierungen haben kein Ende und keinen Anfang. Sie zeigen nur die Richtung. Die Fahrzeuge kommen singend an und fahren brummend weiter. Der Ton kippt in dem Moment, wenn sie vorbeifahren.

Alles Physik, weiß Eumel.

Da vorne müsste eine Kneipe sein, denkt Maria.

Maria kommt die Chaussee von links entlang; da geht‘s zu ihrem Zeltplatz. Eumel kommt rechts; schnurstracks von seinem Zeltplatz.

Maria links; Eumel rechts.

Aber wir gucken uns die Szene durch die Beine an: da hängt Eumel links und Maria rechts.

Maria und Eumel traben also kopfüber hängend aufeinander zu. Von unten schlägt Regen an die Straßendecke, an der sie festkleben.

Ganz unten haben wir den Himmel, eine graue Wassersoße. Darüber sitzen grüne Wirsingkohlköpfe, aus denen Stämme staken; die Chausseebäume. Ganz oben zwei Menschen, die sich gleich treffen werden.

In diesem Falle hängen zwei verkehrt herum. Köpfe in der wässrigen Luft, Beine fest gegen die Chaussee gestemmt.

Sie kommen aufeinander zu. Ziehen sie sich an; elektrostatische Aufladung; Plus und Minus; Schulphysik? Es ist die Kneipe, die sie anzieht, sie unter ihr Vordach saugt.

Die Kneipe ist eine Fernfahrerkneipe. Die Kneipe hat geschlossen.

Und es regnet. Die Maria wird nass. Der Eumel wird nass. Beiden regnet es auf die Außenärmel – sie rücken sofort zur Mitte.

Warum haben die sich nicht wenigstens guten Tag gesagt?

Der Wind treibt Wasser unters Vordach.

Eumel ist wirklich nicht sonderlich schön.

Eumel sagt: –

In diesem Moment öffnet sich die Tür von innen.

Glück im Spiele

In der leeren Fernfahrerkneipe sind die Stühle von den Tischen auf den Fußboden gestellt. Die Welt ist in Ordnung; sie steht richtig herum; sie ist täglich geöffnet von acht bis achtzehn Uhr. Mitnahme von Gläsern und Bestecks ist nicht gestattet. Personen unter sechzehn. Ausschankschluss.

Eumel sitzt fernab. Versteckt hinter einem Blumenschmuck, der aus einem Kasten herauswächst, der mit Holztapete beklebt ist. Hinter der Theke massiert sich der Thekenmann – schwarze, glatte Haare, schwarzes Bärtchen – die weißen schlanken Finger, lässt die Gelenke knacken. Ein neuer Tag, ein neues Glück.

Maria kommt aus der Toilette. Zwar hat sie keinerlei Korrekturen an sich nötig – eine schöne, nasse junge Frau – aber sie hat sich eben doch korrigiert. Mit Stiften und Cremes. Es ist dies eine Lust unter den Frauen: ständiges Ansichherumpinseln, -zupfen, -zerren, sobald ein Spiegel in der Nähe ist.

Maria guckt sich um, wundert sich, dass diese Trieftasse, die eben noch neben ihr unter dem Vordach der Kneipe stand und den Mund nicht aufkriegte, verschwunden ist. Maria denkt bei „Trieftasse“ an nichts Böses. Schließlich troff der Regen gewaltig an Eumel herab, lief von den Ohren bis auf die Schnürsenkel.

Sie setzt sich neben die Theke. Da kann sie auf gelben Schildern lesen, was hier alles mit ein wenig Glück erworben werden kann.

Eumel guckt dumm durch die Blume. Fern, so fern von ihm sitzt Maria, die er noch nicht kennt.

Der Thekenmann kommt. Der Thekenmann zeigt seine allerforscheste Gangart. Er trägt steife Schildchen in der Hand, wie eine Packung Spielkarten. Monte Carlo in Mecklenburg. Da haben wir doch ein Greenhorn, das sich hinter der Blume versteckt. Rihjenne wa plüh, mein Freund. Der Thekenmann knallt im Gehen die Karten gegen einen Tisch, spielerisch.

Zwischen Eumels Hände, die brav und breit auf der Tischplatte liegen, stellt der Thekenmann ein Schild: Reserviert.

Eumel setzt sich an den Nebentisch. Der Thekenmann weiß, wie man treibt. Er geht erst wie zufällig zu einem anderen Tisch, dreht sich sodann und lässt wieder direkt vor Eumel eine Karte fallen: Reserviert.

Der Thekenmann grinst freundlich. Eine gute Miene; die Miene eines einnehmenden Croupiers.

Eumel weiß nicht: wagt er noch ein Spiel? Da entdeckt er die Herzdame. Sie hat schwarze Haare und blassblaue Augen. Eumel flieht. Hin zu ihr. Der Thekenmann steht mit seinem Pack Karten in der Hand da: Niemand spielt mit ihm.

Fasslimo, was? ruft er in die Richtung Eumels und Marias. Die Rache des Thekenmannes ist rot. Zwei knallrote Wässer. Sie hatten bereits auf der Theke gestanden, als Eumel und Maria hier hereinkamen. Es gibt kein Sprudeln mehr und kein Kribbeln. Der Thekenmann zupft genießerisch an seinem Bärtchen. Bitte, sagt er und stellt die Gaben ab. Mit viel Zucker pro Hektoliter, chemisch gefärbt.

Eumel spürt aber doch ein Kribbeln und sagt: –

In diesem Moment öffnet sich die Tür. Herein kommt eine Schar gewaltiger Fernfahrer mit gewaltigen Lederbändern um den Bauch. Es gibt einen gewaltigen Lärm. Der Thekenmann grapscht eilig nach seinen Spielkarten.

Also gut, dann eben ich, sagt Maria: Dir ist die Welt wohl auch zu nass.

Und Eumel sagt glücklich: Aber immer.“

Zumindest bis hierhin erstmal Glück gehabt. Alles Weitere wird sich beim Weiterlesen zeigen. Zum Beispiel, ob die Liebesgeschichte eine Liebesgeschichte bleibt – oder nicht. Aber wir wollen die Hoffnung für Maria und Eumel nicht aufgeben und uns auf diese zweihundertzwanzig Seiten kombinierter Urlaubs- und Liebesgeschichte freuen. In diesem Sinne viel Vergnügen beim Lesen. Was ja inzwischen auch wieder im Freien möglich sein soll, weiter einen schönen Vor-Sommer, bleiben auch Sie weiter ein bisschen vorsichtig, vor allem aber weiter schön gesund und munter und bis demnächst. Und vielleicht probieren Sie auch mal wieder diese hübsche Kombination aus? Welche Kombination wir jetzt meinen? Na, die von Urlaub und Liebe natürlich. Viel Vergnügen …
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