Höllenfeuer im Maschinenraum, ein Gespräch mit Vater und eine besondere Liebesgeschichte - Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis

5 preisgesenkte E-Books
(lifePR) ( Pinnow, )
Was ist passiert? Und wer steckt dahinter? Das sind zwei der Fragen, die sich im zweiten der insgesamt fünf aktuellen Angebote stellen, die wie immer eine Woche lang zum Sonderpreis im E-Book-Shop www.edition-digital.de (Freitag, 09.04. 21 – Freitag, 16.04. 21) zu haben sind. Denn in „Kieloben. Die unglaubliche Geschichte einer Seefahrt“ von Jürgen Leskien kommt die „Eisvogel“ zwar in dem angolanischen Hafen Luanda an. Aber es fehlt ein Besatzungsmitglied – ein ostdeutscher Journalist und Schriftsteller, der als Maschinenassistent mitgefahren war. Was ist passiert? Und wer steckt dahinter?

Eine Reise zurück in die 1960er Jahre der DDR erlaubt der Roman „Manche nennen es Seele“ von Wolfgang Held. Zwei wollen heiraten – und zwar schnell. Doch dann macht ihnen genau dieser Wunsch Probleme …

Eine Liebesgeschichte erzählt Christa Grasmeyer in „Verliebt auf eigene Gefahr“ – allerdings eine mit einem ungewöhnlichen Beginn.

Warum stirbt eine junge Frau an einer Überdosis Schlaftabletten? Und was hat der Journalist Conrad Pingel damit zu tun? Auch darum geht es in dem Kriminalroman „Poesie ist kein Beweis“ von Jan Eik.

Und damit sind wir wieder beim aktuellen Beitrag der Rubrik Fridays for Future angelangt. Jede Woche wird an dieser Stelle jeweils ein Buch vorgestellt, das im weitesten Sinne mit den Themen Klima, Umwelt und Frieden zu tun hat – also mit den ganz großen Themen der Erde und dieser Zeit. Und da hat die Literatur schon immer ein gewichtiges Wort mitzureden und heute erst recht. Auf eine recht ungewöhnliche Weise und Perspektive geht es heute um das Menschheitsthema Krieg und Frieden.

Erstmals 2016 veröffentlichte Wolfgang Licht im Tauchaer Verlag „Pascal. Ein Leben mit Wiedergeburten“: Die in allen Weltreligionen diskutierten Vorstellungen von Wiedergeburten nutzt Wolfgang Licht, um aus der Zeit vom Deutsch-Französischem Krieg bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges zu erzählen. Den zeitgenössischen angehenden Mediziner Pascal lässt er als Wiedergeborenen die militärischen Auseinandersetzungen und das damit verbundene aufwühlende Elend erleben. Diese Schilderungen gehen mit ihren drastischen Details häufig bis an die Grenze des Erträglichen. Breiten Raum nehmen auch die Darstellungen unterschiedlichster Strömungen und Einstellungen in der deutschen Bevölkerung zu den historischen Ereignissen dieser Epoche ein. Als Pendant zu den Kriegsszenen berichtet der Autor in idyllischen Bildern vom lebensfrohen Dasein Pascals mit seiner Freundin und weiteren, ihm nahe stehenden Menschen in den Friedenszeiten des 19. und 20. Jahrhunderts. Auf wirksame Weise trägt dieser Kontrast dazu bei, jegliche kriegerische Handlung zu verabscheuen. Gleich zu Beginn des Buches lernen wir auch Pascal kennen, der vielleicht nicht zum ersten Mal lebt. Jedenfalls kommt ihm manches bekannt vor – obwohl es nicht mehr da ist:

Prolog

Wir schreiben das Jahr 2013: Ein Sommergewitter war abgezogen. Das Pflaster der Straße, auf der Pascal mit anderen Touristen ging, dampfte noch.

Die Gruppe war am Körnerplatz angekommen. Der Platz lag unterhalb des Straßenniveaus. Man musste, um zu ihm zu gelangen, breite Steinstufen hinabsteigen.

Der Stadtführer blieb stehen, um den Touristen vom Leben Theodor Körners zu erzählen, dessen Denkmal auf einem Rondell inmitten einer Wiese stand. Das Denkmal war, des Dunstes wegen, der sich über der Niederung gebildet hatte, nicht deutlich zu erkennen.

Das aber war nicht der Grund, warum Pascal dem Redner plötzlich ins Wort fiel: Entschuldigen Sie bitte, aber hier hat doch immer ein Gebäude mit einem Zwiebelturm gestanden. Wieso ist es verschwunden, oder verwechsle ich jetzt diesen Platz mit einem anderen? - Was für ein Gebäude meinen Sie denn, fragte der Stadtführer freundlich. - Ich meine die Villa, die hier stand, die aussah wie ein Schloss. Sie besaß einen Zwiebelturm mit einem Kupferdach. - Hier hat tatsächlich einmal eine solche Villa gestanden. Sie ist aber vor etwa 100 Jahren abgerissen worden, nachdem ein Brand sie zerstört hatte. - Vor 100 Jahren? Das ist doch unmöglich. Ich selbst habe sie noch deutlich vor Augen. - Meines Wissens hat hier nach der Abgerissenen keine neue Villa oder ein anderes ähnliches Gebäude gestanden. Wie sah denn die Villa oder das Schloss aus, das Sie meinen?

Pascal beschrieb nun sein erinnertes Gebäude in allen Einzelheiten, nannte sogar das Wappen über dem mit Skulpturen versehenen Portal. Es war ein Wappen mit verschlungenen Symbolen, aus denen ich nicht schlau wurde. Ich bin aber auch kein Heraldiker, setzte er hinzu. Hm, machte der Stadtführer: Ich bin von Haus aus Historiker, kenne die Geschichte dieser Stadt, in der ich übrigens auch geboren bin. Die Villa, die Sie beschrieben haben, gleicht tatsächlich jener, die damals abgerissen wurde.

Der Sprecher, ein mittelgroßer Mann mit glattem dunklem Haar, in dem sich schon graue Strähnen zeigten, sah Pascal an: In seiner Miene zeigten sich Erstaunen und Befremden gleichzeitig.

Ein junger Mann in Pascals Alter, der wie die übrigen Touristen das Gespräch verfolgt hatte, sagte jetzt: Sind Sie vielleicht ein Wiedergeborener? In seiner Stimme war kein Spott.

Pascal, den die Auskunft des Stadtführers, der sich der Gruppe als Dr. Keller vorgestellt hatte, ziemlich verwirrte, schwieg. Er achtete wenig auf die weiteren Ausführungen Dr. Kellers. Die später vorgestellten Objekte nahm er kaum wahr.

Er war verunsichert. Begann seinen eigenen Wahrnehmungen nicht mehr zu trauen. Er war erst vor kurzem von einer Meningo-Enzephalitis genesen, die mit Halluzinationen einhergegangen war. Könnte es sein, dass ein Schaden bei ihm zurückgeblieben war? Aber, dachte er weiter, durch eine Gedächtnis- oder Wahrnehmungsstörung kann einem doch nicht das Bild einer Villa vorgegaukelt werden, die vor 100 Jahren tatsächlich existiert hatte, und zwar exakt, wie ihm Dr. Keller bestätigt hatte.

Die Führung war zu Ende. Nachdem Dr. Keller die Teilnehmer entlassen hatte, kam er nochmals auf Pascal zu: Ihre Schilderung geht mir nicht aus dem Sinn, sagte er in einem Ton, als überlege er, was von dem Vorgang zu halten wäre.

Ich werde heute nochmals in das Stadtarchiv gehen und genau hinsehen, wie die fragliche Villa ausgesehen hat. Pascal erwiderte, dass er von dem Ergebnis der Nachforschung gern unterrichtet wäre. Sie vereinbarten, dass sie sich morgen gegen sechzehn Uhr im „Caffebaum“ treffen wollten.

Pascal studierte Medizin im 10. Semester. Er bewohnte in der Talstraße ein möbliertes Zimmer, das ihm eine ältere Wirtin vermietet hatte. Das Zimmer war geräumig. Ein Schreibtisch stand am Fenster. Pascals Blick fiel auf eine Linde. Sie nahm ihm zwar Licht, aber ihres Wuchses und der Blätterpracht wegen war sie ihm lieb.

Er stützte sich mit beiden Armen auf die Fensterbank und vertiefte sich in den Anblick des Baumes. Wie alt wird er sein, dachte er. Da fiel ihm ein, was der Volksmund von einer Linde sagt: 300 Jahre kommt sie, 300 Jahre steht sie und 300 Jahre vergeht sie.

Diese Sommerlinde könnte also durchaus 1000 Jahre alt sein. Vielleicht hat er sie sogar früher schon einmal gesehen? Früher. Ob er, Pascal, ein Wiedergeborener sei, hatte ihn der junge Mann am Körnerplatz gefragt.

Das Bild der verschwundenen Villa kam ihm wieder vor Augen. Er hatte es am helllichten Tage „wiedergesehen“. Morgen würde er von Dr. Keller Näheres über das ominöse Haus erfahren.

Er fühlte sich jetzt seltsam erschöpft. Ihm war, als kehre die überstandene Krankheit zurück. Nach einem letzten Blick auf die Linde ging er zeitig zu Bett.“ Und damit zu den ausführlicheren Vorstellungen der anderen vier Sonderangebote dieses Newsletters:

Erstmals 2001 veröffentlichte Jürgen Leskien im Verlag Die Furt Jacobsdorf „Kieloben. Die unglaubliche Geschichte einer Seefahrt“: Dieser Kutter, die „Eisvogel“ ist so etwas wie ein Geschenk für angolanische Fischer. Jedenfalls fast. Denn sie bezahlen dafür. Eine kleine Besatzung bringt das Schiff in den Hafen von Luanda. Doch als der Kutter dort verspätet ankommt, fehlt eines der Besatzungsmitglieder - der ostdeutsche Journalist und Schriftsteller Joe Laska, der als Maschinenassistent mitgefahren war und bis zum Zwischenstopp in Gran Canaria in regelmäßigen Abständen von Bord berichtet hatte. Niemand kann oder will sagen, wo Laska abgeblieben war. Merkwürdig ist, dass einige Seiten des Schiffstagebuches, und zwar eben jene, in denen es um den Aufenthalt auf Gran Canaria geht, durch Verschütten einer Flüssigkeit unleserlich geworden waren. Merkwürdig ist außerdem, dass dem ermittelnden Polizei-Serganten Romeo Fernandes kurze Zeit später der Fall „Eisvogel“ auf höhere Weisung entzogen wird. Alles, was die städtische Polizei mit ihren Mitteln zur Aufklärung habe beitragen können, sei getan worden. Der Rest sei Angelegenheit der Capitania, das heißt der Hafenverwaltung, der Versicherung und der deutschen Botschaft. Er, Romeo Fernandes, habe ab sofort in der Angelegenheit nichts mehr zu unternehmen. Doch dann hält der Sergeant das Tagebuch des verschwundenen Maschinenassistenten in seinen Händen und beginnt zu lesen. Hier aber zunächst erst einmal eine kurze Einführung:

Der Fall

Der vorläufige Untersuchungsbericht erreichte das Referat fünf des deutschen Außenministeriums verspätet. Der Grund dafür seien die Osterfeiertage gewesen, verteidigten die Beamten ihre Schlamperei vor der Presse.

Natürlich gab es auch in diesem Fall die üblichen Informationsverluste und Pannen. Ein älterer Mitarbeiter, der wegen des bevorstehenden Umzugs an einem nervösen Magenleiden litt und während der Feiertage im Außenministerium zur Stallwache verdonnert worden war, hatte hinter vorgehaltener Hand von einem Inferno an Bord gesprochen. Die Morgenzeitung mit den großen Buchstaben tönte sogleich „Höllenfeuer im Maschinenraum“. Das war ein Missverständnis, und das klärte sich erst auf, als der Abteilungsleiter des Beamten Mittwoch nach Ostern vom Skilaufen in den Alpen wieder an seinen Arbeitsplatz zurückkehrte. Er musste entdecken, dass sein Unterstellter, der portugiesischen Sprache nicht mächtig, aus einem verstümmelt Bericht, der über den Ticker aus Luanda eingelaufen war, das Wort „Inverno“ herausgefiltert hatte, was in besagter Sprache wohl Winter heißt und lediglich im Zusammenhang mit der Ausrüstung des Schiffes Erwähnung fand.

Allerdings erwies sich jener Teil der Zeitungsmeldung als richtig, im dem stand, dass ein Besatzungsmitglied verschwunden sei.

Insgesamt hielt man im Amt den Fall für nicht bedeutend. Eine solche Beurteilung aber hängt von der Sicht auf die Ereignisse ab. Schließlich hatte das angolanische Fernsehen ausführlich über das Einlaufen des Schiffes berichtet und den Leuten von CCN war die verspätete Ankunft des EISVOGELS in Luanda sogar eine Dreißig-Sekunden-Meldung wert. Dazu kam, dass der ostdeutsche Publizist und Schriftsteller Joe Laska, der als Maschinenassistent zur Besatzung des Schiffes gehörte, bis zum Zwischenstopp in Gran Canaria in regelmäßigen Abständen von Bord berichtet hatte. Im Morgenmagazin des Ostdeutschen Radios Brandenburg wurden durch ihn, im Gespräch mit dem Moderator, die Hörer über den Zweck der Fahrt aufgeklärt und die Situation an Bord eindrucksvoll geschildert. Diese sehr frischen und lebensnahen morgendlichen Seefunkgespräche, wie sie der Intendant des Senders in der Dienstbesprechung lobte, hatten unter anderem zur Folge, dass Leute aus ganz unterschiedlichen Verhältnissen dem Sender Geld für den Kauf eines weiteren Schiffes anboten. Ein geschlossener Umschlag mit eintausenddreihundertfünfzig Mark war sogar beim Pförtner der Rundfunkanstalt eigens zum genannten Zweck abgegeben worden. Mindestens diesen Leuten musste nun erklärt werden, welche Umstände zu den katastrophalen Verhältnissen an Bord geführt hatten.

Das aber wird noch dauern. Zumal der Geschäftsführer der Nichtregierungsorganisation EINHAUS e. V., die das Projekt angeregt und mit großem Engagement betreut hatte, aus noch unbekannten Gründen Montagabend in die Cunene-Provinz geflogen war und erst in einer Woche zurück erwartet wird.

Auch ist vorerst nicht damit zu rechnen, dass Journalisten oder andere Personen, die mit der Aufklärung der Angelegenheiten nicht unmittelbar zu tun haben, sich dem Liegeplatz neun an der Pier des Fischereihafens auch nur nähern dürfen. Das hatte die Hafenpolizei unmissverständlich klar gemacht.

Inzwischen sickerten Einzelheiten aus den Befragungen der Besatzungsmitglieder durch, soweit sie überhaupt befragt werden konnten. Während am Dienstag, dem vermeintlichen Unglückstag, das Vorderschiff bereits auf Grund lag und der Maschinenraum teilweise unter Wasser stand, hatte der Kapitän noch im Vollrausch in der Koje gelegen. Als die Hafenpolizisten mit schwerem Werkzeug in das Schiff eindrangen und ihn weckten, soll er einem der Polizisten die Faust ins Gesicht gestoßen haben, versehentlich, was sicher auch die Wahrheit ist. Der Verantwortliche des Enterkommandos, ein Sergeant namens Romeo Fernandes, der drei Jahre an einer Polizeischule der DDR studierte hatte und heute noch eine Frau in Berlin-Marzahn seine Liebste nennt, erklärte in vorzüglichem Deutsch, dass der Genosse Kapitän, noch in der Koje liegend, verlangt habe, man möge die weißen Tiere von seiner Brust nehmen und auch die entfernen, die an den Wänden und an der Decke hingen. Als das Schiffsoberhaupt dann aber urplötzlich um sich schlug und mit einer abgebrochenen Whiskyflasche gegen die Wand seiner Kammer anrannte, um sich selbst der Tiere zu entledigen, hatte man ihn schließlich überwältigt und in das städtische Hospital „Americo Boavida“ gebracht. Dort liegt er nun zum Entgiften auf der Intensivstation. Für eventuelle Befragungen fällt er aus, zwei Wochen noch, oder drei, meinen die Ärzte.

Der Erste Offizier des Schiffes verlangte seinen Hamburger Anwalt zu sprechen, bevor er überhaupt zu einer Äußerung bereit war. Dieser Anwalt aber war vor einem Jahr auf dem Flugplatz von Luanda vom Zoll gefilzt worden. Die Beamtin hatte einen winzigen Diamanten in seiner Nivea-Cremedose entdeckt. Durch gute Kontakte zu angolanischen Sicherheitsbehörden konnte der Mann Schlimmes von sich abwenden, galt aber von nun ab als unerwünschte Person. Ein Einreisevisum, auch zur Betreuung seines Klienten, wird ihm nicht erteilt, das stand fest.

Nun sah sich der Erste in der Klemme und hoffte auf die Hilfe seiner von ihm geschiedenen Frau aus Rostock. Die war, wie die deutsche Botschaft durch einen Telefonanruf erfuhr, mit ihrem nigerianischen Freund nach Paris gereist und nicht aufzufinden. Es konnten noch Tage vergehen, bis sie vom Schicksal ihres ehemaligen Ehemannes erfahren und etwas unternehmen würde, zum Beispiel, einen anderen Anwalt bat, sich ihres Verflossenen anzunehmen.

Aber möglicherweise war sie daran gar nicht interessiert.

Der Chief, der Ingenieur des Kutters, war in den Gesprächen, die Licht in die Angelegenheit bringen sollten, maulfaul und ließ sich selbst die kleinste Äußerung nur unter Mühen abringen. Selbst einer der letzten DDR-Botschafter für Angola, Sao Tomé und Principe, der aus Geschäftsgründen und aus Gründen, die wohl auch mit der Ankunft des Kutter zusammenhingen, gerade in Luanda war und der den Chief von früher flüchtig kannte, soll nach einem halbstündigen Versuch nur mit den Schultern gezuckt und sich mit der Bemerkung verabschiedet haben: „Ein Mecklenburger, da kann man nichts machen, er ist eben ein Mecklenburger!“

Allerdings war von einem Angestellten der Botschaft, der mehrmals Trinkwasser an Bord brachte, zu hören, dass der Chief, mehr für sich wohl, häufig den Satz wiederholte: „Völlig unverständlich, wie das jetzt noch passieren konnte, jetzt noch, völlig unverständlich!“ Dabei soll er sich stets mit der flachen Hand derb gegen die Stirn geschlagen haben. Bei der Sicherung des halb abgesoffenen Dampfers war er ruhig und umsichtig zu Werke gegangen. Stark schwitzend dabei und die angolanischen Helfer in einer Weltsprache aus Suaheli, Russisch und Englisch antreibend.

Eigentlich ist ihm und dem russischen Dockkapitän von der Werft die Rettung des Schiffes zu verdanken. Das bestätigte auch der ehemalige Polizeipräsident der Stadt Luanda, General Dino Trosso. Unklar blieb bisher, in welcher Weise der General überhaupt mit der Sache zu tun hatte. Er war seit über einem Jahr nicht mehr Chef der städtischen Polizei, und was hatte er mit Dingen zu schaffen, die ja wohl ausschließlich Hafenangelegenheiten waren und dazu noch Bürger eines anderes Landes betrafen?“

Erstmals 1962 erschien im Volksverlag Weimar der Roman „Manche nennen es Seele“ von Wolfgang Held: Der Brigadier Klaus und die Betriebsschwester Monika lieben sich und freuen sich auf das gemeinsame Kind. Anfang der 1960er Jahre ist es selbstverständlich, dass die beiden ganz schnell heiraten wollen. Doch damit beginnen die Probleme. Monika, die Tochter des Kirchenältesten von Streckenroda, träumt von einer kirchlichen Trauung im Heimatdorf. Klaus' Brigade kämpft als erste im Automobilwerk um den Titel „Kollektiv der sozialistischen Arbeit“. Dazu gehört nach der Bitterfelder Konferenz aber auch das sozialistische Leben. Alle Brigademitglieder erwarten von Klaus, der nicht konfirmiert und schon lange aus der Kirche ausgetreten ist, eine sozialistische Eheschließung, ohne Pfarrer und Kirche. Die harte Bewährungsprobe der beiden Liebenden eskaliert fast, als ein Redakteur der Regionalzeitung den Konflikt aufgreift und damit öffentlich macht. Das 1962 erstmals veröffentlichte Buch schildert spannend und mit satirischer Überspitzung Auseinandersetzungen zwischen Kirche und Staat in der DDR zu Beginn der 1960er Jahre. Mit seinem für den heutigen Leser unerwarteten Schluss ist der Roman nach den politischen Veränderungen scheinbar noch interessanter als bei seinem erstmaligen Erscheinen. Zur Einstimmung in das Geschehen der Beginn des zweiten Kapitels:

„Mendefeld war eine jener kleinen Bahnstationen, deren Namen in die Kursbücher nur mit winzigen Buchstaben gedruckt wird. Für die D-Zug-Reisenden ein unscheinbares, vorbeihuschendes Häuschen und keines Blickes wert, hatte diese Station doch für Hunderte von Menschen ihre Bedeutung. Werktag für Werktag kamen sie am Morgen und am Abend und gingen durch die schmale Sperre, die Hauer und die Maschinisten, die Zimmerleute und die Fördermänner des Kalischachtes. Auch der Mann mit der roten Mütze grüßte hier mit „Glück auf!“ wie die meisten Leute in Mendefeld und in den umliegenden Dörfern. Nur vier Reisende waren in dieser Vormittagsstunde aus dem Zug gestiegen, der nun schon sein weißes Dampfzeichen der nächsten Station entgegentrug. Der Mann an der Sperre wunderte sich nicht über die geringe Zahl der Fahrgäste, die ihm ihre Fahrkarten reichten. Vier, fünf solcher Karten, mehr hatte er an Sonntagen nur sehr selten zu kontrollieren. Ausgenommen natürlich die Feiertage und wenn irgendwo in der Nähe eine große Hochzeit war. Heute aber wusste der Mann mit der roten Mütze nicht von solchen Ereignissen.

Klaus Sänger musste seinen Weg hier nicht suchen. Er schlug nicht die Straße zum Ort hinunter ein, sondern bog gleich hinter dem Bahnhofsgebäude in die Felder. Dieser Weg brachte ihn eine halbe Stunde schneller nach Kargen, der Bergarbeitersiedlung, in der seine Eltern wohnten und deren Name als Geburtsort in seinem Personalausweis stand. Klaus wusste, dass sie sich zu Hause freuen würden über seinen Besuch. Er hatte am Abend vorher selbst noch nicht geahnt, dass er jetzt auf diesem ausgefahrenen, staubigen Feldweg gehen würde. Es war ein schneller Entschluss gewesen. Dennoch zweifelte Klaus nicht daran, dass er das Richtige tat. Mutter wird Augen machen, dachte er und lächelte zu den Hausgiebeln hin, die hinter den Feldern sichtbar wurden. Nein, er hatte weder telefoniert noch telegrafiert. Gar nichts wussten sie zu Hause, nichts von seinem Kommen, nichts von der Hochzeit, kein Wort über Monika, ganz zu schweigen von dem Kind. Für lange Briefe war eben keiner von den Sängers zu haben. Klaus' Vater verzog schon das Gesicht, wenn er mal irgendetwas unterschreiben musste. „Kannst du das nicht machen, Mutter?“, fragte er stets bei solchen Dingen und nahm nur höchst widerwillig einen Federhalter zwischen seine derbknochigen Hauerfinger. Klaus schmunzelte bei diesem Gedanken. Er sah seinen Vater vor sich, die rechte Schulter ein wenig tiefer als die linke, das Gesicht mit den hellen Augen, die immer leicht gerötete Lider hatten. Die Mutter behauptete nun schon seit vielen Jahren, dass sie wegen des verdammten Fusels entzündet wären, ohne den der Vater keinen Tag vergehen ließ. Nicht etwa, dass er ein Säufer gewesen wäre. Klaus jedenfalls hatte seinen Vater nicht ein einziges Mal betrunken gesehen. Nach jeder Schicht zu Hause einen kräftigen Schluck, das gehörte sich für den Hauer Sänger geradeso wie das Duschen nach der Schachtarbeit. Für die Haut das Wasser, für die Kehle einen Harten, darauf muss ein sauberer Bergmann halten! war seine unabänderliche Meinung.

Die Dächer der Siedlungshäuser waren emporgewachsen, und Klaus konnte jetzt schon die grünen Fensterläden und die weiß gestrichenen Zäune erkennen. Unwillkürlich beschleunigte er seinen Schritt. Warum bin ich eigentlich nicht schon längst darauf gekommen, die Sache mit Vater zu besprechen? fragte er sich. Wenn einer fast vierzig Jahre im Schacht ist, muss er doch das Leben kennen und ein guter Ratgeber sein! Klaus sah jetzt, dass auch die niedrigen aneinandergebauten Einfamilienhäuser der Siedlung frisch geweißt waren. In den Vorgärten grünte und blühte es wie in jedem Jahr um diese Zeit. Als Klaus das letzte Mal hier war, hatte der Schnee auf den Dächern gelegen und auf den Beeten. Zu Weihnachten war es gewesen, und vieles war geschehen seitdem. Sein Blick blieb nicht lange bei den Blüten. Jede Zaunlatte kannte er hier und fast jeden der Namen an den Gartentüren. Worosczinki, der die neun Kinder hatte und aus der ganzen Nachbarschaft Stühle zusammenborgen musste, wenn sie zu einem Familienfest alle mit den Enkelkindern kamen, per Bahn, Motorrad oder sogar Wartburgwagen aus allen Teilen der Republik; Fritsche, der Zimmermann, über dessen fünfzehn Jahre jüngere Frau hinter seinem Rücken recht delikate Geschichten erzählt wurden, oder Hörnchen, der die beiden Apfelbäume in seinem Vorgarten alljährlich für die Siedlungskinder freigab und zwei Dutzend Freunde hier hatte, obwohl ihm die unbequeme Angewohnheit eigen war, bei jedem Gespräch die Worte so laut herauszuposaunen, als unterhalte er sich grundsätzlich nur mit Schwerhörigen.

Klaus zählte im Gehen die Fernsehantennen auf den Dächern. Es waren einige mehr geworden seit dem Weihnachtsfest. Allerdings konnte er auch schon aus einiger Entfernung erkennen, dass sein Vater den Wunsch der Mutter nach so einem „Fernsehkasten“ noch immer nicht erfüllt hatte. Auf dem Dach des Sänger-Hauses reckte sich noch kein Antennenmast in die Höhe. Klaus klingelte dreimal kurz. „Der Junge! Otto, der Junge!“, hörte er drinnen seine Mutter rufen. Sie musste ihn schon durch die Scheibengardinen erkannt haben.

„Klaus! Um Gottes Willen, ist etwas passiert?“

Klaus' Mutter war eine zierliche, zartgliedrige Frau, der man nur schwer einen so breitschultrigen, beinahe bärenhaften Sohn zutraute. Sie reichte ihm knapp bis ans Kinn. Klaus umarmte sie und lachte. „Aber was soll denn passiert sein! Appetit nach deinen Klößen habe ich bekommen ... Sollte ich da bis zum nächsten Feiertag warten?“

„Nun hör einer den an: Erst der Mutter um den Hals fallen und dann von der Fresserei anfangen. Ich zähle scheinbar überhaupt nicht mehr mit! ... Manieren sind das in den großen Städten!“ Der Vater! Klaus wusste genau, was jetzt geschehen würde. Er schaute auf die breite Hand, die sich ihm zur Begrüßung entgegenstreckte. Eine Sekunde muss er an seinen älteren Bruder denken, der im Erzgebirge in einem Tbc-Sanatorium als Krankenpfleger arbeitete und den eisenharten Druck dieser Hand noch nie ohne Wehschrei hinter sich gebracht hatte. Dem alten Kalikumpel bereitete es immer wieder diebische Freude, wenn er seinen Söhnen beweisen konnte, dass er noch lange nicht reif für die Veteranenbank war.

„Na?“, fragte der Vater herausfordernd. Seine Augen waren klein vor Vergnügen. Klaus zögerte nicht länger. Herzhaft packte er zu. Es war, als schlügen zwei Magnetstähle gegeneinander. Klaus verlor sein Lächeln nicht.

„Einen Waschlappen machen sie jedenfalls nicht aus dir dort in eurer Autobude!“, meinte der Vater schließlich und betrachtete befriedigt nickend seine Rechte.

Bald darauf wurden die beiden Männer von der Mutter im Wohnzimmer allein gelassen. Sie wollte die Mahlzeit herrichten. Natürlich hätte sie ganz gern an dem Gespräch der beiden teilgenommen. Schließlich hatte sie auch eine Menge Fragen an ihren Jüngsten, aber sie war nicht eine von den jungen Bergarbeiterfrauen, die überall mitreden wollten. Manche sollten ja angeblich ihren Männern nicht mal mehr die Stiefel putzen! Nein, mit denen hatte die Frau Sänger nicht viel im Sinn. Otto war ihr immer ein guter Mann gewesen, und geschlagen hatte er sie nicht ein einziges Mal in der langen Ehe, sogar damals nicht, als er in der schweren Zeit hin und wieder seinen Kummer in die Schenke getragen hatte und unter nicht wenigen Bergarbeiterdächern die Leibriemen geschwungen wurden. Gut, heute, wo die Tische voll waren und die Kinder in der Siedlung bei dem Wort „Streik“ nur noch große, neugierige Augen bekamen, jetzt schlug kaum noch ein Kumpel seinen Ärger in die Frau oder in seine Halbwüchsigen. Das mit den Stiefeln aber, das würde sogar den Otto heute noch in Harnisch bringen. Schließlich war es ja auch keine Art von diesen jungen Frauen. Man kann sagen, was man will: Die Frau soll dem Manne Untertan sein! Wenn bloß der Klaus nicht so einer putzsüchtigen Aufmuckerin in die Fänge gerät! Mehr Staat als wir machen sie ja heute alle von sich, die jungen Mädchen!

Während die Mutter in der Küche Kartoffel um Kartoffel in eine mächtige Schüssel rieb und auf ihre Weise über Generationsprobleme nachdachte, hatte der Vater geduldig seinem Sohn zugehört.

„Hm, das wäre dann also das fünfte“, meinte er gedehnt, nachdem Klaus geendet hatte. Klaus verstand nicht gleich, was sein Vater damit sagen wollte. Der aber wählte aus einem kleinen Blechschächtelchen eine pechschwarze Priemrolle, packte sie mit geübtem Griff zwischen die gebräunten Zähne und hielt dann seinem Sohn die offene Schachtel hin. „Willst du nicht doch mal versuchen? Auf jeden Fall ist so ein Schwarzer besser als die Glimmstängel!“

„Darüber lasst sich streiten. Aber wieso das fünfte? Wie meinst du das?“ Klaus schob den Priem wieder seinem Vater zu und suchte in seinen Taschen nach der Zigarettenschachtel.

„Das fünfte Enkelkind meine ich, was denn sonst? Zwei hat Willi, dann die beiden von deiner Schwester und nun noch das von deiner ... richtig, Monika heißt sie. Für mich bedeutet das fünfmal Weihnachtsgeschenke kaufen und fünfmal Geburtstagsgeschenke nur allein für die Enkelkinder. Das Großvater-Sein wird immer teurer! Ich sehe schon kommen, dass wir den Fernsehapparat nun noch ein Jahr verschieben müssen!“

„Seit wann hat denn Hildegard zwei Kinder? Weihnachten hatte sie doch nur ... Oder war sie da schon ...?“ Klaus wurde nicht so schnell mit dieser Neuigkeit fertig. Sein Vater schmunzelte.“

Erstmals 1984 veröffentlichte Christa Grasmeyer im Verlag Neues Leben Berlin „Verliebt auf eigene Gefahr“: Ja, das ist tatsächlich eine Liebesgeschichte - allerdings eine mit einem ungewöhnlichen Beginn. Denn als Johannes merkt, dass da irgendwas werden könnte mit Irene, da ergreift Johannes allerhand merkwürdige Vorsichtsmaßnahmen. Trotzdem ist es tatsächlich eine Liebesgeschichte. Und auch hier der Beginn des zweiten Kapitels:

„Er weiß, dass er auffällt. Frauen sehen ihn an. Manche gehen mehrmals vorbei, langsam und scheinbar in Gedanken versunken, und dabei sehen sie ihn an. Es kommt auch vor, dass sich eine zu ihm auf die Bank setzt. Er kennt das und sitzt wie aus Bronze gegossen. Wenn er trotzdem angesprochen wird, wirft er einen Satz hin, der sich italienisch anhört. Abgesehen von amore und Dolce Vita kann er kein Wort Italienisch, er ahmt den Sprachklang nach, wie er ihn im Fernsehen aufgeschnappt hat. Das Interesse entflammt zwar dadurch nur noch mehr, aber er hält sich die Frauen durch eisernes Nichtverstehen vom Leibe. Oder er täuscht Schwerhörigkeit vor, auf die Idee hat ihn Ludwig gebracht.

Johannes sitzt oft im Kurpark, wenn es leidlich warm und trocken ist. Da die Männer sehr früh am Tag mit der Arbeit beginnen, bleibt ihnen ein langer Nachmittag zum Schwimmen, Schlafen, Ballspielen, oder was immer ihnen einfällt, die Stunden in einem Seebad zu nutzen. Johannes geht meistens mit Ludwig in den Wald oder einsame Feldwege entlang. Er hat sich für den Hund ein Übungsprogramm ausgedacht, gestuft nach Schwierigkeitsgraden, und er hat verschiedene Handzeichen ersonnen. Er mag nämlich nicht, dass die Männer über Ludwig lachen und unwürdige Späße mit ihm treiben und so tun, als sei dieser Hund ein bisschen düsig, nur weil er mühelos zu überrumpeln ist und leicht in drollig wirkende Bestürzung gerät. Eines Tages sollen alle, die jetzt über Ludwig lachen, staunend verstummen. Johannes bringt ihm bei, was auch andere Hunde lernen, bei Fuß gehen, hinsetzen und warten, still sein und ohne Erlaubnis nicht weglaufen. Es klappt schon, wenn sie beide allein sind, fern von jeder Ablenkung. In Hedwigshöhe herrschen erschwerte Bedingungen, das ist der höhere Schwierigkeitsgrad. Hühner scharren in den Höfen, Hunde verlocken Ludwig zu Ungehorsam. Zuletzt ruhen sie sich im Kurpark aus, Ludwig schläft unter der Bank ein, Johannes beobachtet die Vorübergehenden.

Entspannt und angenehm müde sitzt er immer auf derselben Bank. Sie steht am Hauptweg und ist bei den Kurgästen nicht beliebt. Hier scheint die Sonne glühend heiß, und der Weg ist staubig. Anders beim Springbrunnen, am Rosenrondell, da ziehen die Frauen ihre Röcke über die Knie hoch und halten die Beine in die Sonne, Beine mit Ausschlag, da gibt es keine freie Bank, auch im Halbschatten nicht. Im Halbschatten sitzen ältere Leute und solche, die husten und beschwerlich atmen. Die Bank am Hauptweg gehört Johannes.

Manchmal, an besonders schönen Nachmittagen, trappelt eine Kindergruppe den Hauptweg entlang, lauter dralle kleine Gören, einheimische zweifellos, zu gesund, um aus dem Kinderkurheim zu sein. Sie tragen Schaufeln, bunte Eimer und Bälle in Netzen, damit haben sie am Strand gespielt. Es gibt in der Nähe einen Kindergarten, und dorthin gehen sie nun zurück, immer zwei und zwei. Sie lärmen nicht, sie sprechen ganz leise miteinander und schauen die Kurgäste, auch Johannes, mit einem Ausdruck von ernsthafter Besorgnis an.

Als er die Kinder zum ersten Mal sah, war er befremdet, und er nahm die dazugehörende Aufsichtsperson argwöhnisch in Augenschein. Er musste an Heiner denken, seinen Kleinen, dem er manchmal zugezwinkert hat. Der Junge, von Grit wegen einer Ungeschicklichkeit getadelt, saß am Tisch, und die Freude am Essen war ihm vergangen. Er hob den Blick zu seinem Vater, und Johannes zwinkerte ihm zu.

Wenn jetzt die Kinder kommen, nimmt er die Sonnenbrille ab und zwinkert. Sie lachen und sagen was zu ihrer Erzieherin. Die, während sie leise auf die Fragen der Kinder antwortet, sieht ihn an und lächelt. Vielleicht bildet sie sich ein, er sucht Kontakt zu ihr über die Kinder. Er setzt die Sonnenbrille wieder auf.

Eines Tages aber steuert die Aufsichtsperson auf ihn zu.

„Entschuldigen Sie bitte“, fängt sie an, „ich habe eine Frage.“

Sie steht vor ihm in ihrem verwaschenen, durchgeknöpften Jeanskleid, in den flachen Sandalen, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt. Er bleibt sitzen, unhöflich, wie ihm wohl bewusst ist, und ohne das geringste Entgegenkommen.

„Oder vielmehr, die Kinder haben eine Frage“, fährt sie unbeirrt fort. „Die Kinder möchten wissen, ob Sie aus Kuba sind.“

Er wendet sich den Kindern zu. Sie umringen seine Bank. Er sieht in die runden Gesichter, in die blanken, neugierigen Augen, und nimmt die Brille ab.

„Aus Kuba“, fragt er, „warum?“

Die Aufsichtsperson erklärt ihm den Zusammenhang. Es gibt im Kindergarten ein Bilderbuch über Kuba, und manche Leute darin ähneln ihm. Deshalb fragen die Kinder jedes Mal.

Er ärgert sich, weil sie die Kinder nicht selber antworten lässt. Er neigt sich vor zu einem lütten Bengel, der ihm die Hand aufs Knie gelegt hat.

„In Kuba sprechen die Menschen spanisch. Ich bin von hier, ich kann sogar Platt. Kannst du das auch?“

Der Junge schüttelt den Kopf. Die Kinder drängen sich näher heran.

„Mein Opa kann’s“, sagt eine Kleine. Sie ist neben ihm auf die Bank geklettert und beginnt zu singen: „Fieken hett schräben ut Hagenow …“

Johannes lacht. Er wünscht, die Kleine hätte von ihrem Opa die gängige Verballhornung dieses Liedes gelernt, nämlich „Fieken hett schäten in’t Haberstroh“. Da wär die Aufsichtsperson schön in Verlegenheit. Sie macht Anstalten, die Kinder wieder um sich zu scharen.

Der Junge sagt schnell noch: „Du hast aber ganz schwarze Haare und ganz schwarze Augen.“

„Ja, und du bist blond. Wenn wir alle gleich aussähen, wär’s langweilig, nicht?“

„Und warum bist du krank?“

Die Erzieherin schiebt den Jungen von ihm weg, sie hebt das Mädchen von der Bank. Die Kinder ordnen sich zu Zweierreihen, ohne Ermahnung, in stillem Einverständnis, dass man so und nicht anders durch den Kurpark zu gehen habe. Johannes starrt die Aufsichtsperson finster an. Sie hat lange dichte Wimpern, die ihren Augen einen unangebracht sanften Ausdruck geben. Einen schmachtenden, denkt er.

„Verzeihen Sie, wir haben Sie gestört“, sagt sie. „Die Kinder tun das sonst nicht.“

„Schon gut.“

Zu den Kindern hat er anders gesprochen. Die Aufsichtsperson zieht erstaunt die Brauen hoch. Dann geht sie mit ihrer Gruppe weiter

Von nun an grüßen ihn die Kinder, wenn sie vom Strand kommen. Sie ziehen brav vorbei, aber sie winken, und er winkt zurück und lacht jedes einzelne an. Nur die Aufsichtsperson grüßt er flüchtig, mit knappem Kopfneigen. Das macht ihm Spaß. Er sieht, wie verwundert sie ist über diesen Unterschied. Sie geht nicht mehr mit so gelösten Schritten, sie spannt sich unter seinem Blick.

Einmal, nachdem sie mit den Kindern vorbeigegangen ist, kommt sie plötzlich allein zurück. Er ist überrascht, denn er bemerkt sie erst, als sie seine Bank schon fast erreicht hat. Sie will aber nicht zu ihm, sie ist in Eile und ruft ihm zu: „Ich kann’s nicht ändern!“

„Was?“, ruft er ihr nach.

Sie hebt bedauernd die Hände. „Na, dass ich Ihnen schon wieder die Stimmung verderbe. Ich bin wohl ein rotes Tuch für Sie.“

Er ist verärgert, weil er sich hat verleiten lassen, auf ihren Zuruf zu antworten. Sie hat ihm wirklich die Stimmung verdorben. Die Sonne wird ihm lästig, er langweilt sich.

Kaum hat ihn der Gedanke, dass er nachher in den „Pott“ gehen wird, ein bisschen aufgeheitert, da sieht er die Erzieherin auf dem Weg zurückkommen, diesmal mit einem Netz voller Bälle, das sie offenbar am Strand vergessen hat. Sie geht nun langsamer, beruhigt, das Netz gefunden zu haben. Etwas an ihrem Gang, an ihren Bewegungen auf ihn zu, lässt ihn ahnen, was jetzt folgt. Ohne die Kinder um sich ist sie keine Aufsichtsperson, sondern ein neugieriges Mädchen.“

Der Kriminalroman „Poesie ist kein Beweis“ von Jan Eik erschien erstmals 1986 Band in der DIE-Reihe (Delikte, Indizien, Ermittlungen) des Verlags Das Neue Berlin: Eine junge Frau stirbt an den Folgen einer Überdosis Schlaftabletten. Auf der Suche nach dem Motiv der Tat gerät der K auch der Journalist Conrad Pingel, ein Bekannter der Verstorbenen, unter die Lupe. Durch das gegen ihn gerichtete Misstrauen motiviert, beginnt er mithilfe eines „lyrischen Steckbriefes“ nach einem Mann zu recherchieren, den die junge Frau anscheinend mehr liebte als ihr Leben. Obwohl Conrad Pingel die polizeilichen Ermittlungen erschwert, in den Verdacht zumindest moralischer Schuld gerät und selbst beinahe einen Unschuldigen „überführt“, kann er die Klärung des Todesfalles durch die K auch für sich als Erfolg verbuchen. Hier der Beginn des 3. Kapitels:

„Gitta wohnte in einer grauen Straße mit abgebröckelten Fassaden. Ihr Berliner Zimmer, im zweiten Hof hochparterre links, Toilette eine halbe Treppe höher, maß dreiunddreißig Quadratmeter; der Hof, auf den das elektrische Licht durch das einzige Fenster des Zimmers hinausdrang, nicht viel mehr. Gittas Sohn Guido litt an Bronchitis.

Als Conny an diesem späten Abend in der Küchentür auftauchte, die gleichzeitig die Wohnungstür war, ließ Guido ein nicht unfreundliches „Hallo, Conny!“ hören, bevor er sich wieder den Ereignissen auf der Mattscheibe des weiß lackierten Fernsehgeräts zuwandte.

Die Küche war ein lang gezogener, meergrün getünchter Raum, in dem sich die mit biberbraunem Autolack verschönten Küchenmöbel verloren ausnahmen. Die Türen des Küchenschranks zeugten von Gittas Versuchen in naiver Bauernmalerei.

Wollte Conny nachts bei Gitta bleiben, musste Guido in der Küche auf dem Sofa schlafen, auf dem er jetzt saß. Zwar war das Zimmer groß genug für wesentlich mehr als drei Personen, doch Gitta hielt nichts von Anschauungsunterricht für Guido, auch nichts von Hörspielen. Und die blieben nicht aus, wenn sie und Conny beieinander waren. Dazu waren sie schließlich beieinander. Wenn es sein musste, sogar auf dem zu kurzen Küchensofa.

„Hast du Abendbrot gegessen?“, fragte Gitta.

Conny küsste sie auf ihre weiße Stirn. „Reichlich“, sagte er. Gitta kniff die Augen ein wenig zusammen und sah ihn forschend an. „Du hast auch was getrunken“, stellte sie ohne Vorwurf fest.

„Ich habe mich beim Skatabend ausgeblendet. Deinetwegen.“

Gitta reagierte nicht. „Ich hole uns was zu trinken“, sagte sie und ging ins Zimmer, aus dem das quarrende Geräusch des Rekorders drang.

Ohne von den grauen Konturen auf dem Bildschirm wegzublicken, äußerte Guido in einem sehr endgültigen Ton: „Ich schlafe nicht auf dem Sofa.“

Conny spielte den Erstaunten. „Wie kommst du denn darauf?“

Er rückte den Küchentisch ein wenig nach vorn und ließ sich neben dem Jungen auf den ächzenden Sprungfedern nieder. Was Guido sich da auf dem Fernsehschirm als Bild zusammenreimen mochte, blieb schleierhaft.

Er versetzte Guido einen sanften Stoß mit dem Ellenbogen. „Hast du großer Bengel etwa Angst?“

Guido vergewisserte sich, ob seine Mutter ihn nicht hören konnte, bevor er vertraulich flüsterte: „Hier gibt es Ratten!“ Conny lachte. „Aber nicht in der Küche. Nur in eurem ollen Keller.“

Er dachte mit Unbehagen an die modrigen Gänge, die zu Gittas Kohlenkeller führten.

„Warum schreibst du nicht mal was über Ratten in deiner Zeitung?“, wollte Guido wissen.

Gitta, zwei mit Rotwein gefüllte Zahnputzgläser in Händen, sah von der Zimmertür aus strafend auf die beiden. „Ihr mit euren Ratten“, sagte sie angeekelt. „Ich werde unsere Kotelettknochen künftig in Folie wickeln, und du wirfst sie in deinen hygienischen Müllschlucker.“

Conny lächelte ihr besänftigend zu. Hygienischer Müllschlucker klang wie der Anfang einer unguten Diskussion. Gitta, so ausgeglichen und zufrieden sie gewöhnlich wirkte, kannte zwei Themen, die sie jederzeit aufregten: ihr Sohn und ihre Wohnung.

Wenn sie alle Beispiele von verspießerten Kleinstfamilien in sonnigen Riesenwohnungen, von Schiebungen, Vertröstungen und Ablösungen im Referat Wohnungswesen in die Waagschale der Ungerechtigkeit warf, erwies sich des Neubaubewohners Conny letzte optimistische Reportage vom Wohnungsbaugeschehen allemal als zu leichtgewichtig. Deshalb stand er behände auf, so behände, wie das Sofa es zuließ, und küsste Gitta. Sie hatte schon von dem Rotwein gekostet. Es war eine herbe Sorte.

Er nahm ihr ein Glas aus der Hand und trank. „Die süßeste Ratte, die es hier gibt, bist du“, sagte er und verzog die Lippen.

Guido tat, als könnten ihn nur die diffusen Vorgänge auf der Mattscheibe fesseln.

Als der Junge endlich im Bett lag, setzte sich Gitta entspannt neben Conny auf das Sofa. Die Augen wie immer ein wenig zusammengekniffen, nicht allein wegen der Qualität des Fernsehbildes, Gitta war kurzsichtig. Statt sich eine Brille verschreiben zu lassen, bekämpfte sie die Fältchen in ihren Augenwinkeln mit einer Creme, deren Geschmack Conny nicht mochte.

Gittas Haut war weiß und zart und ihr halblanges Haar beinahe schwarz. Ein Mädchen wie Milch und Blut und Ebenholz. Und viel zu jung, fand Conny, der sich in ihrer Nähe stets schlecht rasiert und ungekämmt fühlte.

Möglicherweise war Gitta für ein klassisches Schönheitsideal eine Spur zu pummelig. Connys tastende Finger spürten keine Rippenbögen unter dem festen Fleisch. Er wanderte mit seiner rechten Hand weiter auf ihrer kühlen Haut entlang und griff mit der linken nach dem Glas.

„Du beulst mir den Pullover aus“, sagte Gitta ungewohnt sachlich.

„Alle deine Pullover haben an dieser Stelle Beulen.“

Gitta lachte nicht. Sie sah ihn nur an mit ihren braunen Augen.

Er küsste ihre Krähenfüße, trotz der Creme. „Weißt du“, sagte er nachdenklich, „ich hätte dich neulich zu meiner Mutter mitnehmen sollen.“

Im Rekorder jammerte eintönig eine ganze Heerschar von Gitarristen. Auf dem Bildschirm kämpften schweigende Schatten.

„Wie kommst du gerade jetzt auf deine Mutter?“, fragte Gitta.

„Nur so. Sie sollte dich endlich kennenlernen.“

„Hast du ihr inzwischen von Guido erzählt?“

Ihr Ton verriet die Nähe des gefährlichen Themas. Sanft knetete seine Hand ihr rundes Schultergelenk. „Je weniger sie weiß, um so weniger kann sie sich aufregen.“

Mit einem Ruck setzte sich Gitta auf und schob unwillig seine Hand aus dem Pullover. „So viel Rücksicht werde ich von Guido später nicht verlangen!“

Sie stand auf, rückte das Kettchen am Halsansatz gerade und zog ungewohnt energisch ihren Pullover glatt. Ein wenig betroffen beobachtete Conny sie. Spielte sie ihm etwas vor, oder war sie tatsächlich sauer?“

An dieser Stelle des Textes kann man wieder einmal sehen, dass manche Handbewegungen durchaus unterschiedliche Gefühle und Reaktionen auslösen können. Und es scheint auch nicht immer so einfach zu sein, zwischen Wirklichkeit und Vorspielerei zu unterscheiden. Wie gerade zu lesen war. Alle weiteren Fragen klären sich im Verlauf der Handlung dieses spannenden Krimis.

Sowohl Spannung als auch Vergnügen versprechen aber auch die anderen vier Sonderangebote dieses Newsletters, auch wenn sie zu sehr verschiedenen Zeiten und von sehr unterschiedlichen Konflikten handeln. Eine Empfehlung sind sie jedoch allemal wert.

In diesem Sinne viel Spaß beim Auswählen und Lesen, einen schönen, nicht allzu kalten Frühling und bleiben Sie auch in diesen nach wie vor unentschiedenen Zeiten weiter vor allem schön gesund und munter. Und bis demnächst.
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