Freitag, 22. September 2017


Genosse Lenin, ein Zauberschüler aus Mutabor, Träume und Alpträume sowie einmal - Ohrfeigen - Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis

Pinnow, (lifePR) - Heute schön geträumt? Denn irgendwie haben alle fünf Deals der Woche, die im E-Book-Shop www.edition-digital.de eine Woche lang (Freitag, 18.08.17 – Freitag, 25.08.17) zu jeweils stark reduzierten Preisen zu haben sind, mit Träumen zu tun oder auch wie im letzten Angebot mit – Albträumen. Zunächst aber geht es um eine für beide Seiten ziemlich überraschende Begegnung sowie um Aufklärung über eine hierzulande ziemlich unbekannte Drei-Buchstaben-Abkürzung, danach unter anderem um Emma mit dem Ring aus Alu und eine wichtige Erkenntnis von Sigmund Freud sowie schließlich um – frei nach Friedrich Schiller – zwei höchst unterschiedliche merkwürdige Beispiele weiblicher Rache. Gelernt ist Gelernt. Mehr dazu am Ende dieses Newsletters. Und nicht vergessen: Manchmal ist Russisch ein bisschen leichter als Mathe. Und wer im Stress ist, dem fallen häufig alte Sprüche ein. Zum Beispiel eine einstmals ziemlich häufig verwandte oder besser verwendete Aufforderung des Genossen Lenin. Viel Spaß beim Studium des aktuellen Newsletters und seiner vielseitigen Angebote.

2006 ließ Maria Seidemann im cbj in der Verlagsgruppe Random House München zum ersten Mal den „kleinen Zauberer Sim Salabim“ auftauchen: Leona ist ganz schön überrascht, als plötzlich ein fremder Junge vor ihr Fahrrad springt und sich als Zauberschüler Sim Salabim vorstellt. Natürlich glaubt sie ihm kein Wort! Doch als Sim sich unsichtbar macht, ist Leona völlig aus dem Häuschen. Einen richtigen Zauberer zum Freund zu haben, das ist schließlich etwas ganz Besonderes! Zusammen mit Sim stolpert sie von einem Abenteuer ins nächste - und dabei stellen die beiden nicht nur die Schule gehörig auf den Kopf. Zunächst aber müssen sich Sim Salabim und seine künftige Freundin erst einmal begegnen und einander kennenlernen. Und das geht so:

„Ein Zauberschüler aus Mutabor
Sim Salabim hat die kleine Stadt hinter sich gelassen. Zu beiden Seiten der einsamen Landstraße erstrecken sich die Wiesen unter dem strahlenden Sommerhimmel. Sim schenkt der schönen Landschaft keinen einzigen Blick. Seit zwei Stunden sitzt er schon auf der Bank an der Bushaltestelle. Auch ohne Uhr weiß er, wie viel Zeit vergangen ist. Im Land Mutabor hat niemand eine Uhr. Uhren sind etwas für Menschen ohne Zauberkraft.

Sim ist verzweifelt. Er hat sich das alles ganz anders vorgestellt. Das wird herrlich, hat er gedacht - drei Tage Ferien von der Zauberschule, fort aus Mutabor! Endlich die geheimnisvollen Moz kennen lernen, die es schaffen, ganz ohne vorgeschriebene Zauberformeln zu leben! Die keine Zaubersprüche brauchen, um sich von einem Ort zum anderen zu bewegen, sondern Autos und Fahrräder benutzen! Und wenn sie in andere Welten schauen wollen, nehmen sie nicht den verbotenen schwarzen Spiegel, sondern schalten einfach ihre Computer an - super!

Vorhin in der Stadt hat Sim mehrmals versucht, mit einem Moz ein Gespräch anzufangen - ganz egal mit wem. Die Straßen waren voller Menschen, aber nicht ein einziger blieb stehen, niemand antwortete ihm, keiner erwiderte sein Lächeln. Irgendwann bekam Sim Hunger und ging in eine Bäckerei. Seine Eltern hatten nicht daran gedacht, dass er für seine Reise zu den Moz ein bisschen Geld brauchen würde. In Mutabor gibt es kein Geld. Der Bäcker scheuchte Sim aus dem Laden und schimpfte ihn einen Bettler. Dabei wollte Sim gar nicht betteln. Er wollte nur den Bäcker mit seiner Gedankenkraft dazu bringen, ihm ein Hörnchen zu schenken. Aber man kann nicht zaubern, wenn man aufgeregt ist oder Angst hat - das weiß jeder Zauberschüler in Mutabor. Als Sim aus der Bäckerei kam, stürzten sich zwei große Jungen auf ihn und drehten ihm die Arme auf den Rücken. Sie verlangten seinen Hut als Lösegeld. Sim schaffte es, zwei grüne Blitze aus seinen Augen zischen zu lassen. Als die Jungen ihn erschrocken losließen, rannte er weg. Er hörte nicht auf zu rennen, bis er bei der Bushaltestelle angekommen war und erschöpft auf die Bank fiel. „Im schwarzen Spiegel haben mir die Moz viel besser gefallen“, denkt Sim traurig. Wenn jetzt nur Mama Abra und Papa Hokus ganz zufällig in den schwarzen Spiegel schauen und sehen würden, wie jämmerlich sich ihr Sohn fühlt! Dann würden sie bestimmt sofort herbeieilen und ihn über die magische Grenze bringen, heim nach Mutabor. „Mama Abra! Papa Hokus! Holt mich nach Hause, bitte!“

Auf einmal sieht Sim jemanden die Straße entlangkommen. Ein Mädchen auf einem Fahrrad! Sim will sich nicht wieder vergeblich auf seine Zauberkraft verlassen. Er springt von der Bank und stellt sich auf die Straße. Das Mädchen hält an. „Was ist? Ich hab's eilig!“ „Ich - ich ...“, stammelt Sim. „Du heulst ja!“, stellt das Mädchen fest. „Was ist los?“ „Ich warte hier schon zwei Stunden auf den Bus, und ...“ „Hier kommt heute kein Bus mehr“, unterbricht ihn das Mädchen. „Das ist doch die Haltestelle für den Schulbus. Hast du dich verlaufen? Wo willst du denn hin?“ „Ich weiß nicht. Ich wollte einfach nur einen Moz kennen lernen und mich mit ihm anfreunden. Ich bleibe ja sowieso bloß drei Tage, dann muss ich zurück.“ „Einen Moz? Was soll das denn bitte schön sein?“ „So nennen wir die Menschen ohne Zauberkraft. Ich bin ein Zauberschüler aus dem Land Mutabor und heiße Sim Salabim.“ „Veralbern kann ich mich selber, du Spinner“, sagt das Mädchen und schwingt sich wieder auf den Sattel. Aber Sim hält den Fahrradlenker fest. „Bitte, du musst mir helfen! Ich lüge nicht! Ich kann wirklich zaubern! Das Mädchen lacht verächtlich. „Also, wenn ich zaubern könnte, würde ich nicht heulend am Straßenrand sitzen, das kannste glauben! Da würde ich mir selber helfen.“ „Ja, das dachte ich auch“, sagt Sim traurig. „Aber ich bin kein guter Schüler und habe noch nicht viel gelernt. Was soll ich machen, damit du mir glaubst? Manches kann ich schon richtig gut. Ich könnte zum Beispiel ein Gewitter aufziehen lassen, mit Sturm und Hagel und Blitzschlag! Das geht ganz schnell.“ „Bist du verrückt? Hier ist nicht mal was zum Unterstellen. Zaubere uns lieber eins, zwei, hopp zum Ponyhof! Ich muss zu meiner Reitstunde!“ Sim schüttelt den Kopf. „Fliegen lerne ich erst in der sechsten Klasse. Aber ich kann mich unsichtbar machen!“ „Das glaubst du doch selbst nicht“, sagt das Mädchen. Sim schließt die Augen. Er fasst an seinen Hut, nimmt all seine Kräfte zusammen und murmelt den vorgeschriebenen Zauberspruch. Es klappt!

„He, wo bist du denn?“, ruft das Mädchen verblüfft. „Das ist ein toller Trick, wirklich! Ich hab nicht geglaubt, dass es echte Zauberer gibt! Kannst du vielleicht auch die Zeit anhalten? In fünf Minuten fängt meine Reitstunde an!“ Sim wird wieder sichtbar. Er überlegt. „Ich könnte dein Fahrrad beschleunigen! Wenn du mich mitfahren lässt ...?“ „Kannst du das wirklich? Na los, setz dich auf den Gepäckträger! Ich heiße übrigens Leona.“ „Festhalten, Leona!“, ruft Sim und schwingt sich auf den Gepäckträger. Das Fahrrad saust los wie ein Rennwagen.“

1977 veröffentlichte Wolf Spillner im Kinderbuchverlag „Gänse überm Reiherberg“: Was ist das schon, so´n Hund, gar nichts ist das. Der rennt dir bloß hinterher, weil er Kohldampf hat und Fleisch haben will. Gar nichts ist das! ... Eine Wildgans ziehe ich mir auf, dass ihrs wisst. Und die wird zahm und fliegen. Hinter mir her. Die kommt sogar wieder, im nächsten Jahr wieder, verlasst euch drauf! Und nicht weil sie Kohldampf hat. Knuppe lässt diese Idee nicht los, eine Idee, für die er nur bei wenigen Verständnis findet. Er lebt in einem Dorf am See, und dieser See ist einer der selten gewordenen Brutplätze der Graugänse. Aber bis alle im Dorf das begriffen haben, gibt es Streit zwischen den LPG-Bauern und den Naturschützern, bei den Jägern und Anglern, Krach mit Freund Kalle und tatsächlich Ohrfeigen vom Vater. Ob das richtig ist? Um diese Frage, um Recht und Gerechtigkeit, um Recht haben und sich irren, darum geht es auch gleich zu Beginn des 1. Kapitels. Und um eine überraschende Begründung für das Rechthaben: „Man kann Recht haben, und man kann sich irren. Es kommt wohl darauf an, wie der Winter war. Plötzlich, da glaubt man: Dies ist der erste richtige Frühlingstag! Manchmal erlebt man das schon im Februar, manchmal im März. Und wenn wir Pech haben, wird es April darüber. Nicht nur Sonne ist dabei wichtig. Auch wie der Wind geht, und wie die Vögel schreien, und wie der Acker riecht.

So wie heute! Die Erde ist schon weich und warm. Wenn ich mit dem Zeh im Maulwurfshaufen bohre, spüre ich, wie sie krümelt. Meine Sandalen habe ich längst ausgezogen. Die Socken auch. Mutter dürfte das ja nicht sehen! „Knuuuut - denk an deine Krankheit! Es ist noch viel zu kalt!“ Meine Krankheit! Die gibt es nicht, und die gab es nicht. Fieber ist keine Krankheit, hat jeder mal! Wenn es eine Krankheit gab, dann hieß sie Emma. Emma mit dem Ring aus Alu. Mit der Nummer 17982. Ich denke jetzt nicht an diese Krankheit. Mir fällt Tante Guste ein hier auf der Koppel am Reiherberg, unter dem blauen Himmel. Tante Guste, die eigentlich meine Großtante ist, geht immer in dunklen Kleidern. So eine schöne, stille Oma ist das. Wie ein kleiner, ein bisschen welker Apfel sieht sie aus. Mit weißen Haaren. Sie verkauft Bier und hat Sprüche drauf. Solche wie diesen: Der Mensch bekommt alle sieben Jahre eine neue Haut! So was sagt sie, und so denkt sie. Aber sie verlangt nicht, dass andere Leute auch so denken. Sie sagt das nebenbei und vor sich hin, wenn sie Bier verkauft, und manchmal sieht sie einen an dabei mit Augen, die ganz hell sind, wie Wasser. Sogar in ihrer Stube sind sie hell, in dieser Bierstube, die dunkel ist vom Nussbaum vor dem Fenster. Jetzt, im Frühjahr, kommt sie noch aus mit Bier und mit Brause. Aber im Sommer reicht es nie, da muss sie zwei, drei Kästen für Sonntag übersparen. In der Woche fahren die Jungen nach Robitz, wo wir auch zur Schule gehen, und holen Bier für Väter und große Brüder. Aus dem Landwarenhaus. Aber sonntags ist da zu, und dann ist es gut, wenn Tante Guste ein paar Kästen beiseite gestellt hat.

Alle sieben Jahre hat der Mensch seine neue Haut, und Tante Guste meint nicht die von außen rum, Epidermis oder so – ihr Pastor würde wohl Seele sagen oder was weiß ich. Der Mensch verändert sich. Also nichts mit Häutung alle sieben Jahre. Dann hätte ich mich auch zu früh gehäutet, voriges Jahr schon. Aber wann eigentlich? Ich kann nachdenken, soviel ich will, genau kriege ich das nicht raus. Eins kam zum anderen - schrumm! - schon ging’s los mit der anderen Haut, und gemerkt habe ich das erst ein Jahr später. Ich denke also doch nicht an Tante Guste, sondern an Emma und daran, wie und wann das losging.

Es war so ein Wetter wie jetzt und warm, dass die Rotfedern schon bissen. Damals war ich ja noch ein großer Angler, Kalle auch. An diesem Tag wollten wir auf Rotfedern stippen. Aber ich hatte noch viel Mathe zu machen, und ich bin in Mathe keine Leuchte. Ich saß in der Veranda und brütete über meinem Heft. Russisch hatte ich fertig. Das war leicht. Man muss sich warmlaufen für die schwierigen Sachen. Doch ich kam nicht recht in Gang. Das lag an den Schwalben. Sie wollten unbedingt ihr Nest in unserer Veranda bauen. Schwalben sind schön. Wir haben immer welche im Stall. Doch diese irren Schwalben, das waren wohl neue. Wenn das Wetter schön ist, lassen wir die Verandatür den ganzen Tag offen. Weil draußen alles so gut riecht. Der Duft vom Garten und von den Koppeln zieht mit der Wärme in die Zimmer. Durch die offene Tür kamen die Schwalben rein, brachten im Schnabel Erdklumpen aus der Pfütze, die vom letzten Regen noch auf dem Weg stand, und flogen damit auf die Gardinenleiste in der Ecke. Kleine Halme brachten sie auch. Oben klebten sie alles nach und nach zusammen. Das hatten sie am Tag vorher schon gemacht.

Als Vater von der Versammlung gekommen war, in der sie den Viehauftrieb besprochen hatten, der durch das gute Wetter eine Woche früher losgehen sollte als geplant, hatte er den Kopf geschüttelt. „Das geht denn ja woll doch nicht!“ Dann hatte er Kehrschaufel und Handfeger aus der Ofenecke genommen und den feuchten Nestbeginn von der Gardinenleiste gefegt und die Verandatür laut und sehr deutlich zugemacht. Aber am Morgen wurde es wieder warm, und Mutter ließ die Verandatür natürlich offen. Die Schwalben waren gekommen und bauten weiter. Als ich mit Russisch fertig war, hatte die Schwalben schon so viel geschafft wie am Vortag. Da saß ich nun und überlegte. Man müsste einen Dreh finden. Was die Schwalben da machten, war natürlich Quatsch. Immer war kein schönes Wetter. Ich stand auf und sah mir die Verandatür an. Oben hatte sie eine Reihe kleiner Scheiben mit buntem Glas. Stellmacher Werner aus Dickhusen hatte was Besonderes machen wollen. Ich wusste, die gefielen Mutter sowieso nicht. Wenn man nun eine der Scheiben rausnehmen würde? Das wäre ein Anfang, und die Schwalben könnten rein und raus, wie sie wollten. Aber dann dachte ich an Vaters Gesicht. Schwalben gehören in den Stall! Hat er auch recht mit! Wenn sie sich erschrecken, kacken sie beim Fliegen alles voll! Ist nicht schön, Vogeldreck auf dem Tisch und den Stühlen. Und im Stall ist Platz genug. Aber im Stall war das andere Schwalbenpaar. Vielleicht vertrugen sie sich nicht miteinander? Ein Problem. Darüber konnte ich die Matheaufgaben glatt vergessen. Aber das Heft lag auf dem Tisch, und ich setzte mich wieder hin.“

Jetzt sind wir aber zum ersten Mal direkt beim Träumen und beim Aufzeichnen von Träumen. Ganz (druck)frisch eingetroffen – und zwar sowohl als gedruckte Ausgabe wie auch als E-Book – ist bei der EDITION digital der Titel „Traumläufe im Irrgang. Ein Lebensroman in Träumen – Traumaufzeichnungen aus fünf Jahrzehnten“ von Peter Arlt oder ganz korrekt von Prof. Dr. Peter Arlt. Aus Gotha. Was in seinen Träumen auch eine kleine, aber immerhin überhaupt eine Rolle spielt: Traumläufe offenbaren im Schlaf teils merkwürdig reale, teils fantastische Bilder, die – nach Sigmund Freud – einen Königsweg zum Unbewussten eröffnen und uns durch berührendes filmisches Geschehen in seelische und körperliche Erregungszustände versetzen. In bildlich verdichteten Miniaturen erweitern sie die innere Biografie überpersönlich und reflektieren Zeitläufte: „Bemerkenswert, wie in den Inhalt der Träume die politische Wende Eingang gefunden hat“ (Christa Wolf an Peter Arlt, 1995). Selbstbehauptung und Abwehrkämpfe, zwei Lieben im Zentrum des Wie-Weiter, sind in konfliktgeschüttelten Handlungen lose aneinander gekettet zu einem Lebensroman in Träumen. Und worum es dem Autor in seinen ungewöhnlichen Aufzeichnungen genau geht, das erfahren wir in seiner ausführlichen Einleitung, aus der wir hier als Einstimmung ebenso ausführlich zitieren wollen: „Traumläufe offenbaren im Schlaf veränderte Momente aus dem Alltag, verdrängte Geschehen und Gedanken in unzensierter Offenheit; teils merkwürdig reale, teils außerordentlich fantastische, verdichtete Handlungsbilder, die – nach Sigmund Freud – einen Königsweg zum Unbewussten eröffnen und uns durch berührende Sinneseindrücke in seelische und körperliche Erregungszustände versetzen.

Barfuß finstere Gänge durchschreitend, werden Durchgänge passiert, unterm Schlamm Münzen gefunden; wird Verstorbenen und Heiligtümern begegnet, in Bahnhöfen umgestiegen; versinken die Füße vor der heranrollenden schwarzen Lok; geschehen Liebesakte und Bluttaten; öffnen sich unter Steilhängen Abgründe; muss einer von drei Linien gefolgt werden, die sich über Treppen und durch unterschiedliche Räume, Säle und Kammern, wie in einem Irrgang, hinziehen … Traumläufe mit Wunschfantasien nach Verschmelzung und Lustgewinn, nach Besitz, Bewahrung und gelingendem Betrug, mit Selbstzweifel und Selbstbeweis, mit existenzieller Verunsicherung in bitterbösen Vorgängen, mit Angst vor Krankheit, Kastration und Tod, mit aggressiven Aktionen und Versöhnungswünschen, mit nagender Eifersucht und Demütigung, mit sich auslebender Phalluslust, zur Darstellung gebracht mit Bildfindungen, in denen Verrücktheiten geschehen, die Personen wie Dinge auf anderes verschieben. Mit solch künstlerischem Verfahren beweist sich auch in den Träumen, „was Bilder sind: das Auftauchen an einem andern Ort“, wie Franz Marc 1915 im 82. Aphorismus schrieb.

In den Handlungen agieren der Träumende, hinter dem sein realeres Ich steht, welchem wie in einem Kino ein Traumgeschehen mit eigener Beteiligung vorgeführt wird, dazu real benennbare und fiktive Personen, die alle trotz ihrer Gegensätzlichkeit Aspekte des eigenen Ichs bergen. Überwiegend handelt bei mir die eigene Person mit der Ehefrau und der Geliebten. Verwandte, Freunde und Feinde, weibliche und männliche Kollegen und Mitstreiter treten auf, zudem mehr oder weniger prominente Künstler, Dichter, Politiker, sogar Päpste. Mit vollem Namen nenne ich prominente Personen, andere, aus dem persönlich Umfeld, meist verkürzt oder mit Initialen, selten mit veränderten Vornamen. Meine im Traum geäußerten Urteile über die Handelnden, mich eingeschlossen, unterscheiden sich oft erheblich von meinen Einschätzungen im Wachzustand, soweit sie dort überhaupt in Erscheinung treten.

Die Traumbilder am Tage besehen zu können, erhellen Momente der inneren Biografie und reflektieren Zeitläufte. Dies trat mir besonders deutlich in Zeiten der späten DDR und der deutschen Vereinigung vor Augen. Eine Zeit der Lethargie und vielfältiger Auf-Um-Ab-Brüche, mit „Evaluierung“ und existenzieller Verunsicherung, mit schamloser Aneignung und beleidigendem Aufeinandertreffen. Zudem war es die Zeit der Erkundung neuer Ziele, eine Zeit zwischen dem Schwelgen mit sehnsüchtigen Fantasien und der Schindung mit Todesahnungen, denn auch am Fuß des lebenshungrigen Fauns bleibt unablösbar sein Schatten. Träume besitzen einen „Wert als Paradigma“, sagte Sigmund Freud im Vorwort seiner „Traumdeutung“. Auf dieses unvergleichliche Werk, auf dessen zahlreichen Aspekte und Verweise auf Traumauffassungen, zurück bis zum Altertum, soll hier nur hingewiesen werden und besonders auf Freuds unschätzbare Bedeutung für die Surrealisten um Salvadore Dalí oder Schriftsteller, wie Franz Kafka. Die Künstler gaben entscheidende Impulse für die Einsicht, dass Träume nicht nur für einen selbst Bedeutung haben, sondern ebenso für andere, wenn sie diese auf sich und ihre eigenen Konflikte zu beziehen vermögen. Träume eignet Struktur und Funktion von Kunst, denn in ihnen werden unbewusst bildhafte, metaphorische Zeichen für Erfahrungen und Momente der Wahrheit gefunden und, emotional berührend, Möglichkeiten durchgespielt.

Der überpersönliche Wert von Träumen ermunterte mich, trotz einiger Bedenken, 1994 meine Träume aus dem Jahrzehnt davor zu publizieren. Dieses Traumheft schickte ich in kleiner Zahl meinen Bekannten und im Einzelfall den im Traum handelnden Prominenten. Als Reaktionen darauf bei mir eintrafen, zeigten sie mir, dass andere in den Traumaufzeichnungen gleichfalls die Lebensumstände der Zeit wiedererkennen können, so wenn Christa Wolf mir am 08.02.1995 schrieb: „Ich weiß zu würdigen, daß Sie mir Ihre Träume mitgeteilt haben, ich habe sie alle gelesen, nicht nur den, in dem ‚ich‘ vorkomme, und ich finde es bemerkenswert, wie in den Inhalt der Träume die politische Wende Eingang gefunden hat.“ In gewissem Sinn sind diese Texte bildhafte Geschichtsdokumente aus dem Unbewussten.

Das Unwiderstehliche von Träumen besteht ja nicht zuletzt in ihrer verblüffenden Form. Einen bemerkenswerten Vergleich zwischen den realen Träumen und den literarisch erfundenen Träumen, wie man sie in Poesie und Prosa seit Urzeiten weit verbreitet findet, stellte Heinar Kipphardt (1922 – 1982) in seinen 1986 bei Rowohlt erschienenen „Traumprotokollen“ an. Die realen Träume bezeichnete er nicht nur als authentischer, sondern meinte, sie wirkten durch die hintergründige Verdichtung in der Form auch künstlerischer als die erfundenen. Dieser Überlegung böte mein Traumheft Anschauungsmaterial, denn die Träume präsentieren ein vielfältiges Arsenal künstlerischer Techniken und Mittel. In all den Jahren wuchs bei mir das Staunen darüber, wie kühn der Traum Bildschnitte montiert und mit verblüffenden Kamerafahrten und -schwenks aus der häufigen Halbnahaufnahme in die Großaufnahme zoomt oder sich in die Totale weitet und dabei die Perspektiven wechselt, wie er mit farbigen Expressionen und Überbelichtungen arbeitet, wie bestimmte Motive sehr oft, andere dagegen – bei mir beispielsweise Wolken – gar nicht in Erscheinung treten, wie im Traum die Mittel eingeschränkt werden und nur aus zwei Stimmen bestehen, selten einen Geschmack oder Geruch anbieten oder eine Temperatur empfinden lassen und so fort. Faszinierend, wie reich der Traum Erzählstrukturen entfaltet, und mit welch buntem Filmprogramm die Trauminhalte aufwarten.

Mit vorzugsweisem Interesse versuchte ich deshalb, in die Ikonografie der Träume einzudringen. Die rätselhaften Motive ziehen das Interesse an, so schrieb mir Ulrich Goerdten: „Besonders gefallen mir so änigmatische Sachen wie der Traum von der Glaswand“ (47). Dabei sind in den Bildmotiven Grundthemen auszumachen, so wenn bei einem Kuss Sand zwischen die Lippen gerät oder beim Handdruck ein Plastebeutel zwischen die Hände, können sie als Bilder eines Topos des Fremdgewordenseins und der Distanz verstanden werden. Oder wenn Züge nicht abfahren, verpasst werden oder zu ihnen geeilt wird, gehören diese Motive zum Topos sich eröffnender und versäumter Lebensmöglichkeiten. Oder wenn während des Traumes die Perspektive von der des Betrachters am sicheren Boden zu der des Türme Überspringenden und Fliegenden wechselt, auch zu dem des Radfahrers auf dem Dach, könnten solche Motive dem Topos des Ikarischen zugerechnet werden.

In den Traumnotaten enthalte ich mich, sie zu erläutern, und verzichte fast ganz auf Erwähnung der „Zusammenhänge mit Lebenssituationen“, wie sie Heinar Kipphardt seinen „Traumprotokollen“ gelegentlich beifügt. Natürlich könnten diese – wie bei ihm – durchaus erhellend sein. Beispielsweise deutet in meiner Sammlung jener Traum von einem Heiligtum mit Käsebrot und der lachenden Christa Wolf (94), der am Strand von Chersonissos bei Iraklion auf Kreta notiert wurde, durch den antiken Ort auf einen Zusammenhang mit geistigen Problemen, ähnlich, wenn man die im Papst-Traum (130) erscheinenden „12 Ordner“ und „10 Ordner“ mit der Kenntnis der beiden Zahlensysteme verbindet. Oder wenn man einen Zusammenhang mit dem Problem ungelebter Leben bedenkt, das sich mit dem Auftauchen der finnischen Jugendfreundin im Bild der früheren Fast-Heimatstadt Rostock in der vertrauten Stadt eine frühere Jugendliebe erkennbar wird (147).

Schwerlich dürfte für den schrecklichen Traum 9 die Rolle der etwa fünfzehn Jahre zuvor gelesenen Verszeile Wladimir Majakowskis „Gruppenweise / schreitet man / zur Selbstexekution“ im Gedicht „An Sergej Jessenin“ nachzuweisen sein. Völlig eindeutig ist andererseits der Zusammenhang der ständigen sexuellen Träume mit der allmorgendlichen Erektion, die volkstümlich als „Gromowala“ (Große Morgenwasserlatte) beziehungsweise „Gromolula“ (Große Morgenlustlatte) bezeichnet wird (338). Manches hätte, um den Eindruck des Pornografischen zu vermeiden, allgemeiner formuliert werden können, aber ich liebe Einzelheiten. Wie sich eine materielle stoffliche Form traumbildend auswirken kann und die unmittelbaren Umgebung mit dem Träumen zusammenhängt, zeigt folgendes Beispiel: Einmal blieb mir im Traum das weibliche Oberteil meiner Partnerin unsichtbar, während sich der Geschlechtsverkehr merkwürdig real anfühlte, denn meine Schlafanzughose und das Unterbett hatten meinem steifen Glied eine Partnerin zusammengeschoben (135). Traumeingebungen können selten vollständig beglücken, weil sie den Höhepunkt entbehren.

Auf den Zusammenhang der Träume mit sogenannten Tagesresten sei mit einigen Beispielen verwiesen. Einmal wünschte mir während einer Exkursion eine Studentin beim Gute-Nacht-Sagen einen „süßen Traum“, wozu ich ihr großspurig erklärte, nur dramatische oder erotisch exzessive Träume zu haben. Aber dann träumte ich, wie ein kleines schwarzes Kätzchen mit einem braunen Mäuschen schmust (245). Ein anderes Mal arbeitete ich bis in die späten Abendstunden am letzten Kapitel meines Sisyphos-Buches mit der Überlegung, ob und mit welchem Beispiel ich Markus Lüpertz einbeziehen sollte. Da träumte ich, in einem Berliner Außenbezirk an einem Fußgängerüberweg auf eine Parisurteilgruppe von Markus Lüpertz zu stoßen (247). Unter dem Eindruck der zahlreichen monumentalen Denkmäler in Bulgarien träumte ich von über drei Meter hohen Denkmal-Karikaturen (360). Und schließlich gab offenbar ein Zeitungsfoto, auf dem sich beim Nukleargipfel 2012 in Seoul Barack Obama und Dmitri Medwedjew die Hände reichen, den „Tagesrest“ für den Traum 374. Daran ist zu sehen, wie notwendig die Kenntnis der Zusammenhänge wäre, wenn man Träume deuten wollte. Aber ich glaube, solch persönlichen Zusammenhänge würden die Übertragbarkeit einengen und das Sinnbildhafte vereinseitigen. Oft banalisierten mitgeteilte Alltagszusammenhänge das Sinnbildliche, wie beim Traum von dem unter einer Blase atmenden Mann (10), der seinen Anstoß vom Seifenblasen Kristians in diesen Tagen bekommen hat. Die Information wäre dem Leser befremdlich, weil sie stört, einen eigenen individuellen Kontext herzustellen.“

Jetzt erwartet den Leser ein harter Schnitt von diesen Träumen und Traum-Notizen zu einem ganz anderen, geradezu gefährlichen Traum. Zum Angebot der EDITION digital gehört auch der dreiteilige Erotikthriller „Sie liebt ihn zu Tode“ von St. Harman (ein auf Wunsch seines Inhabers gegenwärtig noch nicht aufzulösendes Pseudonym). Der recht eindeutige Titel des ersten Teils lautet „Abitur mit Bestnoten - Sprungb(r)ett in die Prostitution“: Zu Beginn ist eine junge Frau nur nicht willens, nach der Pfeife ihres herrischen Vaters zu tanzen. Der Vater hat eine scheinheilige fromme Welt um seine Familie aufgebaut und richtet alles darauf aus, dass auch seine Töchter nach seinem Willen funktionieren. Er selbst erlaubt sich alle Freiheiten und setzt mit seinen Weibergeschichten ohne Skrupel die Familie aufs Spiel. Als die älteste Tochter zur Verlobung mit einem Freund aus Kindertagen gedrängt wird, weil diese dem Vater gut in seine Karrierevorstellungen passt, will die Tochter rebellieren. Dass der Verlobte Tage später mit einer Schulkameradin flirtet, lässt bei ihr das Fass überlaufen.

Die streng katholisch erzogene Tochter will den Vater und den Verlobten auf eine ganz besondere Art bestrafen. Der Weg in die Prostitution erscheint ihr dafür angemessen. Dass sie dabei in eine Welt versinkt, die keine Menschlichkeit, keine Menschenwürde, keine Menschenrechte, erst recht keine Liebe kennt, muss sie schmerzlich erfahren. Sie wehrt sich und tötet die ersten Männer. Die Polizei will jedoch nicht wahrhaben, dass eine junge intelligente Frau zu so grausamen Morden fähig sei. Konsequent nutzt Martina ihre Chance aus dem Versagen der Ermittlungsorgane zur Flucht aus Deutschland. Und so war „Das erste Mal“: „Der Bus hält. Mit weichen Knien steigt Martina aus. Das Gehen auf ihren hohen Stöckelschuhen macht ihr den Weg zu den Huren doppelt so lang. Sie hat das Gefühl, wie ein Artist auf einem Hochseil zu gehen. Sie hätte vorher das Laufen in diesen hohen Schuhen üben sollen. Fällt sie damit auf? Egal, sie muss da durch. Jetzt wird durchgestanden, was längst beschlossene Sache ist. Sie muss es tun. Jörg, das Schwein, vögelt Bea Wagner. Sie ist sich sicher, dass er fremdgeht. Dafür lässt sie sich eben mit zahlenden Männern ein.

Sie geht an zwei Huren im Minirock vorbei. Dabei tut sie, als sei sie nur zufällig hier auf dem Weg. Aus den Augenwinkeln heraus beobachten sie die Frauen argwöhnisch, sagen aber noch nichts. Hinter der dritten Frau bleibt sie mutig stehen. Prompt hält ein großer schwarzer Wagen, direkt neben ihr. Ein Mann schaut aus dem Seitenfenster und fragt: „Kommt die hübsche Hure auch mit, wenn ich ihr ins Arschloch ficken will?“

Dass sie sofort als Hure angesprochen wird, tut jetzt doch weh. Verdammt, noch ist sie keine. Schon hat sie eine giftige Antwort auf der Zunge. Doch was tut sie wirklich? Betont geschäftsmäßig, ohne in diesem Moment zu begreifen, was der Mann überhaupt von ihr will, erwidert sie: „Kein Problem, mein Süßer, doch das kostet extra!“ Der Mann im Auto: „Okay, für hundert Ficken in den Arsch, mit Gummi oder ohne?“ „Was für eine Frage? Für hundertfünfzig Euro auf die Hand, logisch nur mit Gummi, kannst du für eine volle Stunde alles mit mir machen. Okay?“, erwidert Martina und beugt sich zu ihm hinunter. Dabei verrutscht ihre Bluse und eine Brust fällt ganz aus dem Dekolleté. Etwas verlegen schiebt sie die entblößte Brust zurück an ihren Platz und lächelt dabei den Mann gewinnend an. Der Mann beobachtet interessiert, wie sie gelassen die Brust erneut verpackt und ist schon geil: „Okay Baby, hundertfünfzig Euro mit Gummi. Los steig schon ein, du geiles Luder!“ Sie nickt und steigt schnell ein, denn die anderen Frauen schauen sie schon böse an. Der Mann drückt ihr drei Fünfzigeuroscheine in die Hand und fährt los. „Schieb deinen Rock hoch und zeig mir deine blanke Fotze!“, fordert der Mann von ihr, wobei er seinen Wagen beschleunigt.

Gleich dreizehn erotische Geschichten mit kriminellem Hauch hat Wolfgang Schreyer in seiner erstmals 1991 beim Dr. Ziethen Verlag Oschersleben unter dem vielsagen Titel „Alpträume“ herausgebrachten Sammlung aufgeschrieben: Ekstase sei machbar, sagt man uns: genital, klitoral, phänomenal – ganz egal; dem Autor dieser dreizehn Storys ist das schnurz. Statt Orgasmen vorzuführen, spürt er dunklen Süchten nach, der rätselhaften Chemie des Eros. Wonach dürsten seine Figuren? Ihr Intimleben enthüllt sich Zug um Zug. Erst die Schändung seiner Frau, nur in der Fantasie, macht zum Beispiel Heiner spitz. Ulrichs höchstes Glück wäre es, das blutjunge Weib seines Chefs prügeln zu dürfen, splitternackt. Magnus, der Starreporter, will ein scheues Reh, das sich ihm zwanghaft entzieht. Anja sucht die reife Freundin und findet leichtes Geld. Dem Psychiater Professor Winter geht nichts über ein Mercedes-Coupé; auch Blech kann erotisch sein. Ohne die Vorstellung, man erniedrige sie, hat Gabi keinen Höhepunkt. Wendelin will spüren, wie die Macht schmeckt, auf stinknormale Art ein Sadist auch er. Beklemmend geistert durch dreizehn bizarre Träume der Drang nach Unterwerfung, die Lust an geheimer Grausamkeit. Der Clou: All diese Triebtäter sind Menschen wie du und ich. Im Alltag sitzt ihre Maske fest, bis ihr Schöpfer – der einräumt, selbst nicht besser zu sein – daran rührt. Schreyer entblößt sie so gnadenlos, wie sein Intendant Striese den Star des Theaters, die bildhübsche Bella, auf die Bühne schickt. Kostprobe gefällig? Bitteschön, hier ist sie. Hier ist „YESTERDAY“ – eine hübsche Erzählung mit einer überraschenden Wieder-Begegnung: „Alles Warten nervt mich, ob nun vor der Sparkasse, beim Frauenarzt oder hier im Arbeitsamt. Zwar ist mir dieser Korridor vertraut seit Langem. Verflogen aber scheint sein alter Hauch - der Duft nach Bohnerwachs, kopiertem Papier und frisch gebrühtem Kaffee.

Seit den 70er Jahren, als es noch aufwärtsging bei uns, hab ich den in der Nase. Jetzt quält mich der Ohrwurm aus dem Rekorder meines alten Autos, das draußen parkt: Yesterday, all my trouble was so far away ... Schluss damit, das ist Nostalgie, hilft nicht weiter. Dieses solide Haus, einst erbaut für Hitlers Reichsarbeitsdienst, war nach dem Kriege schon mal Arbeitsamt, vor meiner Zeit. Dann, Anfang der 50er, zog die Bezirksverwaltung des MfS ein, baute es Zug um Zug aus, bis es doch zu eng wurde, tauglich nur als Kreisdienststelle, weil die Firma aus allen Nähten platzte und in den Großkomplex am Kroatenweg zog.

Endlich, ich bin dran, und wer empfängt mich? Friedhelm Gönner! Sie haben ihm das Balkonzimmer gegeben, was sein Gewicht unterstreicht. Er drückt mir die Hand und weist auf die Sitzgruppe unter dem Fleck, wo früher das offizielle Bild hing. Sein Blick streift an meinen Beinen hoch, als er mitfühlend sagt: „Die soziale Marktwirtschaft verändert unsere ganze Arbeitswelt. Sei clever, Inge, stell dich um, dabei helfe ich dir gern.“ Es liegt Jahre zurück, dass wir mal intim gewesen sind; noch aber springen Funken über, knistern auf der Haut. Friedhelm hängt an mir, obwohl ich nicht mehr die Jüngste bin; Rothaarige sind halt sein Fall. Er war damals gleich scharf auf mich, als ich frisch vom Studium aus Leipzig kam und hier bei der Pressestelle anfing. In der Walter-Rathenau-Straße, wo ihm die kleine Haftanstalt unterstand, der Zellentrakt mit den 40 Verwahrräumen - das Verlies, wie er zu scherzen pflegte, seinerzeit. „Besorg mir wenigstens eine ABM-Stelle jetzt.“

Friedhelm seufzt, einen Mischausdruck von Lüsternheit und Besorgnis im Gesicht. Sorge um sich selbst, um den eigenen Job, soll er für mich Ärger riskieren? „Sieh mal, du hast einfach zu früh hingeschmissen, Ingemaus, bist freischaffend geworden“, sagt er. „Da steht dir keine ABM-Stelle zu, so wenig wie Arbeitslosengeld ... Ja, das ist leider Fakt.“ Fakt ist auch, er schwimmt wieder oben. Wie geht das zu? Der Siegfried aus dem Nibelungenlied, dieser urdeutsche Held, hat in Drachenblut gebadet; das machte ihn unverwundbar, bis auf einen schwachen Punkt. Wo Friedhelm hineingetaucht ist, weiß ich nicht. Ihm hat wohl der Reißwolf im Kroatenweg das Bad ersetzt, im Durcheinander der Wende. Die Wirkung scheint dieselbe, und auch auf seinem Rücken klebt ein Lindenblatt.

„Wechsele das Geschäftsfeld“, rät er mir. „Politik ist passé, Mädchen. Selbst mit Stasi-Enthüllungen kriegst du keinen Fuß mehr auf die Erde.“ „Wer da auspackt, muss es büßen?“ „Er erntet ein Gähnen! Alles längst vorbei. Gott, wen kümmert das denn noch? Man hat andere Sorgen, es ist Platz für jeden, bloß man findet ihn nicht gleich. Ich etwa kann mir auch was Besseres denken, als Abteilungsleiter hier zu sein.“ „Im Landtag säßest du allerdings noch weicher.“ „Schon, aber ich bin nun mal auf diesen Platz gestellt.“ „Und da füllst du ihn aus, zum Wohle der Menschen.“ Er spürt den Unterton und stoppt mich mit seinem Blick. „Zurück zu dir, Inge. Pass mal auf, wir zwei lösen dein Problem. Dies ist die Stunde der leichten Unterhaltung. Wer überhaupt noch liest, der tut's zu seinem Spaß. Sei amüsant, schreib doch erotische Geschichten, mit 'ner Prise schrägem Sex ...“ Er dämpft die Stimme, in seinen Augen glitzert es. „Ein bisschen was mit Linksverkehr oder Wassersport, so was liegt dir doch, Schätzchen. Genau das wär die Marktnische für dich.“

Mir dämmert, was ihm jetzt vorschwebt, und dass er mit Wassersport nicht die Elbe meint. „Klingt fast so, Helmi, als wolltest du Erinnerungen auffrischen?“ „Könnte doch hilfreich für dich sein, zum guten Zweck.“ Dieser Balzlaut! Er schafft es nicht, sein Gelüst aus der Stimme herauszuhalten; fast kippt die ihm weg. „Ja“, sage ich, „wenn mein Tonband dabei laufen darf, lässt sich drüber reden.“ „Tonband? Herrgott, Inge, wozu das?“ „Zur korrekten Auswertung im Dienste der Kunst.“ „Muss das sein? Du, da hört der Spaß bei mir auf.“ „Bloß zum Broterwerb, Helmi. Für den guten Zweck.“ Er fasst mich ins Auge, als argwöhne er, ich nähme ihn auf den Arm. Deutlich geht bei ihm die Jalousie herunter. „Na, dann lassen wir's lieber. Mitschnitt, weißt du, das geht zu weit. Ja, es hat mich gefreut, dich mal wieder zu sehen.“ „In dem Fall“, sage ich, „müssen alte Bänder her.“ „Wie meinst du das? Du hast doch wohl nicht damals ...“

„Nur manchmal.“ Ich zücke das kleine Tonband und schiebe es ihm zu. „Hör es dir in Ruhe an, ich hab's extra für dich überspielt.“ Friedhelm kreuzt die Arme vor der Brust. Über die Diskette hinweg starren wir uns an. „Was ist da drauf?“, fragt er endlich. „Dein Gestöhn?“ „Nein, das Band lief immer erst danach, wenn du Dampf abgelassen hast - den letzten Ärger im Amt. Hier die Leiche im Frauentrakt und der Anschiss vom Chef. Wie er dir mit Disziplinarverfahren und Degradierung droht, weil ihm gemeldet worden ist, du hättest das Weib getriezt und wärst schuld an dem Kurzschluss.“ „Was absolut nichts stimmte! Männer hatten überhaupt keinen Zutritt zum Frauentrakt, nicht mal ich als Hauptmann. Deshalb ist mir letztlich ja auch nichts passiert.“ „Außer der Strafversetzung in die Kreisdienststelle Havelberg, Helmi ... Ende unserer Liebe, für dich aber ganz gut: schön weit weg vom Schuss.“ Friedhelm trommelt auf dem Tisch und blickt drein, als fühle er sich erpresst. „Na ja“, knurrt er, weiß wie eine gekalkte Wand, „das ist zwar alles Schnee von gestern, Mädchen - trotzdem will ich sehen, was man für dich tun kann.“ Seine Hand umspannt den Aschenbecher, wie um ihn zu zerquetschen. Dann zieht er die Notbremse und gibt mir die Privatanschrift des Geschäftsführers einer Berliner GmbH. Es ist ein Verlag, von dem es heißt, die Partei habe dort vor der Währungsunion viel Geld geparkt.

Ich stecke das Band und den Zettel ein. „Danke, dass du für mich das soziale Netz ein bisschen fester knüpfst.“ „Schon gut, Inge, wir helfen einander. Tja, die alten Zeiten!“ Wieder wird seine Stimme rau, als drängten sich ihm obszöne Bilder auf. „Da ist noch soviel, was uns verbindet.“ Im Auto schiebe ich das Tonband ein. Yesterday, säuselt es und trägt mich davon. Niemals hab ich Bettgeflüster aufgezeichnet, das hätte ja noch gefehlt. Doch pokern muss sein, ihr Jungs von der Firma. Ihr habt uns mal geschult, und gelernt ist gelernt.“

Und wenn das kein gutes Schlusswort ist. Wie sagte doch der Genosse Lenin so richtig: Lernen, lernen und nochmals lernen. Auch wenn es manchmal vom „Klassenfeind“ sein muss. Gelernt ist gelernt …
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