Eine Frühlingsnacht in Paris, Sehnsucht nach Glück sowie ein Festmahl in der „Schwarzen Kogge“ - Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis

5 preisgesenkte E-Books
(lifePR) ( Pinnow, )
Manchmal genügen schon ein paar oder auch nur ein Begriff, um einen literarischen Text zeitlich zuzuordnen. Das gilt zum Beispiel für das letzte der insgesamt fünf aktuellen Sonderangebote des heutigen Newsletters, die wie immer eine Woche lang zum Sonderpreis im E-Book-Shop www.edition-digital.de (Freitag, 22.10. 21 – Freitag, 29.10. 21) zu haben sind. In „Schild überm Regenbogen – Anflug Alpha 1“ erzählt Wolfgang Held vom Leben und von den Konflikten eines DDR-Militärpiloten. Und ganz am Anfang dieses Buches ist auch von Kofferradios am Strand die Rede, und damit erschließt sich denjenigen, die sich ein bisschen damit auskennen, auch ziemlich schnell, wann dieser übrigens nach einem gleichnamigen Fernsehfilm entstandene Roman ungefähr spielt. Damals war es jenem Strand übrigens auch noch erlaubt, „ein Riesending von einer Schlammburg“ zu bauen, wie es in diesem Text heißt. Vor allem aber geht es um die Faszination des Fliegens, um Überschallgeschwindigkeit, um Verantwortung, Kondition und Konzentration der Piloten sowie natürlich auch um die Liebe.

Auf die Spuren von Pablo Picasso begibt sich Jutta Schlott in ihrem Reisetagebuch „Spaniens Himmel“.

Ebenfalls von Jutta Schlott stammt der Band mit Erzählungen „Klare Verhältnisse“. Im Mittelpunkt ihrer Texte stehen junge Frauen mit ihren Konflikten und Enttäuschungen, ihren Sehnsüchten und außergewöhnlichen Erfahrungen in ihrem Alltag.

Weit weg in die Zukunft führt dagegen das Weltraumabenteuer „Das unirdische Raumschiff“ von Carlos Rasch. Und bitte beachten: Es heißt nicht das unterirdische Raumschiff, wie man sich leicht verlesen könnte, sondern das un-irdische Raumschiff, denn es kommt eben nicht von der Erde …

Und damit sind wir wieder beim aktuellen Beitrag der Rubrik Fridays for Future angelangt. Jede Woche wird an dieser Stelle jeweils ein Buch vorgestellt, das im weitesten Sinne mit den Themen Klima, Umwelt und Frieden zu tun hat – also mit den ganz großen Themen der Erde und dieser Zeit. Heute geht es um die enge Verflechtung von Militär, Macht und Medien, dargestellt am Beispiel der USA in den 1960er Jahren. Sicher mag sich an der äußerem Form seit damals einiges geändert haben, aber in ihrem Wesen dürften sich die Verhältnisse kaum geändert haben. Und wie immer bei diesem Autor liest sich auch dieses seiner früheren Bücher unheimlich mitreißend.

Erstmals 1964 erschien im Mitteldeutschen Verlag Halle – Leipzig der Roman „Tempel des Satans“ von Wolfgang Schreyer: Dies ist die Geschichte eines US-Journalisten, der Zeuge einer Raketenkatastrophe wird und nun mit aller Kraft gegen die Fortsetzung selbstmörderischer Versuche ankämpft - bald ahnend, was er dadurch entfesselt. Seine enthüllende Tat, seine Erfolge und Niederlagen reißen uns mit. Wir bangen um ihn selbst da, wo wir die Wahl seiner Waffen verurteilen müssen. Der Verfasser schafft atemberaubende Spannung aus einem bestechend aufgerollten Fall, dem wahre Vorkommnisse zugrundeliegen. Er führt uns mitten hinein in die „Tempel des Satans“, die stählernen Türme der Zeitungskonzerne New Yorks mit ihrem Glanz und Arbeitsdrill, den Wundern modernster Nachrichtenübermittlung, den Glasfassaden und Geschäftskniffen, ihren Präsidentenbüros, Privatflugzeugen, Fernsehstudios, Redakteuren, Reportertypen, karrieresüchtigen hypermodernen Frauen, hohen Gehältern und gut funktionierenden Fallen; und hart neben dem „Way of Life“ gähnt der Abgrund totaler Existenzvernichtung. Vor uns ersteht eine bizarre Welt, äußerlich faszinierend, im Kern oft barbarisch. Wir sehen einen Raketenforscher, der sich zugunsten seiner Weltraumpläne der Rüstungsindustrie verschrieben hat, und beobachten eine kleine fortschrittliche Gruppe, die mutig versucht, das sensationelle Unglück zu klären. Von flimmernden Bildschirmen, im Schein rotierender Leuchtreklamen blitzt uns ein Stück amerikanischen Alltags entgegen. Wir erleben das kleine und große Intrigenspiel: Dschungelkämpfe, durch Hass, Liebe, Ehrgeiz oder Macht- und Profitgier gesteuert. Pausenlos werden vor unseren Augen Menschen emporgetragen, von ihrer Umwelt getrieben und zerrieben. Bei alldem vermag Wolfgang Schreyers Darstellung schon durch ihr Niveau den Lesenden in Bann zu halten. Sie verrät eine Nähe zum wahren Sachverhalt, die uns tiefer packt als äußere Dramatik. Nach dem Roman entstand ein dreiteiliger Fernsehfilm des Deutschen Fernsehfunks. Hier ein etwas längerer Auszug vom Beginn dieses spannenden Buches:

11:25

Als der Jeep sie umkreiste, begriff jeder von ihnen, was für ein Experiment bevorstand. „Skylight 3“ war ein Gigant. Ihr Leib war über hundert Fuß hoch. Sie glich einem senkrecht stehenden, rotlackierten, scharf angespitzten Bleistift. Noch wurde sie vom Gitterwerk der Rampe umklammert. Am Heck waren zwei riesige röhrenförmige Hilfstreibsätze befestigt. Darüber leuchtete der weiße Stern im blauen Kreis: das Hoheitszeichen der amerikanischen Luftwaffe. Eine Schnur schlängelte sich vom Leitwerk weg.

„Das Zündkabel?“, fragte Monique. Sie saß vorn zwischen Nordfors und Rank, der den Wagen steuerte. „In vierzehn Minuten“, sagte er. Oben auf dem Gerüst turnten Hochfrequenzingenieure herum, und rund um den Sockel wimmelte es von sandfarbenen Overalls. Die Endkontrolle vor dem Start war das schlimmste.

„Es ist so“, sagte Rank, „als ob man bei einem Auto fünfzigmal die Kurbelwelle durchdreht, den Vergaser auseinander nimmt, den Tank leert, dann wieder füllt, die Reifen auswechselt und schließlich einsteigt. Mit dem Unterschied: das Auto wird dann nicht explodieren. Bei Raketen... ist es vorgekommen.“

Auf den drei Rücksitzen hockten Bunny, Maldy und Wilson, der rothaarige Ingenieur. In leicht dozierendem Ton erklärte er: „Sie wiegt ohne die Starthilfen achtundneunzig Tonnen. Auf dem Scheitelpunkt ihrer Bahn erreicht sie zwanzigfache Schallgeschwindigkeit.“ Er nahm seine Aufgabe ernst. Keine von Maldys Zwischenfragen brachte ihn aus dem Konzept. Er beantwortete jeden Einwurf korrekt. „Das ist unser elfter Versuch“, sagte er.

Vorn fragte Nordfors: „Phil, was kostet das Baby?“

„Neunzehn Millionen. Später in der Serie wird's billiger.“

Maldy notierte, er murmelte dabei: „Elf mal neunzehn...“

„Für das Geld“, sagte Bunny, „hätte ich mir lieber Kalifornien gekauft.“

Wilson erklärte: „... steigt sie bis auf drei Millionen Fuß. Wenn sie je aus dem Fernsteuernetz ausbrechen sollte, können wir sie durch Radiozündung sofort zerstören.“

Maldys Bleistift brach ab, er zückte einen neuen. Und es hatte einmal eine Zeit gegeben, da es niemand eingefallen war, ihn so herumzustoßen. Damals hatte er Backrezepte, Arztratschläge und Publikumsumfragen für die Seite „Heim und Gesundheit“ zusammengestellt. Heute war er Mädchen für alles, Monique schleppte ihn mit sich herum, schon war er krank, und ach, er ahnte, es würde noch schlimmer mit ihm kommen.

„Sie sieht eher wie ein Torpedo aus“, sagte Monique.

„Leise“, bat Rank, „lassen Sie's keinen hören. Die Armee behauptet schon, Raketen seien eine neue Art Artillerie, während die Luftwaffe meint, es handele sich um fliegende Bomben. Wenn Sie nun noch der Marine verraten, dass es im Grunde Torpedos sind, bin ich verloren.“

„Wie erklären Sie die Pechsträhne beim Start unserer interkontinentalen Raketen?“

„Das waren Flüssigkeitsraketen. Sie arbeiteten mit flüssigem Sauerstoff und Kerosin, wie schon die deutsche V2. Dieses Antriebsprinzip macht ein System von Rohrleitungen, Kälteregulatoren, Ventilen, Pumpen und Einspritzdüsen nötig. Schon wenn ein einziges Ventil versagte, das fünfundzwanzig Cents gekostet hatte, stürzte der ganze Flugkörper ab. Oder kam gar nicht erst vom Starttisch hoch. Oder platzte auseinander. Es gibt einen Sack voll solcher Fehlerquellen, Miss Monique. Die 'Atlas', die 'Viking', die 'Vanguard' – sie alle leiden noch heute daran.“

„Und 'Skylight'?“

„´Skylight` ist eine Pulverrakete. Die macht uns keine Geschichten.“

„Stimmt es, dass die Russen ihre Sputniks mit derartigen Pulverraketen hochgeschossen haben?“

„Die Russen“, antwortete Rank, „treiben ihre Projektile mit siebzigprozentigem Wodka an.“

Die Gäste lachten.“ Und damit zu den ausführlicheren Vorstellungen der anderen vier Sonderangebote dieses Newsletters.

Erstmals 2009 veröffentlichte Jutta Schlott im Wiesenburg Verlag Schweinfurth „Spaniens Himmel. Auf den Spuren Picassos. Ein Reisetagebuch“: Begegnungen mit Menschen und Museen, Stierkämpfen und Klimakapriolen. Die Autorin arbeitet an einem biografischen Text zu Picasso und reist nach Spanien um zu erfahren, ob der berühmte Maler Spanier geblieben oder Franzose geworden ist. Oder Weltbürger vielleicht. Sie will sehen, was Picassos Augen zuerst sahen, welche frühen Eindrücke das Kind und den jungen Mann bis zu seinem zwanzigsten Jahr prägten. Die Reise mit den Zügen der Spanischen Eisenbahn führt die Autorin vom südfranzösischen Perpignan, über Valencia und Barcelona quer durch die iberische Halbinsel nach Madrid, ins galizische La Coruna und nach Malaga, wo Picasso 1881 geboren wurde. Jutta Schlott begann ihre Recherche-Fahrt im März 2004, eine Woche nach den Terror-Anschlägen auf den Madrider Bahnhof Atocha, bei denen über zweihundert Menschen starben. Enttäuschungen und Bestätigung bei den Recherchen, die von Selbstzweifeln begleiteten Versuche, neue Erkenntnisse über den Kontinent Picasso zu gewinnen, werden in diesen sehr persönlichen Aufzeichnungen ebenso dokumentiert wie die damalige Stimmung im Land. Und so fangen Reise und Buch an:

Paris. Donnerstag, 18. März

Meldung in den Sechsuhrnachrichten: In der Nähe von Osnabrück ist ein Güterzug entgleist, auf der Strecke, die wir via Paris passieren müssen. Friderico lamentiert: Eine Explosion! Die Strecke wird gesperrt. Katastrophenheini! spotte ich.

Für vier Wochen habe ich alles hinter mir gelassen, alles geordnet für die Zeit der Abwesenheit, bin begierig auf die Reise und will von Behinderung nichts wissen.

Vor den Fenstern Nebel, nichts als Nebel. Die Paulskirche, unser Gegenüber auf der anderen Straßenseite, ist im wabernden Grau verschwunden.

Im vollen Zug nach Hamburg missgelaunte Reisende, die meisten Pendler auf dem Weg zur Arbeit „in den Westen“. Der Nebel, immer dichter, verwehrt den Blick nach draußen.

Zeitungslektüre: Der Tag, an dem Christa Wolf 75 wird. Der Zeit ist das Jubiläum der Autorin keine Zeile wert, dem Neuen Deutschland immerhin eine ganze Seite. Ein Bericht über anderthalb Jahrzehnte Gesprächsrunden bei der Autorin in Berlin. Die Eingeladenen, auch die Journalisten, haben das „Schreibverbot“ über diese Treffen respektiert. Jetzt wird die Runde eingestellt. Christa Wolf fühlt sich durch den monatlichen Termin zu sehr gebunden.

Zitat: „Älterwerden heißt: Alles geschieht, was du niemals für möglich gehalten hättest.“ -

Meine erste Begegnung mit der Schriftstellerin Anfang der achtziger Jahre, Dorffest im Neddelrad, Landkreis Schwerin. Die Veranstalter organisierten einen Buchbasar und luden auch Christa Wolf ein. Ich hatte drei, vier ihrer Bücher mitgebracht, um sie signieren zu lassen. Uwe M., der Schauspieler, jünger als ich, den wir schon vor Jahren begraben haben, nimmt meine drei Kinder und geht mit ihnen Karussell fahren, damit ich ungestört mit der Autorin sprechen kann. Sie fragt mich, was ich mache, und ich traue mich zu antworten: Ich schreibe.

Noch gibt es - außer Gedichten - keinen veröffentlichten Text von mir. Christa Wolf scheint weder das eine, noch das andere zu wundern. Sie fragt nach meinen Themen, meinem Beruf.

Ich bin glücklich mit ihr zu sprechen, glücklich, dass sie mich ernst nimmt.

Bis heute erinnere ich mich meiner Irritation, dass Gerhard Wolf sie begleitete. Die Verehrte existierte damals in meiner Vorstellung offenbar ausschließlich als literarische Person, in familiärer oder häuslicher Bindung nicht denkbar. -

In Hamburg eine Stunde Aufenthalt. Früh um neun. Die Kneipen um den Bahnhof sind noch geschlossen. Am Kiosk ein Kaffee im Stehen. Die letzten Nachtschwärmer wanken davon. Der Zug nach Paris wird mit 80 Minuten Verspätung angekündigt. Folge des Unfalls, bei Osnabrück. Als wir in Köln ankommen, ist der Thalys, der französische Schnellzug, für den man Plätze buchen muss wie fürs Flugzeug, längst abgefahren. Ich hätte nicht spotten sollen.

Eine halbe Stunde Anstehen vor dem Fahrkartenschalter. Es gelingt, unsere Reservierungen für einen Zug, der in zwei Stunden fährt, umzubuchen.

Ein paar Schritte ins Freie. Köln, zwischen Hauptbahnhof und Dom, liegt im dunstigen Frühlingslicht. In den Cafés wenden Gäste das Gesicht der sanft vernebelten Sonne zu. Anna Seghers im Siebten Kreuz. Auch der Thalys kommt mit Verspätung. In Brüssel steht er ohne Ansage, ohne Angabe von Gründen, eine volle Stunde auf dem Bahnhof. Unsere Coupé-Nachbarin, eine junge Frau aus Neuguinea, die französisch und fließend deutsch spricht - mit ihren beiden Kindern verkehrt sie in einer Sprache, die wir nicht identifizieren können - hält uns auf dem Laufenden, was Mitreisende und Passanten draußen auf dem Bahnsteig über den ungeplanten Aufenthalt vermuten.

Die Kinder unserer Nachbarin, ein Mädchen und ein Junge, himmeln einen jungen Mann an, der vorm geschlossenen Zug-Bistro mit orangefarbenen Bällen jongliert. Sie stellen ihm „Aufgaben“, die er bereitwillig erfüllt. Der Anblick der Kinder lenkt ab. Im regungslosen Zug überfallen mich Momente des Unbehagens. Auch die anderen Fahrgäste scheinen nervös, angespannt.

Der Anschlag auf den Bahnhof Atocha in Madrid liegt erst eine Woche zurück. Zehn, fast zeitgleiche Explosionen von Sprengstoffbomben in den voll besetzten Vorortzügen im morgendlichen Berufsverkehr. Zweihundert Tote, Tausende Verletzte. Viele Kinder, viele Junge, Studierende, unter den Opfern. Apokalyptische Bilder, die über den Bildschirm ins Wohnzimmer fallen.

Gestern Abend riefen die beiden Töchter an. Eigentlich, um mir eine erfolgreiche und uns eine glückliche Reise zu wünschen. Ihre Sorge klingt durch, auch Unmut. Ob ich sie mit Gewalt zur mutterlosen Waise machen wolle, fragt die ältere. Die Ironie gelingt ihr nicht. Sie wird nicht annehmen, mich von meinem Entschluss zu reisen, wie es geplant war, abzubringen. Ich zitiere den sprichwörtlichen Brechtschen Ziegelstein, das immer Unvorhersehbare, das Imponderabile. Sie hält dagegen: Das Gesetz der Serie.

Allmähliche Umkehrung im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern. Ich fordere, wie ich einmal meine Mutter vor einer schwierigen Entscheidung bat: Gib mir deinen Segen! Jetzt seufzt die Tochter und sagt: Ihr habt meinen Segen. Dialog zwischen zwei atheistischen Seelen. Auf dem Bahnhof in Brüssel, im engen Zugabteil, in kleinlicher Ängstlichkeit gefangen, fühle ich mich von allen drei Kindern und ihrer Fürsorge schmerzhaft getrennt. -

Friderico versucht, sich mit Lesen abzulenken. Der 11. März bestimmt weiter die Schlagzeilen der Zeitungen. Der deutschen, in der Friderico blättert, der französischen, die ein Nachbar in den Händen hält.

Es gibt Warnungen vor neuen Anschlägen. Vor islamistischen Terroristen, die von den deutschen Medien sofort als Schuldige ausgemacht werden. In der Resolution 1530 allerdings, noch am Abend desselben Tages einstimmig vom Sicherheitsrat der UNO angenommen, die eine Bedrohung des internationalen Friedens und der Sicherheit formuliert, wird auf ausdrücklichen Wunsch der spanischen Diplomaten die ETA als Täter genannt. Wenige Tage später beschließt Spaniens Regierung - nun schon unter dem frisch gewählten Zapatero - den sofortigen Abzug ihrer Truppen aus dem Irak.

Endlich - der Zug rollt aus dem Bahnhof. Die Atmosphäre lockert sich. Das Bistro, in dem man leider nicht rauchen darf, wird geöffnet. Es duftet nach Kaffee. Die beiden Kinder haben sich neben ihrer graziösen Mutter in Decken eingekringelt und schlafen.

Statt wie geplant am frühen Nachmittag, erreichen wir kurz vor Mitternacht den Bahnhof Gare du Nord in Paris. Weiter zum Gare de Lyon, von dem wir morgen früh aufbrechen.

Im Dunklen, mit dem schnellen RER, durch den unterirdischen Bauch von Paris. Über mir die Stadt, in der Picasso vom Jungen zum Mann und zur Berühmtheit wurde. Die Stadt, wo Guernica entstand. Die Friedenstaube, die Brecht auf den Vorhang im Berliner Ensemble brachte ... Das Angelesene der letzten Monate drängt in mein Gedächtnis: Die Butte, Braque, Fernande, das Frauengefängnis von St. Lazare. Gertrude Stein, die Freundes - Bande, die Clique der frühen Jahre. Apollinaire, Prévert, Francoise... Nein, bleibt fort - noch nicht. Ihr seid noch nicht dran. Der Reihe nach. Erst dorthin, wo er geboren ist - Pablo, Paolo, Pablito - das Kind.

In der Rue d’ Aligre, fast gegenüber vom Bahnhof, buchen wir ohne lange Preisvergleiche ein Zimmer in einem kleinen, günstigen Hotel. Wir fahren seit fünfzehn Jahren ohne Vorbestellung. In Frankreich gibt es in der Nähe der Bahnhöfe meist etliche alte, billige Hotels. Die Preisliste der Zimmer hängt, anders als in Deutschland, überall deutlich sichtbar in den Fenstern.

Ich zahle im Voraus; der Zug nach Montpellier fährt morgen schon vor der Frühstückzeit.

Unser Proviant ist durch die verlängerte Reise längst verzehrt. Schnell noch etwas essen gehen.

Die Straßen um die Gare de Lyon gelten als kulinarisches Eldorado: Arabische Küche, spanische, amerikanische, französische Lokale mit regionalen Gerichten. Wir haben das Quartier bei früheren Parisbesuchen durchforstet, mal probiert, mal nur die Speisekarten inspiziert. Jetzt verfolgen wir, der späten Stunde geschuldet, unsere Taktik der ersten Gelegenheit. Ein chinesisches Restaurant in Nebenhaus. Auf meine Frage, ob wir noch eine Kleinigkeit bekommen, antwortet der Kellner: Yes. Quickly!

Aus der Flasche Wein, die wir uns zum Essen bestellt haben, werden die Gläser nach jedem Schluck nachgefüllt. Quickly-quickly! ermuntert uns lächelnden Auges der Wirt. Nach knapp einer halben Stunde stehen wir wieder auf der Straße. Hinter uns fallen rauschend die Jalousien herab.

In vier Stunden klingelt der Wecker. Aber wir sind in Paris. Eine Frühlingsnacht in Paris. Wenigstens einmal ums Carré. Die Straßen belebt, die Schaufenster illuminiert, Liebespärchen flanieren ... Als die Mauer in Berlin noch stand, habe ich einem Freund erzählt, was ich - in ferner, ferner Zeit, die ich für mich nicht mehr erlebbar hielt - aus dem Grenzstreifen machen würde: Eine grüne Taille um die innere City, ein Parkgürtel, in dem sich friedlich und von Laub beschattet wandeln lässt.

In Paris, im 12. Arrondissement, wurde mein Vorschlag angenommen. Ein altes backsteinernes Viadukt für die Bahnstrecke zum Gare de Lyon (oder Austerlitz?), das ich 1991, längst stillgelegt, als Zeugnis aus der Zeit der Dampflokomotiven fotografierte, wurde Ende der neunziger Jahre in eine Grünanlage umgestaltet. Ein Park auf steinernen Beinen. Im vergangenen Sommer haben wir ihn besucht und bewundert. Ein Musterbeispiel der Kunst französischer Stadt-Gestalter, einen Park öffentlich und kommunikativ einzurichten und gleichzeitig intime Plätze, Reservate fürs Private zu schaffen. Jetzt liegt das Musterbeispiel unbeleuchtet und verschlossen, wie alle französischen Parks, wenn es dunkel wird. Ich weiß, dass der Stadt-Garten nach einem Schriftsteller benannt ist, aber sein Name ist mir entfallen. Schließlich finden wir direkt am Zugang der Rue d’Alegri das Schild: Jardin Hector Malot, Écrivain (1830-1907).“

Zehn Jahre zuvor, erstmals 1989 hatte Jutta Schlott im Verlag Neues Leben Berlin unter dem Titel „Klare Verhältnisse“ einen Band mit Erzählungen veröffentlicht: Lena ist auf der Suche nach Liebe und Selbstständigkeit: mit einem neuen Mann, in einer anderen Stadt versucht sie einen Neubeginn. Findet sie diesmal das lang ersehnte große Glück? Wird ihre Liebe zu Werner den mannigfaltigen Belastungen standhalten? ER hat in seiner neuen Funktion kaum noch Zeit für die Familie. Da ist die kleine Wohnung, in der man sich zunächst einrichten muss, da sind Kati und Tanja, die beiden Töchter aus erster Ehe, und da ist das Baby Maik, für den der Krippenplatz noch fehlt. Lena sehnt sich nach ihrer Arbeit. Und zu alledem kommt nun, dass sie wieder schwanger ist. Klare Verhältnisse finden sich kaum in den acht Geschichten, die Jutta Schlott erzählt. Doch steht der Titel - ein wenig ironisch gesetzt - immer für das Bemühen darum. Stets erfährt der Leser von den Konflikten junger Frauen, von Sehnsucht, von Enttäuschung und von außergewöhnlichen Erfahrungen in ihrem Alltag. Hier der Anfang der ersten dieser Erzählungen:

Meilenweit

Wenn Evelyn Vitense, was sie selten tat, über ihr Leben nachdachte, erschien es ihr als eine notwendige und logische Folge von Jahren und Ereignissen. Die Entscheidungen, die sie hatte treffen müssen, waren nicht von Zweifeln überschattet. So und nicht anders hatte es kommen müssen, und es war müßig, darüber nachzudenken, ob es je andere Möglichkeiten gegeben hatte.

Sie war das späte und einzige Kind des Stellmachermeisters Karl Vitense und seiner Frau Marga. Des Meisters Lebensmaxime war es, aus jeder Lage das Beste hervorzukehren, und er nahm es als Bestätigung dieser Haltung, dass ihn sein durch Kinderlähmung verkürztes Bein davor bewahrte, in den Krieg zu müssen.

Karl Vitense ging auf sein fünfzigstes zu, als seine um zehn Jahre jüngere Frau nach zwanzig Jahren Ehe schwanger wurde. Sie gerieten darüber in Verwirrung, sie hatten seit Langem nicht mehr mit einem Kind gerechnet. Einmal, zaghaft, zogen sie in Erwägung, es nicht auf die Welt kommen zu lassen. Sie rechneten sich ihr Alter aus, wenn es zehn, wenn es zwanzig Jahre alt sein würde, dazu die unsicheren Zeiten.

Sie verwarfen den Gedanken, kaum dass sie ihn weitschweifig umschrieben geäußert hatten. Es gab so viel Sterben ringsum, warum sollten sie sich Schuld aufladen und Leben verhindern. Ohnehin hatten sie in ihren ersten Ehejahren ihre Zukunft stets für ein, zwei Kinder mitgedacht. Das bescheidene Unternehmen warf genügend ab, und da Karl Vitense auch die Särge für die zimmerte, die in dem kleinen märkischen Dorf begraben wurden, war nicht zu befürchten, dass es einmal nicht florierte.

Das Mädchen wurde im letzten Kriegsjahr geboren, aber als es seinen ersten Schrei tat, war schon eine Woche Frieden, und die Vitenses nahmen es als gutes Omen. Sie erwarteten, dass das Mädchen den Eltern gleich ein stilles, blondes Kind sein würde. Evelyn kam mit den für Neugeborene seltenen langen, schwarzen Haaren auf die Welt. Zwar fielen sie nach einigen Wochen aus, es wuchsen ihr aber genauso dunkle nach.

Die nicht mehr jungen Eltern erzogen das zierliche Mädchen — wie ihnen schien — im ausgewogenen Maß von Güte und Strenge und ohne sie mit überschwänglicher Zärtlichkeit zu erdrücken. Marga erinnerte sich, da das Kind oft so ungebärdig und wild reagierte, an die Geschichten über die Schwester ihrer Großmutter, die in der Familie erzählt wurden. Auch sie sei schwarz und launisch gewesen und schließlich mit einem französischen Soldaten auf und davon.

Das Mädchen hieß im Dorf die wilde Evi. An der Schule zeigte sie kaum Interesse, aber auch sonst kein ausgeprägtes anderes. Sie tobte mit den Jungen aus der Nachbarschaft und fürchtete sich nicht, allein in den Kiefernwald zu gehen und dort Himbeeren oder Pilze zu sammeln.

Evelyn, als sie älter wurde, suchte oft die Gesellschaft der Haushälterin Dora. Sie war eine Frau von unbestimmbarem Alter, die nach Evelyns Geburt in das Bodenzimmer einzog und bald anstelle der immer häufiger kränkelnden Frau den Haushalt in der Hand hatte. Dora war nie laut, aber resolut und genau. Sie duldete nicht, dass ihr Evelyn auf der Nase herumtanzte, wie sie es mit den Eltern oft tat. Dora sah unerbittlich darauf, dass das Mädchen seine kleinen Pflichten erfüllte.

Die unscheinbare Frau, eher verschlossen als redselig, antwortete Evelyn auf jede Frage, die sie beantworten konnte. Sie erklärte ihr ohne Umschweife das Warum, als das Kind Hunde sich paaren sah, und ließ sie wissen, was ein Mädchen über sich selbst erfahren musste.

Den Wünschen der Eltern war die Heranwachsende fast ganz entglitten. Sie hätten es gern gesehen, wenn Evelyn in der Kreisstadt Friseurin gelernt hätte oder Textilverkäuferin. Das Mädchen hatte aber sofort — und ohne vorher Vater und Mutter um Erlaubnis zu bitten — zugesagt, als in der Abgängerklasse für landwirtschaftliche Berufe geworben wurde. Geflügelzüchterin schien ihr ein passabler Beruf, und den Ausschlag gab, dass das Gut, auf dem sie lernen sollte, weit im Norden, schon im Mecklenburgischen lag.

Die Eltern wussten um die wahre Ursache ihres Entschlusses. Das Mädchen wollte weg aus der Stille des Elternhauses, die nur von den entfernten sanften Geräuschen aus der Werkstatt des Vaters und abends durch die des Fernsehers unterbrochen wurde. Nach kurzem, heftigem Kampf gaben die Eltern auf. Aber auch Dora billigte ihren Entschluss nicht. Sie redete auf Evelyn ein, dass diese Verantwortung für ihre Eltern trage, und ähnliche altmodische und unverständliche Dinge, die Evelyn nicht begriff und nicht begreifen wollte.

Evelyns Auszug aus dem elterlichen Haus einen Tag vor Lehrbeginn war ein endgültiger, das wussten alle Beteiligten. Dora zeigte offen ihre Verärgerung.

Evelyn wusste, dass sie den Eltern wehtat. Sie ahnte aber auch die uneingestandene Befriedigung der alternden Leute, dass Stille und Geruhsamkeit in ihr Leben zurückkehren würden. Das machte die Halbwüchsige trotzig, und sie gab den Eltern schuld, dass es so war.“

Erstmals 1967 erschien im Verlag Neues Leben Berlin als Heft 258 der Reihe Das Neue Abenteuer „Das unirdische Raumschiff“ von Carlos Rasch: Die Heloiden im Planetensystem der Sonne Epsilon im Sternbild „Fluss des Eridanus“, zwölf Lichtjahre von der Erde entfernt, entdecken ein fremdes Raumschiff in ihrem Planetensystem. Über Teleportation gelingt ihnen der erste Kontakt mit einem Erdbewohner. Doch bald befindet sich das photonenbetriebene Raumschiff mit den vier Erdbewohnern in allerhöchster Gefahr. In dem spannenden Buch wird auch Bezug genommen auf die Science-Fiction-Erzählungen „Der Untergang der Astronautic“, „Asteroidenjäger“ und „Die Umkehr der Meridian“. Hier der Anfang:

Das unirdische Raumschiff

Auf einem der Weißfelsen, die verstreut umherlagen, saß Fra Ult und baumelte mit den Beinen. Sie sah zum Horizont, wo ein Saugwind eine spiralförmige Staubsäule in die Stratosphäre hob. Aber sonst lag die Kalkwüste still und verlassen im Schein der Sonne. Es waren keine Starts und keine Landungen zu erwarten.

Der Raumflughafen, zu dem die Kalkwüste schon von den Vorlebenden auserwählt worden war, bot das übliche Bild: Auf einem Plateau ragte massig und ausladend die Gruppe der Raumtaster, und abseits reckten sich die Sendetürme der Informationsstrahler schlank und spitz in den Himmel. Sie folgten mit langsamer, unmerklicher Bewegung den Bahnen ferner Raumschiffe, die irgendwo die Tiefe des Kosmos durchkreuzten.

Fra Ult nutzte die Zenitzeit und sonnte sich; denn nachher, wenn die Strahlen erst wieder schräg einfielen, wurde es hier in der dünnen Luft der Weißen Hochebene empfindlich kühl. Die kräftige Wärmedusche der Sonne tat ihr wohl. Sie streckte sich voller Behagen.

Etwa vierzig Sprünge tiefer, am Ansatz des Hanges, standen säuberlich aufgereiht Raumschiffe. Das sechste von links war „Relais 9“, mit dem in der vergangenen Nacht Seig Prem vom vier Lichtjahre entfernten Nachbarsystem zurückgekehrt war. Er hatte im Auftrage Hyp SARS, des Weisen, die Gäste aus dem System Retipron drei, das in Richtung des Zentrums der Galaxis lag, zum Relais- und Sendeplaneten begleitet. Sie hatten von dort aus mit ihrem Heimatplaneten Verbindung aufgenommen. Nun waren die heloidischen Brüder endgültig abgereist und Seig Prem frei und ohne Auftrag.

Er hatte erfahren, dass Fra Ult auf dem Raumflughafen im Kontaktzentrum Dienst machte. Deshalb war er gleich nach der Landung den Hang hinaufgestiegen, um sie zu sehen. Beide hatten sich lange entbehrt. Fra Ult war ihm über die nächtlich weiße Wüste entgegengegangen. So hatten sie sich nach fast zehn Zyklimaten wiedergesehen.

Gewiss, die Trennung, auch wenn sie noch länger gedauert hätte, fiel, gemessen an der Langlebigkeit ihrer Art, nicht sehr ins Gewicht. Aber Trennung war eben Trennung, ob kurz oder lang. Selten wurde zwei Gemeinsamen so etwas zugemutet. Und meist gingen Gemeinsame auch zusammen auf Expeditionen in den Raum. Nur war das diesmal reicht möglich gewesen, denn der Sektor um das Nachbarsystem TAU war, ebenso wie das der Irdischen um SOL, Sperrgebiet. Das SOL-System war vermutlich ebenfalls bewohnt und daher unantastbar; das TAU-System dagegen enthielt den wichtigen Relais- und Sendeplaneten einhundertdreiundzwanzig, der zum Informationsring der Galaktischen Gemeinschaft gehörte.

Ob Seig Prem bereits erwacht und nach der langen Reise schon genug ausgeruht war? Fra Ult hätte ihn gar zu gern angerufen und mit ihm gesprochen.

Hinter dem Weißfelsen bewegte sich ein Schatten, und gleich danach wurde Sem 3 Set, der Roboter, sichtbar. Er trat heran und berührte Fra Ult leicht.

„Lebende“, redete er sie an, „das Unentbehrlichkeitssignal für dich.“

Fra Ult sah rasch auf ihren Ring und fand seine Mahnung bestätigt. Ein winziges rotes Licht flackerte dort. Sie sprang auf und lief in großen Sprüngen auf den Leitturm zu.

Sem 3 Set stolperte hinterher. Er kam nicht so schnell voran wie sie. „Genauso flott, wie es sich für ihre jugendlichen vierzig Zyklimate gehört“, registrierte er. „Jetzt möchte ich ihren Herzschlag und ihre Infrastruktur kontrollieren dürfen. Das würden wahre Prachtexemplare von Messkurven werden.“

Im Eingang zum Leitturm ließ er sich sorgfältig den Kalkstaub absaugen. „Ich verstehe die Vorliebe der Lebenden für urwüchsige Landschaften nicht“, murmelte der Roboter. „Mir bringt dieser Kalkstaub noch einen Großdefekt, aber die Lebenden scheinen sich dabei wohlzufühlen.“

Längst nicht alle Planetenbewohner ließen sich ständig von einem Roboter begleiten. Wenngleich Fra Ult ihn schon seit mehreren Zyklimaten besaß, so war seine Existenz doch nur einer Laune zuzuschreiben. Sie folgte damit im Grunde genommen nichts anderem als einem Spieltrieb. Der beste Beweis dafür war, dass sein Programm auch auf das Kopieren von Emotionen eingerichtet war.

Fra Ult war auf ihrem Platz im Leitturm, einer auf einem schwenkbaren Stützpfeiler ruhenden ovalen Vollsichtkonstruktion, angelangt. Einer der Taster hatte ein Raumschiff an der Grenze des Systems erfasst und die Ermittlungsdaten in die Tiefe des Felsgesteins unterhalb des Weißgebirges geschickt, dorthin, wo schon seit langer Zeit das „Nervenzentrum“ des Raumflughafens mit seinen Kolonnen von Kybernetics eingebettete lag. Der zuständige Koordinierungskybernet für das Kontaktzentrum hatte sofort nach Prüfung des Befundes das Signal „Nicht identifizierbar — Fremdling eingeflogen“ an verschiedene Punkte des Planeten, vor allem aber an das Kontaktzentrum von Fra Ult und an den Rat der Verantwortlichen, gesandt.“

Fra Ult schaltete den Unentbehrlichkeitsruf ab und sprach ein Codewort, mit dem sie Einzelheiten der Beobachtungen anforderte. Angestrengt starrte sie auf die entsprechende Signallampe. In rasch folgendem Lichtwechsel und mit unterschiedlicher Lichtintensität. wurden die Informationen ihrem Bewusstsein mitgeteilt. Ihr Erstaunen wuchs von Augenblick zu Augenblick.

Die Ermittlungen des Tasters hatten ergeben, dass ein steuerbarer, aber unbekannter Flugkörper in den Grenzbereich ihrer kosmischen Kontrollzone einflog und sein Tempo dabei ständig herabsetzte.

Es besaß als Antrieb einen Impulsmotor alten Typs, der zwar lichtstarke Energieduschen abstieß, im Verhältnis dazu aber nur sehr schwerfällig manövrierte. Zudem reagierte das Raumfahrzeug nicht auf die galaktisch vereinbarten Leitsignale. Die dreistündige Laufzeit der Signale konnte nicht schuld daran sein; denn so lange dauerte es, bis die lichtschnellen Leithinweise den Kosmos durchflogen hatten und auf das fremde Raumschiff trafen. Also waren die Zeichen der Besatzung unbekannt, und das bedeutete, dass ihre Zivilisation nicht der Galaktischen Gemeinschaft angehörte. Am erstaunlichsten jedoch war, dass die Bahn der Unbekannten, zurückberechnet, das gesperrte Sol-System gekreuzt haben musste.

Fra Ult war mit ihren Überlegungen noch zu keinem Schluss gekommen, als schon Hyp SAR, einer der Verantwortlichen dieses Planeten, im sphärischen Abschnitt des Leitraumes erschien. Er war es nicht wirklich, sondern nur sein Teleport. „Welche Meinung hast du ?“, fragte er.

„Merkwürdig, die Unbekannten scheinen einen Kurs zu steuern, mit dem sie kaum einen unserer drei Wohnplaneten erreichen werden. Ihr Flug führt vorbei. Sie berühren allenfalls die Bahn unserer äußersten Welt, des Ammoniakplaneten.“

Sem 3 Set stand in einer Nische und wartete. Seine Logikzellen schalteten um auf „ungewöhnliche Situation“. Für den Roboter war es eines der Rätsel, die ihm die Lebenden aufgaben: Ein Weiser, dessen Augen während zahlreicher Raumflüge das Licht Tausender Sonnen gesehen hatten und dessen Verstand im Verlaufe eines jahrhundertelangen Lebens geschärft war, befragte eine junge Frau. Sem 3 Set setzte automatisch den Intelligenzindex Fra Ults gleich um hundert Punkte herauf.

„Warum ist das Raumschiff, über das ihr sprecht, durch den Sperrsektor der Sonne Sol geflogen?“, konnte sich Sem 3 Set nicht enthalten dazwischenzufragen.“

Erstmals 1973 erschien im Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik „Schild überm Regenbogen – Anflug Alpha 1“ von Wolfgang Held: Wolfgang Held erzählt in seinem Roman von einem der faszinierendsten Berufe, die es gibt: dem des Fliegers. - Wie silberne Speere stoßen die schlanken Maschinen in das Blau des Himmels. Auf ihren Flügeln blitzen die Strahlen der Morgensonne; tief unten zerschmelzen ein paar Wolkenreste in der Wärme des aufziehenden Tages ... Das Leben eines Piloten ist schwer und voller Verantwortung. Leutnant Lenz verliert für Sekunden die Nerven und vertraut den Instrumenten nicht mehr. Fliegt die MiG noch horizontal, funktioniert der Autopilot? Die Überschallgeschwindigkeit stellt höchste Anforderungen an die Kondition und Konzentration der Piloten. Leutnant Lenz muss katapultieren. Aber die Genossen der Kette Milan halten zu ihm, beweisen echte Kameradschaft, und auch seine Freundin Anke besteht die Bewährungsprobe. Wolfgang Held berichtet von Fliegern, tapferen Frauen, von Mut und Liebe. „Schild überm Regenbogen“ ist ein Buch voller Spannung und Abenteuer. Es schildert die Begeisterung junger Menschen für das Fliegen und beschreibt ihre Gedanken und Gefühle. Das erstmals 1973 beim Militärverlag der DDR erschienene Buch entstand nach dem DEFA-Film „Anflug Alpha eins“ von 1971 mit Klaus Peter Thiele als Leutnant Dieter Lenz und Regina Beyer als Studentin Anka (Regie: János Veiczi). Hier der Beginn des ersten Kapitels:

„Der Strand brodelte.

Kofferradios spien schroffe Rhythmen aus. Ein Volleyball flog von Mannschaft zu Mannschaft. Unter einem Sonnenschirm stritten drei bleichhäutige Skatspieler, als ginge es für jeden um ein Jahr seines Lebens. Ein paar Meter entfernt kreischten nackte Knirpse vergnügt im Wellenschaum. Grelle Lichtreflexe tanzten über die See bis hin zum Horizont.

In einer Kuhle, abseits vom Menschengewimmel, lagen Ulrich Herzog und Sigrid Salten. Der Lärm wehte über sie hinweg, die Stimmen erreichten sie nicht. Sie ließen in ihre Stille nur das gleichmäßig sanfte Rauschen der Brandung eindringen. Der Sand war weich und warm wie ein Katzenfell. Sie bewegten sich kaum, hielten die Augen geschlossen und atmeten ruhig wie im Schlaf. Zu ihren Füßen lag, fast lebensgroß, ein pralles gelbes Gummikrokodil.

Ulrich Herzog war hinter seinen gesenkten Lidern hellwach. Sigrid Salten, deren Hautwärme er spürte, war er vor siebzehn Tagen hier am Strand zum ersten Mal begegnet. Sie hatte einen aufgeweckten kleinen Jungen bei sich gehabt. Wo sie auch ging, war ihr ein Dutzend Männerblicke gefolgt. Vierundzwanzig Stunden später hatte er gewusst, dass der Kleine ihr Sohn war, dass sie vor zwei oder drei Jahren ihren Mann durch einen Unfall verloren hatte und nun schon zum zweiten Mal ihren Sommerurlaub im Ferienheim „Möwe“ verbrachte.

Weitere vierundzwanzig Stunden danach aßen Ulrich Herzog, Sigrid Salten und ihr Sohn Frank das erste Mal gemeinsam zu Mittag. Sie verstanden einander. Schon nach einigen Tagen gab es Feriengäste, von denen die drei für eine beneidenswerte, glückliche Familie gehalten wurden. Dieser Eindruck wurde besonders durch das Verhalten des kleinen Frank hervorgerufen, dessen anfängliches Misstrauen gegen den Verehrer seiner Mutter sehr bald in kindlich-leidenschaftliche Zuneigung umgeschlagen war, die keinem Betrachter verborgen bleiben konnte. Ulrich Herzog empfand das durchaus nicht als unangenehm. Die Rolle des Familienvaters behagte ihm angesichts der neidvollen Bewunderung, die er überall, wo er mit Sigrid erschien, in den Augen der Männer aufblitzen sah. In diesem Gefühl schwang auch ein wenig der natürliche männliche Stolz des erfolgreichen Eroberers mit, trotzdem gehörte Ulrich Herzog ganz und gar nicht zu jenem Typ, der mit Liebeleien sein lädiertes Selbstbewusstsein zu stärken und übertriebenen Geltungsdrang zu befriedigen suchte. Wenn er sich verliebte, entsprang sein Werben und Zärtlichsein, mehr oder weniger bewusst, immer der geheimen Sehnsucht nach einer Lebensgefährtin. Dabei blieb ihm allerdings die Fähigkeit des kritischen Denkens erhalten und bewahrte ihn vor übereilten Entschlüssen.

Als Ulrich Herzog nach einigen Enttäuschungen die Medizinstudentin Agnes kennengelernt und sich einige Monate später mit ihr verlobt hatte, hielt er das Kapitel Brautschau in seinem Lebensbuch für abgeschlossen. Nach ihrem Staatsexamen wollten sie heiraten. Damals lagen vor Agnes noch zwei Studienjahre. Sie sahen sich nur an wenigen Wochenenden und während der Ferien. Vierundvierzig Tage im Jahr, wie er einmal in einem seiner zahlreichen Briefe an sie ausgerechnet hatte. Sie bestand das Examen mit Auszeichnung. Er kaufte zwölf Nelken und fuhr zu ihr. Als er in das Studentenheim kam, musste er einsehen, dass vierundvierzig Tage im Jahr für ein Mädchen wie Agnes zu wenig gewesen waren. Verlegen überließ sie einem bärtigen jungen Mann die Erklärung der Situation. Er tat es ungezwungen und sachlich, als wäre die Rede von einer komplizierten Blinddarmoperation. Eine Verlobung müsse sowieso nur als kleinbürgerliches Überbleibsel gewertet werden, meinte er. Außerdem wäre eindeutig erwiesen, dass Agnes und er auf den entscheidenden Gebieten des Zusammenlebens synchrone Interessen und Bedürfnisse hätten.

Diesmal ist es ganz anders als mit Agnes, dachte er. Sigrid ist eine Frau, die man sich nicht einfach ausspannen lässt. Um sie werde ich kämpfen, wenn es sein muss.

Ihm war, als kenne er Sigrid Salten genau, obwohl er mit dem, was er über sie und ihr Leben wusste, kaum eine Schreibheftseite hätte füllen können: Fünfundzwanzig Jahre alt, irgendwo in Sachsen auf dem Land geboren, Lehrerin für Sport und Geschichte, Tennisspielerin in der Bezirksklasse. Sie begeisterte sich für Bücher und Bilder, liebte Leonhard Frank, Erich Kästner, Ernest Hemingway und die Aquarelle von Paul Signac, spottete über Dummheit, Phrasen und Kriechertum und war misstrauisch gegen Komplimente und statistische Angaben. Einem Kaderleiter wäre das zu wenig gewesen, doch Ulrich Herzog maß mit anderer Elle. Für ihn zählte allein, dass ihm warm unter der Haut wurde, wenn Sigrid ihn anlächelte, wenn sie ihm mit einer kleinen, flüchtigen Handbewegung ein Staubkorn vom Hemdkragen wischte oder wenn er sie beim Zeitunglesen beobachtete und aus ihren Zügen die Fähigkeit zu echter, innerer Anteilnahme herauslesen konnte. An ihr faszinierten ihn im gleichen Maße die reizvollen weiblichen Linien, ihre freimütig-heitere Art, von den Dingen zu reden, die sie beschäftigten, und die natürliche Anmut, die ihren Bewegungen eigen war, ob sie nun das Frühstücksmesser in der Hand hielt, eine Nähnadel oder das Pinselchen für das Augen-Make-up. Kurz, für ihn war alles, was sie tat, vom Glanz des Einmaligen und Liebenswerten umgeben.

Ulrich Herzog richtete sich auf und schaute zum Ufer. „Suchst du Frank?“, fragte Sigrid. Ihre Augen blieben geschlossen.

„Ich sehe ihn. Sie bauen ein Riesending von einer Schlammburg.“

„Aber sie lassen das kleine Mädchen nicht mitspielen. Typisch Mann. - Oder darf sie jetzt mitmachen?“

„Ein Mädchen ... Ja, da steht so eine Kleine und sieht zu.“ Er betrachtete Sigrid erstaunt. „Ich dachte, du schläfst.“

„Nur mit den Augen.“ Um ihre Lippen spielte ein Lächeln. „Die Ohren sind wach. - Wie spät ist es?“

„Gleich zwölf. Soll ich Bockwürste holen? Oder Eis?“, fragte er. Sie hatten schon seit einigen Tagen nicht mehr an einem Mittagstisch gesessen. Bei sechsundzwanzig Grad Wärme, einundzwanzig Grad Wassertemperatur und einem Himmel wie aus tiefblauer Seide lockte sie nichts in die überfüllten Speiseräume. Er stand auf und fegte den Sand von der Haut. „Ich nehme den Jungen mit. - He, Frank!“

„Nein!“, widersprach sie ruhig und hob die Lider. Dann stützte sie sich auf die Ellenbogen und blinzelte, von der grellen Sonne geblendet, zu ihm empor. Das Licht legte einen kupferfarbenen Schimmer auf ihr dunkles, bis über die Schultern fallendes Haar. „Nein, heute wollen wir essen gehen. Richtig groß, meine ich. - Erstklassig, Uli!“

Er war überrascht.

Frank stürmte heran und krähte, er habe überhaupt keinen Hunger und müsse sofort zu seiner Burg zurück und könne höchstens zwei oder drei Portionen Eis vertragen. Ulrich Herzog stemmte das ausgelassene Kerlchen in den Reitersitz auf die Schultern und beugte damit erst einmal allen eventuellen Fluchtversuchen vor.

„Erstklassig?“, erkundigte er sich neugierig. „Hat jemand Geburtstag oder so?“

„Warum?“ Sigrid lächelte. Dann stand sie ebenfalls auf und strich den glitzernden Sandschleier von ihrer Haut. „Das ist ja gerade das Schöne am Urlaub: Du kannst jeden Tag zum Fest erklären. - Und heute ist ein Festtag. Was dagegen?“

„Gegen Festtage nie!“

Ulrich Herzog merkte bald, dass es sich dabei keineswegs um eine plötzliche Laune handelte. Irgendetwas Besonderes musste dahinterstecken, aber Sigrid hatte für seine Vermutungen nur die rätselhaft-hintergründige Miene einer Sphinx. Er setzte sie und Frank mit seinem ziemlich verschmutzten Wartburg am Ferienheim „Möwe“ ab und fuhr dann zum Campingplatz, wo sein kleines Steilwandzelt stand. Das Umziehen dauerte fünf Minuten, doch dann brauchte er fast eine Viertelstunde, bis ihm der Knoten der bunt gemusterten, ungewöhnlich breiten Krawatte endlich einigermaßen zufriedenstellend gelungen war. Wenig später stoppte er, herausgeputzt wie für ein Festbankett des Diplomatischen Korps, seinen Wagen vor der „Möwe“.

Frank wartete schon am Eingang. Er trug seinen Sonntagsanzug, machte ein missmutiges Gesicht und hielt den Kopf merkwürdig steif, weil er die ihm von seiner Mutter aufgezwungene Kragenschleife wie ein enges Dressurhalsband empfand. Es tröstete ihn einigermaßen, dass auch Ulrich Herzog kein Hehl aus seiner Abneigung gegen jede Art von modischer Verzierung machte.

Als Sigrid erschien, vergaßen ihre beiden Kavaliere die Halsfesseln und machten große Augen. Sie trug einen eleganten cremefarbenen Hosenanzug, der Ebenmaß und Reife ihrer Figur unaufdringlich unterstrich. Ihr langes Haar hatte sie zu einer festlichen Frisur aufgesteckt. Ulrich Herzog war so beeindruckt, dass ihm jedes Wort der Bewunderung zu banal erschien. Er half ihr beim Einsteigen und tat dann das, was er bisher in Filmen immer belächelt hatte: Er küsste ihr die Hand. Diese Geste kam ihm im Augenblick ganz und gar nicht altmodisch oder komisch vor.

„Toll, Mutti!“, urteilte der kleine Frank. „Jetzt bist du sogar noch schöner als die Ansagerin im Fernsehen.“

Die „Schwarze Kogge“ galt als das vorzüglichste Restaurant im Umkreis von fünfzig Kilometern. In den holzgetäfelten Räumen atmete jedes Detail Gediegenheit und gastronomische Exklusivität. Hier gab es kein Gedränge. Niemand stand hinter einem besetzten Stuhl ungeduldig auf der Lauer, denn es gab Tische nur auf Vorbestellung. Und die „Schwarze Kogge“ war stets vierzehn Tage im Voraus ausgebucht. Ulrich Herzog wusste das. Er hatte selbst schon erfolglos versucht, kurzfristig einen Tisch zu bekommen. Sigrid musste dieses Mittagessen also schon vor geraumer Zeit geplant haben.“

Sigrid musste dieses Mittagessen also schon vor geraumer Zeit geplant haben. Womit man wieder einmal sehen, wer wirklich im Leben die Entscheidungen trifft …

Es sind die Frauen. Außerdem gehören sie ja ohnehin dem schöneren Geschlecht an, wie man so sagt. Abgesehen von diesen Randbemerkungen aber bekommt man bei diesem Buch von Wolfgang Held spannende Einblick in zumindest einen Teil der damaligen DDR-Gesellschaft und kann die Faszination für das Fliegen nachvollziehen.

Viel Vergnügen beim Lesen, weiter einen schönen Herbst, bleiben Sie weiter vorsichtig, vor allem aber weiter schön gesund und munter und bis demnächst.
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