Ein erleuchteter Dichter, Piratengold im Paradies, der Mittelpunkt Asiens und vergnügliche Dialektik-5 E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis

5 preisgesenkte E-Books
(lifePR) ( Pinnow, )
Nein, in diesem Falle heißen sie nicht Kain und Abel wie zu biblischen Zeiten, sondern Himmisch und Köckner, sind beide Vorsitzende einer LPG und liegen heftig miteinander im Streit, wie aus dem zweiten der insgesamt fünf aktuellen Sonderangebote hervorgeht, die wie immer eine Woche lang zum Sonderpreis im E-Book-Shop www.edition-digital.de (Freitag, 16.07. 21 – Freitag, 23.07. 21) zu haben sind. Wie es dazu kam und wie es ausgeht, das erzählt Ulrich Völkel in „Kain und Abel. Eine vermaledeite Affäre“, die übrigens in Mecklenburg spielt, genauer gesagt in Seltensow, welcher Name gewissermaßen ein Wortspiel zu sein scheint …

Der Fund“ – so lautet der Titel des Mittelstücks der Abenteuer-Trilogie über Uwe Reuss, den Helden wider Willen, von Wolfgang Schreyer, der diesmal im Paradies gelandet ist. Also Uwe Reuss und seine schöne Begleiterin, nicht Schreyer. Denn dessen Paradies lag an der Ostsee …

Nachrichten aus einem fernen Land präsentiert Egon Richter in „Im Lande der weißen Kamele. Chronik einer Stippvisite“, in dem es auch um Nüchternheit und Schwärmerei geht. Und nicht nur um Kamele.

Dialektisch und vergnüglich angelegt ist der Band „Zu Besuch auf der Erde. Unwahre Begebenheiten“ von Gerhard Branstner.

Und damit sind wir wieder beim aktuellen Beitrag der Rubrik Fridays for Future angelangt. Jede Woche wird an dieser Stelle jeweils ein Buch vorgestellt, das im weitesten Sinne mit den Themen Klima, Umwelt und Frieden zu tun hat – also mit den ganz großen Themen der Erde und dieser Zeit. Heute geht es um einen Krieg, einen wirklichen Krieg, um dessen Ende und um den Beginn einer neuen Zeit und darum, was falsche Gedanken und Gewissheiten aus- und anrichten können – sogar Kriege auslösen. Wie aber löst man Frieden aus? Meinst Du die Russen wollen Krieg?

Erstmals 1975 erschien im damaligen VEB Hinstorff Verlag Rostock „Ferien am Feuer“ von Egon Richter: Die Schulstuben in dem kleinen versteckten Ort an der Ostseeküste sind leer. Merkwürdige Ferien. Denn die Jungen, Mollenhauer, Blechert, Labahn, Klas und wie sie alle heißen, tragen eine Uniform mit der Armbinde: „Melder“. Noch ist der Krieg für sie ein romantisches Spiel, bei dem sie sich als Erwachsene, als Helden fühlen. Aber auf einmal ist der Krieg wirklich da, und alles ist plötzlich anders: auch das Heldsein. Der Ortsgruppenleiter hat sich vergiftet, er hat die „Feinde“ nicht aufhalten können; Budding wird von den Pulverstangen zerrissen, die man fürs Feueranmachen zu Hause haben wollte; Klas entdeckt den Dorfpolizisten, der den Polenjungen Janek erschoss, und zeigt ihn bei der Kommandantur an, aber Mollenhauer will mit diesem „Verräter“ nichts mehr zu tun haben; Wache stehen können die Jungen besser als die Russen, und deren Kommandant ist für sie kein richtiger Offizier, weil er mit ihnen Eisenbahn spielen will; als Marie aber ihr Franzosenkind zur Welt bringt, da laufen sie zum Offiziersdoktor, und alle feiern das internationale Baby … Egon Richter erzählt in diesem Debütbuch aus distanzierter Rückschau von den Maitagen des Jahres 1945, als das Umlernen mit dem Kennenlernen begann. Hier der Anfang, in dem es auch um Bolschewismus, Krieg und Stellen geht:

Die Melder

Es war unser letzter Einsatz.

Im Stillen wusste auch jeder, dass es unser letzter Einsatz war, wenn man das, was wir hier im Straßengraben machten, mit klappernden, viel zu großen Stahlhelmen, überhaupt „Einsatz“ nennen konnte. Aber keiner sagte es, weil es keiner wahrhaben wollte. Dabei war es jämmerlich.

Die letzten paar Soldaten liefen über den Landungssteg auf das schießende Schnellboot zu, das mit tuckerndem Motor nur noch lose in den Leinen hing, und ein paar von ihnen fielen vorher um, wenn eins der Geschosse sie getroffen hatte, die mit Leuchtspurstreifen aus den Bordkanonen der drei russischen Flugzeuge kamen. Die Russen flogen niedrig, und wenn sie ganz weit runter kamen, konnte man in den Doppeldeckermaschinen sogar die Piloten sehen und die Bordschützen.

Ab und zu warfen sie kleine, klatschende Splitterbomben an den Strand und neben das Schnellboot, das immer noch schoss, aus einem einzigen, letzten schweren MG und immer daneben, und zum Schluss warfen sie eine von den kleinen Bomben direkt auf das Schnellboot, und das schwere MG hörte auf zu schießen, und die russischen Doppeldecker brummten und surrten mit halben Loopings und ganzen Kreisen über den Stillen Ort und die weite Reede, auf der ein paar brennende Schiffe lagen.

Sonst war es ruhig, und als die Flieger abdrehten, war auch das Brummen weg, und die weißen Bettlaken und Tischtücher, die aus allen Fenstern bammelten, hingen bewegungslos in der heißen Mailuft.

„Von mir aus“, sagte Labahn, lockerte den Kinnriemen von seinem alten französischen Beute-Stahlhelm und riss ein Grasbüschel aus, das ihn ständig an der Nase gekitzelt hatte, „von mir aus können wir jetzt nach Hause gehen.“

„Halt dein Maul!“, fauchte Jungenschaftsführer Mollenhauer, „das könnte dir so passen.“

„Na ja“, sagte Labahn, und dann war er wieder still, und wir sagten alle nichts in der Stille rundum, in der kein Brummen und kein Schießen mehr war. Wir blieben liegen, kauten am Gras und wussten nicht, warum wir liegen blieben. Vielleicht war es bloß wegen Mollenhauer.

„Jetzt“, sagte Mollenhauer, und blödsinnigerweise flüsterte er dabei, „jetzt ist es aus mit Melder und blauer Binde. Jetzt beginnt der Kampf.“

„Warum?“, sagte Labahn, denn er war immer ein bisschen schwer von Begriff.

„Überall kämpfen sie“, sagte Mollenhauer, starrte auf die weißen Bettlaken in den Fenstern, fauchte zwischendurch „Schisshasen“ und dann: „Überall kämpfen sie gegen den Bolschewismus.“

„Ach so!“, sagte Labahn, „gegen den.“

„Die Bolschewisten“, flüsterte Mollenhauer, und sein dicker russischer Stahlhelm mit dem breiten Lederpolster rutschte ihm in die Stirn, „rotten alles aus.“

„Bestimmt“, quäkte Hordenführer Blechert, „und die Frauen und Kinder spießen sie auf und übergießen sie mit Benzin.“

„Na“, sagte Labahn, „wenn es so ist ...“, und dann zog er sich den Kinnriemen wieder fest, und die Hitze knallte auf unsere alten Stahlhelme, und das Straßengrabengras kitzelte im. Gesicht, und in unseren Köpfen war ein schwindliger Mischmasch aus Angst und Durst.

Einer von den Kleinen sagte: „Kann ich mir nicht ’ne Stulle holen?“

Aber Mollenhauer schrie: „Bist du nicht ganz dicht, Mensch! Hier ist Krieg und du redest von Stullen.“

Und der Kleine schnüffelte durch die Nase, zurrte an seiner blauen Melderbinde und sackte zurück ins Gras. Es war alles sehr sinnlos und lächerlich, und die Stille und die Hitze machten uns müde, und unser Heldentum trocknete ein. Dabei hatte alles so heldisch angefangen.“ Und damit zu den ausführlicheren Vorstellungen der anderen vier Sonderangebote dieses Newsletters:

Erstmals 1968 veröffentlichte Ulrich Völkel im Eulenspiegel Verlag Berlin „Kain und Abel. Eine vermaledeite Affäre“: Als Kain seinen Bruder Abel erschlug, konnte er nicht absehen, dass ausgerechnet die Bauern im mecklenburgischen Seltensow sich aufmachen würden, seinem Vorbild zu folgen. Eine jahrhundertealte Dorffehde wird bis in unsere Tage fortgetragen. Das Vieh der einen ist nachts heimlich von der Weide verschwunden und hat die Saat der anderen abgefressen. Der Schmied der einen Seite beschlägt die Pferde der anderen nicht. Bauer Himmisch karrt Bauer Köckner auf dem Mistwagen fort.

Da kommt ein junger Dichter ins Dorf, der in dem Streit die Vorlage für seinen ersten Roman sieht. Er merkt gar nicht, wie er von beiden Seiten instrumentalisiert und vom Dorfpfarrer freundlich auf den Arm genommen wird. Am Ende wird natürlich alles gut, auch dank Romeo von der einen und Julia von der anderen Dorfseite. Hier die ersten drei Kapitel dieser Erinnerung an frühe Zeiten:

Der erste Teil

heißt: Dichter Rumpach hat eine Erleuchtung, sodass man sich gar nicht vorstellen kann, wie der Autor zu dem Schlusssatz kommt: Und es war ziemlich finster.

Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem Herrn Opfer brachte von den Früchten des Feldes; und Abel brachte auch von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett.

1.Mose 4
  1. Kapitel
Kurt Rumpach, Dichter, der von seiner Frau einen Trabant und zwei Kinder hat, fährt in diesem Wagen nach Seltensow, dem Dorf. Die Landschaft, in die er hineinjockelt, misshagt ihm. An den viel zu großen Silberlöffel denkt er, an dem kein Silber mehr und der von Tante Amalie ist. Und ihm scheint, als ob er mit diesem viel zu großen, nicht mehr silbernen Löffel in einen nur mit Wasser angemachten Haferbrei hineinlangen müsse, um davon zu essen. Das schmeckt ihm nicht. Vorfrühling, stellt Rumpach gelangweilt fest. Vorfrühling 1963. Noch stehen die Bäume wie in Linol geschnitten. Die Haferbreifelder brummen öde. Die nicht umgerührte Atmosphäre riecht nach abgestandnem Wintermatsch. Kein Vogel erhebt sich, und leer, löchrig flieht die Landstraße, der Langeweile müde, zwischen des Trabanten Räder. Rumpach macht sich Gedanken.

Es gibt nichts Vollkommnes auf der Welt. Man will einen beachtlichen Roman schreiben, man will zeigen, wie der Widerspruch in die Materie kommt. Kann man das an kleinen Konflikten? Man kann nicht. Unsereins sucht nach einem echten Konflikt, nach dem Konflikt, macht sich’s nicht leicht, bei Gott. Die Partei aber schickt mich in dieses Dorf. Hätt’ ich bloß auf der Konferenz den Schnabel gehalten. Was hat man davon? Die Partei nimmt einen beim Wort, das hat man davon.

Rumpach besieht die Traurigkeit seines Antlitzes im Rückspiegel. Und hat er nicht Grund zur Traurigkeit? Widersprüche großen Formats kann es nur geben, wo es große Formate gibt. Ja, Leuna II oder Schwedt oder Schwarze Pumpe. Aber dort sitzen ganz andere Leute. Da lässt keiner den Dichter Rumpach ein.

Was aber erwartet ihn in Seltensow? Ferkelsterblichkeit, Alkoholverbrauch, Entenmast ... Rumpach bekommt ein steifes Knie vor Abstandstheorie. Hüpf, macht der Trabant.

[*] Kapitel

Hüpf, hüpf. Die hässliche Kröte sprang von der Landstraße in den Graben zurück.

Ein Dichter, sagte Hannes Holter nachdenklich. Bist du auch ein Dichter unter den Kröten? Springst in den Morast als wie Herr Rumpach in unser Dorf. Hannes dachte noch etwas. Er dachte: Hähä, ein Dichter. Scheißen ihn aber trotzdem an, den Dichter.

So standen die Probleme. Hannes aber saß auf einem Kilometerstein. Das war unvorsichtig; denn bei der Temperatur konnte er sich einen Wolf holen, zumal er doch so schnell gelaufen war, der Hannes.

Die Mitglieder der LPG Einheit erwarteten den Kollegen Rumpach, einen Schriftsteller, der bei ihnen lesen wollte. In ihrem Versammlungsraum saßen sie und harrten der Dinge. Das Wetter war noch nicht danach, dass man keine Dichter mehr benötigte in Seltensow. Frühjahrsbestellung stockt, Kulturprogramme noch möglich.

Und Hannes Holter war vorausgeschickt worden, den Dichter unterwegs zu empfangen, damit er sicher dorthin geleitet werde, wo er gleichfalls erwartet wurde. Aber das war nicht der Versammlungsraum der Genossenschaft Einheit, sondern der von Eintracht; denn Seltensow hatte zwei Genossenschaften: Typ I und Typ III.

Hannes, der die Kröte beobachtet hatte, blickte nun wieder die Landstraße hoch. Ein Auto näherte sich. Hannes war deshalb ausgeschickt worden, weil er am besten sehen konnte. Er war Scharfschütze gewesen, damals, als man noch andere Lieder sang. Und er bildete sich verflixt viel ein auf seine scharf blickenden Augen. Auf hundert Meter konnte er die Autonummer erkennen. Hubert Himmisch, was der Vorsitzende von Typ I ist, hat schon gewusst, wen er da auf Vorposten schickte. Hubert hatte nämlich erfahren, dass der Schriftsteller mit der Nummer KR 10-01 kommen würde. Nur das dazugehörige Auto kannte er nicht.

Hannes langte in seine Brottasche und holte von den beiden Flaschen die andere heraus. Im Dienst trank er nur Kaffee. Heran brauste ein Wolga. Hannes kniff das linke Auge zu, ließ das rechte nur einen Spalt offen und sagte trotz einer Entfernung von etwa siebenundneunzigeinhalb Meter: Ist er nicht.

Überhaupt wunderte sich Hannes, was an diesem Nachmittag alles in Richtung Seltensow fuhr.

[*] Kapitel

Einfach war der Plan und leicht zu machen. Hubert hatte erfahren, wie man es eben erfährt: Typ III sollte eine Dichterlesung haben. Ging das an? Als er‘s erfuhr, war sein Plan auch schon rund. Und also saß der scharf guckende Hannes am Straßenrand, die Autos beobachtend und auf Posten.

Der Streit zwischen den beiden Genossenschaften Einheit und Eintracht war älter als alle Genossenschaften, wenn man von der Urgemeinschaft absieht.

Es war einmal ein Mann Adam. Und es war seine Frau Eva. Die hatten zwei Kinder, Kain und Abel. - Kann man in der Dorfchronik nachlesen. Die beiden Eltern lebten zufrieden bis ins Rentenalter. Eines Abends wollten sie ein Weckglas mit Äpfeln öffnen, erwischten aber unglücklicherweise eines von den Gläsern, in denen die beiden Buben ihre chemischen Experimente zu machen pflegten. So starben Adam und Eva. Die beiden Jungs aber machten sich schlimme Vorwürfe, so schlimme, dass keiner von sich selber annehmen konnte, er sei der Schuldige gewesen. Um zu beweisen, wer von beiden der Edle sei, gruben sie sich gegenseitig das Wasser ab und kippten Salzsäure in des anderen Jauchefässer.

Das alles geschah am nämlichen Orte, der heute Seltensow genannt wird, weil, das ist der Ursprung des Namens, Brüder selten so sind. Kain und Abel gründeten Familien, vergrößerten ihren Anhang, blieben aber am gleichen Flecken wohnen, weil doch jeder damit beweisen wollte, dass er sich hier unschuldig fühle.

Kain und Abel sind tot. Es gibt einen hübschen Roman über sie. Der Streit aber lebt weiter. Heute heißen die Anführer Himmisch und Köckner. Himmisch Hubert ist Vorsitzender der Genossenschaft Eintracht (Typ l). Die Zahl der einstigen Vorsitzenden aber von Einheit (Typ III) ist so groß, dass ein Wandschrank als Schlüsselkasten nicht ausreichte, wäre für jeden Vorsitzenden ein Schlüssel zum Büro angefertigt worden.

Bis vor wenigen Wochen war Robert Köckner Vorsitzender in Einheit gewesen. Aber seine Tochter Antonella, die überall Nelli geheißen wurde, war zur neuen Vorsitzenden gewählt worden. Sie hatte studiert. Davon versprachen sich die Einheitlichen etwas. Gewählt aber hatten sie Nelli, weil die von Eintracht keine Frau an ihre Spitze stellen konnten. Somit lag Einheit in Sachen Emanzipation an der Tabellenspitze. Der Ärger war nur der, dass das Mädchen ihre Arbeit ernst nahm. Na, da reden wir noch drüber.

In Hubert fraß der Wurm seit dem Tag, als ihm die junge Gans gegenübergesetzt wurde. Er wollte es ihr eintränken. Der Dichter kam ihm zurecht, und der Einfall war glänzend.

Himmisch hatte eine Stunde vor der in Einheit erwarteten Lesung Hannes Holter mit geheimer Order losgeschickt. Dem Hannes war’s recht. Er hatte die Arbeit ohnehin nicht erfunden. Das Pferd, was er für seinen Auftrag benötigt hätte, gab ihm Hubert allerdings nicht.

„Meinst, der Dichter kommt im G fünf vorgefahren, dass du den Gaul einladen kannst; denn vorausreiten ist zu langsam.“

„Aber wenn der Dichter nun in einem Schlammloch stecken geblieben ist? Wer holt ihn 'raus, wenn ich nicht komme mit Pferd“, gab Hannes zu bedenken. Doch Hubert ließ nicht mit sich handeln. „Wenn er im Schlamm steckt, lass ihn stecken. Wir brauchen uns sein Gedichtetes nicht anhören, und die von Köckners Tochter können es nicht. Noch besser.“ So musste Hannes laufen. Nicht allzu weit, das tat nicht not. Er lief nicht weiter, als ein ordentlicher Misthaufen stinkt bei günstigem Wind. Hubert aber rief seine Bauern zusammen. Das geschah heimlich. Seltensow erwartete den Dichter wie der Rat des Kreises gutes Wetter zum Säen.

Hannes wischte sich über seinen Schnauzbart. Tief sog er die Luft ein. Dem Wind ließ er die Haare. Schöner Nachmittag. Wieder sah er hinüber zum Köcknerschen Winterroggen. Da stand eine Drillmaschine wohl schon das ganze Jahr. Und Hannes, der sehr für Ordnung war, wenn es ihn nicht selbst betraf, schüttelte missbilligend den Kopf, wobei er dachte: Werden sie den Roggen unter dem Gestänge absicheln oder überhaupt stehen lassen?

Ein Wartburg schlürfte Regenwasser aus den Schlaglöchern und spritzte es den Bäumen untern Rock. Hannes hatte die Nummer entziffert. Eine hübsche junge Frau steuerte das Auto. Ob es auch Dichterinnen gibt? Kaum, dachte Hannes. Romane werden über Frauen geschrieben, das genügt. Aber es wäre schön, wenn eine Dichterin in dem Auto KR 10-01 säße. Hannes stellte sich vor, mit ihr in Seltensow einzufahren. Da hätten sie außerdem etwas für die Ent-Mannt-Zipation getan, weil doch dann eine Frau einen Mann gefahren hätte, nämlich uns’ Hannes Holter. Ach ja!

Hannes schaute zur Uhr. Wie spät war’s? Der Schreck fuhr ihm flinker in die Knochen als die Hand zur anderen Flasche. Weitschuss! Vor einer halben Stunde sollte die Leserei begonnen haben. Kein Dichter aber unter dem Himmel, gar keiner auf der Landstraße. War er vom anderen Ende her ins Dorf gefahren? Hatte Hubert eigentlich gesagt, er solle in Richtung Kreisstadt oder in Richtung Bezirksstadt gehen? Er war zur Kreisstadtseite gegangen. Warum? Weil er immer zur Kreisstadt lief, zur Bezirksstadt aber fuhr. Wohnen Dichter überhaupt in Kreisstädten? Als Hannes im Jahre zwei nach der Gefangenschaft die Wahl hatte, drei oder sieben Häuser weit vom Krug zu wohnen, wohin war er gezogen? Wo der Krug am nächsten war. Also werden Dichter auch nicht ins siebte Haus gezogen sein, sondern in die Bezirksstadt. Und Hannes lief so schnell, wie ihn seine kurzen Beine tragen wollten, aufs Dorf zu, um den Dichter auf der anderen Seite vielleicht noch anzutreffen.“

Erstmals 1987 erschien im Verlag Das Neue Berlin „Der Fund oder Die Abenteuer des Uwe Reuss. Zweites Buch“ von Wolfgang Schreyer: Gesetzt den Fall, Sie hätten nach langer Wanderung Ihr Glück gefunden. Sie lebten in keinem Industrieland mehr brav, geordnet und langweilig vor sich hin. Sondern mit Ihrer reizenden Freundin auf einer Trauminsel, und zwar vom Touristen-Geschäft! Nicht behütet von einer Regierung, die auf Ihr Wohl sieht, sondern auf freier Wildbahn unter einer Obrigkeit, der Sie schnurz sind, die sich mit dem lokalen Rauschgifthandel zu arrangieren weiß. Und eines Tages war Ihre Existenz kaputt.

Was würden Sie tun, fänden Sie dann in Ihrem Fluchtgepäck, zufällig auf dem Flugplatz vertauscht, statt der letzten jämmerlichen Habe einen Berg Bahama-Dollars? Den Koffer zurückgeben oder ihn als gerechten Ausgleich, als Geschenk des Schicksals nehmen? Von dem Geld dann solide leben oder es erneut riskieren: in einer Schatzsuche, um aus dem kleinen Fund den großen Wurf zu machen, den Volltreffer Ihres Lebens?

Liegt da nicht an einem verlassenen Ort im Pazifik von alters her Piratengold? Und der Kirchenschatz von Lima, anno 1822 beim Rückzug der Spanier aus Peru versteckt? Dazu noch das Beutegut eines deutschen Hilfskreuzers, der hier im April 1916 nach erbitterter Gegenwehr sank? Ist die Karte von Isla del Coco authentisch, die das Versteck des Prisenguts nennt?

Fragen, auf die der spannende Roman von Wolfgang Schreyer - so fantasievoll wie gründlich recherchiert - passende Antworten gibt. Sein Buch „Der Fund“ folgt dem Roman „Die Suche“. Es setzt die „Abenteuer des Uwe Reuss“ atemberaubend fort und ist das Mittelstück der Odyssee, der amüsant-gefahrvollen Irrfahrt eines Helden wider Willen. Und im folgenden Textausschnitt erleben wir zunächst einen unausgeschlafenen Reuss:

2

Reuss erwachte beim ersten Sonnenstrahl. In lauer, salziger Dämmerung das Zischen der Brandung, er nahm es kaum noch wahr. Dazu ein Gefühl, als sei die Haut um seine Augen aus Papier. Er war unausgeschlafen, Gina hatte ihn gestört – wieder mal im Traum halblaut und hastig mit Sergio erzählt. Dass im Bett dieser Name fiel, war ihm keineswegs neu. In der Zeit ihrer Gemeinsamkeit hatte Reuss gelernt, mit dem Dritten zu leben, diesem wunderbaren Mann. Den konnte Gina nicht vergessen, seit vierzig Monaten irrte er durch ihren Schlaf... Gegen Geister kämpft man halt vergebens.

Um ihn Licht und Schatten, der Geruch süßer Gärung, aromatischen Verfalls. Weg das Moskitonetz; aber nimm dir Zeit, genieße den Tag, jeder ist unwiederbringlich. Bloß mal so einen Palmwipfel ins Auge fassen, sein Lackgrün gegen das Morgenrot, die toten Wedel hängen braun wie Tabak herab, oben wiegen sich die Fächer über dem stumpfen Ockerton der Nüsse. Durch das Blattwerk sickern Strahlen, werfen Streifen an die Wand.

Hundert Schritte bis zum Strand, in die lange Dünung. Im Frühdunst schimmert der Ozean wie Perlmutt, die Sonne lässt Licht aus dem Wasser spritzen. Neben ihrer Glitzerbahn, weit hinter den Dog Rocks, am Horizont die Insel, mit der Kolumbus einst das erste Stück der Neuen Welt entdeckt hat (er meinte: China). Und welcher Kummer, dort gab's kein Gold!

Reuss schwamm ein bisschen hinaus. Auch ihm war es nicht bestimmt gewesen, auf den Bahamas reich zu werden. Immerhin hatte er's zu diesem Holzhaus, dem rosafarbenen Anbau für zahlende Gäste, dem klapprigen Jeep und dem Neunmeterboot am Steg von Port Nelson gebracht; zwei Meilen durch den Busch. Herz, was willst du mehr? Er dankte seinem Schöpfer, dass die Zeit der hurricanes vorbei war. Heute würde er Alice und Alec zum Abschluss bis zur Watlingsinsel oder nach Long Island skippern und bei dem verfallenen Herrenhaus anlegen, mit den üblichen Betrachtungen zur Ära der Baumwolle im 18. Jahrhundert.

Das Leben ist Routine, selbst im Paradies. Und kein Mensch kommt immer ungeschoren davon. Zuerst der schreckliche Hurrikan auf Walker's Cay. Die nächste Bleibe – auch perdu. Vom zweiten Eiland seiner Wahl, Norman's Cay im Norden der Exumas, ist er genauso rasch verschwunden. Durch ein Fingerschnipsen des Señors Lehder, eines Kolumbianers deutscher Herkunft. Der hat das Inselchen gekauft und für den Rest der Welt gesperrt. Sportflugzeugen sperrt er die Piste – 3000 mal 70 Fuß Asphalt –, kein Boot darf mehr landen, wer es trotzdem tut, den scheuchen seine Helfer, seine Hunde, prompt ins Meer zurück. Da war es nur gescheit, auszuweichen, um hier auf Rum Cay 150 Meilen weg vom Schuss neu anzufangen.

Alles bestens, man hat Fuß gefasst... Reuss kehrte um. Die Luft war wie aus Seide. Daheim duschte er das Salz von der Haut, rieb sich ab und durchblätterte im Kaffeeduft den „Nassau Guardian“ von vorgestern. Zwischen den Anzeigen der Geschäftswelt schrieb das Blatt – first in news, first in advertising, first in circulation –, die Falkland-Armada habe wohl doch Kernwaffen mitgeführt: Marinetaucher an Zerstörerwracks. In Brasilien wanke die Herrschaft der Militärs, Mexico sei in Korruption versackt. Reuss biss in den splitternden Toast, in Einklang mit einer Welt, die nicht mehr die seine war.

„Musst du immer lesen?“, fragte Gina. „Sprich lieber mal mit mir!“

„Heute Nacht hast du für zwei gesprochen, davon erhole ich mich jetzt.“

„Reizend. Wer dich hört, der könnte meinen, wir sind ein steinaltes Ehepaar.“

„Keiner hört uns, die beiden schlafen noch. Übrigens, hier steht, die britische Regierung ist vom Club Méditerrané geleimt worden. Der Club hatte zugesagt, bis zum Jahresende auf West Caicos ein Feriendorf zu bauen. Dafür wollte London vier Millionen Pfund in den Straßenbau und in den Flugplatz stecken. Gebaut aber haben nur die Briten. Die Franzosen behaupten, sie hätten keine Baufirma gefunden, die ihnen das Feriendorf zu einem vertretbaren Preis hinstellt.“

„Mir was vorlesen, Uwe, war eigentlich nicht gemeint.“

„Nur noch das: Zwischen Andros und New Providence trieb eine Jacht, die Crew tot ringsum. Es scheint, alle sind gleichzeitig zum Baden ins Meer gesprungen und dann nicht wieder an Bord gelangt, weil keiner zurückgeblieben war, der die Badeleiter oder wenigstens ein Tau hätte ausbringen können. Nach verzweifeltem Kampf Tod durch Unterkühlung.“

„Ende der Presseschau?“

„Dir zur Warnung, du springst auch gern spontan hinein. Aus dem Umstand, dass die Leichen nackt waren und ihr Badezeug aneinandergeknotet, schließt man, sie hätten versucht, daraus einen Strick zu drehen und über die Reling zu werfen, um sich daran hochzuziehen – vergebens.“

„Die Leichen haben versucht...“

„Sei nicht spitzfindig, Gina.“

„Das ist das Laster der Gewissenhaften.“

„Willst du lieber über Sergio sprechen? Vielleicht hast du ja wieder Post von ihm.“

Sie verneinte, doch nicht ganz überzeugend, wie ihm schien. Gestern hatte sie in Port Nelson eingekauft und natürlich nach Post gefragt... Seit vor über zwei Jahren aus Mexico die Nachricht von der Gefangenenbefreiung gekommen war – eine Haftladung sprengte das Tor des Staatsgefängnisses Lecumberri –, hatte Sergio Figueras sich mehrmals gemeldet. Von wechselnden Orten, aus wohltuender Ferne, dennoch mit Folgen für Ginas Gleichgewicht.

„Steckt er noch auf Jamaica bei dem Marihuana-Clan?“

Ihr Blick besagte, dass, wer sie so frage, mit einer Antwort nicht rechnen dürfe.

„Wenn's ihm schlecht geht, besinnt er sich auf dich.“

„Red nicht so von ihm! Du vergisst, was wir ihm schulden.“

Reuss fing an, sich zu ärgern. Er schuldete keinem was, auch nicht diesem Mann. Das Startgeld, das in dessen Mantel gesteckt hatte, stand Reuss zu, denn Sergio hatte ihn hineingeritten damals in Mexico-Stadt. Übrigens war es auf Walker's Cay und Norman's Cay geblieben. Das, was man hier besaß, stammte aus dem Erlös seiner Hamburger Habe. Einzig auf ihn ging es zurück, nachdem Jürgen Dahlmann sich geweigert hatte, seiner Tochter einen Zuschuss zu zahlen, solange sie nicht reumütig heimkam und wieder an ihr Studium ging.“

Noch ein zweites Buch von Egon Richter. Erstmals 1986 veröffentlichte er im Hinstorff Verlag Rostock „Im Lande der weißen Kamele. Chronik einer Stippvisite“: „Sie hatte noch nie ein Erdbeben erlebt, aber so - hatte sie das Gefühl - müsste es sich ankündigen: ein undefinierbares Dröhnen, ein Zittern des Bodens, eine gelbgraue Wolke, die vom Horizont her auf sie zutrieb, dann ein Donnern und Schlagen und endlich, wie zum Niederstampfen auf sie angesetzt, der Pulk der Kamele: Die Hälse hochgereckt, trompetend, blökend, rasten die Tiere auf sie zu. Philipp schrie, sie solle sich um Gottes willen zurückhalten, aber dazu war sie nicht hergekommen, und trotz der beklemmenden Furcht, die sie vor der Urgewalt der anstürmenden Leiber ergriffen hatte, trat sie ihnen entgegen. Gewiss, sie musste hin und her springen vor oder inmitten der stampfenden, sich gegenseitig bedrängenden Kamele, die wie eine gelbbraune, helle, ockerfarbene Masse um sie herum wogten, von den beiden berittenen Hirten mit Stöcken und Hunden in Schach gehalten. Aber es gelang ihr, diesen freien Geschöpfen nahe zu sein, ihren herben strengen Duft einzuatmen und wenigstens einen Augenblick in ihre großen lidlosen Augen zu sehen, in denen sich die ganze Welt zu spiegeln schien. Jetzt wusste sie, was es bedeutete, wenn die Einheimischen die Schönheit mit dem Kamelauge verglichen. Es kam keine Ruhe in die Herde, sie strebte davon, suchte der Menschenhorde zu entfliehen.

Die Hirten stiegen keinen Augenblick aus dem Sattel, und kaum, dass sie gekommen waren, jagten sie pfeifend und rufend mit der Herde zurück in die ruhevolle heimische Steppe. Es war wie ein Spuk, und minutenlang fragte sie sich, ob sie dies eben wirklich erlebt hatte ... Sie aber stand neben den Akazienbüschen und blickte der schnell sich entfernenden Staubwand nach. Sie hatte das Gefühl, ihr entschwände ein Stück Welt, das sie niemals wiederfinden würde ...“

Solche und andere Erlebnisse abenteuerlicher, seltsamer oder alltäglicher Art schildert Egon Richter in seiner interessanten Reisereportage aus einem fernen Land, wo zwischen den Bergen Ostsibiriens, der Mongolei und Chinas der britische Weltreisende Carruthers im Kohlfeld eines Siedlers den Mittelpunkt Asiens markierte, Regierung und Parlament sich in einem hölzernen Blockhaus versammelten und bunte dreieckige Briefmarken mit französischem Text den Namen des unbekannten Staates über die Welt trugen: TUWA. Und genau davon ist gleich zu Beginn die Rede:

1. Kapitel

Was konnte sie über Tuwa erzählen?

Jetzt, in dieser Stunde zwischen Dämmerung und Nacht, am Ende der langen Betonbahn des Zwischenlandeplatzes, umgeben von der schwarzen Mauer des Waldes, frierend im kühlen Wind und im nässenden Nieselregen, dachte sie zuerst an die Sonne.

Sie sah zu Philipp hinüber, der in dem kleinen Häuflein Passagiere schweigend die Arbeit der Monteure beobachtete und auf dessen heller Windjacke sich dunkle Feuchtigkeit auszubreiten begann, und sie fragte sich, ob auch er jetzt an Tuwas strahlende Sonne dachte.

Jedoch war sie fast sicher, dass ihn andere Überlegungen beschäftigten. Historische vielleicht, völkerkundliche oder gar wirtschaftliche, auf jeden Fall solche, die sie „sachlich und nüchtern“ zu nennen pflegte. Falls er, eingekreist von Regenschwaden, überhaupt Überlegungen anstellte und nicht nur argwöhnisch dem Mühen der Monteure zusah, berechnend, dass - sollte diese Arbeit sich noch länger verzögern - kaum Chancen bestünden, das Anschlussflugzeug nach Europa zu erreichen. Nein, sie war sicher, dass Philipp nicht an die Sonne dachte.

Er nahm die Natur wahr und hin wie die Luft zum Atmen. Sie stellte nichts Besonderes für ihn dar, nichts immer wieder Außergewöhnliches. Sie war für ihn weder Anlass noch Gegenstand, über die es sich nachzudenken lohnte: Sie war da, und das genügte. Manchmal war sie erfreulich und bisweilen ärgerlich, sie beförderte oder behinderte sein Tun, aber sie erregte ihn nicht. Er mochte Katzen und hasste Hühner, von denen er behauptete, sie seien die dümmsten Geschöpfe auf Gottes Erde, und er war durchaus imstande, angesichts des harmonischen Farbenspiels einer Landschaft festzustellen, die sehe aus wie eine Werbepostkarte für Technicolor.

Philipp war ein Organisationsfanatiker: Noch bevor sie irgendwo eintrafen, wusste er genau, was und wohin er wollte. Er verfügte über Termin- und Fahrpläne, über exakte Zielvorstellungen und über ein gerüttelt Maß Erfahrungen in und mit diesem Kontinent. Er hatte ihn durchstreift, durchflogen und durchfahren, er kannte seine Gegebenheiten und Beschwernisse, und er wusste aus eigenem Erleben, welche Folgen ein Dauerregen, ein verpasstes Flugzeug oder eine Autopanne in der Steppe haben konnten. Ohne ihn wäre sie hilflos gewesen in der Unendlichkeit dieses fremden Erdteils, und sie war ihm dankbar für die Sicherheit, die er ihr einflößte.

Philipps „Nüchternheit“ aber störte sie. Manchmal, wenn diese Tatsache in ihr Bewusstsein drang, keineswegs häufig, kam ihr Philipp wie ein Fremder vor. Das verging rasch, aber nie für immer.

In den frühen Jahren ihrer Ehe hatte sie oft versucht, Philipp etwas von ihren Neigungen einzupflanzen. Sie hatte ihn ermuntert, mit ihrem Vater zum Fischen hinauszufahren, morgens, wenn das Licht des Tages noch jung war, und immer in der Hoffnung, er würde Ähnliches dabei erleben wie sie: den Farbwechsel des Sonnenaufgangs, der ihr stets wie der Beginn des Lebens vorkam, das Rollen der Rohrdommeln im Schilf, das wie ein Abgesang der Nacht wirkte, oder das Klingeln der Lerche, wenn sie hoch über Strom und Feldern den Tag einläutete. Aber immer hatte sie vergeblich auf Äußerungen dieser Art aus seinem Mund gewartet. Er hatte mit ihrem Vater nur über die Technik des Reusenfischens debattiert, über Stellnetze und Glühkopfmotoren und endlich, beim Frühstück, wenn ihre Mutter Speckeier und heißen Kaffee auf den Küchentisch gestellt hatte, über ihres Vaters Seefahrerzeiten, die Volksbräuche auf Samoa, die listigen Händlertaktiken in Schanghai und schließlich über die Seeschlacht im Skagerrak und die Kieler Matrosen. Aber von der schwirrenden Lerche war niemals die Rede gewesen.

Nicht, dass sie eine lebensfremde Schwärmerin war, das ganz und gar nicht! Seit sie vor mehr als dreißig Jahren ihr naturwissenschaftliches Studium beendet hatte, schlug sie sich im Labor ihres Betriebes tagtäglich nicht nur mit Säuren, Basen, Salzen und Farben herum, sondern auch mit Plankennziffern und Wettbewerben, mit Materialmangel und unsinnigen Verpflichtungen, mit kärglichen Erfolgen und viel zu oft mit Leuten, denen das alles gleichgültig war. Oft hatte sie vieles davon allein ertragen und durchstehen müssen, ebenso wie die Sorgen und Freuden mit den Kindern, weil Philipp wieder wochenlang in der Weltgeschichte herumreiste. Wenn in solcher Zeit betriebliche Hektik, das Gestrüpp von Plankorrekturen, Beratungen und Versammlungen sie niederzudrücken drohten, war sie in den Wald vor der Stadt gelaufen oder an die hellen Ufer des steinigen Strandes, und das Wispern der Bäume oder das Rauschen des Meeres hatten ihr Ruhe, Freude und Sicherheit wiedergegeben.

Philipp dagegen fand seine größte Befriedigung in unablässiger Betriebsamkeit. Je kunterbunter das Leben mit ihm umsprang, desto wohler fühlte er sich. Stille und Ruhe machten ihn nervös, ohne prall gefüllten Terminkalender war er nur ein halber Mensch. Vielleicht war es gerade diese immer tätige Beweglichkeit, die sie an ihm liebte. Vielleicht liebte man im anderen immer das, was man selbst nicht besaß? Dennoch hätte sie ihn gern zu manchen ihrer Neigungen hinübergezogen, aber solchen Absichten entzog er sich. Und er lachte nur, wenn sie ihm im heimischen Datschengarten, in dem er alle schweren Arbeiten zwar knurrend, aber mit größter Präzision erledigte, vorwarf, dass er einen Blaustern nicht einmal von einem Krokus unterscheiden könne.

Nein, sie war sicher, dass er nicht an Tuwas Sonne dachte in dieser scheußlichen Regennacht, in der ein Jeep die Monteure endlich dem schlierigen Licht des Flughafengebäudes entgegenfuhr und Philipp sie über die kurze Leiter in die warme Kabine schob. Dennoch konnte sie sich nicht enthalten, ihn zu fragen: Was denkst du? Und es überraschte sie nicht, dass er, als er ihr die nasse Jacke abgenommen, ihren Sicherheitsgurt befestigt und sich selbst auf dem Sessel neben ihr zurechtgerekelt hatte, seine Hand auf ihren Arm legte und erklärte: Ach, Eule, woran denke ich? Das ist wieder eine deiner typischen Fragen - ich denke gar nicht, ich schlafe jetzt, wir haben noch sechs Stunden vor uns in dieser luftigen, schwarzen Höhe, und die sollten wir nutzen.

Ja, sagte sie, natürlich.“´

Zu Besuch auf der Erde“ lautet der Titel jener „Unwahren Begebenheiten“, welche Gerhard Branstner erstmals 1961, also vor nunmehr sechs Jahrzehnten, im Mitteldeutschen Verlag Halle herausbrachte: In diesem Band, der Vermischtes enthält, geht es unter anderem um Utopie und Wirklichkeit. Und bereits damals tauchte in einem der Bücher von Gerhard Branstner, dem ebenso promovierten wie lebensklugen Humoristen des öfteren ein gewisser Herr Nepomuk auf – eine Art Branstnerscher Herr K.

Eine Familie errichtet sich für eine sonntägliche Kaffeetafel einen kleinen Satelliten mit eigener Schwerkraft, Atmosphäre und Wetter nach Wunsch. In der Erzählung „Zu Besuch auf der Erde“ haben die Bewohner die Erde längst verlassen und sich einen Planeten ohne die Fehler der Vergangenheit eingerichtet. Die Erde ist ein großes Museum. Eine Führung durch die „Die Abteilung für abgeschaffte Wörter“ so zum Beispiel in das Kabinett „Erziehung und Familie“, wo solche Wörter wie Musterknabe, hoffnungsloser Fall, Maulschelle, Individualist, Ehekrüppel, Scheidungsgrund und Veilchen ausgestellt waren, oder in das Kabinett „Haushalt und Bekleidung“, mit solchen ausgestorbenen Wörtern wie Geschirrabwaschen, Kartoffelschälen, Käsemaden, Fensterkitt, Schnürsenkel, Kühlschrankreparatur, neue Mode und Reißverschluss zeigt Branstners vergnüglich-dialektisches Denken. Dafür hier gleich ein schönes Beispiel mit wichtigen Gedanken:

utopie und wirklichkeit

Mein Besucher sitzt noch eine Weile wie abwesend in seinem Sessel. Nachdem er auf die Erde zurückgefunden hat, reibt er sein neuerlich eingeschlafenes Bein. „Aber weshalb“, meldet er sich schließlich zu Wort, „verlegt Ihr Freund einwandfrei gegenwärtige Erscheinungen in die Zukunft, um sie zu kritisieren?“

Ich rücke mich zu einem wichtigen Gedanken zurecht. „Jede menschliche Erscheinung kann“, sage ich, „nur richtig, das heißt in ihrer wirklichen Größe, erfasst werden, wenn sie in ihrer Geschichtlichkeit erfasst wird. Damit aber die Gegenwart als Geschichte erfassbar wird, muss sie vom Standpunkt der Zukunft gesehen werden. Sonst ist die Literatur nicht auf der Höhe ihrer Zeit, weil sie anders nicht die Möglichkeiten ihrer Zeit verwirklicht. Von diesem Standpunkt aber erscheinen die kritikwürdigen Seiten der Gegenwart als eigentlich der Vergangenheit zugehörig, und das Lachen kommt von vorn.“

„Mir scheint erwähnenswert zu sein, dass diese Wirkung bei mir auch ohne die Kenntnis ihrer von Ihnen eben erläuterten Voraussetzung erreicht wurde.“

„Aber ohne das Bewusstsein der Wirkung ist sie selber unvollkommen.“

„Tatsächlich?“

„Nepomuk hat beispielsweise die Angewohnheit, in allen Ecken und Enden Widersprüche zu verstecken. So haben Sie nicht bemerkt, dass sich die zweite und die dritte Anmerkung zu den Kumpelfings widersprechen. Hier zeigt sich übrigens die Intention Nepomuks, besonderes Gewicht auf das Wort zu legen. Er baut seine Aussage im Unterschied zu den meisten Schriftstellern nicht vom Satz, sondern vom Wort her auf. Dadurch erschließt er sich eine wesentliche Potenz der menschlichen Sprache, die der unbewusst arbeitende Schriftsteller halbwegs ungenutzt lässt. Allerdings ist diese Schreibweise ohne die Beteiligung des Lesers ohne Sinn“, setze ich mit höflicher Stimme hinzu.

„Mit den Kumpelfings“, beschließt Herr Rebeil meine Ausführungen, „wollte Ihr Freund jedenfalls keine technische Utopie aufstellen?“

„Nichts liegt Nepomuk ferner, als technische Utopien zu verfassen. Er hat mir öfter davon gesprochen, dass er einen Zukunftsroman schreiben will, der im Gegensatz zu den technischen Utopien die gesellschaftliche Entwicklung der Zukunft darstellen solle, weil seiner Meinung nach die Vorhersehbarkeit dieser Entwicklung heute nicht nur viel umfangreicher sei als die der Technik, sondern weil sie auch höheren ästhetischen Wert habe.

Nepomuk hat aber auch für die technische Utopie Interesse, soweit sie nämlich das Wesen des menschlichen Geistes ausdrückt, was sie tut, wenn wir den dialektischen Charakter der Technik erlassen. Damit hört aber die Utopie auf, Utopie zu sein. So ist beispielsweise der Gedanke, dass die Gravitation in ihr Gegenteil verwandelbar ist, ein solcher dialektischer Gedanke. Er spiegelt eine objektive Gesetzmäßigkeit wider und wird deshalb früher oder später Wirklichkeit, ob die ,Wissenschaft' sich heute darüber lustig macht oder nicht. Das nämliche gilt für die Paralysierung, die sozusagen vom gleichen Hebel bewirkt wird, denn sie ist nichts als die von ihrem Gegenteil gebundene Gravitationskraft.“

„Ich glaube, der Gedanke, dass der dialektische Gang der zukünftigen Technik weithin vorhersehbar ist, verdient einige Aufmerksamkeit. Denn wenn dem so ist, müsste doch eine ganze Reihe von außerordentlich bedeutenden Entdeckungen der Zukunft vorhergesagt oder, genauer, in wesentlichen Zügen schon heute gemacht werden können.“

„Völlig richtig. Jetzt aber sollen Sie erst einiges andere von Nepomuks Hand zu sehen bekommen.“

„Mir wäre es natürlich lieber gewesen, wenn ich statt dessen Nepomuk zu sehen bekäme.“

„Was an Nepomuk zu sehen ist, habe ich Ihnen doch zur Genüge beschrieben. Sind Sie noch nicht zufriedengestellt, oder glauben Sie, die Nase meines Freundes hat sich inzwischen zu ihrem Vorteil verändert? Sie ist noch so spitz wie eh und je. Übrigens, haben Sie am Ende der ersten Anmerkung zu den Kumpelfings gelacht? Wenn nicht, dann holen Sie das bitte nach. Sonst bleibt Ihnen das Kommende gänzlich unverständlich. Inzwischen werde ich noch einmal nach meinen Kindern sehen; ich hoffe, dass wir dann für heute Ruhe haben.“

So und nun haben Sie auch Ruhe, Zeit und Gelegenheit, sich für das eine oder andere oder auch alle der heutigen fünf Sondernagebote zu entscheiden und dann mit der ausführlicheren Lektüre zu beginnen, die wiederum mit höchst unterschiedlichen Menschen, Zeiten und Schicksalen bekanntmacht.

Viel Vergnügen beim Lesen, weiter einen schönen Sommer und bleiben Sie weiter vorsichtig und vorsichtig optimistisch, vor allem aber weiter gesund und munter und bis demnächst. Und natürlich vergnüglich-dialektisch, was denn sonst?
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