Aber auch die Krankenhauslandschaft in Deutschland steht vor tiefgreifenden Veränderungen. Steigende Kosten, strukturelle Reformen, Zentralisierung und eine zunehmende Ambulantisierung prägen die gesundheitspolitische Debatte. Viele kleinere Häuser haben bereits geschlossen, weitere werden vermutlich noch schließen. Auch die Entscheidung des Zusammenschlusses des Klinikum Darmstadt und des Agaplesion Elisabethenstift beruht auf der Intention, medizinische Leistungen zu bündeln, mit dem Ziel, die medizinische Versorgung, die bisher in Darmstadt für Südhessen vorhanden ist, zu erhalten, beziehungsweise auszubauen. Die demografische Entwicklung wird zudem das Gesundheitssystem vor weitere Herausforderungen stellen.
Prof. Dr. Farzin Adili kennt die Fragestellungen der Krankenhausreform einerseits als Klinikdirektor, der den Versorgungsauftrag, den ein Maximalversorger hat und diesen erfüllen muss, und in seiner übergeordneten Rolle als Präsident. „Als Klinikdirektor trage ich Verantwortung für Patientensicherheit, Mitarbeitende, wirtschaftliche Stabilität und strukturelle Weiterentwicklung.“ In der DGG liege sein Hauptaugenmerk auf der strukturellen Weiterentwicklung der Gefäßmedizin.
Die Gefäßmedizin ist eine Schlüsseldisziplin für die alternde Gesellschaft. Gefäßerkrankungen sind eine der häufigsten Ursachen für Schlaganfälle, Amputationen, Pflegebedürftigkeit und Verlust von Selbstständigkeit.
Die Klinik für Gefäßmedizin am Klinikum Darmstadt wird im Rahmen der Krankenhaus-Reform voraussichtlich alle drei gefäßmedizinischen Leistungsgruppen (Bauchaortenaneurysma, Carotis, komplexe arterielle Gefäße) erhalten. Damit bleibt das vollständige Spektrum moderner Gefäßmedizin für die Region Darmstadt und das Umland verfügbar, von komplexen operativen Eingriffen bis zu interventionellen und ambulanten Behandlungen.
„Die Gefäßmedizin steht vor einer doppelten Herausforderung: Es gibt einen erhöhten medizinischen Bedarf bei gleichzeitig tiefgreifendem Strukturwandel. Der demografische Wandel führt zu einer Zunahme komplexer Gefäßerkrankungen bei älteren, multimorbiden Patientinnen und Patienten. Gleichzeitig erzwingen Krankenhausreform, Zentralisierung und Fachkräftemangel eine klare Konzentration von Leistungen“, sagt Prof. Dr. Farzin Adili.
Die zentrale Aufgabe in den kommenden Jahren werde sein, Versorgungsqualität, Patientensicherheit und Wirtschaftlichkeit so zu verbinden, dass Gefäßmedizin flächendeckend erreichbar bleibt, aber hochkomplexe Leistungen dort stattfinden, wo Erfahrung und Infrastruktur dauerhaft gesichert sind, erklärt der Klinikdirektor.
Die Versorgung gefäßchirurgischer Patientinnen und Patienten erfordert eine enge und verlässliche Zusammenarbeit zwischen spezialisierten Zentren und Krankenhäusern in der Region. Dabei kommt Maximalversorgern eine klar definierte Rolle zu.
„Als Maximalversorger übernehmen wir die hochkomplexen Fälle“, erklärt Prof. Adili, „Sobald es der medizinische Zustand erlaubt, werden die Patientinnen und Patienten anschließend gezielt und strukturiert zur weiteren Behandlung in ein kooperierendes Krankenhaus oder in die ambulante Versorgung zurücküberwiesen.“
Entscheidend für dieses Modell sei eine konsequent organisierte Versorgungskette. Dazu gehörten klar definierte Schnittstellen zwischen ambulanter und stationärer Versorgung ebenso wie verbindliche Regelungen für das Komplikationsmanagement, standardisierte Nachsorgepfade und die jederzeit mögliche, schnelle Rücküberweisung in die weiterbehandelnden Kliniken.
Prof. Adili betont, dass große Kliniken dabei keine Konkurrenz zur wohnortnahen Versorgung darstellen. „Sie sind verlässliche Partner in einem arbeitsteilig organisierten Versorgungssystem“, so Adili. Ziel sei es, hochspezialisierte Medizin dort zu bündeln, wo sie notwendig ist, und gleichzeitig die Weiterbehandlung und Nachsorge möglichst nah am Wohnort der Patientinnen und Patienten sicherzustellen.
Dieses kooperative Modell stärke die Qualität der Versorgung insgesamt und ermögliche es, vorhandene Ressourcen sinnvoll und verantwortungsvoll einzusetzen.
Die Gefäßchirurgie hat sich in den vergangenen Jahren von einem primär operativen Fach zu einer hochgradig integrativen Disziplin entwickelt. Moderne Gefäßmedizin erfordert die enge Zusammenarbeit von Gefäßchirurgie, Angiologie, Radiologie, Kardiologie, Diabetologie, Nephrologie, Intensiv- und Notfallmedizin – Disziplinen, die in ihrer gesamten Breite nur an einem Maximalversorger strukturiert vorgehalten werden können.
„Gefäßzentren sind daher keine organisatorische Option, sondern eine medizinische Notwendigkeit“, betont Prof. Adili. „Die Gefäßmedizin braucht Konzentration, nicht Verknappung. Qualität entsteht durch die Bündelung von Expertise. Zentren bedeuten keinen Verlust an Autonomie, sondern einen klaren Gewinn an Qualität und Patientensicherheit.“