Solide Nachfragebasis, aber fragmentiertes Angebot
Die Studie bescheinigt Kassel eine stabile Nachfragebasis aus Geschäftsreisen, dem öffentlichen Sektor und dem Kulturtourismus. Wichtige Treiber sind der Bergpark Wilhelmshöhe, die vielfältige Museumslandschaft und die documenta als internationaler Leuchtturm. In den Veranstaltungsjahren sorgt sie für überdurchschnittliche Nachfragespitzen, während außerhalb dieser Phasen die Nachfrage überwiegend national geprägt ist.
„Kassel hat mit der documenta, seiner zentralen Lage und der kulturellen Vielfalt eine starke Basis – aber diese muss noch besser touristisch übersetzt werden“, betont Dr. Norbert Wett, Tourismusdezernent und Aufsichtsratsvorsitzender der Kassel Marketing GmbH. „Entscheidend ist, dass wir neben der Quantität auch die Qualität und Angebotsvielfalt gezielt weiterentwickeln“.
Strukturelle Defizite im Angebot
Laut Studie ist das Kasseler Hotelangebot stark kleinteilig und teilweise veraltet. Der Großteil der Betriebe liegt unterhalb der betriebswirtschaftlich tragfähigen Schwelle von 80 bis 120 Zimmern. Dadurch fehlt es an größeren Strukturen, die Skaleneffekte ermöglichen und Kassel im Kongress- und Gruppengeschäft konkurrenzfähig machen würden. Hinzu kommt ein Modernisierungsbedarf in vielen Häusern sowie eine Nachfolgeproblematik in der Privathotellerie.
„Kassel verfügt über solide Grundlagen, aber die Struktur ist heterogen. Jetzt gilt es, gezielt in zukunftsfähige Konzepte zu investieren – vom Extended-Stay-Angebot bis zu modernen MICE-Hotels“, erläutert Tina Froböse, Managing Partnerin der SELECT Hotel Consulting GmbH, die die Studie erstellt hat.
Qualität bleibt entscheidender Wettbewerbsfaktor
Die TrustScores aus Onlinebewertungen zeigen nach wie vor deutliche Qualitätsdefizite im Vergleich zu anderen Städten. Besonders in Service, Ausstattung und digitalem Gästemanagement besteht Nachholbedarf.
Chancen durch gezielte Investitionen
Mit Projekten wie dem Holiday Inn Express & Suites, der Revitalisierung des Hotel Hessenland und der Umwandlung des InterCity Hotels in ein B&B eröffnen sich Chancen, das Angebot neu auszubalancieren. Diese Investitionen stärken vor allem das Budget- und Midscale-Segment, doch für die Zukunft seien innovative und nachhaltige Konzepte gefragt.
„Wir möchten Investoren und Betreiber motivieren, Kassel als Zukunftsstandort wahrzunehmen – nicht trotz, sondern wegen seiner Vielseitigkeit“, sagt Kai Lorenz Wittrock, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Region Kassel GmbH. „Die Studie zeigt klar: Kassel hat enormes Entwicklungspotenzial, wenn Stadt, Hotellerie und Wirtschaft an einem Strang ziehen. Wir sehen unsere Aufgabe darin, die Kräfte der Stadt zu bündeln, Investitionen zu begleiten und Kassel als gastfreundlichen, modernen und wirtschaftlich starken Tourismusstandort weiter zu positionieren“, ergänzt Oliver Höppner, Geschäftsführer der Kassel Marketing GmbH.
Empfehlungen aus der Studie: Fünf Handlungsfelder
Das Fazit der Studie liefert konkrete Handlungsoptionen für Stadt, Wirtschaft und Betreiber:
1. Investitionen im Bestand stärken:
Um bestehende Betriebe zukunftsfähig aufzustellen, gilt es, Investitionspotenziale gezielt zu unterstützen – etwa durch transparente Planungsgrundlagen, Beratungsangebote und Zugänge zu Förderstrukturen. Eine proaktive Kommunikation kann hier Orientierung bieten, ohne in bestehende Geschäftsmodelle einzugreifen.
2. Angebotssegmente analysieren und gezielt entwickeln:
In bestimmten Marktsegmenten – wie Extended Stay, designorientierte Stadthotellerie oder funktionale Businesshotels – bestehen Angebotslücken. Weitere Standortanalysen könnten Entscheidungsgrundlagen für passgenaue Investitionen liefern.
3. Privathotellerie zukunftsfähig begleiten:
Gerade bei privat geführten Betrieben stehen oft Nachfolgeprozesse an. Netzwerke, Informationsformate und strukturierte Zugänge zu Betreibermodellen können helfen, Unternehmensnachfolgen aktiv zu gestalten und die Vielfalt im Angebot zu sichern.
4. Sichtbarkeit des Standorts erhöhen:
Gezielte Standortprofile und abgestimmte Kommunikationsstrategien stärken die Marktpräsenz. Eine professionelle Ansprache potenzieller Betreiber und Investoren – basierend auf belastbaren Standortdaten – kann Kassels Position im Wettbewerb verbessern.
5. Koordination als zentrale Schnittstelle etablieren:
Ein koordinierendes Bindeglied zwischen Stadtverwaltung, Investoren, Betreibern und Bestandshotellerie schafft Transparenz und kann die strukturelle Entwicklung des Hotelmarkts gezielt begleiten – nicht steuernd, sondern unterstützend.
Fazit: Kassel hat die Basis – jetzt muss es an Profil gewinnen
Die Studie kommt zu einem klaren Schluss: Kassel verfügt über stabile Nachfragefundamente, eine internationale Strahlkraft durch Kultur und Wissenschaft sowie entwicklungsfähige Strukturen. Die Aufgabe besteht darin, diese Stärken strategisch zu bündeln und langfristig zu sichern.
„Es geht nicht um Steuerung, sondern um Struktur. Wenn Stadt, Eigentümer und Betreiber auf einer gemeinsamen Datengrundlage arbeiten, entstehen bessere und schnellere Entscheidungen – fachlich fundiert und marktorientiert“, fasst Tina Froböse zusammen.
Ausblick
Die Ergebnisse der Hotelmarktstudie Kassel 2025 fließen in das neue Tourismuskonzept Kassel 2030 ein, das derzeit unter Beteiligung zahlreicher Akteure aus Tourismus, Wirtschaft und Politik erarbeitet wird. Ziel ist es, Kassel als gastfreundliche, wirtschaftlich starke und kulturell profilierte Tourismusdestination zu etablieren – mit einem Hotelmarkt, der die Zukunft aktiv mitgestaltet.