Einleitung
Die Kreuzfahrtindustrie wächst – gleichzeitig steht sie vor einer ihrer größten Herausforderungen: dem Mangel an qualifizierten Fach- und Führungskräften. Während die Nachfrage nach Crew-Mitgliedern steigt, arbeiten viele Reedereien noch immer nach einem Recruiting-Modell, das nicht mehr zeitgemäß ist: dem reinen Erfolgsmodell (Contingency). In einer sich verändernden Arbeitswelt braucht es neue Wege, um langfristig erfolgreich Personal zu gewinnen und zu binden.
Das Erfolgsmodell stößt an seine Grenzen
Das Prinzip „no cure, no pay“ hat über viele Jahre gut funktioniert. Agenturen suchten Bewerberinnen und Bewerber, stellten möglichst viele Lebensläufe vor und erhielten nur im Falle einer Einstellung eine Provision. Für Reedereien schien dies ideal: kein Risiko, keine Kosten ohne Ergebnis.
Doch dieser Ansatz bringt zunehmend Nachteile mit sich:
- Er fördert Quantität statt Qualität.
- Mehrere Agenturen konkurrieren parallel, wodurch sich Profile doppeln.
- Eine intensive Betreuung von Kandidaten findet selten statt.
- Die Abbruchquote in den ersten Wochen an Bord bleibt hoch.
Neue Realität im Recruiting
Der Arbeitsmarkt hat sich in den letzten Jahren grundlegend gewandelt:
- Vom Arbeitgeber- zum Bewerbermarkt: Qualifizierte Crew-Mitglieder können heute aus mehreren Angeboten wählen. Sie erwarten faire Bedingungen, Sicherheit und Wertschätzung.
- Individuelle Ansprache wird unverzichtbar: Kaum jemand bewirbt sich von selbst. Recruiting bedeutet persönliche Ansprache, Vertrauen aufbauen und Begleitung durch den gesamten Prozess.
- Bindung ist entscheidend: Eine kurzfristige Besetzung reicht nicht. Ziel ist es, Mitarbeitende langfristig zu halten – insbesondere über die kritischen ersten 90 Tage hinaus.
Retainer Recruiting als zukunftsfähige Lösung
Im klassischen Executive Search ist es seit Jahren üblich, mit Retainer-Modellen zu arbeiten – also mit einer Anzahlung oder laufenden Pauschale. Dieses Vorgehen bringt entscheidende Vorteile für beide Seiten:
- Verbindlichkeit: Unternehmen zeigen, dass sie ernsthaft investieren. Das ermöglicht der Agentur, Ressourcen gezielt einzusetzen.
- Priorisierung: Ein Auftrag mit Retainer erhält Vorrang gegenüber anderen Projekten.
- Höhere Qualität: Der Fokus liegt nicht auf der schnellen Lebenslauf-Vermittlung, sondern auf sorgfältiger Auswahl, aktiver Direktansprache und enger Begleitung bis zum erfolgreichen Start an Bord.
- Nachhaltigkeit: Über Retainer lassen sich langfristige Bewerber-Pools aufbauen, die Jahr für Jahr nutzbar sind.
Ein sofortiger Wechsel hin zum Retainer wird nicht in jedem Unternehmen möglich sein. Es gibt jedoch Zwischenlösungen, die sich in der Praxis bewährt haben:
- Engaged Search– Ein Teil des Honorars wird vorab gezahlt, der Rest nach erfolgreicher Einstellung.
- Monatliche Pauschalen– Ein fester Betrag pro Monat für eine bestimmte Anzahl an Bewerbern oder Beratungsleistungen.
- Hybridlösungen– Kombination aus Retainer und erfolgsabhängiger Provision, angepasst an Position und Schwierigkeitsgrad.
Widerstände und Gegenargumente
Viele Personalabteilungen sind es gewohnt, nur im Erfolgsfall zu zahlen. Auf den ersten Blick scheint dies kostengünstig. Doch die versteckten Kosten sind erheblich:
- Jeder Abbruch nach wenigen Wochen verursacht hohe Ausgaben für Anreise, Schulungen, Ausrüstung und Lohnfortzahlung.
- Offene Stellen, besonders in Schlüsselpositionen, wirken sich unmittelbar auf Gästezufriedenheit und Umsatz aus.
- Ein Fokus auf kurzfristige „billige“ Lösungen führt langfristig zu Mehrkosten.
Ein Appell an die Branche
Die Kreuzfahrt lebt von Emotionen, Entdeckungen und unvergesslichen Momenten. Genau so sollten auch die Recruiting-Partnerschaften gestaltet sein: nicht beliebig und austauschbar, sondern verbindlich, nachhaltig und auf Augenhöhe.
Wer weiter auf das alte Erfolgsmodell setzt, riskiert, im Wettbewerb um die besten Talente zurückzufallen. Wer hingegen auf Partnerschaft und gemeinsame Verantwortung baut, wird langfristig die engagierteren und loyaleren Crew-Mitglieder gewinnen.
Fazit
Das klassische Erfolgsmodell im Recruiting stößt in der Kreuzfahrt zunehmend an seine Grenzen. Retainer Recruiting ist kein Luxus, sondern eine notwendige Weiterentwicklung. Es schafft Planungssicherheit, verbessert die Qualität der Besetzungen und trägt maßgeblich zur Mitarbeiterbindung bei.
In einer Branche, die von Menschen lebt, sollte auch das Recruiting auf Verbindlichkeit und Partnerschaft setzen. Denn am Ende gilt: Nur mit einer motivierten Crew bleibt die Reise für alle Beteiligten unvergesslich.