Montag, 11. Dezember 2017


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Kinderschutz im Sport voranbringen

Das Forschungsprojekt »Safe Sport« präsentiert Erkenntnisse zum Schutz von Kindern und Jugendlichen im organisierten Sport

Ulm, (lifePR) - Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Deutschen Sporthochschule Köln und des Universitätsklinikums Ulm untersuchen in dem Forschungsprojekt »Safe Sport«  sexualisierte Gewalt im Sport sowie die förderlichen Bedingungen für die Einführung von Schutzmaßnahmen in Sportorganisationen. Beim gemeinsamen Fachforum mit der Deutschen Sportjugend (dsj) werden am 26. und 27. Oktober in Neubrandenburg die aus dem Projekt resultierenden Handlungsempfehlungen mit Verantwortlichen in Sportverbänden diskutiert.

Über einen Zeitraum von drei Jahren wurden in dem Projekt Untersuchungen zu sexualisierten Übergriffen im Wettkampf- und Leistungssport sowie den Präventionsmaßnahmen in Verbänden, Vereinen, Olympiastützpunkten und Sportinternaten durchgeführt. Vor knapp einem Jahr haben die Forscher*innen unter der Verbundleitung von Dr. Bettina Rulofs (Deutsche Sporthochschule Köln) erste Ergebnisse aus ihren Studien veröffentlicht und damit die Aufmerksamkeit auf ein lang tabuisiertes Thema im Sport gerichtet. Inzwischen wurden die Erhebungen abgeschlossen und vertiefende Analysen der Daten vorgenommen.

Dabei wird im Projekt »Safe Sport« ein weites Begriffsverständnis zugrunde gelegt. Neben schweren – und zum Teil strafrechtlich relevanten – sexualisierten Gewalthandlungen mit Körperkontakt wurden auch solche ohne Köperkontakt oder grenzverletzendes Verhalten einbezogen.

Etwa 54 Prozent von rund 1.800 Kaderathlet*innen geben in der Studie an, sexualisierte Gewalt in ihrem bisherigen Leben erfahren zu haben, wobei sich dies auf alle Lebensbereiche der Athlet*innen (sowohl innerhalb als auch außerhalb des Sports) bezieht. Werden ausschließlich Gewalterfahrungen im Kontext des Sports betrachtet, so zeigt sich, dass 37 Prozent der befragten Athlet*innen eine Form von sexualisierter Gewalt im Sport erfahren haben, 11 Prozent schwere sexualisierte Gewalt, wobei die Mehrheit der Athlet*innen bei der ersten Gewalterfahrung unter 18 Jahre alt war.

Auch andere Formen von Gewalt werden von den Athlet*innen häufig berichtet. So geben 86 Prozent der Befragten an, emotionale Gewalt im Sport erfahren zu haben (zum Beispiel Beschimpfungen, Demütigungen, Mobbing), und 30 Prozent waren körperlicher Gewalt im Sport ausgesetzt (also wurden zum Beispiel geschlagen, mit Dingen beworfen oder geschüttelt). Gleichzeitig zeigt sich eine hohe Überschneidung der verschiedenen Gewaltformen.

„Die Ergebnisse verdeutlichen, dass es sich bei jungen Kaderathletinnen und Kaderathleten um eine belastete und besonders zu schützende Gruppe handelt“, so Dr. Marc Allroggen von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm. Es besteht somit Bedarf an konkreten Schutzmaßnahmen für Kinder und Jugendliche im Wettkampf- und Leistungssport. Studien zur Häufigkeit von Gewalt im Breitensport fehlen bislang noch.

Umso aufmerksamer ist der Umsetzungsstand von Schutzmaßnahmen in Organisationen des Leistungssports zu betrachten: Die Befragungen von Verantwortlichen in diesem Bereich zeigen, dass zwar 85 Prozent der Spitzenverbände, 82 Prozent der Sportinternate und 46 Prozent der Olympiastützpunkte der Auffassung sind, die Prävention von sexualisierter Gewalt sei ein relevantes Thema für den organisierten Sport. Jedoch geben nur je 39 Prozent der Spitzenverbände und Sportinternate sowie 23 Prozent der Olympiastützpunkte an, über fundierte Kenntnisse zum Thema zu verfügen. Die Hälfte der Internate und knapp ein Viertel der Olympiastützpunkte haben Ansprechpersonen für die Prävention sexualisierter Gewalt benannt. An rund einem Viertel der Internate ist bisher ein schriftliches Präventionskonzept vorhanden.

„Die Verantwortungsübernahme und Regelung der Zuständigkeit für den Schutz der Athletinnen und Athleten scheint bisher im Verbundsystem Leistungssport noch nicht hinreichend geklärt“, resümiert Dr. Bettina Rulofs von der Deutschen Sporthochschule Köln.

Als positiv und hilfreich wird in den Mitgliedsorganisationen das Engagement der Deutschen Sportjugend, die das Thema federführend für den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) bearbeitet, wahrgenommen. So zeigt die Studie beispielsweise, dass ein von der dsj entwickeltes Qualifizierungsmodul positive Effekte auf das Wissen der Teilnehmenden über sexualisierte Gewalt hat, und sich eine verbesserte Kultur des Hinsehens entwickelt.

Auch in den Landessportbünden ist ein vergleichsweise hoher Aktivitätsgrad zum Kinderschutz zu verzeichnen. So ist die Thematik zum Beispiel inzwischen in fast allen Landessportbünden in der Aus- und Fortbildung verankert.

An der Basis des Sports in den Sportvereinen bergen insbesondere die ehrenamtlichen Strukturen Herausforderungen für die Einführung von umfassenden Präventionsmaßnahmen. Die Vereinsbefragung im Rahmen von »Safe Sport« zeigt, dass Vereine mit mindestens einer bezahlten Führungsposition die Prävention sexualisierter Gewalt eher als relevantes Thema einschätzen und signifikant mehr Präventionsmaßnahmen implementiert haben als die ausschließlich ehrenamtlich geführten Vereine. Für den Kinderschutz in Sportvereinen der Städte und Kommunen ist somit, insbesondere dort wo dies allein auf ehrenamtlichen Aktivitäten basiert, finanzielle Unterstützung wichtig und eine fachliche Kooperation mit den örtlichen Jugendämtern und Beratungsstellen.

Über das Projekt

Das Forschungsprojekt »Safe Sport« wird mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung für eine Laufzeit von drei Jahren gefördert (2014 –2017). Die Verbundkoordination liegt bei Dr. Bettina Rulofs an der Deutschen Sporthochschule Köln. Das Projekt hat insgesamt drei Kooperationspartner: die Deutsche Sporthochschule Köln (Institut für Soziologie und Genderforschung), das Universitätsklinikum Ulm (Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie) und die Deutsche Sportjugend im DOSB (Ressort Jugendarbeit im Sport).

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