Mittwoch, 22. November 2017


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Es geht wieder auf WinterreiseEs geht wieder auf Winterreise

Christoph Biermeier über eine Neuauflage in schwierigen Zeiten

Melchingen, (lifePR) - 1997 inszenierte der Regisseur Christoph Biermeier am Theater Lindenhof die Melchinger Winterreise, ein Stück von Peter Härtling. Es geht um den Liederzyklus von Franz Schubert, Schuberts irren durch sein Leben und um die Erfahrungen von Härtling selbst, als Vertriebener. Für Peter Härtling war der Wanderer, die Hauptfigur im Liederzyklus der Winterreise, ein Sinnbild für Heimatlosigkeit. Nach zwanzig Jahren nimmt das Theater Lindenhof das Stück wieder auf. Das ist nicht ganz korrekt. Vielmehr wird die Winterreise neu erzählt. Wir sprachen darüber mit dem Regisseur.

Wie ist das, nach 20 Jahren ein Stück wieder aufzugreifen?

Es ist schön; Wie eine Reise in die Vergangenheit. Aber es ist auch erschütternd, wenn man merkt, wie sich in diesen zwanzig Jahren die Zeiten verschärft haben. 1997 waren Vertreibung und Flucht Themen des Zweiten Weltkriegs. In der Winterreise ging es hauptsächlich um ein inneres Gefühl von Fremdheit und ein Gefühl der inneren Verlorenheit. Mit der Flüchtlingskrise sind neue Erfahrungen dazu gekommen, die das Stück dramatisch verändern. Auf die muss man reagieren. Wir haben also in der Winterreise die Heimatlosigkeit von Schubert im 19. Jahrhundert, die von Härtling Mitte des 20. Jahrhunderts und die von heute. In der neuen Inszenierung kommen Asylsuchende von heute dazu und stehen mit auf der Bühne. Im direkten Kontakt erfährt man unmittelbar, wie dramatisch die Schicksale sind. Ähnlich denen nach 1945. Was für mich erstaunlich ist, ist dass die Musik – also die Schubert Lieder arrangiert von der Musikerin Susanne Hinkelbein - immer noch ganz frisch und ohne Patina daher kommen.

Es ist also ein Neubefragen des Stücks und ein Wiederentdecken.

In der Zwischenzeit hat sich ja auch bei Dir viel getan. Du warst 12 Jahre in Schwäbisch Hall Intendant und hast dort viel ausprobiert. Siehst Du die Melchinger Winterreise jetzt mit anderen Augen?

Man merkt, dass Theater Zeitgeist ist, dass es Moden gibt. An der Ästhetik merkt man das zum Beispiel. Da würde man heute manchens nicht mehr so machen. Und natürlich kommt auch mehr Lebenserfahrung dazu. Zum Beispiel vertraue ich heute mehr auf die Geschichten und meine nicht mehr, ich müsste da noch eine theaterale Form reinbringen.

Du hast Dir für die Neuauflage den Dramaturgen Georg Kistner, einen Kollegen aus Schwäbisch Hall, mit ins Boot geholt. Warum?

Wir mussten nochmal ganz neu ran an das Stück und versuchen es neu zu  fassen. Härtling hat uns schon damals kein Stück übergeben, das man einfach so spielen kann. Nun ist der Autor gestorben und wir können ihn nicht mehr fragen. Auch sind viele neue Mitspieler dazu gekommen, die wir nicht kannten. Aber es sind auch fast alle Schauspieler von der ersten Version der Winterreise wieder dabei, nur haben wir etwas rotiert. Bernhard Hurm spielt nicht mehr den Schubert, sondern Peter Härtling als Jungen – auch als Homage an seinen Freund. Als Gastschauspieler neue dabei ist Rahul Chakraborty, der halb Inder und halb Deutscher ist und dem man das auch ansieht. Er ist unser Schubert in der heutigen Zeit.

Damals ist viel auf den Proben entstanden und so ist es auch diesmal. Es ist eine Projektarbeit, wo ständig weiter entwickelt wird. Für die Neuauflage haben wir das Stück um eine ganze Handlungsebene erweitert und es gibt auch Streichungen. Falsch erschien uns zum Beispiel, alles auf den Tod, den Sensenmann, zulaufen zu lassen. Wir wollten vielmehr suchen, wie es weiter gehen kann. Wie kann man im Fremdsein und Unbehaustsein seinen eigenen Weg finden kann und zwar einen Weg voller Zuversicht. Die Zuversicht war uns wichtig. Und dazu gehört natürlich die Frage, wie kann das Zusammenleben mit den Menschen, die zu uns kommen, gelingen. Theater ist ein gutes Medium um solche gesellschaftlichen Fragestellungen anzugehen und zu verhandeln. Wenn man Geschichten hört, wie die unserer Mitspieler, dann kann man nicht einfach sagen, „Das Boot ist voll.“ Die Geschichten sind dramatisch. Zum Beispiel wenn ein Flüchtling in Afghanistan geboren ist, aber seine Heimatsprache nich lesen und schreiben kann, weil er dort nie auf der Schule war. Seitdem ist er unterwegs, auf der Flucht. Und dieser Flüchtling muss jetzt Angst haben, nach Afghanistan, abgeschoben zu werden, was für ihn das Todesurteil bedeuten würde.

Was erwartet die Zuschauer?

Die neue Inszenierung erlaubt ein neues Sehen. Es ist eine Reise in die Vergangenheit und in die Gegenwart. Der Engel wird wieder auf dem Himmelberg seine Flügel ausbreiten. Aber die Zuschauer werden auch einen neuen Spielraum kennen lernen. Neben dem Himmelberg, dem Theatersaal und der Theaterscheune werden wir ja auch das neue Theater-Foyer bespielen. Noch ist es Baustelle, aber bis zur Winterreise wird es soweit sein, dass auch dort Theater stattfinden kann. Und natürlich hoffen wir, für uns und für die Zuschauer, auf viel, viel Schnee!

Die Melchinger Winterreise findet von 8. Dezember bis 11. Februar statt. Der dreistündige Theaterspaziergang beginnt jeweils um 15 Uhr und führt die Zuschauer an verschiedene Stationen. Auf den Melchinger Himmelberg gelangen die Zuschauer per Bus. Karten gibt es über das Theater Lindenhof (Tel. 07126/92 93 94 oder www.theater-lindenhof.de) oder die Vorverkaufsstellen.

Theater Lindenhof

Seit über drei Jahrzehnten bietet das Theater Lindenhof seinem Publikum "Volkstheater im besten, ja allerbesten Sinne" (Stuttgarter Zeitung). Fernab der Metropolen ist dieses Theater zum Inbegriff für ein besonderes Heimattheater geworden: Faszinierende Theaterexkursionen im Freien, Inszenierungen von Klassikern, Umsetzungen lokaler und regionaler Geschichte und Geschichten, große Theaterprojekte mit Bürgern und ein vielseitiges Kleinkunstprogramm - darunter zahlreiche Uraufführungen. Für ihre Inszenierungen erhielten die Theatermacher eine Reihe von Auszeichnungen.

Das Theater Lindenhof führt jährlich rund 350 Veranstaltungen durch - davon 230 in Burladingen-Melchingen und 120 an Gastspielorten in ganz Baden-Württemberg, aber auch überregional in München, Hamburg, Berlin oder Recklinghausen. Mit seinen Aufführungen erreicht es jährlich 45.000 ZuschauerInnen, davon 20.000 allein in Melchingen. Das Theater Lindenhof ist seiner Rechtsform nach seit dem 1. Januar 2011 eine Stiftung. Das einzige Regionaltheater wird vom Land Baden-Württemberg, den Landkreisen Zollernalb, Reutlingen, Tübingen und von der Sitzgemeinde Burladingen sowie rund zwanzig Partnerstädten aus dem ganzen Land unterstützt.

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