Samstag, 18. November 2017


  • Pressemitteilung BoxID 681761

Tag des inhaftierten Schriftstellers am 15.11.17 - PEN porträtiert fünf Autoren

Darmstadt, (lifePR) - Jährlich wird am 15. November der „Tag des inhaftierten Schriftstellers“ („Writers in Prison Day“ oder „Day of the Imprisoned Writer“) begangen, um auf das Schicksal von zu Unrecht inhaftierten und verfolgten Schriftstellern, Journalisten, Verlegern und Bloggern auf der ganzen Welt hinzuweisen und um an diejenigen zu erinnern, die getötet wurden, weil sie ihr Recht auf freie Meinungsäußerung wahrgenommen haben.

Jedes Jahr stellt der internationale PEN ausgewählte Fälle in den Fokus, die beispielhaft für die Repressionen stehen, denen Kollegen weltweit täglich ausgesetzt sind.

Im Jahr 2017 sollen die Schicksale von Zehra Doğan (Türkei), Ramón Esono Ebalé (Äquatorialguinea), Cesario Alejandro Félix Padilla Figueroa (Honduras), Nguyen Ngoc Nhu Quynh (Vietnam) und Razan Zaitouneh (Syrien) besonders ins Licht der Öffentlichkeit gerückt werden.

Zehra Doğan (Türkei)

Am 12. Juni 2017 wurde die Journalistin und Künstlerin Zehra Doğan, die auch Mitarbeiterin der feministischen kurdischen Nachrichtenagentur Jinha war, in Polizeigewahrsam genommen, da sie am 24. März 2017 zu 2 Jahren, 9 Monaten und 22 Tagen Gefängnis verurteilt worden war. Doğans Verurteilung steht in Zusammenhang mit einer vorherigen Verhaftung im Juli 2016, nach der sie wegen angeblicher „Propaganda für eine terroristische Organisation“ und „Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung“ angeklagt wurde. Die Anklagen gegen Doğan stützen sich auf ein Gemälde, einen Nachrichtenartikel und ihre Aktivitäten in den sozialen Medien. Sie verbüßt ihre Strafe im Diyarbakır Gefängnis. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter 2015 den prestigeträchtigen Metin-Göktepe-Journalismus-Preis für ihre Reportage „Die Schreie der Yezidi Frauen“.

Das Bild Doğans, welches das Gericht zu Urteilsbegründung heranzieht, zeigt die weitflächige Zerstörung der mehrheitlich von Kurden bewohnten Stadt Nusaybin durch das türkische Militär. Aus dieser Stadt im Südosten der Türkei berichtete sie und malte Bilder der Verwüstung und des weiblichen Widerstandes. Doğan stellt in ihrem Gemälde ein Foto nach, das zuvor während einer fünfmonatigen Ausgangssperre in der Stadt aufgenommen worden war und durch Internet-Accounts, die in Verbindung zu türkischen Sicherheitskräften stehen, in den sozialen Medien zirkulierte. Sie brachte auf die Leinwand, was die Aufnahme dokumentiert, und weist mit ihrer Darstellung zerstörter Gebäude, an denen türkische Nationalflaggen hängen, auf die wahren Urheber der Verwüstung hin. Obwohl sie weder die Aufnahme selbst gemacht noch eigenmächtig die zerstörten Gebäude um türkische Fahnen ergänzt hatte, stützte sich das Urteil unter anderem auf diese beiden Vorwürfe.

Am 22. Dezember 2015 verfasste Doğan einen Nachrichtenartikel, mit dem das Gericht sein Urteil ebenfalls begründete. In ihrem Text zitiert die Journalistin und Künstlerin den Aufruf des zehnjährigen Nusaybiners Elif Akboğas: „Wir hören Schüsse. Wenn die Schüsse lauter werden, rennen wir nach Hause. Wenn die Panzer verschwinden, gehen wir auf die Straße demonstrieren. Ich denke, wir sind im Recht. Ich weiß, dass unsere Stimmen eines Tages gehört werden.“ Zuletzt sah das Gericht auch in ihren Aktivitäten in den sozialen Medien ein Indiz für ihre Schuld. In einem Tweet, den Doğan nachträglich löschte, schrieb sie: „Für das Fotografieren zerstörter Gebäude und deren Bemalen mit türkischen Fahnen verurteilten sie mich zu einer Freiheitsstrafe. Das war aber nicht ich, sondern sie, die das getan haben. Ich habe es einfach gemalt.“

Ramón Esono Ebalé (Äquatorialguinea)

Ramón Esono Ebalé, alias Jamón y Queso, ist ein vielfach ausgezeichneter Karikaturist. Er schreibt und publiziert nicht nur auf seinem Internetblog, sondern hat mit La pesadilla de Obi (dt.: Obis Albtraum) auch eine Graphic Novel veröffentlicht. Ebalé wurde bekannt durch seine Kritik an Präsident Obiang und dessen Regierung und macht mittels seiner Karikaturen auf soziale Ungerechtigkeiten innerhalb der äquatorialguineischen Zivilgesellschaft sowie Menschrechtrechtsverletzungen durch den Staat aufmerksam.

Am 16. September 2017 wurde er in der Hauptstadt Malabo festgenommen. Er wurde zunächst bezüglich seiner Karikaturen befragt, die Präsident Obiang und andere Regierungsbeamte kritisieren. Einige Tage später berichteten Medien, dass gegen ihn wegen angeblicher Geldwäsche und Falschgeld ermittelt werde. Er wurde am 20. September einem Richter vorgeführt, der ihn zu diesen neuen Vorwürfen befragte. Später wurde er in das Black Beach Gefängnis in Malabo verbracht, wo er in Präventivhaft gehalten wird, während weitere Untersuchungen durchgeführt werden. Er wurde bisher noch wegen keiner Straftat angeklagt. Am 3. Oktober 2017 erschien Ebalé vor Gericht und äußerte sich zu den Vorwürfen. Nach Informationen des internationalen PEN muss gegen ihn jedoch noch offiziell Anklage erhoben werden.

Der PEN ist zutiefst besorgt über Esono Ebalés Festnahme aufgrund seines politischen Engagements und seiner Arbeit, was sein Recht auf freie Meinungsäußerung verletzt. Die Behörden haben ihn sofort und bedingungslos freizulassen.

Ebalé begann Mitte der 2000er Jahre, seine Werke auszustellen. Er kritisierte und karikierte in seinem Satire-Blog Las Locuras de Jamón y Queso (dt.: Der Wahnsinn des Jamón y Queso) den Präsidenten und andere Regierungsbeamte, woraufhin die Behörden diesen sperren ließen. Später verbreitete Ebalé seine Comiczeichnungen über die sozialen Medien.

Als Reaktion auf die Forderung eines Ausstellungsveranstalters im Jahr 2007, die Dialoge in seinen Comics zu redigieren, entfernte er sämtliche Texte in den Sprechblasen. Dieser Methode bediente er sich fortan auch in einigen seiner späteren Comics, darunter auch ein Comicstrip über die Wahlen in Äquatorialguinea, woraufhin er Morddrohungen erhielt. 

2011 zog er nach Paraguay und war kurz vor seiner Verhaftung 2017 in sein Heimatland zurückgekehrt, um einen neuen Ausweis zu beantragen und zu seiner Ehefrau nach El Salvador ziehen zu können. Nachdem er mehrere Wochen vergeblich auf ein neues Ausweisdokument hatte warten müssen, wurde er am 16. September 2017 verhaftet.

Cesario Alejandro Félix Padilla Figueroa (Honduras)

Am Mittwoch, den 7. Juni 2017, wurde Cesario Alejandro Félix Padilla Figueroa, Journalist, Menschenrechtsaktivist und Gründungsmitglied des PEN in Honduras, zusammen mit zwei anderen Studenten von einem Gericht schuldig gesprochen, da sie an Studierendenprotesten an der Nationalen Autonomen Universität Honduras (Universidad Nacional Autónoma de Honduras, UNAH) teilgenommen hatten. Sie demonstrierten für einen besseren Zugang zur staatlichen Bildung ebenso wie eine Beteiligung der Studierenden in der Verwaltung der Universität und forderten ein Ende der Privatisierung der UNAH.

Im Juli 2015 hatte Padilla gemeinsam mit zwei Kollegen einen Verteidigungsausschuss für Menschenrechte an der UNAH geschaffen, um Menschenrechtsverletzungen im Rahmen der Proteste an der Universität zu dokumentieren. Diese fanden regelmäßig in der Bildungseinrichtung statt. Das Urteil gegen Padilla Figueroa wurde am Tribunal de Sentencias in der Hauptstadt Tegucigalpa verkündet, nachdem das PEN-Mitglied sich in einem langwierigen Prozess hatte verantworten müssen. Das angebliche Verbrechen wird mit einer Gefängnisstrafe von drei bis fünf Jahren bestraft. Der Staatsanwalt soll während einer Anhörung am 7. August 2017 neben weiteren Strafen eine dreijährige Inhaftierung Padillas gefordert haben. Der Prozess befindet sich in einem rechtlichen Schwebezustand, da eine schriftliche Bestätigung des Urteils noch aussteht, jedoch zwingend notwendig ist, um dagegen Berufung einlegen zu können. Vorläufig ist es Padilla untersagt, ins Ausland zu reisen oder Universitätsgelände zu betreten. 

Der internationale PEN glaubt, dass Padilla und seine Kommilitonen lediglich für die Ausübung ihrer Rechte auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit gerichtlich verfolgt werden, obwohl diese in der honduranischen Verfassung (Artikel 72-75 und 79), in der amerikanischen Menschenrechtskonvention (Artikel 13 und 15) und im Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte (Artikel 19 und 21) verankert sind.

Seit 2014 wurde Padilla mehrfach bedroht und überwacht. Unter anderem berichtete er, dass er im August 2015 von zwei unbekannten bewaffneten Männern in seiner Nachbarschaft beschattet worden sei. Die Männer ließen ihn wissen, dass sie ihm schaden wollten. Auch im Juni 2016 berichtete Padilla von rechtswidrigen Überwachungsmaßnahmen durch die Kriminalpolizei. Die hatte unter anderem versucht, die Studenten daran zu hindern, den Universitätscampus zu betreten.

Der PEN fordert die Behörden von Honduras dazu auf, die sozialen Proteste nicht weiter zu kriminalisieren und die Anklage gegen Padilla fallen zu lassen.

Nguyen Ngoc Nhu Quynh (Vietnam)

Am 29. Juni 2017 wurde die Bloggerin und Regierungskritikerin Nguyen Ngoc Nhu Quynh, die unter ihrem Pseudonym Me Nâm („Mutter Pilz“) bekannt ist, wegen angeblicher „Propaganda gegen die Sozialistische Republik Vietnams“ nach Artikel 88 des Strafgesetzbuches schuldig gesprochen und zu einer zehnjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Ihre Berufungsverhandlung, die am 27. September 2017 hätte stattfinden sollen, wurde auf unbestimmte Zeit und ohne Angabe von Gründen verschoben. Der PEN ist überzeugt, dass Me Nâm allein wegen der friedlichen Ausübung ihres Rechts auf Meinungsfreiheit inhaftiert ist und fordert deshalb ihre sofortige und bedingungslose Freilassung.

Me Nâm ist bekannt für ihre Texte, die sie sowohl auf Facebook als auch auf anderen Internetplattformen publiziert und in denen sie sich zu sozialen, wirtschaftlichen, politischen und ökologischen Themen sowie zu Menschenrechtsfragen äußert. Sie machte in der Vergangenheit immer wieder auf soziale Ungerechtigkeiten und Umweltskandale aufmerksam.

Außerdem ist sie Mitbegründerin des „Netzwerks vietnamesische Blogger", in dem sich unabhängige Schriftsteller organisieren. Für ihr Engagement wurde sie mehrfach ausgezeichnet. 2017 erhielt sie etwa in Abwesenheit den "International Woman of Courage Award" des US-Außenministeriums.

Als Me Nâm den inhaftierten politischen Aktivisten Nguyen Huu Quoc Duy am 10. Oktober 2016 in einem Gefängnis nahe des Touristenortes Nha Trang besuchen wollte, wurde sie festgenommen und in eine Haftanstalt verbracht. Anschließend durchsuchten die Sicherheitsbehörden ihr Haus und konfiszierten IT-Geräte, einschließlich Mobiltelefon und Computer.

Im März 2017 äußerten sich fünf UN-Sonderberichterstatter in einer gemeinsamen Erklärung besorgt über ihren psychischen und körperlichen Gesundheitszustand und verurteilten die Behörden, welche unter anderem Me Nâms Menschenrecht auf ein ordnungsgemäßes Verfahren verletzten. Insbesondere die Isolationshaft, der fehlende Rechtsbeistand sowie das Besuchsverbot kritisierten sie scharf.

Razan Zaitouneh (Syrien)

Razan Zaitouneh ist eine syrische Menschenrechtsanwältin, Bloggerin und Schriftstellerin. Sie ist Mitbegründerin des Violations Documentation Center (VDC), wo sie die Menschenrechtsverletzungen und Gewaltanwendungen aller Kriegsparteien seit 2011 dokumentierte. Sie wurde unter anderem mit dem Menschenrechtspreis des Europäischen Parlaments und dem Petra-Kelly-Preis ausgezeichnet.

Am 9. Dezember 2013 wurden Zaitouneh, ihr Ehemann Wa’el Hamada sowie ihre Kollegen Samira al-Khalil und Nazem Hamadi während einer Razzia in den VDC-Geschäftsräumen in Douma, einem Vorort von Damaskus, von einer Gruppe bewaffneter Männer entführt. Seither gelten sie als vermisst und es wird angenommen, dass sie eine islamische Gruppierung, die Douma kontrolliert, gefangen hält. Zuvor hatten die vier Aktivisten nach ihrer Flucht aus den von syrischen Regierungstruppen besetzten Gebieten Menschenrechtsverletzungen dokumentiert.

Seit 2001 hatte Zaitouneh politische Gefangene in Syrien verteidigt und setzte sich als Anwältin, Aktivistin und Journalistin vehement für die Wahrung der Menschenrechte ein. Sie war ferner am Aufbau des Local Coordination Committees (LCC) beteiligt, das ein Netzwerk lokaler Gruppierungen koordiniert, welche ihrerseits Menschenrechtsverletzungen in mehreren syrischen Städten protokollieren. Aufgrund ihres Engagements bedrohten die syrischen Behörden Zaitouneh und ihre Kollegen. Schließlich mussten sie nach Douma fliehen, einem von syrischen Rebellen kontrollierten Gebiet, bevor sie dort entführt wurden.

Zaitouneh ist mutmaßlich verschleppt und ihrer Freiheit beraubt worden, lediglich aufgrund ihres Engagements für Menschenrechte. Das Humanitäre Völkerrecht verbietet derartige Vergehen, die den internationalen Menschenrechtsstandards entgegenstehen. Die bewaffneten Gruppen, welche Douma kontrollieren, und die verbündeten örtlichen Behörden haben sich bedingungslos für die Freilassung Zaitounehs und ihrer Kollegen einzusetzen.

P.E.N.-Zentrum Deutschland

Das PEN-Zentrum Deutschland ist eine von derzeit weltweit 150 Schriftstellervereinigungen, die im PEN International zusammengeschlossen sind. PEN steht für Poets, Essayists, Novelists. Die ursprünglich 1921 in England gegründete Vereinigung hat sich als Anwalt des freien Wortes etabliert und gilt als Stimme verfolgter und unterdrückter Schriftsteller.

Diese Pressemitteilungen könnten Sie auch interessieren

Von kreativ bis kunstpirativ: 4. Ausstellung des Offenen Ateliers bis 10.01.2018

, Kunst & Kultur, Christophsbad GmbH & Co. Fachkrankenhaus KG

Humorvolle Zeichnungen, emotionale Ausdrucksmalerei, schonungslose Keramiken, alchimistischer Farbauftrag oder geometrische Klarheit – die vierte...

Ach, Gott!

, Kunst & Kultur, Theater und Philharmonie Essen GmbH

An Heiligabend und Weihnachten werden die Kirchen wieder voll sein. Dann versammeln sich dort Gläubige und U-Boot-Christen – Leute, die nur einmal...

3. Sinfoniekonzert am Staatstheater Darmstadt

, Kunst & Kultur, Staatstheater Darmstadt

Wie inspiriert populäre Musik die Klassik? Am Sonntag, 19. und Montag, 20. November 2017 wird im 3. SINFONIEKONZERT unter musikalischer Leitung...

Disclaimer