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Stille Zeugnisse des Holocausts

Fragmente jüdischer Gebetbücher aus Zülpich

(lifePR) (Köln, )
Bei der archäologischen Begleitung von Baumaßnahmen in Zülpich wurden im März 2020 mehrere Fragmente von Holz und bedrucktem Papier entdeckt. Darauf ließen sich trotz schlechtem Erhaltungszustands hebräische Schriftzeichen erkennen. Die Forschungen des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) ergaben, dass es sich dabei um jüdische Gebetbücher aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts handelt. Diese Zeitzeugnisse werden nun zum Abschluss des bundesweiten Themenjahres „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ erstmalig präsentiert.

„Die Fundumstände deuten darauf hin, dass die Textfragmente wohl während des Zweiten Weltkriegs vergraben wurden. Dank Recherchen der Stadt Zülpich können wir das konkret mit jüdischen Einzelschicksalen während des Holocausts in Verbindung bringen. Das macht den Fund umso bedeutender, weswegen wir ihn auch als unseren Fund des Monats ausgewählt haben“, erklärte Dr. Erich Claßen, Leiter des LVR-Amtes für Bodendenkmalpflege im Rheinland (LVR-ABR).

Die Fragmente befanden sich direkt unter dem Straßenbelag in der Martinstraße. Dort nahm die Grabungsfirma AbisZ-Archäologie, unter fachlicher Begleitung des LVR-ABR, die archäologischen Untersuchungen vor, die vor Ort von Christian Riedl geleitet wurden. Die gefundenen Papierreste waren wegen des feuchten Bodens allerdings in einem schlechten Zustand. Daher wurde der historisch bedeutsame Fund im Block geborgen und in den Restaurierungswerkstätten des LVR-LandesMuseums Bonn (LVR-LMB) freigelegt und konserviert. Ein mühevolles Unterfangen, denn das Papier hatte sich zu einer breiigen Masse verformt und die einzelnen Blätter waren nur schwer oder gar nicht mehr trennbar.

Dennoch gelang es unterschiedliche Druckerzeugnisse mit hebräischen Schriftzeichen und Frakturschrift zu identifizieren. Die hinzugezogenen Fachleute vom LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte konnten diese als jüdische Gebetbücher einordnen. Sie stammen wahrscheinlich aus den 1920er Jahren, was Papier und die Heftung mit Eisenklammern nahelegen.

Die Grabungsfirma stellte bei ihren Untersuchungen fest, dass am Fundort ursprünglich ein Haus gestanden hatte. Recherchen durch Rita Reibold vom Stadtarchiv Zülpich ergaben, dass in diesem Haus der jüdische Viehhändler Moritz Sommer mit Familie gelebt hatte. In der Endphase des Zweiten Weltkriegs wurde das Haus mitsamt rückwärtigem Stall und Schuppen bei einem Bombenangriff zerstört. Zuvor war das Haus ab 1941 von den Nationalsozialisten als „Judenhaus“ genutzt worden.

„Seit Mai 1941 betrieb die Euskirchener Kreisverwaltung analog zu reichsweiten Initiativen die Ausweisung von Menschen jüdischen Glaubens aus ihren Häusern und Wohnungen. Es herrschte Wohnungsnot, verfügbare Häuser waren rar. Daher sollte das jüdische Wohneigentum auch in der Börde ‚arisiert‘ und neu vergeben werden“, erläutert Hans-Gerd Dick, Kulturreferent der Stadt Zülpich.

Die so zwangsumgesiedelten Menschen wurden durch Weisung der Kreisverwaltung auf einige wenige, vorläufig weiterhin in jüdischem Eigentum verbleibende Häuser im Kreis verteilt. Solche Häuser wurden von den NS-Behörden „Judenhäuser“ genannt. Aufgrund der massiven Überbelegung waren die Wohnverhältnisse in diesen Häusern schlecht.

Aus den überlieferten Akten wird ersichtlich, dass mindestens drei Familien und eine weitere Person bei Familie Sommer mit im Haus untergebracht wurden. Es ist bekannt, dass Moritz Sommer, seine Frau Lina und ihr Sohn Kurt am 20. Juli 1942 nach Minsk in Belarus deportiert und dort vier Tage später in der Vernichtungsstätte Maly Trostinez ermordet wurden. Auch von den übrigen Bewohnerinnen und Bewohnern überlebte niemand.

Es ist wahrscheinlich, dass die Gebetbücher von der Familie Sommer oder einer der ebenfalls dort untergebrachten Familien unter dem Dielenboden eines Schuppens hinter dem Haus in einer Holzkiste vergraben wurden, um sie dort zu verstecken und vor dem Zugriff Dritter zu bewahren. In der Nachkriegszeit wurde das Gelände zur Erweiterung der Straße genutzt, wodurch die Textfragmente unter den Straßenbelag gelangten.

Heute erinnern vor Ort Stolpersteine an die Familie Sommer.

Hintergrund

Gebetbücher sind seit dem 19. Jahrhundert in vielen jüdischen Haushalten zu finden. Abgeleitet vom hebräischen Wort „Seder“ (= Ordnung), wird ein Gebetbuch „Siddur“ (Plural „Siddurim“) genannt. Siddurim halten die Anordnung der Gebete fest, die im privaten oder gemeinschaftlichen Gebet, wochentags wie auch am Schabbat, gesprochen werden. Sie enthalten das Morgen-, Nachmittags- und Abendgebet mit den wichtigen Hauptgebeten wie „Schma Israel“ (Höre Israel) oder „Schmone Esre“ (Achtzehnbittengebet) sowie Segenssprüche und Psalmen.

Das „Schma Israel“ ist auf dem Fund in Ausschnitten sichtbar. Auf dem ersten Fragment (Foto_2) kann man folgende Wörter auf Deutsch lesen: „Meine Worte in…Zeichen über…auf eurem Haupte… wenn du…stehst… wenn du…schreibe sie…“. Es handelt sich dabei um einen biblischen Text (5. Buch Mose 6, 4-9). Werktags wird das „Schma Israel“ morgens und abends rezitiert und am Schabbat zum Abendgebet. Es wird auch als jüdisches Glaubensbekenntnis bezeichnet. Oberhalb des deutschen Textes ist in hebräischen Buchstaben ein Teil des Psalms 29 und unterhalb ein Teil des Psalms 95 zu erkennen.

Auf dem zweiten Fragment (Foto_3) lassen sich Worte aus Psalm 80, Vers 2 entziffern: „Der du Joseph gleich einer...thronst, erscheine, Ewiger...Jakob bestehen“. Diese Zeilen gehören zum „Ne‘ila“-Gebet, dem Abschlussgebet am Versöhnungstag Jom Kippur, in der spezifischen Form, in der es im Rödelheimer „Machsor“ wiedergegeben ist. Der „Machsor“ (= hebr. Kreislauf) ist vom „Siddur“ zu unterscheiden. Im Machsor sind die Gebete für die Festtage im jüdischen Jahreszyklus enthalten.

Die Fragmente sind als Fund des Monats Dezember bis Monatsende im Foyer des LVR-LandesMuseums Bonn ausgestellt.

Landschaftsverband Rheinland

Die 13 kreisfreien Städte und die zwölf Kreise im Rheinland sowie die StädteRegion Aachen sind die Mitgliedskörperschaften des LVR. In der Landschaftsversammlung Rheinland gestalten gewählte Mitglieder aus den rheinischen Kommunen die Arbeit des Verbandes.

Der Landschaftsverband Rheinland (LVR) arbeitet als Kommunalverband mit rund 20.000 Beschäftigten für die 9,7 Millionen Menschen im Rheinland. Mit seinen 41 Schulen, zehn Kliniken, 20 Museen und Kultureinrichtungen, vier Jugendhilfeeinrichtungen, dem Landesjugendamt sowie dem Verbund Heilpädagogischer Hilfen erfüllt er Aufgaben, die rheinlandweit wahrgenommen werden. Der LVR ist Deutschlands größter Leistungsträger für Menschen mit Behinderungen und engagiert sich für Inklusion in allen Lebensbereichen. "Qualität für Menschen" ist sein Leitgedanke.

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