Call for papers: Enttäuschung im 20. Jahrhundert

Workshop am 2./3. Dezember 2011 im IfZ in München

(lifePR) ( München, )
Das 20. Jahrhundert war geprägt von hochfliegenden Erwartungen und großen Hoffnungen, aber auch vielfältigen Enttäuschungen. Nicht nur in den dramatischen Zäsuren der europäischen Geschichte wie 1914, 1945, 1968 und 1989 waren Enttäuschungen allgegenwärtig, sondern auch in der Geschichte sozialer Bewegungen und postkolonialer Aufbrüche, in den (Zukunfts-)Planungen der Experten und den Versprechungen der Massenkultur. Tatsächlich bildet sich im Begriff der Enttäuschung geradezu eine Schlüsselerfahrung der Moderne ab. Ziel des Workshops ist es daher, individuelle und kollektive Erfahrungen von Enttäuschung, ihre Wirkung und ggf. Bewältigung mittels eines systematischen zeithistorischen Zugriffs exemplarisch zu untersuchen. In den Blick genommen wird damit zunächst ein Quellenbegriff, nach dessen Häufigkeit, Signifikanz und Kontext jeweils konkret zu fragen ist. Zugleich eröffnet ein analytischer Begriff von Enttäuschung, der diese als eigenständige Kategorie historischer Erfahrung etabliert, innovative Zugänge zur Analyse politischer, sozio-kultureller, kommunikativer und emotiver Dissonanzen in modernen Massengesellschaften.

Das Spektrum von Einstellungen und Verhaltensweisen, die aus der Erfahrung von Enttäuschung resultieren können, ist breit: Es reicht vom rational verarbeiteten Utopieverlust und den entsprechenden Lernprozessen über Ernüchterung, Resignation und Apathie bis zu Frustration, Wut und Auflehnung. Subjektive Enttäuschungen können eine mehr oder minder komplette Verweigerung begründen oder auch zur Radikalisierung beitragen. Besonders bedeutsam ist demgegenüber aber die Anpassungsleistung und Bewältigung von Enttäuschung, also die Bereitschaft zur Neuverhandlung politisch-kultureller Prioritäten und sozialer Beziehungen. Solchen Prozessen wird der Workshop in drei Panels nachgehen:

1. Neuanfänge und Enttäuschungen: Wenn Zeitgenossen ihre historische Situation bzw. die von ihnen erlebten Ereigniskomplexe als Neuanfänge oder sogar Umbrüche begreifen, werden regelmäßig weitreichende Erwartungshorizonte eröffnet. Insbesondere die großen politischen Zäsuren der europäischen Geschichte im 20. Jahrhundert (1918/19, 1945, z. T. auch 1968 und 1989/90) waren stets begleitet von hochfliegenden Hoffnungen auf eine künftige demokratische und soziale Ordnung, denen individuelle und kollektive Enttäuschungen auf dem Fuße folgten. Solche Enttäuschungen waren in dem Maße unvermeidlich, in dem sich gehegte Erwartungen nicht an die faktische Komplexität demokratischer Politik adaptieren konnten oder wollten. Ein anderer hier thematisierter Bereich betrifft die Zäsuren und Neuanfänge, die aus der Entkolonialisierung erwuchsen und damit den Boden bereiteten für postkoloniale Enttäuschungen. In Form komplexer inter- und transnationaler Prozesse wechselten sich in den meisten ehemaligen Kolonien Phasen der Aufbruchsstimmung und der Enttäuschung ab. Die politische Unabhängigkeit evozierte im Sinne eines Neuanfangs Erwartungen kultureller Identität, wirtschaftlicher Prosperität und politischer Selbstbestimmung. Entsprechende Hoffnungen mündeten in den 1970er Jahren zunächst in wirtschaftlicher, seit der tiefen Zäsur der 1980er Jahre auch in politischer Hinsicht (Etablierung der Militärregime) in eine nachhaltige Enttäuschungsdynamik. Auch ohne größere politikgeschichtliche Umbrüche stellt sich angesichts aktuell brennender Probleme wie "Politikverdrossenheit" und "Populismus" die Frage neu, welche Formen kollektiver Enttäuschung in modernen Demokratien existieren und welche Bedeutung ihnen zukommt. Dahinter stehen wichtige und aktuelle demokratiehistorische und -theoretische Fragen: Wie beeinflussen Enttäuschungspotentiale die demokratischen Willensbildungsprozesse? Welches Maß an faktisch wohl unvermeidlicher Enttäuschung halten moderne Demokratien aus und unter welchen Umständen? Welche Vorkehrungen treffen demokratisch gewählte Politiker, um Enttäuschungen zu vermeiden oder zumindest in ihrer Wirkung zu begrenzen? Wie gehen demokratische Regierungen mit der Veränderung der Zeithorizonte infolge politischer Enttäuschungen um? Welche präventiven Strategien werden entwickelt?

2. (Planungs-)Wissen und Enttäuschung: Häufig resultierten Enttäuschungen aus nicht eingelösten Planungserwartungen. Jenseits der politischen Zäsuren und Neuanfänge prägte im 20. Jahrhundert die zunehmende Verwissenschaftlichung des Sozialen und Politischen die westliche Welt. Sie gebar zahllose konkrete Versuche, die Zukunft verlässlich zu prognostizieren und ihre Gestaltung rational zu planen. Seit dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts ist das Vertrauen in die Steuerungskompetenzen der Politik deutlich gesunken, ja es hat geradezu eine "Entzauberung der Politik" stattgefunden [Steinmetz 2007, 10]. Dies gilt auch für postkoloniale Enttäuschungen, nachdem der modernisierungstheoretisch untermauerte Fortschrittsoptimismus, der die Entwicklung der "Dritten Welt" letztlich auf das (Hoffnungs-)Modell der industrialisierten Ersten Welt verpflichtete, in den 1970er Jahren an sein Ende gelangt war. Und geht man davon aus, dass Zukunftsprognose und Planungspostulat spezifische Formen der Komplexitätsreduktion sind, so lässt sich die Enttäuschung aufgrund nicht vorhersehbarer Entwicklungen gleichsam als Rückkehr gesellschaftlicher Komplexität und Kontingenz begreifen. Zu analysieren sind in diesem Zusammenhang die Wirkungen und Folgen solcher Enttäuschungen. Wieweit legten sich Experten, wissenschaftliche Eliten und ihre Netzwerke über die begrenzte Reichweite oder sogar Untauglichkeit ihrer Modelle Rechenschaft ab? Reflektierten sie ihre theoretischen Prämissen und empirischen Befunde? Welche Konsequenzen hatte die Erfahrung von Enttäuschung für die internationale Zusammenarbeit und die Funktionsfähigkeit transnationaler (Experten-)Öffentlichkeit? Setzten partieller Utopieverlust und Lernprozesse methodische Neuorientierungen und konkrete Neuverhandlungen innerhalb der Wissenskulturen, aber z. B. auch mit politischen Partnern in Gang? In welchem Maße führten Enttäuschungen zur Desillusionierung, zur Verweigerung und infolgedessen zum Abbruch von Kommunikation?

3. Enttäuschungen in der Populärkultur: Schließlich gehört es zu den Besonderheiten der modernen Konsum- und Populärkultur sowie ihrer Funktionslogik, dass sie neue Enttäuschungspotentiale freisetzt. So führte erstens der Siegeszug der amerikanischen Konsumkultur zu Enttäuschungen über die kulturelle Entwicklung der Demokratie. Eine demokratische, zugleich aber massenkulturell fundierte Ordnung erschien aus dieser Sicht als (kapitalistischer) Irrweg, der entweder zur habituellen Verweigerung oder zur Neuverhandlung eigener Positionen zwang. Zweitens stehen die Versprechungen der Konsumkultur selbst im Mittelpunkt. Im Zuge einer kontinuierlichen Bedürfnisentgrenzung öffneten sich stets auch neue Erwartungshorizonte. Dem lag ein medialer, sich kontinuierlich verdichtender Kommunikationsprozess zwischen Anbietern und Konsumenten zugrunde. Und in dem Maße, in dem zuvor gegebene Konsumversprechen bzw. aufblühende Konsumhoffnungen nicht oder nur unvollständig erfüllt wurden, entstand ein materiell grundiertes Muster von Enttäuschungen. Eine dritte, bislang von der Geschichtswissenschaft noch kaum erprobte Forschungsperspektive betrifft die Binnenwelt der Popkultur und hier vor allem das Verhältnis und die Kommunikation zwischen den "Stars" und ihren "Fans". Als Ikonen der Moderne und medial vermittelte Projektionsflächen des jeweils geltenden "Systems der Bedürfnisse" ziehen die Stars der modernen Popkultur besondere Erwartungen auf sich. Diesen zu entsprechen und Enttäuschungen ihrer "Fans" zu vermeiden, gehört gleichsam zu ihren öffentlichen Pflichten, denen sie nicht erst in jüngster Zeit durch individualisierte mediale Strategien und Techniken (Glamourfotografie, Starpostkarten; Internet, persönliche Homepages etc.) nachkommen. Entsprechende Kommunikationsprozesse und Erwartungen auf der einen und medial verstärkte Enttäuschungen auf der anderen Seite lassen sich in vielen Bereichen, etwa im Sport, in der Popmusik, aber auch in Film und Fernsehen verfolgen.

Eingeladen sind Historikerinneren und Historiker, aber auch Vertreterinnen und Vertreter von Nachbardisziplinen wie Politikwissenschaft, Soziologie oder Kommunikationswissenschaft. Der Workshop ist ausdrücklich offen für Absolventinnen und Absolventen, die sich mit Blick auf eine künftige Forschungsarbeit für die genannten Themenkreise interessieren. Arbeitssprachen sind Deutsch und Englisch; Reise- und Übernachtungskosten werden für Referenten übernommen. Eine englische Fassung finden Sie im Anhang.

Die Kurzzusammenfassungen der Beitragsvorschläge sollen 500 Wörter nicht überschreiten; Einreichungsfrist ist der 29.7.2011. Bitte richten Sie Ihren Vorschlag als pdf- oder Word-Datei an gotto@ifz-muenchen.de.
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