Montag, 18. Dezember 2017


  • Pressemitteilung BoxID 569215

Gemeinsame Stellungnahme der Medizinstudierenden im Hartmannbund und der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V.

Medizinstudierende appellieren an die Politik: Praktisches Jahr braucht eine grundlegende Reform

Berlin, (lifePR) - Die momentanen Entwicklungen im Rahmen der Erstellung des „Masterplan Medizinstudium 2020“ durch Bund und Länder und die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage zum Praktischen Jahr (PJ) nehmen die Medizinstudierenden im Hartmannbund und die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd e.V.) zum Anlass zu einem „Weckruf an die Politik“. In der aktuellen Debatte sehen die Studierenden die große Gefahr einer unsachgemäßen zu starken Fokussierung auf Einzelaspekte des PJ, während die längst überfälligen Verbesserungen der Arbeits- und Lernbedingungen während des gesamten PJ nicht genügend Aufmerksamkeit erhalten. Hartmannbund-Studierende und bvmd sind sich einig:

Die Reform des PJ muss sich in einer Änderung der ärztlichen Approbationsordnung niederschlagen und es müssen endlich


eine faire Regelung der Fehltage,
eine angemessene und bundesweit einheitliche Aufwandsentschädigung
sowie klare Regelungen der Lehr- und Lernzeiten


eingeführt werden.

Dass die Studierenden klare Forderungen haben, zeigen die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage, die vom Projekt “Praktisches Jahr” der bvmd in Kooperation mit dem Hartmannbund im Herbst 2015 durchgeführt wurde. Abgefragt wurden vor allem die Wünsche der Studierenden in Bezug auf die Arbeits- und Lernbedingungen sowie der Status Quo im PJ. Insgesamt nahmen über 7000 Studierende aus allen Fakultäten Deutschlands sowie bereits approbierte Ärztinnen und Ärzte an der Umfrage teil.

Fehltage: Die Regelung der Fehltage in der ärztlichen Approbationsordnung bestimmt aktuell 30 Fehltage im gesamten PJ und differenziert dabei nicht zwischen Urlaub und krankheitsbedingten Fehltagen. Dabei haben auch Studierende das Recht der angemessenen Erholung vom anstrengenden Arbeitsalltag und, unabhängig davon, das allgemeine Recht, im Krankheitsfall zu gesunden. Die geltende Regelung zwingt die Studierenden jedoch dazu, im Falle einer belastenden Krankheit entweder auf Erholungszeit zu verzichten oder erkrankt am Ausbildungsort zu erscheinen. Letzteres gefährdet nicht nur ihre eigene Gesundheit, sondern stellt auch eine Ansteckungsgefahr für die Patienten dar. Die Unzufriedenheit der Studierenden mit der Fehltageregelung wird in der Umfrage deutlich: In dieser haben sich 76 Prozent der Befragten gegen die momentane Handhabung der Fehlzeiten ausgesprochen. Ohnehin wurde die Regelung bei 54 Prozent der betroffenen Befragten nur inkonsequent durchgesetzt. Fazit: Krankheitsbedingtes Fernbleiben vom Ausbildungsplatz darf nicht auf das Fehltage-Kontingent angerechnet werden.

PJ-Aufwandsentschädigung: Im PJ sind die Studierenden 48 Wochen ganztägig auf Station tätig und umfassend in den Stationsalltag integriert, was einer 40-stündigen Arbeitswoche entspricht. Die ärztliche Approbationsordnung erlaubt hierfür die Zahlung einer Aufwandsentschädigung bis zum BAföG-Höchstsatz von derzeit 597 Euro monatlich, allerdings ist kein einheitlicher Mindestsatz festgelegt.

Die Umfrage hat ergeben, dass Studierende im PJ derzeit weder angemessen noch bundesweit einheitlich entschädigt werden: Ein Drittel der Umfrage-Teilnehmer hat angegeben, entweder keine Aufwandsentschädigung oder eine Entschädigung unter 400 Euro monatlich zu erhalten. Für angemessen halten jedoch knapp zwei Drittel der Befragten einen Betrag zwischen 500 und 900 Euro monatlich.

Diese Ergebnisse bestätigen auch die der PJ-Umfrage des Hartmannbundes aus dem Jahr 2014 (Quelle: http://www.hartmannbund.de/studierende/was-wir-tun/aktionen-erfolge/pj-aufwandsentschaedigung/).

Als Resultat dieser Disparität befinden sich viele Studierende im letzten Jahr ihrer Ausbildung in einer prekären finanziellen Lage. In der aktuellen Umfrage gaben 74 Prozent der PJ-Studierenden an, im PJ besondere finanzielle Maßnahmen in Anspruch nehmen zu müssen, beispielsweise verstärkte familiäre Unterstützung, das Zurückgreifen auf Erspartes oder einen Studienkredit.

Daher sprechen sich die bvmd und die Medizinstudierenden im Hartmannbund mit Nachdruck für die Einführung einer bundesweit einheitlichen Aufwandsentschädigung im PJ gemäß des BAföG-Höchstsatzes nach § 13 aus.

Lehre: Im Gegensatz zu den formalen Aspekten des PJ, die in aller Ausführlichkeit in der ärztlichen Approbationsordnung geregelt sind, gibt es keine bindende Regelung bezüglich der Lehre in diesem letzten Ausbildungsabschnitt. Infolgedessen sind die Lehr- und Lernzeiten im PJ bundesweit sehr unterschiedlich umgesetzt. Insgesamt erhalten laut Umfrage 60 Prozent der Befragten zwei Stunden PJ-Unterricht oder weniger pro Woche. Dabei wünschen sich 91 Prozent der Studierenden mehr als zwei Stunden Unterrichtszeit pro Woche, ein gutes Drittel favorisiert sogar bis zu acht Stunden. Dieselbe Situation zeigt sich mit der zur Verfügung stehenden Zeit zum Eigenstudium im PJ. Eigentlich dazu da, selbstständig Lerninhalte zu rekapitulieren und sich der vertiefenden Beschäftigung mit Krankheitsfällen zu widmen, verfügen aktuell über die Hälfte der Studierenden über keinerlei Zeit zum Eigenstudium im PJ. Dabei wünschen sich 78 Prozent der Teilnehmer bis zu acht Stunden oder mehr Eigenstudium pro Woche.24 Prozent der Befragten gaben an, dass sich Ärztinnen und Ärzte im Krankenhausbetrieb vier Stunden Zeit pro Woche für die Studierenden nehmen. Für 47 Prozent werde sich zwei Stunden pro Woche Zeit genommen, in 14 Prozent der Fälle nähmen sich die Ärztinnen und Ärzte gar keine Zeit.

Den Studierenden soll im PJ ein Fünftel der wöchentlichen Ausbildungszeit zum freien Eigenstudium zur Verfügung stehen. Darüber hinaus fordern die bvmd und die Medizinstudierenden im Hartmannbund ein Mindestmaß an strukturiertem Unterricht im PJ von mindestens vier Stunden pro Woche.

Zusammengefasst: Im letzten Abschnitt der ärztlichen Ausbildung sollen die Studierenden lernen, im Stationsalltag zurechtzukommen, praktische Fertigkeiten zu meistern und klinisches Denken einzuüben, um nach dem Examen gut vorbereitet an der ärztlichen Versorgung der Bevölkerung mitwirken zu können. Aus Sicht der Studierenden wird das PJ diesen Erwartungen derzeit nicht gerecht: Die überragende Mehrheit der Studierenden (83 Prozent) ist derart unzufrieden mit den Rahmenbedingungen des PJ, dass sie bereit wären, für eine Verbesserung der Arbeits- und Lernbedingungen im PJ zu protestieren. Dies verdeutlicht, wie gravierend die derzeitigen Missstände sind und wie dringend eine grundsätzliche PJ-Reform benötigt wird.

Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd e.V.) ist der Zusammenschluss der studentischen Vertretungen an 38 medizinischen Fakultäten in Deutschland und vertritt über 85.000 Medizinstudierende in Deutschland. Die Arbeit ist ehrenamtlich und der Verein ist als gemeinnützig anerkannt.

 

Hartmannbund - Verband der Ärzte Deutschlands e.V.

Der Hartmannbund - Verband der Ärzte Deutschlands e.V. setzt sich seit mehr als einhundert Jahren erfolgreich für die Interessen von Ärzten und die ärztliche Ausbildung in Deutschland ein. Aktuell hat der Hartmannbund mehr als 25.000 Medizinstudierende in seinen Reihen, denen vor Ort an den Medizinischen Fakultäten studentische Vertreter - die Univertreter des Hartmannbundes - als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Aktuell engagieren sich bundesweit mehr als 70 Univertreter an fast allen Medizinischen Fakultäten.



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