Dirty Minimal. Oder warum Kunst radikal sein muss

Erinna König in der Skulpturenhalle der Thomas Schütte Stiftung, Neuss

(lifePR) ( Düsseldorf, )
Die Dramaturgie zur Ausstellung ist perfekt. Die Eröffnung fiel auf den 19. April, ein Sonntag mitten in der Corona-Krise. Fünf Vertraute waren in die Skulpturenhalle nach Neuss-Holzheim gekommen. Zu besichtigen, ein Lebenswerk. Die erste Einzelausstellung von Erinna König seit 18 Jahren. Die Wiederentdeckung einer der wichtigsten zeitgenössischen Künstlerinnen. Ausgerechnet in diesem Tagen der Corona-Pandemie, der kollektiven Quarantäne, ausgerechnet in Schüttes-Skulpturenhalle. Wo König sonst als Künstlerin gilt, die Fragen nach der Aktualität der Malerei stellt, ob sie ein Bild dieser Welt noch zeigen kann. Ausgerechnet jetzt gewinnt das Werk dieser unbekannten Bekannten, oder vielmehr bekannten Unbekannte (geb.1947 in Warstein) eine erschütternde Aktualität.

Wie könnten wir anders als diesen weit geschwungenen Raum betreten und die Luft anhalten! Durch die Ausbreitung von Sars-CoV-2 sterben die Menschen ringsum. Der Coronavirus hinterlässt seine Spuren. Das öffentliche Leben steht wochenlang still. Eine nie dagewesene Rezession wird unvermeidbar, die Folgen keineswegs abschätzbar.

Das Unkontrollierbare erscheint monströs. Entfesselte Kettenreaktionen, Zunahme politischer und kriegerischer Konflikte, Big Data, Massenüberwachung, unvorhersehbare Wechselwirkungen von Chemikalien, Artensterben, steigende Umweltverschmutzung, Klimachaos – das alle führte uns schon vor Corona vor Augen, dass die Welt, in der wir leben (möchten) nicht in Ordnung ist.

Die Frage ist, wie gelange ich zu Dingen, die ich noch nicht kenne und zu Erfahrungen, die aus Räumen kommen, die dich nicht kontrollieren. Der Kunst fällt hier eine besondere Aufgabe zu, weil sie außerhalb der Sprache arbeitet; sie wird unentbehrlich, um neues Bewusstsein zum Überleben in der gegenwärtigen Welt zu schaffen. Erinna Königs Dirty Minimal öffnet hier eine radikale Beobachtung, einen neuen Weg der Selbstbeobachtung und des kontrollierten Handelns, in dem zwischen dem Kontrollierbaren (Minimal) und dem Nicht-Kontrollierbaren (Dirt) differenziert wird.

Was wir sehen, geht über das, was wir erwarteten, was vorstellbar ist, hinaus. Es ist überaus erstaunlich und sogar unfassbar. Was sehen wir? Bilder, Plastiken, Objekte, Assemblagen, Installationen. Alles das, doch laufen die Begriffe ins Leere. Der systematische Einbezug des Dirt (einer unbewussten Formungskraft wie Zufall, Gott oder Dreck) als Ordnung, die aus einem anderen Raum als das Denken kommt, verweist auf einen jenseits des Denkens liegenden größeren Zusammenhang. In den hier zu sehenden Werken aus über 50 Jahren künstlerischen Schaffens – von “Ohne Titel (Spiegel)” von 1969 bis „Nacht“ aus diesem Jahr – ist ein Formwille zu entdecken, der die Schönheit als eine Brücke zu einem Raum jenseits der Logik hin zu einem größeren Raum der Realität nutzt. Wie Form und Schönheit sich nicht verloren geben, öffnen sie eine erweiterte Erkenntnis. Hoffnung?

Wie wichtig solche autonome, formbewusste Kunst ist, zeigt sich darin, dass unser Denken nicht adäquat auf unvorhergesehene Situationen und Krisen reagieren kann – es bemerkt noch nicht einmal, dass es diese selbst herbeigeführt hat. David Bohm, ein amerikanischer Quantenphysiker und Philosoph (1917 – 1992), hat das auf den Aphorismus gebracht: „Das Denken bewirkt etwas, sagt aber, ich wars nicht.“ (zit. nach Almut Linde Radical Beauty, Diss, Lüneburg 2016, Fundus Bücher 222).

Eine beunruhigende Ahnung scheint sich zu bestätigen: Dass die Instrumente, mit denen wir Krisen zu lösen versuchen, selbst die Ursachen dieser Krisen sind. „I´m saying the reason we don´t see the source of our problems is that the means by which we try to solve them are the source. (…) There are very great achievments in techonology, in culture and in various other ways. But there is another side to it which is leading to our destruction, and we have to look at that.“ (David Bohm).

In der gegenwärtigen Spaltung der Kunst zwischen autonomem Handeln und autonomer Form, also zwischen eher interventionistischen, partizipatorischen Kunstpraktiken, die gesellschaftliche Veränderungen zum Ziel haben und auf selbstreferientiellen Kunstwerken, die für sich stehen und jede inhaltliche oder politische Dimension zu negieren scheinen, bewegt sich Königs Werk auf der Kante. Aber stets mit einer Wahrnehmung von Schönheit im Handgepäck.

Ihr Zugang zur Realität ist von einer Schönheit als Ordnung geprägt. Was keineswegs einer subjektiven Einschätzung oder Empfindung entspringt, sondern einer Schönheit als Ausdruck eines dynamischen, sich entwickelnden Prozesses, der Ordnung, Struktur und harmonische Gesamtheiten einschließt.

Diese kohärente Schönheit verlockt uns wiederum zu radikalen Beobachtungen. So sehen wir etwa vertraute Gegenstände, Alltagsdinge, Fundsachen – Spieltischchen, Spiegel, Säulen, Sessel, Tische, Gerüstbretter, Holzregal, Gummireifen – in ihrer künstlerischen Übersetzung in ein Dasein zweiter Ordung. Poesie, Rätsel und Zauber sind immer im Spiel. So wird deutlich, dass das Kunstwerk eine Ansicht, eine Anschauungsweise und nicht etwa ein wahres Abbild der Realität ist, wie wir sie sprachlich erfassen.

Königs künstlerische Haltung im Umgang mit Material und Form weist darauf hin, dass Schönheit sowohl elementar für die künstlerische Arbeit als auch für die Betrachtung von Kunst ist. Königs Dirty Minimal schafft so eine Verbindung zu neuen Einsichten, mitunter auch in soziale, politische oder ökonomische Zusammenhänge. Wir sollen uns wundern: Der Kontext, mit dem wir uns ans Erkennen machen, bestimmt, was wir erkennen. Seit Marcel Duchamps wissen, wir, dass der Betrachter die Kunst macht, die er sieht. Und damit eine Verantwortung übernimmt, für das, was er sieht. Bedeutet, dass er unter Umständen sein Handeln ändern muss.

Erinna König – Namen, Wegmarken: ab 1969 Kunstakademie Düsseldorf, Bühnenkunst bei Teo Otto, Freie Grafik bei Dieter Roth, dann Beuysklasse (Meisterschülerin), später Filmklasse Ole John Povlsen. Philosophie, ostasiatische Kunstgeschichte in Bonn und Köln. Ausstellungstätigkeit ab den 70er Jahren: „Jetzt – Künste in Deutschland heute“ Kunsthalle Köln, 1976 “Mit neben gegen. Beuys und seine Schüler“ Kunstverein Frankfurt, 1979 „ Schlaglichter“ Rheinisches Landesmuseum Bonn, 1980 „Diazentrale-Ost“ Galerie Denise René Hans Mayer, Düsseldorf, 1984, 1990 „Das weiße und das schwarze Auge“ Galerie Erhard Klein, Bonn, 1991 „Brennpunkt II, die siebziger Jahre, Entwürfe“ Kunstmuseum Düsseldorf, 1992 „Mit Haut und Haaren“ Kunsthalle Düsseldorf, 1994 „Dagegen – dabei“, Produktion und Strategie in Kunstprojekten seit 1969, Kunstverein Hamburg, 1996/97 „Art is not enough“ Shedhalle Zürich, 2002 „Lax“, Galerie Erhard Klein, Bad Münstereifel, 2010 „Der Westen leuchtet“ Kunstmuseum Bonn.
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