Zuwanderungsdelle durch Corona in den Jahren 2020/2021

Lohndruck könnte in der Dekade ansteigen

(lifePR) ( Frankfurt am Main, )
Im Jahr 2020 zogen netto rund 220.000 Personen nach Deutschland. Besonders die Lockdown-Monate verhinderten eine stärkere Zuwanderung. Dies ist ein massiver Rückgang zu den Vorjahren, in denen mehr als 300.000 oder gar 400.000 Menschen zuzogen. Insbesondere die Zuwanderung von außerhalb der EU ist im Vergleich zum Vorjahr kräftig eingebrochen. Unter den Top 20 Herkunftsländern finden sich aktuell nur noch europäische und asiatische Länder. Auch innerhalb der EU war die Zuwanderung insgesamt geringer als in den Vorjahren.

Unter den EU-Herkunftsländern gab es sehr große Unterschiede. So legte die Zuwanderung aus UK, Spanien und Portugal gegenüber 2019 zu. Die Zuwanderung aus den beiden wichtigen Herkunftsländern Rumänien und Bulgarien blieb in Summe nahezu stabil bei netto 67.000 Personen. Aus den anderen großen europäischen Ländern war die Zuwanderung aber generell deutlich geringer als im Jahr 2019. Über alle EU-Länder hinweg fiel die Zuwanderung um 5%.

Der Zuzug aus Asien brach kräftig ein. Nach China, Japan und Korea war sogar eine Nettoabwanderung zu verzeichnen. Aus Indien blieb der Zuzug positiv; er fiel aber um fast 70%. Lediglich die Zuwanderung aus Afghanistan zog vermutlich aufgrund des geplanten Truppenabzugs der Alliierten kräftig an. Die sich dort anbahnende humanitäre Katastrophe könnte die Zuwanderung im Jahr 2021 kräftig anschieben.

Trotzdem dürfte es auch im Jahr 2021 eine Delle bei der Zuwanderung geben. Aufgrund der Corona-Restriktionen am Anfang des Jahres halbierte sich die Zuwanderung in den ersten Monaten im Vergleich zum Jahr 2019. Unsere Berechnungen legen nahe, dass der Zuzug im Jahr 2021 gegenüber 2020 nur leicht ansteigt.

Da die Corona-Krise den Wohnungsneubau kaum beeinträchtigt, dürfte der geringere Zuzug den Wohnungsmangel erneut wie im Jahr 2020 reduzieren. Für den Arbeitsmarkt, in dem in den letzten Monaten die Nachfrage nach Beschäftigten wieder kräftig zulegte, fehlen aber viele zehntausend Arbeits- und Fachkräfte. Die Zahl der Erwerbspersonen könnte aufgrund der hohen Zahl von absehbaren künftigen Renteneintritten durch die Corona-Krise bereits seinen Gipfel erreicht haben. Der somit weiter verstärkte Arbeits- und Fachkräftemangel könnte den Lohndruck über das gesamte Jahrzehnt erhöhen.

2020 und 2021: Geringere Zuwanderung durch Lockdowns

Im Jahr 2020 verzeichnete Deutschland die niedrigste Zuwanderung seit dem Jahr 2010. Netto sind rund 220.000 Menschen zugewandert. Das ist ein Minus von mehr als 30% gegenüber 2019. Das seit den 1970er Jahren negative natürliche Bevölkerungswachstum konnte durch den Zuzug gerade ausgeglichen werden. Die Einwohnerzahl blieb stabil bei rund 83,2 Mio. Im Jahr 2020 reduzierten wohl insbesondere die Grenzschließungen den Zuzug. So fielen die Zahlen im ersten Lockdown von März bis Juni 2020 kräftig, lagen in den anderen Monaten aber in etwa auf dem Niveau der Vorjahre. Auch die Lockdown-Monate im Jahr 2021 wirkten negativ. So war von Januar bis März netto ein Plus von rund 54.000 Personen zu verzeichnen, was im Vergleich zum Jahr 2019 fast eine Halbierung darstellt. Auch im April und Mai dürfte aufgrund der dritten Corona-Welle und des erneuten Lockdowns die Zuwanderung eher unterdurchschnittlich gewesen sein. Verläuft die Zuwanderung für den Rest des Jahres wie im Jahr 2019, werden im Jahr 2021 nur 230.000 Personen zuziehen. Damit bliebe die Einwohnerzahl wohl erneut konstant bei rund 83,2 Mio. Im Hinblick auf die Engpässe am Wohnungsmarkt ginge mit dieser Entwicklung eine weitere Coronabedingte Entlastung einher. Dem Arbeitsmarkt allerdings fehlen somit zehntausende von Arbeitskräften. Der aktuelle Aufschwung erhöhte die Zahl der offenen Stellen schon wieder kräftig. Im Tiefpunkt lag die Zahl der offe-nen Stellen im Juli 2020 bei rund 560.000. Im Juni 2021 war mit 683.000 fast das Vorkrisenniveau von rund 710.000 offenen Stellen erreicht.

2020: Zuwanderung innerhalb der EU fiel nur um rund 5%

Corona, die Lockdowns und die Grenzschließungen haben nicht nur den Zuzug insgesamt gebremst, sondern auch zu signifikanten Verschiebungen bei den Herkunftsregionen geführt. So fiel die Zuwanderung aus Europa um lediglich 18% gegenüber dem Jahr 2019, während sie aus Amerika, Asien und Afrika jeweils um rund 50% einbrach. Als Folge fiel Nigeria aus den Top 20 Herkunftsländern heraus. Von dort wanderten nur noch 272 Personen zu, während es in den Vorjahren stets mehrere tausend waren. Somit befinden sich im Jahr 2020 in den Top 20 nur noch europäische und asiatische Länder. Innerhalb Europas waren die Wanderungsströme in der EU (-5%) deutlich weniger rückläufig als der Zuzug von außerhalb der EU (-25%).

Osteuropa: Zuwanderung aus Rumänien und Bulgarien stabil

Rumänien und Bulgarien zählten wie in der vergangenen Dekade erneut zu den Hauptherkunftsländern. Insgesamt wanderten aus beiden Ländern im Jahr 2020 rund 67.000 Menschen ein und damit genauso viele wie im Vorjahr. Aus den Visegrad-Staaten (Polen, Slowakei, Tschechien und Ungarn) erhöhte sich die Zahl der Einwanderer nach dem kräftigen Einbruch im Vorjahr. So fiel die Nettozuwanderung von über 29.000 Personen im Jahr 2018 auf 2.500 im Jahr 2019 und erholte sich nun wieder etwas auf 7.200. In manchen Jahren betrug die Zuwanderung aus den Visegrad-Staaten sogar mehr als 100.000 Menschen. Der große Zustrom aus diesen Ländern könnte künftig ausbleiben. Insbesondere die relativ robuste wirtschaftliche Entwicklung und deutlich niedrigeren Arbeitslosenraten dürften diese Entwicklung erklären. Zudem könnten auch die politischen Reibereien mit der EU eine Rolle spielen. Die Ungarn nehmen diese Auseinandersetzung womöglich anders wahr als viele Westeuropäer. Im Jahr 2019 zogen netto 1.400 und im Jahr 2020 fast 700 Menschen nach Ungarn. Auch weitere Faktoren wie Standortvorteile für die Industrie, zum Teil ausgelöst durch die sehr ambitionierten deutschen Klimaziele, könnten die Visegrad-Staaten als Produktionsstandort weiter stärken und den Zuzug dämpfen.

Deutlich geringere Zuwanderung aus Südeuropa, Westbalkanstaaten und großen Nicht-EU-Ländern – Ausnahme: UK

Die Zuwanderung aus südeuropäischen EU-Ländern (Griechenland, Italien, Kroatien, Portugal, Slowenien, Spanien) fiel um rund 30% gegenüber dem Jahr 2019 auf rund 22.100 Personen, und dies obwohl die Zuwanderung aus Spanien und Portugal sich in Summe mehr als verdoppelte auf über 5.600 Personen. Die sehr hohen Inzidenzen und die Unterauslastung des Hotel- und Gastgewerbes, einer der wichtigsten Sektoren in beiden Ländern, könnten ursächlich sein. Möglicherweise folgten einige Angestellte den deutschen Touristen in die deutschen Urlaubsorte. Die Zuwanderung aus den Westbalkanstaaten (Albanien, Bosnien & Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien) brach ebenfalls um rund 30% auf rund 41.500 ein. Im November 2020 wurde die Westbalkanregelung, die andernfalls am Jahresende ausgelaufen wäre, bis Ende 2023 verlängert. Die neue Regelung sieht ein Jahreskontingent von lediglich 25.000 Zuwanderern vor, welches aber jährlich überprüft wird. Angesichts des aktuell wieder stark steigenden Arbeitskräftemangels wäre es keine Überraschung, wenn das Kontingent nach der Bundestagswahl zügig erhöht wird. Insbesondere der Bau und das Gastgewerbe dürften auf die Arbeitskräfte vom Westbalkan angewiesen sein. Die Zuwanderung aus Russland, Ukraine und der Türkei brach im Jahr 2020 besonders heftig um 60% auf rund 21.600 Personen ein. Die Nettozuwanderung aus UK verdoppelte sich dagegen nahezu von 2.300 auf 4.500, ein Allzeithoch. Ursächlich hierfür dürften wohl die teilweise sehr hohen Inzidenzen, aber vor allem auch der drohende Brexit gewesen sein. Mit dem vollzogenen UK-Austritt am 1. Januar 2021 aus der EU-Zollunion und dem Binnenmarkt dürfte sich der Zuzug künftig wieder normalisieren. Vom Jahr 2010 bis 2015 betrug die Zuwanderung durchschnittlich 2.360 Personen pro Jahr.

Asien: Sehr geringer Zuzug aus bevölkerungsreichen Ländern, teilweise sogar eine Nettoabwanderung

Wie außergewöhnlich das Jahr 2020 für die Wanderungsströme war, lässt sich auch an den Fortzügen nach China, Japan und Korea ablesen. Diese Länder wiesen in den Vorjahren stets einen positiven Zuzug auf. Im Corona-Jahr 2020 aber wanderten in diese drei Länder insgesamt fast 10.000 Menschen ab. Der Hauptmigrationsgrund aus diesen Ländern ist das Studieren. Trotz zunehmendem Online-Unterrichts dürfte die Zuwanderung aus diesen Ländern, zumindest nachdem die Geslleschaften sich an den Umgang mit Corona angepasst haben, wieder Fahrt aufnehmen. Einerseits sind einige Studienleistungen, trotz massiver Ausweitung des Online-Angebots, auch weiterhin vor Ort zu erbringen. Andererseits bleibt der interkulturelle Austausch, das Leben und auch Arbeiten im Ausland eine Bereicherung über das akademische Lernen hinaus.

Auch aus anderen Ländern war die Zuwanderung aus Asien verhalten. So war Indien mit rund 21.700 Personen nach Rumänien und Syrien im Jahr 2019 noch das drittwichtigste Herkunftsland. Im Jahr 2020 brach die Zuwanderung aber auf nur noch 7.800 Personen ein. Interessanterweise blieb Indien das Hauptherkunftsland für die Hauptstadt Berlin. Zudem war dort der Zuzug mit rund 2.000 Personen weniger stark eingebrochen als bundesweit (2019: rund 3.400). Die Startup-Kultur und viele Digitalunternehmen dürften hier ursächlich sein. Aber auch bundesweit dürfte die Zuwanderung aus Indien künftig kräftig an Bedeutung gewinnen. Indien ist nicht nur das einwohnerstärkste Land, sondern dank seines wettbewerbsfähigen IT-Sektors auch komplementär zu Deutschlands Bemühungen, seine digitale Infrastruktur auf Vordermann zu bringen und seinen Wissensrückstand aufzuholen. Entsprechend halten wir an unserer Einschätzung fest, dass Indien in den kommenden Jahren wieder zu einem wichtigeren, wenn nicht sogar dem Hauptherkunftsland wird.

Die Nettozuwanderung aus Syrien ging ebenfalls zurück und fiel mit 22.100 Personen auf den niedrigsten Wert seit dem Jahr 2013. Vor dem Beginn des Bürgerkriegs im Jahr 2011 lag der Nettozuzug bei nur wenigen hundert Personen pro Jahr. Afghanistan war das einzige asiatische Land mit einer steigenden Zuwanderungszahl. Dort dürfte der drohende Truppenabzug der Alliierten das Plus von mehr als 40% auf 8.400 Personen erklären. Angesichts der sich anbahnenden humanitären Katastrophe könnte Afghanistan wieder ein höheres Zuwanderungspotenzial aufweisen. In den Jahren 2015 und 2016 wanderten insgesamt netto rund 135.600 Menschen aus Afghanistan nach Deutschland.

Ausblick auf die Dekade: Kräftige Zuwanderung dürfte die Einwohnerzahl weiter erhöhen

Im Anschluss an die Corona-Krise erwarten wir wieder eine kräftigere Zuwanderung. Insbesondere der Zuzug von außerhalb der EU sowohl von den Westbalkanstaaten, den bevölkerungsreichen Ländern (Russland, Türkei, Ukraine) und ebenfalls aus Asien dürfte kräftig anziehen. Insbesondere Indien dürfte wie oben beschrieben an Bedeutung gewinnen. Dazu dürfte auch das im März 2020 verabschiedete Fachkräfteeinwanderungsgesetz beitragen, wodurch der Zuzug von Arbeitskräften auch jenseits der Engpassberufe erlaubt wurde. Zudem fiel mit der Einführung des Gesetzes die Vorrangprüfung gegenüber EU-Bürgern weg.

Auf der Basis der Projektionen des Statistischen Bundesamtes mit hoher Nettozuwanderung von 311.000 Personen pro Jahr steigt die Bevölkerung bis Anfang der 2030er Jahre auf über 84 Mio. Einwohner an und sinkt erst anschließend langsam ab. Die Wohnungsnachfrage dürfte also weiter zulegen. Die Zahl der Erwerbspersonen nimmt aber selbst bei dieser hohen Nettozuwanderung nach der Berechnung des Statistischen Bundesamtes, die die Corona-Krise noch nicht berückischtigt, nur noch marginal bis etwa Mitte des Jahrzehntes zu und im Anschluss stetig ab. Aufgrund der Coronabedingten Zuwanderungsdelle in den Jahren 2020 und 2021 dürfte der Gipfel der Zahl der Erwerbspersonen bereits hinter uns liegen. Damit wird der Arbeitskräfte- und Fachkräftemangel ein sehr prägendes Merkmal der aktuellen Dekade werden. Die Verhandlungsposition vieler Arbeitnehmer könnte sich deutlich verbessern und das Lohnwachstum könnte kräftiger ausfallen als in der vergangenen Dekade, in der die Tariflöhne durchschnittlich um rund 2,4% pro Jahr zulegten.

 

 

 
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