Mittwoch, 22. November 2017


  • Pressemitteilung BoxID 456977

"Mobilisieren statt fixieren"

Tagung zum Thema Demenz in der Praxis von rechtlichen Betreuern

Berlin, (lifePR) - Geschätzte 240.000 bis 400.000 freiheits­entziehende Maßnahmen (FEM) werden jährlich von deutschen Betreuungsgerichten genehmigt. Hinter dieser Zahl verbergen sich Menschen, die über Stunden mit Gurten in ihrem Bett oder an den Stuhl gefesselt sind oder durch ein Bettgitter in ihrer Freiheit eingeschränkt werden - zumeist aus Sorge, dass sie nicht fallen oder sich anderweitig gefährden. Sowohl für Angehörige als auch für rechtliche Betreuer gehören Entscheidungen über die Anwendung von freiheits­entziehenden Maßnahmen zu den schwierigsten Fragen, die sie zum Wohl von Demenzkranken entscheiden müssen. Vor diesem Hintergrund kamen am 18. November in Kassel rund 80 ehren- und hauptamtliche Betreuer sowie Angehörige und Aktive aus den Alzheimer-Gesellschaften auf Einladung der Deutschen Alzheimer Gesellschaft und des Bundesverbandes der Berufsbetreuer zusammen, um sich über diese und andere schwierige Entscheidungen zum Wohle der demenzkran!

ken Betreuten auszutauschen. Die Frage­stel­lungen wurden von den Referenten sowohl aus medizinischer als auch rechtlicher Perspektive beleuchtet.

Dr. Wilhelm Stuhlmann, der als Psychiater über die unter­schiedlichen Behandlungssituationen referierte, betonte besonders die Schwierigkeiten, die bei der Gabe von Psychopharmaka bestünden. Hier seien immer der Nutzen und der mögliche Schaden für demenzkranke Patienten gegeneinander abzuwägen. Auch für Richter sei es eine große Herausforderung, wenn sie etwa am Lebensende eines Demenzkranken über das Legen einer Magensonde oder andere Behandlungsvorschläge entscheiden müssten. Dr. Sebastian Kirsch, Richter am Amtsgericht Garmisch-Patenkirchen plädierte angesichts von Studien, die weder eine Lebensverlängerung durch das Legen einer Magensonde noch die Reduktion von Stürzen durch Fixierungen nachweisen konnten, für ein "Wiederentdecken des liebevollen Unterlassens".

Der Nachmittag der Tagung war dem Thema der freiheitsentziehenden Maßnahmen vorbehalten. Dr. Sebastian Kirsch stellte dabei die bayerische Initiative "Werdenfelser Weg" (WW) vor. Dieser verteilt Entscheidungen über FEM auf mehrere Schultern. Das gemeinsame Ziel aller Beteiligten an einem Verfahren zur rechtlichen Genehmigung einer FEM - Betreuungsgericht, Betreuer, Betreuungsbehörde, Verfahrenspfleger - ist dabei soweit wie möglich auf FEM zu verzichten. Speziell ausgebildete Verfahrenspfleger aus pflegerischen Berufen stehen bei der Entscheidungsfindung und Suche nach Alternativen den Pflegekräften beratend zur Seite. In den Amtsgerichtsbezirken in denen der WW umgesetzt wird, konnte beobachtet werden, dass die Zahlen von FEM merklich abnahmen. Madeleine Viol vom Projekt "Redufix" der Evangelischen Hochschule Freiburg konnte berichten, dass auch durch Schulungen in Heimen, die im Rahmen dieses Projekts durchgeführt wurden, nachweislich Fixierungen, medikamentöse Ruhigstellung und andere Maßnahmen zurückgingen. "Mobilisieren statt fixieren" lautet ihr Credo.

In der anschließenden Diskussion forderte Sabine Jansen von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft: "Wir müssen dafür sorgen, dass diese Ansätze multipliziert werden, um die Vision einer Pflegelandschaft ohne freiheitsentziehende Maßnahmen wahr werden zu lassen". Burkard Peglow vom Bundesverband der Berufsbetreuer zog für seinen Berufsalltag das Fazit: "Die Vorträge haben aufgezeigt, dass mit einer rechtlichen Betreuung für Menschen mit einer Alzheimer-Erkrankung eine umfangreiche Verantwortung übertragen wird. Diese wird aber in den vom Gesetz­geber vorgesehenen Zeitpauschalen für Berufs­be­treuer nicht angemessen berücksichtigt. Hier ist die Politik dringend gefordert Abhilfe zu schaffen".

Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V.

Heute leben in Deutschland etwa 1,4 Millionen Menschen mit Demenzerkrankungen. Ungefähr 60% davon leiden an einer Demenz vom Typ Alzheimer. Ihre Zahl wird bis 2050 auf 3 Millionen steigen, sofern kein Durchbruch in der Therapie gelingt.

Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. Selbsthilfe Demenz ist ein gemeinnütziger Verein. Als Bundesverband von derzeit 135 Alzheimer-Gesellschaften, Angehörigen­gruppen und Landesverbänden vertritt sie die Interessen von Demenzkranken und ihren Familien. Sie nimmt zentrale Aufgaben wahr, gibt zahlreiche Broschüren heraus, organisiert Tagungen und Kongresse und unterhält das bundesweite Alzheimer-Telefon mit der Service-Nummer 01803 - 171017 (9 Cent pro Minute aus dem deutschen Festnetz) oder 030 - 259 37 95-14 (Festnetztarif).

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