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Pressemitteilung BoxID: 207933 (Bundesverband der Agrargewerblichen Wirtschaft e.V.)
  • Bundesverband der Agrargewerblichen Wirtschaft e.V.
  • Invalidenstraße 34
  • 10115 Berlin
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  • Ansprechpartner
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Rückblick auf das Jahr 2010 und Perspektiven für 2011 - Stimmungsbild des privaten Erfassungshandels

Interview mit Bruno Fehse, Präsident des Bundesverbandes der Agrargewerblichen Wirtschaft e.V. (BVA)

(lifePR) (Bonn, ) Herr Fehse, die Marktentwicklungen auf den Märkten für Getreide und Ölsaaten brachten für die Erzeuger und die aufnehmende Hand große Turbulenzen mit sich. Welche Gründe gab es hierfür?

Auch die erfahrenen Marktakteure, Praktiker und Händler haben diese Entwicklung nicht vorausgesehen. Es sind doch mehrere Faktoren, die hier eine Rolle spielten. Die Witterungsverhältnisse in diesem Jahr in weiten Teilen der EU und darüber hinaus waren schwierig. Erst setzte die anhaltende Trockenheit den Kulturen zu, der anschließende Regen in der Ernte führte zu weiteren Mengen- und Qualitätsverlusten. Der rasante Anstieg der Preise wurde durch den Exportstopp von Russland, und den Exporteinschränkungen von der Ukraine und Kasachstan beschleunigt. Russland als inzwischen zweitgrößter Getreideexporteur hat sich praktisch über Nacht voraussichtlich auch für den Rest des Wirtschaftsjahres vom Markt verabschiedet. Diese Eingriffe haben den internationalen Markt auch psychologisch beeinflusst.

Die Politik will Einfluss auf die Warenterminmärkte nehmen. Wie ist hier Ihre Position?

Alle Marktbeteiligten sind froh darüber, dass die Entwicklung der Märkte sich anhand von Angebot und Nachfrage frei entwickeln kann. Die Politik sollte sich angesichts der negativen Erfahrungen aus der Vergangenheit aus dem Marktgeschehen heraushalten. Es sind inzwischen mehrere Fachgespräche mit Fachleuten aus Handel und Verarbeitung mit den Politikern geführt worden. Auch Bundesministerin Ilse Aigner hat sich über das Thema umfassend informieren lassen, was wir sehr begrüßt haben. Was konkrete Diskussionspunkte betrifft, würden wir als Marktbeteiligte es gerne sehen, wenn ein Meldesystem, wie es in Chicago praktiziert wird, bei den Warentermingeschäften eingeführt würde. Damit wäre dann ersichtlich, wie hoch eine Preisbeeinflussung seitens der Spekulanten oder von der Marktseite erfolgt. Eine Beschränkung der Preise, wie es zum Teil von den Parteien gefordert wird, würde nicht dem freien Markt entsprechen.

Wie stark sehen Sie die Rolle der Spekulanten auf die Preisentwicklungen?

Die Nachricht von dem Exportstopp aus Russland haben viele Finanzinvestoren als klares Preissignal gesehen und auf hohe Preise gesetzt. Zuvor war Auslöser der Preisrally das Wetter in Mittel- und Osteuropa, dann die geringe Ernteschätzung in Russland, welches dann zum Exportstopp führte. Die Spekulanten sehen bei einem bestimmten Ereignis ein Signal nach unten oder oben.

Wir hatten 2007/2008 hohe Preisausschläge, ist die heutige Situation mit der von damals vergleichbar?

Die Engpässe, die 2007/2008 aufgetreten sind, hatten einen ganz anderen Hintergrund. Die welt-weiten Bestände sind heute sehr viel größer als 2007/2008. 2010 haben wir immer noch weltweit eine sehr gute Getreideernte eingefahren. Für die hohen Marktausschläge sind meines Erachtens die restriktiven Maßnahmen der GUS Staaten und das sich daraus ergebene spekulative Verhal-ten der Finanzinvestoren und aller betroffenen Marktteilnehmer verantwortlich.

Agrarrohstoffe - welche Rolle spielt die Energiegewinnung?

Die Versorgung für die Nahrungsmittelkette muss und wird absoluten Vorrang haben. Die Teller-Tank-Diskussion wird jedoch immer wieder bei schwachen Erntejahren und steigenden Preisen hochkommen. Der Flächenanteil für die Energiegewinnung ist in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich. Wir beobachten, dass in Landkreisen mit hoher Rindviehdichte die Biogaserzeu-gung stärker ausgeprägt ist, als in den schweinehaltenden Landkreisen. Bestes Beispiel sind in Niedersachsen die beiden nebeneinanderliegenden Landkreise Vechta (Schweine und Geflügel) und Cloppenburg (mit hohem Rinderbesatz). Diese einseitige Förderung ist nach unserer Ein-schätzung eine Fehlentwicklung. So werden inzwischen Pachtpreise bis zu 1.500 Euro in einigen Regionen gezahlt. In Deutschland haben wir inzwischen ca. 5.700 Biogasanlagen. Der Flächenan-teil liegt bei bis zu 12 Prozent für mittlere Bodenqualitäten und dieses für 20 Jahre Nutzung. Die zunehmende Flächenverknappung hat auch Konsequenzen für die Bindung von Arbeitskräften im ländlichen Raum. Die intensiven Milch- und Ferkel-Erzeuger binden im Hinblick auf die Flächen-nutzung viele Arbeitskräfte. Bei Biogas werden überproportional viel Fläche und Kapital bei einem geringen Arbeitskräftebedarf geschluckt. Die indirekten Kostensteigerungen in der Wertschöp-fungskette für zahlreiche Produktionsbereiche Kartoffeln, Sonderkulturen, traditionelle Getreide-fruchtfolgen, schwächen die Rentabilität der traditionellen Veredelungsbereiche dramatisch. Bei einer Umfrage unseres Verbandes haben unsere Landhandelsunternehmen in Gebieten mit meh-reren Biogasanlagen in ihrem Einzugsgebiet durch die Anbauverschiebung zugunsten von Anbau von Feldfrüchten für die Anlagen, starke, fast existenzbedrohende Probleme.

Herr Fehse, was raten Sie den Landwirten zur kommenden Ernte? Wie wird sich aus Ihrer Sicht der Markt entwickeln?

Wir empfehlen unseren Landwirten ihre Ernte in Teilmengen abzusichern. Aufgrund der Erfahrun-gen aus der Ernte 2010 sollten die angebotenen Qualitäten im Auge behalten werden, um nicht zuviel höherwertige Ware vertraglich zu binden. Die Preise, die momentan genannt werden, las-sen eine gute Kalkulation zu. Worauf sollte man bei diesem hohen Preisniveau noch warten? Na-türlich könnte es noch weiter steigen, aber auch ein Fall der Preise könnte sich bei einer guten Ernte und bei großen Exportmengen der anderen Anbieter ergeben. Dieses ist meine private Mei-nung, hier muss jeder selbst entscheiden, was er tun oder lassen sollte.

Herr Fehse, Niedersachsen hat den größten Tierbesatz in Deutschland und ist dadurch mit den meisten Mischfutterherstellern am stärksten von dem Dioxin-Vorfall betroffen. Wie ist hierzu Ihre Einschätzung:

Wir haben in Deutschland ca. 330 Futtermittelhersteller. Der Vorlieferant aus Uetersen bzw. Bösel hat ca. 25 Futtermittelhersteller mit dem belasteten Futtermittel beliefert. Als Kontaminationsquelle konnte mittlerweile eine dioxinbelastete Mischfettsäure identifiziert werden, die aus der Biodiesel-produktion stammt. Grundsätzlich ist der Einsatz von zugelassenen Fettsäuren im Mischfutter un-bedingt erforderlich für die Gesundheit und das Wachstum der Tiere. Die Dosierungen von 0,5 - 4 % werden in das Mischfutter, welches aus mehreren Komponenten, vornehmlich Getreide, Ei-weißhaltige Futtermittel, Mineralstoffe und Vitaminen besteht, eingearbeitet. Wie bereits in der Vergangenheit, sind nach bisherigen Erkenntnissen weder Landwirte noch Mischfutterhersteller die Verursacher der Probleme, sondern die Quelle des Übels liegt bei den Vorlieferanten. Die Mischfutterindustrie beprobt weitestgehend alle Eingänge nach einem festgelegten Plan, und die Ergebnisse werden auch dokumentiert. Die Vielfalt der Untersuchungen der Einzelstoffe ist sehr umfangreich, sodass z. B. auf Dioxin auch stichprobenweise untersucht wird. Eine Dioxin-Untersuchung erfordert einen Aufwand von 400 bis 600 € pro Probe. Dieser Vorfall ist bei einem Mischfutterhersteller in Südoldenburg durch die unternehmerische Selbstkontrolle aufgefallen und dann wurden die Behörden, wie es auch vorgesehen ist, sofort informiert. Ich hoffe, dass auch dieser schwere Vorfall restlos aufgeklärt wird, und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.