Sonntag, 11. Dezember 2016


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Vor 100 Jahren entstand Westfalens erste Bildstelle als Antwort eines Lehrers auf die "Jugendgefährdung" der neuen Kinos

(lifePR) (Soest, ) Ob "Schlüsselreize beim Stichling", "Der gestiefelte Kater" oder "Erstürmung einer mittelalterlichen Stadt" - viele erinnern sich noch an jene 16mm-Filme, die bis vor dreißig Jahren selbstverständlich zum Schulunterricht gehörten. Die Filme hatte der Lehrer in aller Regel aus der örtlichen Kreis- oder Stadtbildstelle geholt. Einer der Pioniere dieser Bildstellen war der Lehrer Heinrich Johann Genau (1883 - 1942). Er gründete vor 100 Jahren in Soest die erste Bildstelle Westfalens, um so der "Jugendgefährdung" zu begegnen, die er in den aufkommenden Kinos sah, indem er die damaligen "neuen Medien" aus seiner Sicht positiv nutzte.

In den Bildstellen gab es auch Diaserien, Projektoren und Tonbänder zu entleihen. Heute sind diese alten Medien weitgehend Geschichte. "Medien aber sind für einen guten Unterricht wichtiger denn je", betont Dr. Markus Köster, Leiter des LWL-Medienzentrums für Westfalen. "Und die Medienzentren, wie die Bildstellen inzwischen heißen, erfüllen auch nach 100 Jahren noch wichtige Funktionen in der Versorgung und Beratung der Schulen." Köster hat sich mit der Geschichte des Bildstellenwesens beschäftigt und dabei festgestellt, dass die erste Bildstelle Westfalens und eine der ersten in Deutschland überhaupt vor 100 Jahren in Soest entstand.

Hintergrund

Ihre Gründung geht auf den aus Daseburg bei Büren stammenden Genau zurück, der 1909 eine Stelle als Lehrer an der Soester Rektoratsschule antrat. Als ein Jahr später gleich drei Kinos in Soest eröffneten, die - so ein zeitgenössischer Kommentar - "einander sich zu überbieten suchten - leider nicht gerade in dem, was das Volk wirklich bildet und veredelt", beschloss Lehrer Genau dieser "Jugendgefährdung" durch eine positive Nutzung der damals "neuen Medien" zu begegnen. Er kaufte sich einen Projektor und begann zunächst seinen eigenen Schülern, bald auch anderen Soester Schulen und Vereinen "Lichtbilderfolgen" genannte Diareihen vorzuführen.

Anfangs kaufte er diese Serien, bald begann er aber auch selbst zu fotografieren und eigene heimat- und landeskundliche Reihen zusammenzustellen. Zu Hilfe kam ihm, dass in Soest ein Fotostudio abbrannte und sich in den Trümmern über 100 Glasplatten mit Bildern von Soest und von der Umgegend fanden. Genaus Arbeit trug rasch Früchte: Im Dezember 1916, also mitten im Ersten Weltkrieg, erwarb der Arnsberger Regierungspräsident die gesamte, inzwischen rund 2.000 Glasplatten umfassende Lichtbildersammlung und machte sie zur "Lichtbilderhauptstelle für die Jugendpflege im Regierungsbezirk Arnsberg". Bis 1936 behielt Heinrich Genau die Leitung der Stelle, auch als diese 1927 nach Dortmund und 1934 weiter nach Arnsberg umzog. 1942 starb der Gründer der ersten Bildstelle Westfalens 59-jährig in Arnsberg.

Ein Großteil der Bildsammlung, die Genau zusammengetragen hatte, blieb erhalten: 1998 wurde der Bestand mit annähernd 10.000 Bildern dem LWL-Medienzentrum für Westfalen übergeben. Dort erkannte man rasch den großen landeskundlichen Wert der Sammlung sowohl für das ländliche Südwestfalen als auch für das westfälische Ruhrgebiet, dessen von Zechen, Stahlwerken und Kühltürmen, aber auch ersten modernen Hochhäusern geprägte Industriearchitektur zahlreiche Fotos ins Bild rücken. Neben Gebäuden, Landschaften und Naturdenkmalen wurden vor allem Menschen in den Bereichen Arbeit, Brauchtum und Freizeit porträtiert: Bergleute und Stahlkocher ebenso wie Holzschuhmacher, Schmiede, Köhler und Postboten, und immer wieder Bauern und Landarbeiter.

"So bilden die Bildreihen der alten Bezirksbildstelle heute wertvolle Quellen der historischen Landeskunde und der regionalen Sozialgeschichte. Und sie erinnern an die segensreiche Tätigkeit der ersten Bildstelle Westfalens, die vor 100 Jahren in Soest entstand", erklärt Köster. Unter http://www.lwl.org/LWL/Kultur/LWL-LMZ ist die Sammlung bequem online zu recherchieren.

Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL)

Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit 13.000 Beschäftigten für die 8,5 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 19 Krankenhäuser, 17 Museen und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, den ein Parlament mit 100 Mitgliedern aus den Kommunen kontrolliert.

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