Sonntag, 11. Dezember 2016


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Großer Sankt Bernhard ohne Hund

Das Hospiz am berühmten Alpenpass ist eine erstaunlich freudvolle Erfahrung

(lifePR) (Sion, ) Japaner strömen aus einem großen Reisebus, die Parkplätze sind voll mit Autos aus aller Herren Länder, es herrscht babylonisches Sprachgewirr und reges Treiben an den Souvenirständen, die allesamt auf den Hund gekommen sind. Bernhardiner von Kitsch bis Kunst, groß, klein, Plüsch oder Porzellan. Es ist nicht zu übersehen: Der einzige anzunehmende Grund, den Großen Sankt Bernhard zu besuchen, ist wohl Barry, der Bernhardiner-Hund mit seinem Schnapsfässchen, der samt seinen Artgenossen und Abkömmlingen durch Erzählungen und Filme weltberühmt wurde. Was spielt es da für eine Rolle, dass die Sache mit dem Hund und dem Schnaps in die Kategorie "Nicht wahr, aber gut erfunden" einzureihen ist. Zwar ist es richtig, dass die Bernhardiner zur Bergung von Lawinenopfern eingesetzt wurden, allerdings wäre das Fässchen bei dieser Aufgabe eher hinderlich gewesen. Auch weiß man, dass die Darreichung von Schnaps an Menschen, die mit Unterkühlung aus den Schneemassen gezogen werden, eher kontraproduktiv ist. Doch was soll's: Die Legende lebt und ohne sie wäre das Hospiz am Großen Sankt Bernhard wohl etwas einsamer als in diesen Tagen.

Ob dieser Bernhardinermania könnte sich der Gast mit Grausen wenden. Tut er aber nicht, denn der Nebel, der bei der Auffahrt zum Pass dicht und schwer über der ganzen Landschaft hing, hat sich aufgelöst und gibt den Blick auf einen tiefblauen Bergsee und ein atemberaubendes Bergpanorama frei. Plötzlich stören die Besuchermassen nicht mehr, man hat nur noch Augen für diese unglaubliche Schönheit, deren Bild sich durch die schnell ziehenden Nebelstreifen in Minutenabständen verändert. Auf der Anhöhe über dem See wandern Menschen Richtung Süden, dort hin, wo aus der Schweiz Italien wird. Und noch etwas hält den Besucher davon ab, gleich wieder ins Auto zu steigen und runter nach Martigny zu fahren, wo die Straße auf den Großen Sankt Bernhard ihren Ausgangspunkt hat. Es ist die Einladung, sich von den Augustiner Chorherren durch das Hospiz und die kleine Kirche führen zu lassen und dabei Dinge zu erfahren, die mit dem Bernhardiner-Hund nichts, aber auch gar nichts zu tun haben.

Die beiden Gesprächspartner, die den Gast in Empfang nehmen, José Mittaz und Lionel Girard, machen einen sehr weltlichen Eindruck. Kein klerikales Gehabe, man setzt sich an einfachen Holztischen zusammen und plaudert über dies und jenes. Lionel erzählt, dass er Novize ist und gerade am Vortag in die Gemeinschaft der Chorherren aufgenommen wurde. Ein Novize? Er ist ein gestandener Mann, gut angezogen, der vielleicht vorher im Wirtschaftsleben eine bedeutende Position inne hatte und nun einen neuen Lebenssinn sucht. Nach einem Jahr Probe hat er das Noviziat erreicht, vier Jahre wird es dauern, bis auch er ein Augustiner Chorherr ist. Allmählich wendet sich das Gespräch hin zur Geschichte des Hospizes und dessen Bestimmung, die ursprünglich völlig hundefrei gewesen ist.

Der Pass war schon zur Römerzeit ein frequentierter Verkehrsweg und ein Ort mit spirituellem Anklang. Nicht allzu weit entfernt vom heutigen Hospiz befand sich ein dem Gott Jupiter geweihter Tempel. Eine kleine, bestens erhaltene Jupiter-Statue kann man im Museum des Hospizes bewundern. Das Hospiz selbst wurde um 1050 von Bernhard von Aosta gegründet. Sein Anliegen war dabei ein urchristliches: Den Menschen, die über den unsicheren und gefährlichen Pass zogen, Gastfreundschaft zu geben, uneigennützig und unentgeltlich. Und da kommt der Satz, den Lionel, der inzwischen die Führung durch das Haus begonnen hat, in das Gespräch immer wieder einflicht: "Wir sind für Dich da. Du bist für uns wichtig". Es ist die Lebensmaxime des Bernhard, der im Jahr 1123 zum Heiligen erklärt wurde und die Lebensregel der Heiligen Augustinus, der die Chorherren des Hospizes noch heute folgen. Anderswo hätte die mehrfache Wiederholung des Satzes den Argwohn des Gastes erregt, doch nicht hier. Liegt es an der ungezwungenen Offenheit der Chorherren, an der Umgebung, die so frei von der klerikalen Aufdringlichkeit des Überzeugten ist. Und wer die Touristenströme draußen vor dem Hospiz sieht, mag kaum glauben, dass hier drinnen noch immer eine Gastfreundschaft gepflegt wird, wie sie wohl vor mehr als 950 Jahren zu Bernhards Zeiten gewesen sein muss. Auch heute noch erhält im Hospiz eine Unterkunft für eine Nacht und zwei warme Mahlzeiten, wer zur Fuß oder mit dem Rad auf den Pass kommt. Dafür ist zwar ein kleiner Obulus zu entrichten, nicht mehr allerdings als ein Anerkennungsbetrag. Die Schlafräume sind einfach, aber sehr sauber. Die Küche ist erstaunlich modern ausgestattet, und es riecht, da sich die Mittagszeit nähert, verlockend.

Die Führung ist in der kleinen Kirche aus dem 17. Jahrhundert angekommen. Statt eines kunsthistorischen Exkurses lenkt Lionel die Aufmerksamkeit auf gestalterische Feinheiten des Kirchenschiffes, das mit seinem aus Nussbaum geschnitzten Chorgestühl auf den ersten Blick fast etwas elitär wirkt. Über dem Gestühl stehen in Reih und Glied kleine Engel, also Putten. Die ältesten davon, nahe am Eingang, sehen wohlgenährt und richtig fröhlich aus. Je jünger die Abbildungen werden, desto mehr verschwindet der Putten-Speck und auch das Lachen in ihren Gesichtern. Lionel stellt eine Frage in den Raum und überlässt dem Gast die Beantwortung: Ob dies wohl als Symbol für den Weg des Christentums von einer fröhlichen Heilslehre hin zu der heutigen, fast freudlosen Verbissenheit zu sehen ist? Der Gründervater des Hospizes, der Heilige Bernhard, ist in dem Kirchlein an Deckenfresken und in Altarmalereien allgegenwärtig. Auf allen Abbildungen stellt er seinen Schuh auf den Teufel und hält so das Böse in Schach. Doch Teufel ist hier nicht gleich Teufel. Einmal zeigt er sich als grausliches Vieh, zum Fürchten. Ein ander Mal als dickliches Kerlchen, das mit lüsternen Glupschaugen unter dem Schuh hervor lugt. Amüsant eigentlich. Die Künstler haben das sicher nicht ganz so humorvoll gemeint.

Es ist Zeit für die mittägliche Andacht, eine von täglich vier, und der Gast, obwohl er sich mittlerweile als religiös eher abstinent geoutet hat, wird wie selbstverständlich eingeladen, daran teilzunehmen. Er nimmt diese Einladung gerne an, weil ihm die wunderbar entspannte Atmosphäre der bisherigen Begegnung die Berührungsangst vor den Andachtsritualen genommen hat. Die Kapelle ist karg eingerichtet und wirkt mit der sehr reduzierten Bernhard-Skulptur fast modern. Man betet und singt auf Französisch. Und der Klang dieser Sprache trägt dazu bei, dass die ernste Feierlichkeit der Fürbitten etwas Fröhliches, Leichtes bekommt. Ohne es zu merken oder zu wollen, wird der Besucher zum Teil dieser kleinen Gemeinschaft, als Gast gekommen und als Mensch empfangen.

Es ist später Mittag und der Gast hat sich bereits darauf eingestellt, dass Lionel die Bernhardiner in dem weiteren Rundgang wohl nicht mehr zur Sprache bringen wird. Mittlerweile ist dem Besucher klar geworden, dass es den Chorherren so überhaupt nicht recht ist, dass das Hospiz in der öffentlichen Wahrnehmung auf die Hunde reduziert wird und die Welt wohl nicht sehen will, dass ihre Mission hier auf 2.473 Meter Höhe nicht in der Hundezucht sondern in der Gastfreundschaft liegt. Zum Abschluss des Rundgangs kommen dann aber doch noch die Bernhardiner dran. In einem Freigehege tollt ein Nachwuchs-Barry in einer mit bunten Bällen gefüllten Kiste herum, springt wieder und wieder in sein Spielbecken, wälzt sich darin und bellt dabei. Irgendwie sieht das alles so aus wie in der Kinderspiel-Ecke bei Ikea. Es geht weiter durch das Gehege, wo in großen Boxen noch größere Hunde liegen, die vor sich hin dösen und die Besucher kaum eines Augenaufschlags würdigen. Lionel erzählt, dass die Hundezucht im Jahr 2005 an die Fondation Barry verkauft wurde, da die Chorherren sich nicht mehr in der Lage sahen, die artgerechte Zucht neben ihrer christlichen Mission wahr zu nehmen. Die Zucht ist seither im Musée et Chiens du Saint Bernard zu Martigny untergebracht, ohnehin der bessere Platz, um alles über die Bernhardiner-Hunde und ihre Geschichte zu erfahren.

Man ist am Ende des Rundgangs angekommen und setzt sich noch einmal in dem kleinen Empfangsraum mit seinen langen Holzbänken zusammen. Noch ein Kaffee, man tauscht eMail Adressen aus. Und ja, der Gast muss zugeben, dass sich seit seiner Ankunft etwas verändert hat. Nicht nur die Welt draußen, in der sich das helle Sonnenlicht nach wie vor erfolgreich gegen die schnell ziehenden Nebel behauptet. Nicht nur, weil der Große St. Bernhard für ihn nun nicht mehr alleine mit dem Klischee der großen Hunde behaftet ist. Nein, auch weil er die Bedeutung des Satzes: "Wir sind für Dich da. Du bist für uns wichtig", den die Chorherren gerne betonen, in einer so unaufdringlichen Art erfahren hat, wie er sie in klerikaler Umgebung kaum erwartet hätte. "Sie müssen im Winter wieder kommen", sagt Lionel zum Abschied. Er meint damit, dass die Bestimmung der Chorherren und ihres Hospizes noch deutlicher zum Tragen kommt, wenn der Schnee bis zu 24 Meter hoch liegt, man die Passhöhe nur mit Tourenskiern oder Schneeschuhen erreicht und eine Nacht im Stockbett sowie zwei warme Mahlzeiten, die man erhält, bevor man weiter zieht, wohl wie die Vorstufe zum Paradies anmuten. Lionel wird sicher auch da sein, denn er hält mit drei seiner Chorherren-Brüder auch zur Winterzeit die Stellung am Großen St. Bernhard.

Information:

Hospiz Großer St. Bernhard
Telefon 0041-27-7871236, www.gsbernard.ch oder www.gsbernard.net

Die Via Francigena von Canterbury nach Rom (Frankenweg), eine der derzeit aktuellsten Pilger-Alternativen zum sehr frequentierten Jakobsweg, führt über den Großen St. Bernhard. Das dortige Hospiz ist eine der wichtigsten Rast-Stationen für Verpflegung und Übernachtung.

Einen umfassenden Exkurs über die Berhardiner, ihre Geschichte und ihre Zucht erhält man im Musée et Chiens du Saint Bernard in Martigny. Telefon 0041-27-7204920, www.musee-saint-bernard.ch

Martigny ist allerdings nicht nur wegen des Berhardiner-Museums besuchenswert, sondern auch wegen seiner kulturellen Vielfalt und seines Ortsteils Martigny-Bourg mit vielen netten Lokalen. Das Kunstmuseum Fondation Gianadda in Martigny hat Weltruf.
Martigny Tourismus, Telefon 0041-27-7204949, www.martigny.com

Auskunft über die gesamte Region St. Bernhard erhält man bei Verbier St. Bernard Tourisme, Telefon 0041-27-7753888, www.verbier.ch
oder bei Wallis Tourismus, Tel. 0041-27-3273570, www.wallis.ch
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