Montag, 05. Dezember 2016


Heimat.com - Ein Schauspiel von Holger Schober

Premiere am 9. Januar 2010, 20 Uhr in den Kammerspielen des Theaters Heilbronn

(lifePR) (Heilbronn, ) Regie: Dominik Günther
Ausstattung: Lars Betko
Dramaturgie: Birte Werner

Aufführungsrechte beim Verlag Autorenagentur Berlin

Es spielen: Nancy Fischer; Katharina Voß und Nils Brück

Von der Flüchtigkeit des Mitgefühls

Brandaktuelles Stück "Heimat.com" von Holger Schober wird am 9. Januar am Theater Heilbronn uraufgeführt Mit "Heimat.com" von Holger Schober erlebt ein überaus brisantes und aktuelles Stück am 9. Januar um 20 Uhr seine Uraufführung in den Heilbronner Kammerspielen.

Es erzählt von der 15jährigen Amira, die sich in einem Keller versteckt und per Webcam die Botschaft in die Welt sendet: "Wenn ich abgeschoben werde, dann bringe ich mich um." Ihr Vater und ihre vier Geschwister wurden in einer Nacht-und Nebelaktion in den Kosovo abgeschoben, die Mutter lag im Krankenhaus. Das Mädchen war zufällig außer Haus. Nun schickt sie verzweifelte Gedanken nach draußen: "Was soll ich im Kosovo? Ich kann die Sprache nicht einmal mehr. Ich kenne dort niemanden. Es gibt dort keine Schule für mich, keine Ausbildung, keine Freunde, kein gar nichts." Das Theaterstück ist inspiriert von der tatsächlichen Geschichte der Arigona Zogaj aus Österreich, deren Schicksal zunächst 2007 und auch dieser Tage einen riesigen Medienrummel ausgelöst hat. Holger Schober hat die Geschichte nach Deutschland verlegt. Auch hier sind Zehntausende langjährig geduldete Kosovaren von der Abschiebung bedroht.

Als Amira sechs Jahre alt war, floh die Familie aus dem Kosovo. Die Eltern finden in der neuen Heimat Arbeit, engagieren sich in der Kirche, die Familie ist ein Musterbeispiel gelungener Integration. Dennoch werden alle Anträge auf Asyl abgelehnt. Die Angst der Mutter vor einer Rückkehr in ein ungewisses Leben und der realen Gefahr der Verelendung ist so groß, dass sie sich versucht umzubringen. Eine Skandalgeschichte, die die ganze Medienmaschinerie in Gang setzt und eine Welle des Mitgefühls auslöst.

Das Stück wird über die Präsenz von Amira in den Medien erzählt. Der Bühnenraum verwandelt sich in einen Showtruck, der Talkshow- und Nachrichtenstudio oder die Bühne für ein großes Benefizkonzert ist. Amiras Schicksal lässt die Auflagen und Quoten steigen. Solange bis der Fall eines Mannes, der seine Tochter jahrelang in seinem Keller gefangen hielt, das Interesse an Amira versiegen lässt und schließlich ein Axtmörder die ganze Aufmerksamkeit der erregten Öffentlichkeit beansprucht.

Und so hat Holger Schobers Stück zwei Themen: Die unmenschliche Abschiebepraxis auf der einen Seite, die Familien zerstört und insbesondere für Kinder und Jugendliche katastrophale Folgen hat. Und die Tatsache, dass solche Schicksale zum gewaltigen, aber nur kurzen öffentlichen Aufreger taugen, als solcher von den Medien jeglicher Art ausgeschlachtet werden sie dann von einem nächsten Skandal abgelöst werden.

Das Stück stellt unbequeme Fragen, denen man sich auch als Zuschauer nicht entziehen kann: Wie flüchtig ist unser Mitgefühl? Und trotz aller politischen Brisanz und Tragik ist dieses Stück voller Situationskomik und Absurdität. Dann nämlich, wenn Schauspielerin 2 (Katharina Voß) und Schauspieler 3(Nils Brück) in die Rollen von eifrigen Skandaljournalisten oder janusköpfigen Politikern schlüpfen. Nancy Fischer spielt die Amira, die sich selbst als Hauptdarstellerin in einem "Sozialporno" empfindet.

Die Regie für die Uraufführung hat Dominik Günther übernommen. Es ist bereits das dritte Stück von Holger Schober , das Günther zur Uraufführung bringt. Das Regie-Autorengespann Günther/Schober ist überaus erfolgreich. Gerade wurden die beiden mit dem STELLA-Preis für das Stück "Clyde und Bonnie" als beste "Produktion im Jugendtheater 2009" ausgezeichnet. Außerdem hatte Günthers Uraufführung von Schobers Stück "Hikikomori" am Thalia Theater Hamburg für Furore gesorgt und war für den Theaterpreis "Faust" nominiert worden. Der ehemalige Thalia-Theater-Intendant Ulrich Khuon hat diese Inszenierung nun auch an seine neue Wirkungsstätte, das Deutsche Theater in Berlin, mitgenommen, wo sie im Februar 2010 wieder herauskommt.

Hintergrund

In Deutschland droht rund 14000 Menschen aus dem Kosovo, die vor zehn Jahren vor dem Krieg in der ehemaligen jugoslawischen Teilrepublik geflohen sind, die Abschiebung . Der Bundesinnenminister und die Innenminister der Länder haben diesbezüglich ein Rücknahmeabkommen zwischen Deutschland und dem Kosovo verhandelt. Menschenrechts- und Flüchtlingsorganisationen und die Evangelische Kirche in Deutschland laufen dagegen Sturm.

Nach Einschätzung des Europarates und der Vereinten Nationen ist eine Rückkehr in Sicherheit und Würde ist für diese Menschen derzeit nicht möglich. Auch zehn Jahre nach dem Ende des Kosovo-Krieges ist die Situation von Minderheiten in der einseitig für unabhängig erklärten früheren serbischen Provinz mit dominierender albanischer Mehrheitsbevölkerung von ethnischen Spannungen und materieller Not geprägt. Nach vielen Jahren im Ausland haben die meisten Rückkehrer im Kosovo kein soziales Netz mehr. Sie landen in Slums und haben keine Chance auf Arbeit. Die wenigsten haben Zugang zur Sozialhilfe, weil sie ihre Ansprüche nur dort durchsetzen können, wo sie vor ihrer Flucht gemeldet waren. Zurückgekehrte Jugendliche, die in Deutschland eine Schulbildung und zum Teil eine Ausbildung genossen haben, finden im Kosovo keine Arbeit.

Ulrich Goll (FDP), Justizminister und Integrationsbeauftragter des Landes Baden-Württemberg, möchte am Rückführungsabkommen für Menschen aus dem Kosovo festhalten. Goll möchte zwischen bürgerrechtlichen Anliegen in Deutschland und der Verantwortung von Heimatstaaten für ihre Bürgerinnen und Bürger unterscheiden. Baden-Württemberg sei nicht dafür zuständig, allen Menschen ein dauerhaftes Bleiberecht in Deutschland zu verschaffen, sondern müsse sich um die Menschen kümmern, die in Deutschland ein Aufenthalts- und Bleiberecht hätten. Alle anderen müssten in ihre Herkunftsländer zurückkehren. Das gelte auch für ehemalige Flüchtlinge aus dem Kosovo.

Ausstellung zu "Heimat.com" vom 9. Januar -18. Januar 2010

SCHAU MICH AN!

Zum Stück "Heimat.com" zeigt das Theater Heilbronn die vom Flüchtlingsrat Baden-Württemberg e.V. initiierte Wanderausstellung "Schau mich an!" in den Kammerspielen. Sie beinhaltet 25 lebensgroße Porträtaufnahmen von Schutzsuchenden in Deutschland mit kurzen handschriftlichen Texten der Betroffenen zu Fluchtgründen und Zukunftsplänen. Die Porträts stammen vom Fotografen und Kameramann Kriztian Fonyodi. Er hatte die Idee zu diesem Projekt, als er in den Jahren 2002 bis 2005 im Rahmen des Projektes Equal in Heidelberg Deutsch als Fremdsprache für Asylsuchende unterrichtete. Durch die Arbeit als Dozent lernte er die Schüler und ihre Probleme in der neuen Umgebung kennen und verstehen: Die Enge und Isolation in der Gemeinschaftsunterkunft, die ständige Unsicherheit über den Verfahrensfortgang und die Angst, ausgewiesen zu werden, und das bedrückende Gefühl, hier unerwünscht zu sein.

Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit der Gemeinschaftsinitiative EQUAL in Heidelberg und sie wurde durch den Europäischen Flüchtlings-Fonds gefördert.

Zur Premiere ist auch der Flüchtlingsrat Baden-Württemberg mit einem Info-Stand anwesend, der von Udo Dreutler betreut wird.

Schober, Holger

Autor

Holger Schober wurde in Graz geboren, studierte am Max Reinhardt Seminar Schauspiel und arbeitet seitdem als Schauspieler, Regisseur und Autor. Außerdem absolvierte er eine Kulturmanagementausbildung am Institut für Kulturkonzepte Wien.

Von 2000 bis 2005 war Holger Schober künstlerischer Leiter des Theaters KINETIS. Anschließend arbeitete er bis 2007 im Leitungsteam des Theaters an der Gumpendorfer Straße (TAG) in Wien. Von 2007 bis 2009 war er künstlerischer Leiter der Guerilla Gorillas. 2009 begründete er das Wiener Klassenzimmertheater und übernahm die künstlerische Leitung.

Als Schauspieler war er u. a. am Volkstheater Wien, am Landestheater Linz, an den Hamburger Kammerspielen und bei den Wiener Festwochen tätig. Außerdem spielte er u. a. im Oscargekrönten Film "Die Fälscher" (2008) und in "Polterabend" (Grimmepreis-Nominierung 2004). Für sein Stück Hikikomori war er u. a. für den Deutschen Jugendtheaterpreis nominiert. Sein Stück Clyde und Bonnie erhielt den STELLA09 Darstellender. Kunst.Preis für junges Publikum. Außerdem schreibt er Drehbücher für den ORF und SAT1. Seit der Spielzeit 2009/2010 ist er künstlerischer Leiter der Sparte Theater für junges Publikum am Landestheater Linz.

Günther, Dominik

Regisseur

Dominik Günther wurde 1973 in Bonn geboren. Nach seinem Studium mit dem Schwerpunkt Theaterwissenschaften an der Universität Bielefeld arbeitete er ab 1998 als Regieassistent am Theater Bielefeld, am Theater Bonn und am Thalia Theater in Hamburg. Während seines Studiums war er bereits Schauspieler bei der freien Theatergruppe "Canaillen Bagage". Vor 15 Jahren gründete er die Musikkaberettgruppe Nik Neandertal, in der er textet und singt.

Seit 2003 arbeitet Dominik Günther als freier Regisseur für unterschiedliche Theater. Im selben Jahr gründete er das Neandertal Theater Hamburg, dessen erste Produktion "Yard Girl" von Rebecca Prichard unter anderem am Thalia Theater und dem Schauspielhaus Hamburg gezeigt wurde. Seit September 2005 ist er Dozent für Szenen- und Rollenstudium am Hamburger Schauspielstudio Frese.

Dominik Günther erhielt in Wien den Stella-Preis für die beste Produktion im Jugendtheater 2009 für "Clyde und Bonnie", das aus der Feder von Holger Schober stammt. Seine Uraufführungsinszenierung von Schobers "Hikikomori" wurde 2008 in der Kategorie "Beste Regie Jugendtheater" für den Theaterpreis "Faust" nominiert.

Mit der Inszenierung der Uraufführung des Stückes "Heimat.com!" stellt sich Dominik Günther erstmals dem Heilbronner Publikum vor.
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