Donnerstag, 08. Dezember 2016


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Liebe auf den zweiten Blick

(lifePR) (Wilhelmshaven, ) In der Reihe "Nationalpark für Entdecker" stellt Ihnen die Nationalparkverwaltung diesmal eine nicht immer ganz einfache Persönlichkeit vor, deren Bedeutung, Besonderheit und Faszination sich für viele erst auf den zweiten Blick erschließt.

Für die einen ist es eine eklige Schlickwüste, für andere der faszinierendste Lebensraum überhaupt: das Watt. Am Watt scheiden sich die Geister, aber eins steht fest: das Watt steckt im wahrsten Sinne des Wortes voller Überraschungen und wer sich einmal auf eine Beziehung mit diesem Lebensraum einlässt, wird es nicht bereuen.

Die Watten mit ihrer unendlichen Weite, ihrer hohen Dynamik und ihrem großflächigen Priel- und Rinnensystem sind das landschaftsprägende Element in unserem Nationalpark und letztendlich ausschlaggebend für die Anerkennung als Weltnaturerbe. Das Watt ist der Teil des Wattenmeeres, der durch die Gezeiten zweimal täglich überflutet wird und wieder trocken fällt. Je nach Strömungsverhältnissen lagern sich die unterschiedlich feinen Sedimente des Meerwassers ab und es entstehen Sand-, Schlickwatten oder deren Übergangsform, die Mischwatten.

Das Sandwatt, typisch für Bereiche mit stärkerer Wasserbewegung, ist schon auf den ersten Blick erkennbar. Seegang, Strömung und Wind haben dem hellen Sand einen deutlichen Stempel aufgedrückt: die Rippelmarken. Verschieden groß, prägen die wellenförmigen Strukturen nach jeder Tide die Wattflächen aufs Neue. Und auch unter unseren Füßen sind die Unterschiede der Watttypen spürbar. Das Sandwatt ist fest und leicht zu durchwandern. Im Schlickwatt aber ist es rutschig und man sinkt bei jedem Schritt tief ein. Der tonige Schlick setzt sich aus den feinsten Partikeln der Meeresfracht zusammen. Es ist daher typisch für Stillwasserbereiche der großen Meeresbuchten wie Dollart, Leybucht und Jadebusen, aber auch für strömungsberuhigte Bereiche auf den Rückseiten der Inseln oder nahe der Festlandsküste.

Durch die Gezeiten und die Zuflüsse wird besonders im Schlickwatt zweimal täglich organische Substanz eingelagert. Diese besteht überwiegend aus "klein geriebener" Biomasse, Algenresten und Plankton. Da dieses gut vorbereitete Substrat sehr leicht zersetzbar ist, kommt es, sobald Niedrigwasser ist, zu einem schnellen Abbau durch Bakterien. Dieser Prozess verbraucht Sauerstoff. Die schwarze - sauerstoffarme - Schicht ist entsprechend mächtig und wird nur von einer dünnen, hellen sauerstoffhaltigen Schicht überdeckt.

Der Charakter des Wattes ist geprägt durch harte Bedingungen: stetiges Überfluten und Trockenfallen, starke Strömungen, die Kraft der Sturmfluten, wechselnden Salzgehalt, extreme Temperaturschwankungen und direkte Sonneneinstrahlung. Kein Lebensraum für Sensibelchen. Und so können trotz der üppigen Nahrungsgrundlage nur wenige spezialisierte Arten dort überleben. Doch diese Spezialisten haben sich gut angepasst und besiedeln ihren Lebensraum in großer Zahl.

Riecht das Watt nach faulen Eiern, ist das ein gutes Zeichen - dann sind die Bakterien aktiv. Sie arbeiten unter Sauerstoffabschluss daran, den hohen Anteil abgestorbener Tier- und Pflanzenreste zu zersetzen. Das ist eine wichtige Aufgabe, denn dadurch schaffen die Bakterien die Lebensgrundlage für Algen. Weite braune Algenteppiche im Watt zeigen zur Blütezeit der Kieselalgen die Wuchskraft dieser Pflanze. Bis zu eine Million Algen können pro cm² vorkommen.

Die enorme Biomasse im Schlick bietet extrem vielen kleinen Bodentieren einen reich gedeckten Tisch und macht ihn damit zum Lebensraum der Superlative. Bis zu 100.000 Schlickkrebse, 50.000 Wattschnecken oder 100 Wattwürmer können auf einem Quadratmeter Watt leben. Ein schier unerschöpfliches Nahrungsangebot, welches das Watt u.a. zur Kinderstube der Nordseefische und zur Tankstelle für 10- 12 Millionen Zugvögel macht. Die Talente dieses vermeintlich unscheinbaren Lebensraumes schlummern also buchstäblich im Verborgenen. Im Watt steckt die Grundlage für das faszinierende Tierleben im und auf dem Boden, zu Wasser und in der Luft. Ganz gleich, ob unterirdischer Spezialist, wie Wurm oder Muschel, ob Seehund, Vogel, Fisch oder Krebs: sie alle sind auf den Nahrungsreichtum dieses Lebensraumes angewiesen.

Aber das Watt hat nicht nur diese biologischen Funktionen, es hat auch seine romantischen Seiten: Denken wir nur an unvergessliche Sonnenauf- und -untergänge, faszinierende Licht- und Wolkenspiele über dem Watt oder den atemberaubenden Blick in die Weite der Landschaft.

Das Wattenmeer macht es dem skeptischen Betrachter nicht immer leicht, seine wahren Tugenden zu erkennen. Um so spannender und überraschender ist das Kennenlernen. Schließen Sie sich dafür am besten einer zertifizierten Nationalpark-Wattführung an. Das ist sicherer und Sie erleben nicht nur die Faszination einer Wanderung auf dem Meeresgrund, sondern erfahren viel über diesen weltweit einzigartigen Lebensraum. Ein Rendezvous der besonderen Art, das Sie sicher in bleibender Erinnerung behalten.
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