Donnerstag, 18. Dezember 2014


Sebastian Kneipp und die Frauen

(lifePR) (Bad Mergentheim, ) Eiskalte Duschen und Barfußgehen im Schnee - ist das nicht eher etwas für robuste Männer als für Frauen? Tatsächlich erscheint die Kneippsche Medizin auf den ersten Blick keine sanfte Medizin zu sein. Doch der Eindruck täuscht. Sebastian Kneipp (1821-1897) hatte im 19. Jahrhundert ein ganzheitliches Konzept entwickelt, das bei beiden Geschlechtern sehr gute Heilerfolge erzielte. Der Beitrag soll die Kneippsche Medizin auf dem Gebiet der Frauenheilkunde vorstellen.

Kneipp als Kaplan

Alleine schon die Biographie des aus dem Allgäu stammenden Pfarrers lässt erkennen, dass Kneipp nicht nur gute Ratschläge für die Seele, sondern auch für den erkrankten Leib von Männer und Frauen gab. Im August des Jahres 1852 wurde der junge Seminarist im Augsburger Dom zum Priester geweiht. Zu diesem Zeitpunkt hatte Kneipp die Wasserheilkunde an sich selbst schon erfolgreich angewandt. Nach einer Kindheit in ärmlichen Verhältnissen kommt der Sohn eines Leinewebers seinem ersehnten Ziel, Priester zu werden, sehr nahe. Im Jahre 1844, im Alter von 23 Jahren, kann Kneipp endlich in die Untersekunda (10.Klasse) des Gymnasiums in Dillingen an der Donau eintreten. Doch ein Jahr später werden seine Pläne durch eine schwere Krankheit durchkreuzt. Im Sommer des Jahres 1845 diagnostizieren Ärzte eine schwere Lungentuberkulose, ein Todesurteil in einer Ära, in der es noch keine Antibiotika gibt. Doch Kneipp hält durch! Er erkämpft sich, trotz schlechter physischer Konstitution den Weg zum Abitur und darf am Osterfest des Jahres 1849 zum Weiterstudium an die theologische Fakultät der Universität München wechseln. In der dortigen Bibliothek fällt ihm ein Buch in die Hand, das sein Leben verändern sollte: "Die wunderbare Heilkraft des frischen Wassers bei dessen innerlichem und äußerlichem Gebrauch der Menschen durch die Erfahrung bestätigt". Das Werk erschien im Jahre 1737 in einer ersten Fassung, wobei Kneipp wahrscheinlich eine aus dem Jahre 1831 stammende verbesserte Auflage in den Händen hielt. Autor war ein aus dem schlesischen Schweidnitz stammender Arzt, namens Johann Siegmund Hahn. Kneipp befolgte die Ratschläge des Mediziners und behandelte sich mit Wechselbädern, die in ihrer extremen Wirkung große Heilerfolge zeigten. Zurückgekehrt nach Dillingen setzte Kneipp die Ratschläge Hahns fort. Er stieg in die eiskalte Donau und heizte seinen Körper wieder auf, indem eilig nach Hause zurückkehrte. Das Wunder geschah! Kneipp wurde wieder gesund, die Lungentuberkulose verschwand. Mit diesem Erlebnis entdeckte Kneipp, neben dem Amt des Priesters, eine weitere Berufung. Er war nicht nur zum Seelsorger, sondern auch zum Heiler geboren. Diese Fähigkeiten stellte er an einer seiner ersten Kaplanstellen in Boos, nicht weit entfernt von Memmingen, unter Beweis. Eine seiner ersten Patientinnen dort war eine Frau: Columba Haag litt offensichtlich an Gelbsucht (Hepatitis), die eine schwere seelische Verstimmung bei der Patientin nach sich zog. Der Fall ist aus medizingeschichtlicher Perspektive interessant, da eine schriftliche Kurzvorschrift zur Heilung der Patientin überliefert ist. Kneipp empfahl Columba Haag kalte Heilbäder, die sie in ihrem Zimmer durchführen soll. Darüber hinaus rät er zur Anwendung von Wickeln. Schließlich weist er auf eine entscheidende Vorbedingung der Wasseranwendung hin: "Wenn aber ins Wasser, so muß der Körper vollkommen warm sein". Die Anordnungen Kneipps zeigen, dass der Wasserdoktor keineswegs ein naturheilkundlicher Hardliner ist. Er differenziert seine Therapie sehr genau und nimmt auf Geschlecht und Konstitution der jungen Frau Rücksicht. Kneipp hat daher ein differenziertes naturheilkundliches Konzept entwickelt.

Armbäder und Waschungen

Selbstverständlich hat sich die Medizin in ihrer über hundertfünfzig jährigen Geschichte seit Kneipp weiter entwickelt. Heute gibt es bessere Methoden zur Heilung einer Hepatitis. Die differenzierte und sanftere Anwendung der Kneippschen Güsse und Wickeltechnik ist jedoch keineswegs in Vergessenheit geraten. Sehr erfolgreich wird weiterhin das Kneippsche Wechselbad eingesetzt. In einen eiskalten Fluss, der vielleicht eine Temperatur von maximal 5° Celsius hat, muss heute kein Kneippianer mehr steigen. Die Dauer eines kalten Bads, das eine empfohlene Temperatur von etwa 15° Celsius hat, beträgt nur zwischen 5 und 30 Sekunden. Dann darf der Patient wieder neue Kräfte im 36° warmem Wasser sammeln. Sehr anwenderfreundlich und sanft ist das Wechselarmbad (Abbildung). Die Temperaturbedingungen entsprechen denjenigen der Wechselbäder. Der Patient lässt die Arme knapp zehn Minuten im heißen Wasser und bleibt für maximal eine halbe Minute im kalten Wasser. Man beendet den Vorgang immer mit einer kalten Wasseranwendung. Das Abtrocknen der Arme erfolgt nicht mit Hilfe eines Handtuches, sondern durch Bewegung. Auf diese Weise erprobt der Betroffene gleich eine weitere Säule der Kneippschen Naturheilkunde: die Bewegungstherapie. Eine weitere sanfte Anwendung der Wasserheilkunde ist die Waschung. Sie lässt sich selbst bei schwerkranken und reaktionsschwachen Patienten durchführen. Dazu nimmt man kaltes Wasser, mit dem ein grobporiges Handtuch getränkt wird. Bei einer Variante dieser Technik, der Oberkörperwaschung, wird der Körper vom Hals bis zur Nabelgegend behandelt. Am besten wird der Vorgang bei einer liegenden Patientin durchgeführt. Das anschließende warme Einpacken führt zu einer verstärkten Durchblutung, die von den Betroffenen als sehr angenehm empfunden wird. Der Körper beantwortet den sanften Kältereiz mit einem Wärmereiz, was in der Naturmedizin als reaktive Hyperämie bezeichnet wird. Sowohl Armbäder als auch Waschungen eignen sich besonders bei der Kneippschen Behandlung von Frauen.

Bad Mergentheimer Modell

Viele Kurkliniken und Sanatorien haben inzwischen die Bedeutung der Kneippschen Medizin für Frauen entdeckt. Dazu zählt der im württembergischen Franken gelegene Kurort Bad Mergentheim. Dort entdeckte der Schäfer Franz Gehring im Jahre 1826 heilkräftige Quellen. Eine Analyse des Wasser ergab einen hohen Gehalt an Bittersalzen, welcher der Qualität der berühmten Kissinger Quelle nahezu erreichte. Seit dieser Zeit begann der Aufschwung von Bad Mergentheim, das sich im Laufe des 20. Jahrhunderts zu einer der ersten Kuradressen in Deutschland werden sollte. Auf dem Höhepunkt dieser Entwicklung wurde im Jahre 1960 das m romantischen Erlenbachtal gelegene Kurhaus König gegründet. Der aus Berlin stammende Wilhelm König hatte bei einer Kur in Bad Mergentheim die Stadt, die Region sowie das medizinische Umfeld schätzen gelernt, so dass er sich zur Eröffnung eines eigenen Kurhauses entschloss. Dieses wurde von der Tochter Korina sowie dem Schwiegersohn Horst Jurgan erfolgreich weitergeführt und zu einer der ersten Adressen in der Kurstadt ausgebaut. Nach den einschneidenden Veränderungen im Gesundheitswesen der neunziger Jahre ging die Familie König-Jurgan neue Wege. Inzwischen ist in der dritten Generation die Tochter Christina Voit mit im Betrieb. Sie besann sich auf eine Tradition, die im Bad Mergentheim des 19. Jahrhunderts schon eine Rolle spielte. Denn Sebastian Kneipp hatte einen sehr guten Freund in Bad Mergentheim, den Mediziner Dr. Anton Stützle (1847-1906). Er war ein Anhänger des ganzheitlichen Modells des Wörishofener Pfarrers, zu dem er einen persönlichen Draht hatte. Sebastian Kneipp weilte oft bei seinem Freund aus Bad Mergentheim, wo beide die wasserheilkundlichen Anwendungen erfolgreich praktizierten. Im Bewusstsein dieser historischen Tradition in der Kurstadt hat Christina Voit in Kooperation mit dem Europäischen Gesundheitszentrum für Naturheilverfahren, Sebastian Kneipp Institut GmbH aus Bad Wörishofen eine Gesundheitswoche für Frauen konzipiert, die sich ganz an der Kneippschen Medizin orientiert. Das Konzept berücksichtigt alle fünf Säulen, angefangen von Wasseranwendungen, über Bewegungs-, Ordnungs- und Ernährungstherapie bis hin zur Pflanzenmedizin. Dieses Feld der Naturheilkunde hatte Kneipp ebenfalls bearbeitet. Aus diesem Grunde gibt es in vielen Bädern heute noch entsprechende Arzneipflanzengärten, in denen Pflanzen zu finden sind, die Sebastian Kneipp beschreibt. Denn der Geistliche war nicht nur praktisch tätig, sondern hat sein Wissen auch aufgeschrieben. Damit leistete der Wasserdoktor einen wertvollen Dienst auch an unserer Zeit, so dass die Kneippsche Naturheilkunde im 21. Jahrhundert sehr geschätzt wird, sowohl von Frauen wie auch von Männern.

Der Autor, Dr. Thomas Richter, ist Apotheker in Bad Mergentheim
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