Donnerstag, 08. Dezember 2016


Das Modell der Zukunft

Zukunfts-Symposium zur Integration von Schulmedizin und wissenschaftlicher Naturheilkunde / Komplementärmedizin ein voller Erfolg

(lifePR) (Essen, ) Anlässlich des 60. Geburtstags von Prof. Dr. Gustav Dobos, Direktor der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin an den Kliniken Essen-Mitte, fand am 19. Juni 2015 im Essener Weltkulturerbe Zeche Zollverein ein Zukunfts-Symposium statt, das sich kritisch mit der Evidenz von Schulmedizin und wissenschaftlicher Naturheilkunde auseinandersetzte. Ärzte, Experten und Wissenschaftler der Integrativen Medizin beleuchteten gemeinsam unter der Fragestellung „Wie evidenzbasiert ist die Medizin“, welche Mythen und Vorurteile zwischen beiden Perspektiven bestehen und welche Chancen eine sinnvolle Kombination – vor allem im Hinblick auf das Krankheitsspektrum der Zukunft – haben kann. Statt Geschenken für den Gastgeber wurden im Rahmen der Veranstaltung Spenden für den ehrenamtlichen Verein MENSCHENMÖGLICHES und dessen Projekt „Schwere Last von kleinen Schultern nehmen“ gesammelt. Die Spendensumme von mehr als 7.000 Euro überreichte Schauspieler und Schirmherr des Vereins Henning Baum.

Trotz klinischer Erfolge und einer 20-jährigen Geschichte wird die wissenschaftliche Naturheilkunde und Komplementärmedizin zum Teil immer noch mit reinem Erfahrungswissen in einen Topf geworfen. Zu Unrecht, wie die Referenten des Zukunfts-Symposiums am vergangenen Freitag aufzeigten. Denn moderne Forschungsstandards haben ihre Methoden nachvollziehbar und überprüfbar gemacht. Naturheilkundliche Verfahren leisten daher einen wichtigen Beitrag in der Medizin von heute, insbesondere in der Behandlung von chronischen Krankheiten, deren Zahl aufgrund der demo-graphischen Entwicklung in Europa deutlich ansteigt. Dass die wissenschaftliche Naturheilkunde ihr Nischendasein neben der Schulmedizin längst verlassen und medizinisch wie gesellschaftlich stark an Bedeutung gewonnen hat, wurde auch an dem hohen Interesse an der Veranstaltung selbst deutlich: So lauschten rund 150 interessierte Teilnehmer aus ganz Deutschland und darüber hinaus den Vorträgen der Referenten.

Moderne Naturheilkunde als Medizin der Zukunft

Nachdem Prof. Dr. Jan Buer, Dekan der Universität Duisburg-Essen, das Symposium eröffnete, referierte zunächst Christoph Koch, Gesundheitsökonom, Journalist und Leiter des Ressorts „Wissen“ beim Magazin Stern, zum Thema „Evidenz – ein Glaubensbekenntnis“. Sein Fazit: Auch wenn „Über-setzungsleistungen“ zwischen Naturheilkunde und Evidenzbasierter Medizin (EBM) notwendig sind, sei ein „dialogisches Verhältnis beider Strömungen produktiv und in hohem Maße wünschenswert“.
Bei Prof. Dr. Andreas Michalsen, Inhaber der Stiftungsprofessur für klinische Naturheilkunde an der Charité-Universität Berlin, standen die „Herausforderungen der alternden Gesellschaft“ und die Frage, „warum das Gesundheitssystem ohne Naturheilkunde und Integrative Medizin scheitern muss“, im Vordergrund seines Vortrages. Denn insbesondere in der Behandlung von multimorbiden, chronisch erkrankten und älteren Menschen kann die moderne Naturheilkunde mit ihrem Fokus auf Selbstwirksamkeit und gesundem Lebensstil sowie der konsekutiv geringen Kosten einen wesentlichen Beitrag zur Sicherung einer auch zukünftig wirkungsvollen und ökonomisch machbaren Medizin der Zukunft leisten. Dabei liegt bereits zum jetzigen Zeitpunkt eine hohe Evidenz aus klinischen Studien vor, welche die Wirksamkeit von Naturheilkunde bei chronischen Erkrankungen belegen, wie z. B. bei Rheuma, Bluthochdruck, Arthrose sowie chronische Rücken- und Nackenschmerzen.

Leitlinienarbeit als Erfolgsfaktor

Von der „Wissenschaftskultur“ und der „Schwierigkeit, evidenzbasierte Naturheilkunde in die Leitlinien zu integrieren", berichtete Prof. Dr. Jost Langhorst, Leiter der Abteilung für Integrative Gastroenterologie an den Kliniken Essen-Mitte. So ist die Naturheilkunde in den letzten Jahrzenten zwar zu einem relevanten klinischen Querschnittsfach im Medizinstudium avanciert, gleichsam mangelt es jedoch z. B. an öffentlich geförderten Lehrstühlen für das Fach sowie an einer adäquaten Berücksichtigung akademischer Vertreter der Naturheilkunde für relevante berufspolitische Gremien. Ein Beispiel hierfür ist die Arbeit der Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), welche bereits seit 1995 die Erstellung von medizinischen Leitlinien koordiniert und aktuell 171 wissenschaftliche Fachgesellschaften aus allen Bereichen der Medizin inkludiert. Trotz intensiver Bemühungen gelang es erst im Jahre 2014, mit der „Gesellschaft für Phytotherapie“ (GPT) eine Fachgesellschaft aus der Naturheilkunde in die AWMF zu integrieren. „Entscheidend für den langfristigen Erfolg und die Anerkennung von Naturheilkunde und Komplementärmedizin im Fächerkanon der modernen Medizin ist deshalb die Nachhaltigkeit der Leitlinienarbeit“, betonte Langhorst.

Die Entwicklung einer Anwenderexpertise für den Einzelfall

Auch Prof. Dr. Claudia Witt, Institutsdirektorin für Komplementäre und Integrative Medizin am Universitäts-Spital Zürich, widmete ihren Vortrag dem Thema „Leitlinien“, jedoch im Kontext der Frage: „Wie wissenschaftlich ist die Medizin?“. Übersichtsarbeiten zur Onkologie und Kardiologie zeigen beispielsweise, dass sich trotz Jahrzehnten der klinischen Forschung der Großteil der Empfehlungen nicht auf dem höchsten Evidenzlevel bewegt. Auch bei der Übersetzung der vorhandenen Evidenz in die tägliche Praxis treten häufig Probleme auf. Zu diesen gehören u. a. die Vielzahl an Leitlinien mit teilweise unterschiedlichen Empfehlungen, die fehlende Einheitlichkeit bei der Interpretation der Evidenz aus Studien, die leichtfertige Übertragung von Studienergebnissen sowie die mangelnde Berücksichtigung der Evidenz zu Patientenpräferenzen und Erwartungen. Um derartige Problemfelder anzugehen, bedarf es laut Witt ein Umdenken, das auch eine Umgestaltung des EBM- Trainings für Ärzte impliziert. „Es muss eine Entwicklung von der Vermittlung von Regelbefolgungen hin zur Entwicklung einer Anwenderexpertise für den Einzelfall erfolgen.“ Dazu zählt auch die Entwicklung eines Verständnisses, dass multimorbide Patienten nicht ausreichend in den vorhandenen Studienergebnissen abgedeckt sind. „Zudem ist es wichtig, dass sich zukünftige Forschungsfragen mehr an den Bedürfnissen klinischer Entscheidungsfindung orientieren", resümierte Witt.


Mind-Body-Medizin als „angewandten Placebo-Effekt“

Im Zentrum des Vortrages von Prof. Dr. Tobias Esch, Fachleiter der Gesunden Hochschule der Hochschule Coburg, stand die Frage: „Ist Placebo nur Einbildung?“. Dabei lieferte er mit dem Zusatz „Was die Hirnforschung über Mind-Body-Medizin sagen kann“ die Antwort gleich mit: Nein, der Placebo-Effekt ist keine Einbildung. Seine Existenz wurde in der Medizin zwar lange Zeit bestritten und als methodischer Fehler betrachtet, jedoch gilt er heute als akzeptiert. Dabei beruht der Placebo-Effekt auf einer Selbstregulation, deren Ursprung im menschlichen Gehirn zu liegen scheint. Moderne Analyse- und Bildgebungsverfahren machen dies deutlich. So werden beim Placebo-Effekt beispielsweise die gleichen Areale im menschlichen Gehirn angesprochen, wie es bei der Meditation der Fall ist – mit den gleichen positiven Resultaten. Dahingehend ist die Mind-Body-Medizin, die von einem untrennbaren Zusammenhang zwischen Geist und Körper ausgeht, in der Lage, die Selbstregulation und damit auch die Selbstheilung positiv zu beeinflussen. Ein Praxis-Beispiel: Im Rahmen eines achtwöchigen Zeitraums meditierten Testpersonen einmal pro Woche. Das erstaunliche Ergebnis war eine deutliche Stressreduktion. Somit lässt sich die Mind-Body-Medizin letztlich auch als „ange-wandten Placebo-Effekt“ bezeichnen, wie Esch anschaulich beschrieb.

Integrative Medizin als Basis für künftige Modelle der stationären und ambulanten Versorgung

In einem Resümee mit Abschlussdiskussion brachte der Gastgeber Prof. Dr. Gustav Dobos die Entwicklungen der Naturheilkunde und deren Potenziale auf den Punkt: Die wissenschaftliche Naturheilkunde, in der evidenzbasierte Methoden angewandt werden, aber auch ein Erfahrungswissen aus Jahrhunderten Geltung besitzt, hat in den vergangenen Jahrzehnten eine enorme Entwicklung durchlebt. Bis vor rund 20 Jahren war sie in unterschiedliche Schulen zerfallen, deren Erklärungssysteme selten wissenschaftlichen Kriterien standhielten. Seit rund 20 Jahre ist dies anders, mitunter und insbesondere auch aufgrund des hohen gesellschaftlichen Interesses an naturheilkundlichen und anderen traditionellen Heilverfahren. Die Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin an den Kliniken Essen-Mitte behandelt beispielsweise seit 1999 Patienten, bei denen die rein symptomorientierte Strategie der Schulmedizin versagt hat. Sie wurde als Modellprojekt des Landes Nordrhein-Westfalen über Jahre hinweg streng evaluiert und wird seither auch von den Krankenkassen anerkannt. Ein wichtiges Ziel des Lehrstuhls für Naturheilkunde und Integrative Medizin an der Universität Duisburg-Essen ist es, hier die klinische Forschung im Bereich der Komplementärmedizin voranzutreiben. Dabei bedient sich die wissenschaftlich gestützte Naturheilkunde von heute sowohl modernsten Erkenntnissen aus z. B. der Placebo-Forschung, der Hirn-Forschung und Mind-Body-Medizin, als auch neusten wissenschaftlichen Methoden, die u. a. individualisierten Ansätzen in der Behandlung Rechnung tragen. Zentrale Potentiale, so Dobos, liegen dabei nicht nur in der adjuvanten Behandlung von Krebs- und Palliativpatienten. Beispielhaft sind auch die zu erwartenden häufigsten Erkrankungen einer alternden Gesellschaft zu nennen, wie chronische Schmerzen und Depressionen. „Eine für dieses Symposium durchgeführte Auswertung der wissenschaftlichen Evidenz für Rücken- bzw. Arthroseschmerz und mittelgradige Depressionen durch das Leitlinien-Team meines Lehrstuhls, zeigt eine mindestens gleichwertige, häufig auch deutlich bessere Evidenz im Vergleich zu den konventionellen, leitlinienorientierten Behandlungen.“ Daher bietet die Integrative Medizin gerade dort Lösungen, wo die Schulmedizin mit ihren standardisierten und symptomorientieren Methoden an ihre Grenzen stößt. Vor allem in einer älter werdenden Gesellschaft mit ihrer hohen Zahl an chronisch Kranken bietet sie die Basis für künftige Modelle der stationären und ambulanten Versorgung.

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