Freitag, 30. September 2016


Bremer Schiffbau-Studierende entwerfen Rettungsschiffe für Bootsflüchtlinge im Mittelmeer

Aktuelle und praxisnahe Prüfungsleistung im Master-Studiengang Schiffbau und Meerestechnik

(lifePR) (Bremen, ) Die Anzahl der Bootsflüchtlinge im Mittelmeer ist im vergangenen Jahr drastisch gestiegen. Überfüllte, seeuntaugliche und mit unzureichend Nahrung und Treibstoff ausgerüstete Boote werden von skrupellosen Schleuserbanden in die Ungewissheit geschickt. Hier setzten Studierende des Master-Studiengangs Schiffbau und Meerestechnik der Hochschule Bremen an: sie entwarfen für eine fiktive Nicht‐Regierungs‐Organisation zwei Schiffe unterschiedlicher Größe zur Suche und Rettung von Bootsflüchtlingen. Zusätzlich sollen diese Schiffe einen alternativen Verwendungszweck erfüllen können. Ergebnis der Prüfungsleistung sind der 94 Meter lange Neubau "Nausikaa", ein Rettungs‐ und Krankenhausschiff, sowie die 55 Meter lange "Ray of Hope", ein umgebautes Rettungs‐ und Forschungs‐ bzw. Vermessungsschiff. Diese Schiffe können 300 bzw. 66 Schiffbrüchige an Bord nehmen und gegebenenfalls auch medizinisch versorgen. Ausgerüstet sind sie mit Tochter‐ und Beibooten, um einen sicheren Transfer zwischen dem Schleuserboot und den Rettungsschiffen zu gewährleisten.

Details zu den Schiffsentwürfen

"Nausikaa":

Als Seenotrettungskreuzer und Krankenhausschiff kann die "Nausikaa" (94 Meter lang, 17 Meter breit und bis zu 20 Knoten (37 km/h) schnell) auch in entlegenen Katastrophengebieten mit ihrem Containerhospital und bordeigenem Operationssaal zur medizinischen Versorgung eingesetzt werden. Die geringe Seitenhöhe von 6,4 Metern bei einem Tiefgang von 5,2 Metern erleichtert die Bergung von Personen auf hoher See.

In Anlehnung an die bewährten Seenotrettungskreuzer der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (der DGzRS) ist dieses Schiff mit drei leistungsstarken Tochterbooten ausgestattet, die insgesamt 120 Personen aufnehmen können. Die Boote können über eine Heckwanne oder über Kransysteme selbst bei schwerem Seegang zu Wasser gelassen werden.

An Bord des Mutterschiffs können die Schiffbrüchigen in einem Übergangsbereich medizinisch erstversorgt und anschließend in Achtbett-Zimmern auf mehreren Mehrzweckdecks untergebracht werden. Der medizinische Bereich umfasst neben Behandlungsräumen eine Intensiv‐ und eine Quarantänestation sowie einen im Krankenhausbetrieb einsetzbaren OP‐Saal. Die Bewirtung der Flüchtlinge und der Besatzung erfolgt über eine bordeigene Großküche mit einer Kapazität von 1.000 Mahlzeiten pro Tag.

Für den Umbau der "Nausikaa" zu einem Krankenhausschiff stehen neun Containerstellplätze zur Verfügung. So können - zusätzlich zu den an Bord befindlichen Kapazitäten - in einem Containerkrankenhaus eine Hals-Nasen-Ohren-, eine Zahnarztpraxis sowie ein Labor mit Radiologie direkt am Kai schiffsgestützt aufgebaut werden. Die Behandlungskapazität beträgt bis zu 58 Personen pro Tag. Das Mehrzweckdeck, das je nach Bedarf umgerüstet werden kann, kann in diesem Fall in eine reguläre Krankenstation mit 40 Betten umgebaut werden und bietet Unterkünfte für Ärzte und Pflegepersonal.

Zur Unterstützung von Rettungsoperationen kann ein Hubschrauber die bordeigene Landeplattform anfliegen, die auch für Drohnen zur Großraumüberwachung genutzt werden kann. Selbst zur Brandbekämpfung kann die "Nausikaa" eingesetzt werden.

Durch die Klassifikation als Offshore‐Service‐Vessel kann das Schiff alle relevanten Sicherheitsvorschriften einhalten und garantiert selbst bei maximaler Besetzung Rettungsbootplätze für alle 335 Personen an Bord.

"Ray of Hope":

Bei der Planung und Konstruktion eines Such‐ und Rettungsschiffes (SAR‐Schiff) zur Bergung Schiffbrüchiger aus dem Mittelmeer bot sich aus Zeit- und Kostengründen der Umbau eines vorhandenen Schiffes als Alternative zum klassischen Neubau an. Als Basis diente die "MV Aurelia" der in Bremen ansässigen "Hempel Shipping GmbH". Der 55 Meter lange, zum Forschungs‐ und Vermessungsschiff umgerüstete ehemalige Fischtrawler ist derzeit auf den Weltmeeren unterwegs. Dank der freundlichen Unterstützung durch den Inhaber Christoph Hempel und der Bereitstellung einer Vielzahl wichtiger Informationen konnte diese Projektarbeit sehr realitätsnah durchgeführt werden. Ein kurzer Zwischenhalt der "MV Aurelia" in Bremen erlaubte genaue Eindrücke der baulichen Gegebenheiten und die Klärung noch offener Fragen direkt an Bord.

Eckpunkte des Umbaus waren ein modernes und treibstoffeffizientes Antriebskonzept und Rettungskonzept, bei dem zwei große Festrumpf-Schlauchboote (Rigid Inflatable Boats, RIBs) zum Einsatz kommen, die über seitliche Aussetzvorrichtungen ausgebracht und eingeholt werden können. Weiterhin sollten alle aktuellen Vorschriften erfüllt und ein möglicher Treibstoffausfluss im Schadensfall auf ein absolutes Minimum reduziert werden.

Mit der "Ray of Hope" ist ein Schiff entstanden, das durch den Einsatz einer Drohne zur Überwachung einer größeren geographischen Fläche ein schnelleres Auffinden von in Seenot geratenen Schiffen möglich macht. Das Schiff bietet die Möglichkeit bis zu 71 Personen in geschützten Räumen aufzunehmen. Eine medizinische Erstversorgung sowie die Versorgung mit Nahrung, Wasser und Medikamenten werden über Bordmittel gewährleistet. Im Falle einer größeren Anzahl Schiffbrüchiger können in Ausnahmefällen sogar bis zu 550 Personen aufgenommen werden, ohne die Sicherheit des Schiffes zu gefährden.

Ausgelegt ist das Schiff für ein Fahrprofil mit einer Patrouillengeschwindigkeit von 10 Knoten (18,5 km/h) und einer maximalen Geschwindigkeit von 16 Knoten (29,6 km/h). Hierbei wird die Patrouillengeschwindigkeit über einen Elektromotor gewährleistet, während zum Erreichen der Maximalgeschwindigkeit die Hauptmaschine hinzugeschaltete wird, um bei Sichtung eines in Not geratenen Schiffes schnell vor Ort zu sein.

Mit der auf dem Achterschiff angeordneten Abwinsch‐Plattform können Personen mit einem Helikopter von Bord geborgen werden. Außerdem dient die Plattform zum Start der Seeüberwachungsdrohne. Ferner lassen sich auf der Abwinschplattform zwei Standartcontainer stauen, um zusätzliche Ausrüstung an Bord zu nehmen.

Zur Wahrnehmung zusätzlicher Aufgaben blieben der bereits existierende A‐Rahmen auf der Steuerbordseite, der Moonpool (Öffnung im Boden des Schiffsrumpfes) sowie weitere technische Ausrüstung erhalten. Weiterhin sind neben den Crewkabinen drei Kabinen für Wissenschaftler erhalten geblieben. Hierdurch kann das Schiff seine derzeitige Funktion als Forschungs‐und Vermessungsschiff weitestgehend beibehalten.
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