Mittwoch, 26. November 2014


Die letzten Zivis beenden ihren Dienst

(lifePR) (Stuttgart, ) .
- Ende eines Kapitels bundesdeutscher Geschichte
- "Ich würde es wieder machen - es hat mir viel gebracht"
- Mehr Freiwillige zu gewinnen, ist eine große Herausforderung

Nach über 50 Jahren endet morgen (15.12.2011) der Zivildienst. Die letzten sieben Zivis in Einrichtungen der Diakonie in Württemberg werden an diesem Tag entlassen. "Damit geht ein Kapitel bundesdeutscher Geschichte zu Ende", so Wolfgang Hinz-Rommel, Leiter der Abteilung Freiwilliges Engagement im Diakonischen Werk Württemberg. Florian Raulf, noch Zivi im Behindertenzentrum Stuttgart, bedauert, dass der Zivildienst nun aufhört. "Ich habe viel von ihm profitiert. Ich bin selbstbewusster geworden, habe viel gelernt und viele neue Freunde unter den behinderten Menschen gefunden. Ich würde es wieder machen - es hat mir viel gebracht."

Im Jahr 1961 haben diakonische Einrichtungen in Württemberg die ersten 18 Ersatzdienstleistenden aufgenommen. 75.000 junge Männer haben seitdem in der Diakonie Baden-Württemberg ihren Dienst abgeleistet. Anfangs waren nur wenige Ersatzdienstleistende geplant. Aber ab 1968 stiegen die Verweigerungszahlen ständig an. "Am Anfang wurden Kriegsdienstverweigerer offen diskriminiert. Danach hat der Einsatz der jungen Männer als Zivildienstleistende in der Gesellschaft immer mehr Anerkennung gefunden", so Wolfgang Hinz-Rommel.

Die Zivis waren hauptsächlich bei alten, kranken und behinderten Menschen eingesetzt. Die überwiegende Mehrzahl der Zivis bewertete ihren Dienst und die dort gemachten Erfahrungen als sehr positiv. Mittlerweile finden sich in den meisten diakonischen Einrichtungen viele Mitarbeiter mit einer Zivildienstbiografie. Manch einer hat über den Zivildienst seinen Weg in die Diakonie oder in die soziale Arbeit insgesamt gefunden.

In den letzten zehn Jahren nahm die Angst zu, dass bei Abschaffung des Zivildienstes eine Lücke in der sozialen Landschaft klaffen würde, die sich nicht ohne Weiteres schließen lassen würde. "Das Ende des Zivildienstes bedeutet vor allem, dass wahrscheinlich weniger junge Männer als bisher in sozialen Berufsfeldern Erfahrungen machen. Das ist schade, weil diese Berufe dringend männliche Bewerber brauchen", so der Zivifachmann der württembergischen Diakonie Hinz-Rommel. In sozialen Einrichtungen seien zwar Lücken entstanden. Aber viele Einrichtungen hätten kreative Lösungen zur Überbrückung gefunden.

So auch die diakonische Einrichtung Behindertenzentrum (bhz) Stuttgart. "Wir konnten alle Stellen durch Freiwillige oder auch durch Bufdis besetzen", so Moritz Vogel, Personalreferent beim bhz. Für das bhz waren Zivis sehr wichtig. "Sie haben frischen Wind in die Einrichtungen gebracht und haben alle guten Zugang und Kontakt zu unseren Menschen mit Behinderungen gefunden." Auch wenn der Zivildienst ein Pflichtdienst war, haben sich nach Meinung von Moritz Vogel fast alle Zivis wohlgefühlt. "Das zeigt sich auch daran, dass alle drei letzten Zivis freiwillig den Dienst um Monate verlängert haben."

So zum Beispiel Florian Raulf, 21 Jahre, der seinen Zivildienst sechs Monate verlängert hat und auch nach dem Zivildienst als Aushilfe nochmals neun Monate im bhz arbeiten will. "Ich habe meinen Zivildienst mit gemischten Gefühlen gestartet. Ich wurde dann aber von den Menschen mit Behinderungen mit so offenen Armen aufgenommen, dass ich mich bald sehr wohl gefühlt habe." Inzwischen trifft er sich mit seinen Betreuten auch privat, geht gemeinsam mit ihnen ins Kino oder ins Stadion zum VfB Stuttgart. Er sei insgesamt viel offener geworden. "Ich kann direkt auf Menschen zugehen, egal was für ein Mensch der andere ist." Der Rat von Florian Raulf ist: "Jeder, der die Gelegenheit dazu hat, sollte unbedingt so einen sozialen Dienst freiwillig machen."

Freiwillig - das ist auch das Motto der Zukunft. Denn die Zivis werden seit dem 1. Juli von den Bufdis abgelöst. "Es ist eine große Herausforderung an uns Wohlfahrtsverbände, noch mehr junge Menschen für ein Jahr freiwilliges Engagement zu gewinnen. Schon bisher war die Bereitschaft groß. Da müssen wir ansetzen", betont Wolfgang Hinz-Rommel. Nach zögerlichem Beginn, der auch mit manch unklaren politischen Vorgaben zu begründen sei, hätten sich nun seit dem Sommer zunehmend mehr Menschen als Bufdis beworben. "Im ersten halben Jahr konnten bereits 560 Männer und Frauen in den Bundesfreiwilligendienst in der Diakonie Baden-Württemberg vermittelt werden, davon rund 120 über 27 Jahren." Hinz-Rommel betont, dass der Bundesfreiwilligendienst nicht automatisch den Zivildienst ersetzt. "Denn anders als der Zivildienst ist der Bundesfreiwilligendienst ausdrücklich ein Lerndienst. Darauf müssen sich soziale Einrichtungen noch mehr einstellen."
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