Montag, 05. Dezember 2016


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Eberhard Havekost "Retina"

Die Schirn Kunsthalle Frankfurt zeigt in einer Einzelpräsentation neue Arbeiten des Künstlers Eberhard Havekost

(lifePR) (Frankfurt am Main, ) Die Schirn Kunsthalle Frankfurt widmet dem Künstler Eberhard Havekost unter dem Titel "Retina" eine Einzelpräsentation. Die Schau zeigt 19 aktuelle, bislang nicht ausgestellte Arbeiten, die sich mit den Möglichkeiten der visuellen Wahrnehmung der gegenständlichen Welt und ihrer Abstraktion auseinandersetzen. Die Arbeiten bilden durch die fast völlige Abwesenheit figurativer Elemente eine sichtbare Zäsur im Werk des Künstlers, mit der die grundsätzliche Fragestellung seines Œuvres nach der Wirklichkeit von Bildern konsequent weiterentwickelt und präzisiert wird. Damit evoziert die Präsentation einen malerischen Diskurs, durch den die Wahrnehmungsgrenzen zwischen Innen und Außen reflektiert werden.

Die für die Ausstellung titelgebende, sechs Bilder umfassende Serie "Retina" (2009) legt in ihrem spezifischen Verweis auf unsere visuelle Wahrnehmung die konzeptuelle Anlage der Bilder fest: Einfallendes Licht löst auf der Netzhaut des Auges, der Retina, visuelle Reize aus, die mithilfe von Nervenimpulsen an das Gehirn weitergeleitet werden. Dort werden die eintreffenden Impulse mit bereits bekannten Seherfahrungen und -gewohnheiten und dem Wissenshorizont des Betrachters zusammengebracht und ermöglichen ein intellektuelles Verständnis des Gesehenen. Insofern scheint Havekosts Malerei den prozessualen Charakter von Wahrnehmung direkt abzubilden - so könnte die Innenseite des Auges aussehen, bevor das eintreffende Licht in Bildinformation übersetzt wird. Entsprechend entzieht sie sich dem Gegenständlichen und verwandelt die Bildoberfläche zur Farb- und Formenmatrix, hinter der der additiv-malerische Entstehungsprozess verborgen bleibt: "Retina" geht auf die digitale Aufnahme eines Flachbildschirms zurück, der eine Fernsehserie des Kanals Comedy zeigt. Vergeblich bemüht sich das Auge des Betrachters, die einzelnen farblichen Strukturmuster zu ordnen und einen Bezug zur gegenständlichen Welt herzustellen. Während der Blick über die Bildoberfläche irrt und einen Ansatz zur Entschlüsselung der Szenerie zu finden trachtet, agiert der Betrachter wie auf der Bildschirmoberfläche des Computers und sucht imaginär nach den Eingabefeldern für Suchbegriffe, Texte und Anwenderbefehle. Gelingt es dem strukturierenden Blick des Betrachters, die Formen vor dem inneren Auge zu ordnen und mit dem eigenen Wissenshorizont zu verbinden, so lässt sich das Bildwerk nach und nach dechiffrieren. Doch das Resultat wäre alles andere als eindeutig: In diesem Sinn stoßen Havekosts Malereien einen Diskurs an, der den Ausstellungsraum in einen Reflexionsraum verwandelt. In ähnlicher Weise entziehen sich die gezeigten Werke der Serie "Jungle" (2009) und "Flatscreen" (2009) einer eindeutigen Dechiffrierung durch den Betrachter.

Übertragen auf seine Malerei ist die Leinwand für Havekost eine Benutzeroberfläche, die für eine "Anwendung" durch den Betrachter bereitsteht. "Wie kann man ein Bild benutzen? Was hat die Bildoberfläche mit der Körperoberfläche des Betrachters zu tun?" - so lauten die Fragen, die der Künstler aufwirft. Dabei steht für Havekost weniger die Abbildung oder Dokumentation von Realität als vielmehr die Konstruktion einer eigenen Bildwirklichkeit im Vordergrund. Mit der Ausschnitthaftigkeit der Motive, durch extreme Nah- und Untersichten und mittels bewusst gesetzter Zerrungen, Spiegelungen und Manipulationen bricht er mit den Sehgewohnheiten des Betrachters und hinterfragt die Art und Weise, wie Bilder entstehen und gelesen werden können.

So kommt es in seinem Werk zu differenzierten Annäherungen an das Reale: "Die erste unterstellt", so Jean-Charles Vergne in seinem Katalogessay über Havekosts Arbeiten, "dass Realität, wenn überhaupt, nur als Schnittstelle existieren kann, nämlich in dem Sinne, dass das Reale eine rohe Matrix ist, die ähnlich wie diejenige eines fabrikneuen Computers funktioniert: Wenn er das erste Mal gestartet wird, gelten die 'Werkseinstellungen'. Das Reale wäre demnach so etwas wie eine Schnittstelle, die erst noch aktiviert werden muss, je nach den Bedürfnissen, den Möglichkeiten und der Subjektivität des individuellen Nutzers. [...] Die zweite Haltung postuliert, dass das Reale nicht als solches existiert, sondern nur ein unaufhörliches Nebeneinander von Gesichtspunkten und Anordnungen ist." So gesehen erforscht "Retina" neue Wahrnehmungsweisen des Realen. Die gezeigten Arbeiten betonen die optionale Komplexität einer Realität und damit einhergehend auch die bedingte Unmöglichkeit, jede Realität in ihrer Totalität zu erfassen.

In der neuen Werkgruppe, die im Rahmen der Ausstellung in der Schirn erstmals gezeigt wird, löst sich Havekost mit seinen weitgehend abstrakten Kompositionen zusehends von den Bezügen zur gegenständlichen Realität und verlässt damit die Bildwelten seiner früheren Arbeiten. Ebenso wie die Arbeiten der vergangenen Jahre sind jedoch auch die aktuellen Werke aus einem Bilderpool entstanden, für den Havekost Hochglanzfotos und Schnappschüsse aus Magazinen, Zeitungen und Videos sowie zunehmend auch eigene Fotografien aus dem privaten Umfeld zusammenträgt, die er in einem umfangreichen digitalen Archiv nach bestimmten Kriterien ordnet. In einem aufwändigen, auf Adaption und Addition beruhenden Samplingprozess verfremdet und abstrahiert der Künstler mithilfe digitaler Bildbearbeitungssoftware das Rohmaterial und entwickelt daraus die motivischen Vorlagen für seine Gemälde und Grafiken. Der Computer dient im Schaffensprozess als digitales Skizzenbuch, das eine eingehende Auseinandersetzung mit dem Bildgegenstand in Form perspektivischer Studien und unterschiedlicher Verfremdungsmöglichkeiten bietet.

In der Ausstellungssituation setzt sich das Spiel der visuellen Spannungen fort. Eberhard Havekost sieht die in der Schau gezeigten Arbeiten nicht nur als Einzelbilder und -serien, sondern als einen analytischen Denkraum, der sich aus der spezifischen Zusammenstellung der einzelnen Werke und ihrer Hängung ergibt. In der konzeptionellen Zusammenschau zeigen die Werke unterschiedliche Möglichkeiten der malerischen Verarbeitung von Realität und definieren sich als Malerei im medialen Zeitalter.

Eberhard Havekost, 1967 in Dresden geboren, studierte nach einer Ausbildung zum Steinmetz an der Hochschule für Bildende Künste Dresden Malerei (1991-1996). Er erhielt 1999 das Karl-Schmidt-Rottluff-Stipendium und nahm an zahlreichen internationalen Gruppenausstellungen teil, unter anderem im National Art Museum Beijing (2008), in der Tate Modern, London (2006), und im Museum of Contemporary Art Chicago (2005). Einzelausstellungen waren in internationalen Institutionen wie dem Stedelijk Museum, Amsterdam (2006), dem Kunstmuseum Wolfsburg (2005), den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (2005) und dem Museu de Arte Contemporânea de Serralves, Porto (2001), zu sehen. Havekost lebt und arbeitet in Berlin.

KATALOG: "Eberhard Havekost. Retina". Herausgegeben von Heide Häusler und Max Hollein. Mit einem Vorwort von Max Hollein und einem Text von Jean-Charles Vergne. 64 Seiten, 30 Abbildungen, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2010, ISBN 978-3-86560-740-9, Preis: 14,90 € (Schirn) / 16,80 € (Buchhandel).

COLLECTOR'S EDITION: Limitierte Sonderedition bestehend aus Katalog und hochwertigem, signiertem Kunstdruck in exklusiver Verpackung. Auflage: 50 Exemplare, Preis: 39,80 €. Information: Tanja Kemmer, tanja.kemmer@schirn.de, Telefon: (+49-69) 29 98 82-156.

ORT: SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT, Römerberg, D-60311 Frankfurt. DAUER: 15. Januar - 14. März 2010. ÖFFNUNGSZEITEN: Di, Fr-So 10-19 Uhr, Mi und Do 10-22 Uhr. INFORMATION: www.schirn.de, E-Mail: welcome@schirn.de, Telefon: (+49-69) 29 98 82-0, Fax: (+49-69) 29 98 82-240. EINTRITT: 3 €, ermäßigt 1,50 €; Kombiticket mit den Ausstellungen "László Moholy-Nagy. Retrospektive" oder "Georges Seurat. Figur im Raum" 9 €, ermäßigt 7 €; Kombiticket mit der Ausstellung "Uwe Lausen. Ende schön alles schön" 8 €, ermäßigt 6 €; Kombiticket mit den Ausstellungen "Georges Seurat. Figur im Raum" und "Uwe Lausen. Ende schön alles schön" 13 €, ermäßigt 9 €. Freier Eintritt für Kinder unter 8 Jahren. ÖFFENTLICHE FÜHRUNGEN: Mi 20 Uhr, Sa 18 Uhr. KURATORIN: Heide Häusler (Schirn). KULTURPARTNER: hr2-kultur.

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