Sonntag, 11. Dezember 2016


  • Pressemitteilung BoxID 548655

Deutschland hat finanziell stark von der Griechenlandkrise profitiert

(lifePR) (Halle (Saale), ) Der ausgeglichene Haushalt in Deutschland ist zu einem großen Teil auf Zins­einsparungen aufgrund der Schuldenkrise zurückzuführen. Berechnungen des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) zeigen, dass sich aus der Krise zwischen 2010 und heute Einsparungen für den deutschen Haushalt von rund 100 Mrd. Euro (mehr als 3% des Bruttoinlandsprodukts, BIP) ergaben, die sich zumindest zum Teil direkt auf die Griechenlandkrise zurückführen lassen. Diese Einsparungen übertreffen die Kosten der Krise – selbst dann, wenn Griechenland seine Schulden komplett nicht bedienen würde. Deutschland hat also in jedem Fall von der Griechenlandkrise profitiert.

Wenn Investoren sich mit einer Krise konfrontiert sehen, versuchen sie, ihr Geld möglichst sicher anzulegen (flight to safety). Während der europäischen Schulden­krise hat Deutschland überproportional von diesem Effekt profitiert: Jedes Mal, wenn es für die Finanzmärkte in den letzten Jahren negative Neuigkeiten zum Thema Griechenland gab, fielen die Zinsen auf deutsche Staatsanleihen, und jedes Mal, wenn es gute Neuigkeiten gab, stiegen sie. Zum Beispiel fielen die Zinsen auf Bundesanleihen um rund 30 Basispunkte an einem Tag, als im Januar dieses Jahres ein Sieg von Syriza immer wahrscheinlicher wurde oder als die neue Regierung alle weiteren Verhandlungen mit der Troika (Europäische Union – EU, Europäische Zentralbank – EZB und Internationaler Währungsfonds – IWF) ablehnte. Auch im Juni, als sich die griechische Regierung dafür entschied, eine Volksabstimmung über die Reformmaß­nahmen durchzuführen und als das (negative) Ergebnis feststand, fielen die Zinsen deutscher Bundesanleihen, und sie stiegen, als sich die griechische Regierung direkt anschließend dann doch verhandlungsbereit zeigte. Kumulativ hätten die positiven Neuigkeiten über Griechenland zwischen Ende 2014 und Mitte 2015 zu einem Zinsanstieg auf deutsche Staatsanleihen von 1,6% geführt. Auch die Anleihen anderer Länder haben profitiert (z. B. die USA, Frankreich oder die Niederlande), aber in einem deutlich kleineren Ausmaß.

Obwohl diese Zahlen eindeutig belegen, dass Deutschland von der Griechenland­krise finanziell profitiert hat, bleibt es schwierig, die Ersparnisse auf Heller und Pfen­nig auszurechnen. Das IWH hat daher mit Hilfe einer einfachen Entscheidungsregel (Taylor rule) eine unabhängige deutsche Geldpolitik simuliert und daraus hypotheti­sche deutsche Zinsen auf Staatsanleihen abgeleitet. Die Annahme einer unabhängi­gen deutschen Geldpolitik bildet ein Szenario ab, in dem Deutschland von einer Krise in Griechenland weder positiv noch negativ beeinflusst wäre. Die Annahme ist, dass die Geldpolitik der EZB sehr dicht bei der für Deutschland individuell optimalen Politik gewesen wäre, wenn im Zuge der europäischen Staatsschuldenkrise keine großen Ungleichgewichte in der Eurozone entstanden wären. Damit ist ein solches Verfahren geeignet, um den Effekt der Staatsschuldenkrise auf die Zinspolitik der Zentralbank und die Zinsen auf Staatsanleihen zu isolieren. Mit diesem Ansatz kommt man auf simulierte Zinsen auf deutsche Staatsanleihen, die zwischen 2010 und heute durchschnittlich rund 3% höher sind als in der Realität beobachtet. Wenn man die tatsächliche Fälligkeitsstruktur der deutschen öffentlichen Schulden berück­sichtigt, belaufen sich die Einsparungen für den deutschen Steuerzahler auf min­destens 100 Mrd. Euro in den letzten viereinhalb Jahren.

Diese realisierten Einsparungen übertreffen selbst die potenziellen Kosten, die auf Deutschland zukämen, wenn Griechenland seine Schulden überhaupt nicht zurückbe­zahlt. Schätzungen zufolge ist der deutsche Anteil an den Rettungspaketen für Griechenland (über den Europäischen Stabilitätsmechanismus – ESM, die EZB und den IWF) auf rund 90 Mrd. Euro zu beziffern. Das gegenwärtig zu verhandelnde Paket ist dabei schon mitberücksichtigt. Selbst wenn Griechenland keinen Cent zurück­bezahlt, hätte die deutsche öffentliche Hand also finanziell von der Krise profitiert.

Veröffentlichung:

Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) (Hrsg.): Germany’s Benefit from the Greek Crisis. IWH Online 7/2015. Halle (Saale) 2015.

Das IWH ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Die Leibniz-Gemeinschaft verbindet 89 selbst­ständige Forschungseinrichtungen. Deren Ausrichtung reicht von den Natur-, Ingenieur- und Umwelt­wissenschaften über die Wirtschafts-, Sozial- und Raumwissenschaften bis zu den Geistes­wissen­schaften. Leibniz-Institute bearbeiten gesellschaftlich, ökonomisch und ökologisch relevante Fragestellungen. Aufgrund ihrer gesamtstaatlichen Bedeutung fördern Bund und Länder die Institute der Leibniz-Gemein­schaft gemeinsam. Weitere Informationen unter www.leibniz-gemeinschaft.de.

Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH)

Die Aufgaben des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) sind die wirtschafts­wissenschaftliche Forschung und wirtschaftspolitische Beratung auf wissenschaftlicher Basis. Das IWH betreibt evidenzbasierte Forschung durch eine enge Verknüpfung theoretischer und empiri­scher Methoden. Dabei stehen wirtschaftliche Aufholprozesse und die Rolle des Finanzsystems bei der (Re-)Allokation der Produktionsfaktoren sowie für die Förderung von Produktivität und Innovationen im Mittelpunkt. Das Institut ist unter anderem Mitglied der Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose, die halbjährlich Gutachten zur Lage der Wirtschaft in der Welt und in Deutsch­land für die Bundes­regierung erstellt.




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