Sonntag, 17. Dezember 2017


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Es gibt viele Strategien für die Zukunft des Handwerks

Kassel, (lifePR) - Impulse geben, Trends und Entwicklungen aufzeigen, Themen diskutieren, die den betrieblichen Alltag bestimmen, aber in der Regel im Tagesgeschäft zu kurz kommen. Der Kurhessische Handwerkstag, den die Handwerkskammer Kassel in diesem Jahr in Bad Wildungen veranstaltete, bot unter dem Motto: "Fit für die Zukunft - Strategien für das Handwerk" ein Forum für den Gedankenaustausch jenseits der alltäglichen Betriebsamkeit. Festredner waren Professor Dr. Michael Lingenfelder, Lehrstuhl für Marketing und Handelsbetriebslehre der Philipps-Universität Marburg und Dr. Klaus Müller vom Volkswirtschaftlichen Institut für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen. Beide Vorträge zeigten Wege, auf denen Handwerksbetriebe den Herausforderungen der sich ständig veränderten Märkte begegnen können.

Als eine Entwicklung, die für das Handwerk künftig von Bedeutung sein wird, benannte Gerhard Repp, Präsident der Handwerkskammer Kassel, den demographischen Wandel. Dieser werde das Handwerk in zweierlei Weise betreffen. Zum einen werden immer weniger junge Menschen in die Betriebe nachrücken und in der Folge die Belegschaften immer älter werden. "Der Wettbewerb um leistungsfähige Nachwuchskräfte wird sich verschärfen." Der Fachkräftemangel sei bereits heute im Handwerk angekommen. Und wenn durch den demographischen Wandel auch die Mitarbeiter in den Betrieben immer älter werden, bekomme die Fort- und Weiterbildung eine noch größere Bedeutung. "Die Zukunfts- und Innovationsfähigkeit unserer Betriebe hat eine Grundvoraussetzung: Qualifizierte Mitarbeiter, deren Wissen auf dem neuesten Stand ist."

Aber nicht nur die Betriebe veränderten sich, sondern auch die Märkte, die sie bedienten. Eine immer älter werdende Kundschaft habe eigene Interessen und Bedürfnisse, zeige sich verstärkt interessiert an Themen wie Wellness und Gesundheit, Komfort und Sicherheit. "Die Generation 50plus schätzt Lebensqualität und sie ist bereit, dafür Geld auszugeben. Dafür erwartet sie aber auch ein umfassendes Dienstleistungsangebot und einen erstklassigen Service", so der Kammerpräsident.
Neben der demographischen Entwicklung sei es vor allem der Klimawandel, der dem Handwerk Märkte eröffnet. "Unsere Kunden zeigen ein größeres Interesse, Energie einzusparen sowie die Umwelt zu schützen und die Handwerksbetriebe halten bereits heute eine große Vielfalt innovativer Techniken bereit." Ein weiterer Megatrend, der dem Handwerk entgegenkomme, sei die Nachhaltigkeit. "Dafür steht das Handwerk wie kein zweiter Wirtschafsbereich". Auch das wachsende Bedürfnis der Menschen nach Produkten aus der Region sichere und eröffne dem Handwerk Märkte. Gleiches gelte für den länger anhaltenden Trend zu hochwertigen Waren und Leistungen. "Um auf diesen Märkten erfolgreich zu agieren, bedarf es allerdings einer konsequenten Ausrichtung des Unternehmenskonzeptes, das sich nicht nur im Produkt- und Dienstleistungsangebot erschöpft, sondern auch Auftreten und Erscheinungsbild des Unternehmens umfasst."

"Wie alt ist der durchschnittliche Harley-Fahrer?", fragte Professor Dr. Michael Lingenfelder. Seine Antwort: "52 Jahre!" Er belegte den demographischen Wandel, die Entwicklung der Kaufkraft und die sich daraus ergebenden Konsumtrends mit konkreten Zahlen. So werde der Anteil der über 60-jährigen bundesweit, der 1950 noch bei 20,4 Prozent gelegen hatte, bis 2050 auf 36,7 Prozent steigen. Am Beispiel von Bad Wildungen zeigte er, dass die 50- bis 60-jährigen bereits heute über die größte Kaufkraft verfügten. Ein Trend, der sich in den kommenden Jahren verstärken werde. Und diese Generation, auch das zeigte der Marburger Professor, sei bereit Geld auszugeben. So beschäftigten sich mehr als 60 Prozent der über 55-Jährigen mit dem Gedanken ihr Eigenheim umzubauen. Der Trend zum alt werden in den eigenen vier Wänden, so Lingenfelder, gehe weiter.

Handwerksbetriebe, so Lingenfelders Botschaft, unterschätzten das Kundensegment 50plus und hielten deshalb kein entsprechendes Angebot bereit. Notwendig seien eine kundengerechte Ansprache, ein hohes Qualitätsniveau und klar herausgestellte Seriosität. Beratung, Service und die Bequemlichkeit für den Kunden müssten stimmen. Handwerksbetriebe sollten Netzwerke bilden, um mehr Leistungen aus einer Hand komfortabel für den Kunden anbieten zu können. Kundenkontakte seien systematisch auszubauen, Kommunikation, Marketing und Werbung zu verbessern. "Senioren sind anspruchsvolle Gesprächspartner." Als mögliche Beispiele führte der Wissenschaftler Angebote für bestimmte Lebenssituationen wie den Auszug der Kinder, die Aufgabe der Erwerbstätigkeit, den Tod des Lebenspartners, den Krankheits- oder Pflegefall an.

Weitere Zukunftsfelder für das Handwerk zeigte Dr. Klaus Müller auf. Neben dem Zukunftsmarkt Generation 50plus eröffneten sich dem Handwerk Marktchancen durch handwerksrelevante Konsumtrends, steigende Energiepreise und den Ausbau der bisher kaum genutzten Auslandsgeschäfte. Vor allem die verstärkte Qualitäts-, Werte- und Service-Orientierung der Kunden, das wachsende Bewusstsein für Nachhaltigkeit, ein gestiegenes Sicherheits- und Schutzbedürfnis, der Boom bei Themen wie Gesundheit, Bioprodukte, natürliche Baustoffe und Wohn-Wellness seien Entwicklungen, die es den Handwerksbetrieben ermöglichten, ihre traditionellen Stärken auszuspielen.

So führten beispielsweise die gestiegenen Energiepreise zu größeren Investitionen in den Bereichen Energieeinsparung, erneuerbare Energien und dezentrale Energieversorgungssysteme. Sowohl in der energetischen Altbausanierung wie beim Neubau von Niedrigenergie- oder Passivhäuser sieht Müller deshalb einen Wachstumsmarkt für das Handwerk. Die geschätzten Investitionen in erneuerbare Energien, von denen das Handwerk profitieren, beliefen sich bis 2020 auf 61 Milliarden Euro.

Um diese Märkte zu erschließen, machte Müller allerdings auch Handlungsbedarf bei den Betrieben geltend, beispielsweise beim Innovationswettbewerb von Produkten und Dienstleistungen, beim Ausbau des Dienstleistungsangebots, der Kooperation sowie bei der permanenten Qualifizierung der Mitarbeiter. Weiterhin bestünden Defizite im Prozessmanagement, bei Finanzierung und Personal, aber auch bei der Ausschöpfung von Vermarktungschancen. Als Erfolgsfaktoren, so der Wissenschaftler aus Göttingen, könnten die Betriebe ihr unternehmensspezifisches Wissen und ihre Wettbewerbsfähigkeit verbuchen, Innovationen als Ergebnis ihrer besonderen Fähigkeiten, innerbetriebliche Offenheit und den kooperativen Führungsstil.

"Der Kurhessische Handwerkstag hat es uns wissenschaftlich fundiert bestätigt: Das Handwerk steht auch in den kommenden Jahren vor großen Herausforderungen. Aber, und das ist die eigentliche Botschaft dieser Veranstaltung, wir sind ihnen nicht ausgeliefert, so lange wir das Heft des Handelns nicht aus der Hand geben", fasste Peter Göbel, Hauptgeschäftsführer der Kammer, die Veranstaltung zusammen.
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