Freitag, 27. April 2018


Arterien sozusagen freiputzen

Neue Erkenntnisse in der Schlaganfall-Therapie sorgen unter Medizinern für Aufsehen

Göppingen, (lifePR) - SCHLAGANFALL Alle 3 Minuten erleidet jemand in Deutschland einen Schlaganfall. Ein Drittel der Betroffenen stirbt, ein Drittel behält dauerhaft schwerwiegende Behinderungen. Neue Studien belegen, dass gerade Schwerbetroffene mit einem modernen Katheter-Verfahren die besten Chancen haben.

Er kommt meist aus heiterem Himmel. Ein Blutgerinnsel blockiert ein Blutgefäß im Gehirn und löst einen Schlaganfall aus. Jede Sekunde zählt nun, um Hirngewebe und damit Fähigkeiten, Lebensqualität und Leben zu retten. Das Gerinnsel muss möglichst schnell aufgelöst werden. Dazu wird meist ein Lyse-Medikament intravenös verabreicht. Ist das Gerinnsel besonders dick und verstopft ein verhältnismäßig großes Blutgefäß, wagen sich seit wenigen Jahren Spezialisten zusätzlich weit ins Gehirn vor. Sie führen einen winzigen Katheter direkt in das Blutgerinnsel ein und ziehen es heraus. Thrombektomie nennt sich das Verfahren, das die Arterie sozusagen „freiputzt“. Die Methode wurde vor einigen Jahren von Professor Henkes am Klinikum Stuttgart erstmals eingesetzt. In den letzten Jahren kam sie immer dann zur Anwendung, wenn bei großen Gefäßverschlüssen eine Wirkung der intravenösen Lyse nicht zu erwarten war. Bislang war aber noch ungeklärt, ob die Eröffnung der Blutgefäße auch die Chancen der Patienten tatsächlich verbessert.

Eine groß angelegte wissenschaftliche Studie aus den Niederlanden sorgt seit November 2014 für Aufsehen. Die MR Clean - Studie, die auf der World Stroke Conference in Istanbul vorgestellt wurde, zeigt, dass bei großen Gefäßverschlüssen die moderne Thrombektomie bei akuten Schlaganfällen der alleinigen medikamentösen Lyse klar überlegen ist. Noch übertroffen wurden diese Ergebnisse von drei weiteren Studien, die Mitte Februar in Nashville, USA, vorgestellt wurden. Alle beteiligten Schlaganfall-Patienten erhielten dabei eine medikamentöse Lyse, die Hälfte von ihnen innerhalb der ersten sechs Stunden nach Symptombeginn zusätzlich eine Thrombektomie mit einem modernen Stent-Retriever.[1]

Studienergebnisse belegen eindeutig die Überlegenheit der Thrombektomie

Die Deutsche Schlaganfall Gesellschaft (DSG), die Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und die Deutschen Gesellschaft für Neuroradiologie (DGNR) haben angesichts der neuen Studienlage eine gemeinsame Pressemitteilung verfasst.[2] Ihr Pressesprecher und Chefarzt der Neurologischen Abteilung der Asklepios Klinik Altona in Hamburg, Professor Joachim Röther, ist von der Thrombektomie vollauf überzeugt. In der Pressemitteilung heißt es: „Die Chance der Patienten auf ein günstiges Behandlungsergebnis wurde um 20 bis 30 Prozent gesteigert, ein spektakuläres Ergebnis, so Professor Röther. ´Die Behandlung konnte nicht alle Behinderungen vermeiden, doch drei von fünf Patienten gewannen dank der Behandlung ihre funktionelle Unabhängigkeit zurück´, erläutert der Neurologe: „Sie waren 90 Tage nach dem Schlaganfall im Alltagsleben nicht mehr auf fremde Hilfe angewiesen.“ Pauschal gesagt: Bei etwa der Hälfte aller akut behandelbaren Schlaganfallpatienten bringt die neue Behandlungstechnik Vorteile für den Erhalt wichtiger Fähigkeiten wie Sprache und Bewegung. Auch die Sterblichkeit lag signifikant niedriger. In der in Nashville vorgestellten Studie ESCAPE lag die Sterblichkeit bei denjenigen Patienten, die zusätzlich zur Lyse eine Thrombektomie erhalten hatten, bei 10,4 Prozent versus 19 Prozent.

Die wissenschaftlichen Fachgesellschaften sind der Meinung, dass jährlich in Deutschland rund 10.000 Menschen mit einem schweren Schlaganfall vor dauerhaften Behinderungen oder Tod bewahrt werden, wenn flächendeckend die Möglichkeit einer Thrombektomie bestände.

„Bessere Chancen für den Patienten, weniger Todesfälle, weniger Behinderungen“, fasst Professor Norbert Sommer die Vorteile der Thrombektomie zusammen. Als Chefarzt leitet Sommer die Klinik für Neurologie, Neurophysiologie, Frührehabilitation und Schlafmedizin am Klinikum Christophsbad in Göppingen. Bestandteil der Klinik ist eine regionale Stroke-Unit. Sommer und sein Team beobachten die Erfolge des katheterbasierten Verfahrens in der Schlaganfalltherapie schon seit 2011. Damals konnte das Klinikum Christophsbad den Radiologen und Neuroradiologen Professor Bernd Tomandl gewinnen und seitdem die Thrombektomie routinemäßig in der Schlaganfallversorgung anwenden. Die guten Ergebnisse der MR Clean- Studie haben Sommer nicht überrascht. Er begleitet Schlaganfall-Patienten häufig über viele Wochen und Monate: Von der Intensivstation bis zur Frührehabilitation und häufig sogar als ambulante Patienten der Abteilung für Physio-, Ergotherapie und Logopädie sieht er sie in seiner Klinik. Für ihn ist klar, dass insbesondere bei großen Gefäßverschlüssen das kombinierte Verfahren von Thrombektomie und medikamentöser Intervention der alleinigen Lyse durch ein Medikament überlegen ist.

[1]Zu den Studien: http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/herzkreislauf/schlaganfall/article/879126/schlaganfall-neue-therapie-schafft-durchbruch.html?sh=1&h=-173438821 und http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/herzkreislauf/schlaganfall/article/874782/schlaganfall-meister-proper-poliert-thrombektomie.html?sh=2&h=-2038418460

[2] http://www.dsg-info.de/presse/pressemeldungen/2-nachrichten/allgemeine-nachrichten/428-komplexe-schlaganfalltherapie-mit-grossem-nutzen.html
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