Kunstflüge. Darstellungen des Fliegens in der Kunst vom 16. bis 21. Jahrhundert

(lifePR) ( Luzern, )
Kunst und Fliegen gehören eng zusammen! Schon einer der ersten uns, wenn auch nur durch die mythologische Erzählung, überlieferte Künstler Dädalus konnte nicht nur ein schier auswegloses Labyrinth planen und bauen, in dessen Mitte das Untier Minotaurus gefangen war. Sondern es gelang ihm auch, für sich und seinen Sohn Flügel zu erschaffen, die ihm den Weg aus der Gefangenschaft ebneten. Dass mit der Sage um den Schmied Völund/Wieland in der nordischen Mythologie eine − wenn auch ungleich blutigere − Variante dieser Geschichte existiert, zeigt, dass der Wunsch fliegen zu können, integraler Bestandteil der kollektiven Imagination der Menschheit ist. Es ist darum nur naheliegend, im Museum Hans Erni − parallel zur Ausstellung «Die Schweiz fliegt!» im Verkehrshaus der Schweiz − eine Schau zu künstlerischen Darstellungen des Fliegens vom 16. bis ins 21. Jahrhundert zu zeigen. Die Ausstellung dauert vom 17. April bis 13. Oktober 2019.

Wie aber lässt sich Fliegen darstellen? Fast so alt wie der Mythos von Daedalos sind auch Bilder fliegender Wesen: zu nennen sind die Darstellungen von Vögeln im Flug an den Wänden altägyptischer Grabkammern oder minoischer oder mykenischer Paläste im 2. Jahrtausend vor Christus; unzählig sind in der Kunst der gesamten Antike und des Mittelalters die geflügelten Wesen, seien es nun heidnische Genien und Eroten oder christliche Engel − und dies, obwohl zu diesem Zeitpunkt noch nie jemand einen Menschen hatte fliegen sehen und wohl kaum jemand sich einen Begriff davon machte, dass der Mensch anders als die Vögel aus eigener Muskelkraft ja gar nicht fliegen kann.

Vielleicht war aber gerade dies die grosse Herausforderung für die künstlerische Imagination, Bilder des Niedagewesenen und eigentlich Unmöglichen zu erfinden − und dies nicht nur im zweidimensionalen Bild, sondern auch in der Skulptur, die ja ganz anderen Bedingungen unterliegt. So war es denn auch die Kunst der Spätrenaissance, die − im Vollbesitz der Fähigkeiten zur illusionistischen Darstellung der uns umgebenden Welt − auch das Wunderbare, Irrationale und schier Unmögliche überzeugend in der Skulptur zu veranschaulichen suchte.

Fliegender Götterbote

Die bekannteste skulpturale Darstellung dieser Epoche, die lange Zeit vorbildhaft blieb, ist der Merkur des Giambologna von 1586, von dem die Ausstellung mit einer späteren Kopie aufwarten kann: Die Figur des Götterboten balanciert nur mit den Zehenspitzen des linken Fusses auf dem Luftstrom aus dem Mund eines Windgottes, während sein rechtes Bein nach hinten geworfen und der rechte Arm in die Höhe gereckt ist. Durch diese exaltierte Pose sieht die Figur von jeder Seite völlig anders aus, und der Glanz der hochpolierten Oberfläche lässt das Volumen des muskulösen Körpers in permanenter Bewegung erscheinen. Der Götterbote eröffnet die Abteilung älterer Darstellungen des Fliegens, in der meisterhafte Zeichnungen von italienischen Künstlern der Renaissance und des Barock von Palma il Giovane, Luca Giordano, Domenico Tiepolo und anderer aus der Sammlung Gadola und die berühmten vier Himmelsstürmer des Hendrik Goltzius zu finden sind. Diese Glanzlichter manieristischer Steckerkunst beeindrucken durch die virtuose Darstellung stürzender Körper und veranschaulichen wie die Blätter mit Bildern des Engelssturzes aus dem Umfeld von Peter Paul Rubens die Folgen der Hybris.

Vom Märchen zur Forschung

An einer kleinen Gruppe von Gemälden des Luzerner Malers Hans Emmenegger wird der Wandel von mythologischen Flugwesen zur Darstellung erlebter Realität bis zur künstlerischen Forschung anschaulich. Emmeneggers Gemälde Rückkehr zum Zauberschloss erinnert noch an die symbolistischen Bilder Arnold Böcklins, während die beiden Versionen des Gordon-Bennett-Wettfliegens von Emmenegger und seinem Künstlerfreund Sigismund Righini, die hier erstmals zusammen zu sehen sind, spektakuläre Ereignisse aus der Zeitgenossenschaft der Künstler wiedergeben. In seinem Meisterwerk Kanarienvogel, vom Betrachter in die Dunkelheit fliegend zeigt sich Emmenegger als forschender Künstler, der zeitgleich mit den Futuristen und Marcel Duchamp am Beispiel des Vogelflugs über die Möglichkeit der Veranschaulichung von Bewegung im eigentlich statischen Medium des Bildes nachdachte.

Künstler als Ingenieure

Von Emmeneggers Bildrecherche ist ein konzeptuell nur kleiner Sprung zu den Flugexperimenten des russischen Konsturktivisten Wladimir Tatlin, der in den 1930er-Jahren mit seinem Flugapparat «Letatlin» vielleicht der erdrückenden Enge der stalinistischen Sowjetunion zu entfliehen trachtete. Während in James Viberts «Buste de l’aviateur» der Mensch sich visuell der aerodynamischen Form der Maschine angleicht, versetzt Alexander Calder das Schweben der Bildelemente aus der abstrakten Malerei in seinen Mobiles in den realen Raum des Betrachters. Robert E. Mattas und Henri Michaux’ virtuose Farbradierungsserie «Les droites libérées», in der die Bildelemente auch deutungsmässig zwischen Flugkörpern, Insekten oder Bakterien in der Schwebe bleiben, führt in die Nachkriegszeit, als Fliegen für einen immer grösseren Teil der Menschheit zur Alltäglichkeit wurde.

Meret Oppenheim versucht mit ihren Wasserzeichen Wolken einzufangen, die Balthasar Burkhard immer wieder aus dem Flugzeug als erhabene Phänomene in seinen überwältigenden Photographien bannte. Währenddessen vermittelt uns Uwe Walther in seinen Malereien auf Kartenmaterial den Eindruck die Zentralschweizer und die Tessiner Landschaft zu überfliegen, während Dieter Roths und Stefan Wewerkas Pilot im Meer landet.

Ende der Euphorie

Nach dem tausendfachen Tod bringenden Luftkrieg und aufgrund schwindender Fortschrittseuphorie angesichts der Bewusstseins knapper werdender Ressourcen und wachsender Umweltbedrohung wurde nun auch in der Kunst das Fliegen immer kritischer reflektiert. Panamarenkos imaginierte Flugapparate blicken in einer Epoche des durchrationalisierten Flugbetriebs nostalgisch auf die Pionierzeit des Fliegens mit ihren phantastischen, wenngleich oftmals wenig flugtauglichen Apparaten.

Sebastian Utznis in intensiver Recherche zusammengetragene Sammlung von Comics aus der Zeit seit den 1960er-Jahren deckt auf, dass die Zerstörung eines Hochhauses durch einen Kamikazeflug offenbar schon lange vor 9/11 Teil des popkulturellen Unterbewusstseins war. Währenddessen erkunden Danila Tkachenkos grossformatige Photos Sperrgebiete in der ehemaligen Sowjetunion. Die im Schnee versinkenden Ruinen von Bodenstationen, Abschussrampen und Antennen wirken wie vergessene Monumente einer megalomanen Epoche von Aufbruchsstimmung und Fortschrittsglaube. Während Jean Tinguelys späte kinetische Plastik der Hündin Laika ein grotesk-melancholisches Denkmal setzt, die 1957 als erstes Lebewesen gezielt in die Erdumlaufbahn befördert wurde und dabei umkam. Schliesslich erheben wir uns mit den Werken von Michael Buthe und Claudia Di Gallo – vielleicht dank bewusstseinserweiternder Substanzen – in die Lüfte.

Hobbypilot Hans Erni

Die genannten Kunstwerke werden von Arbeiten des begeisterten Hobbypiloten Hans Erni begleitet, der sich in allen Schaffensphasen mit dem Fliegen beschäftigt hat. Mit dieser ersten Wechselausstellung unter der neuen Leitung von Heinz Stahlhut will das Museum Hans Erni nicht nur den Hausherrn in den Kontext der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts stellen, sondern auch deutlich machen, dass die unmittelbare Nachbarschaft zu einem der bedeutendsten Museum für Mobilität und Technik in Europa für das Künstler- und Kunstmuseum unbedingt Sinn macht.

Ort: Museum Hans Erni, im Verkehrshaus der Schweiz, Luzern
Dauer: 17. April bis 13. Oktober 2019
Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag, 11 bis 18 Uhr (Sommerzeit) 11 bis 17 Uhr (Winterzeit)
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