Donnerstag, 16. August 2018


  • Pressemitteilung BoxID 367703

Die Energiewende ist nur mit thermischen Kraftwerken zu schaffen

Prognos-Studie zeigt: Energiewende kann nur mit thermischen (Kohle-) Kraftwerken gelingen

Hamburg, (lifePR) - .
- Um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten, fehlen bereits bis 2020 etwa 9 % gesicherte Erzeugungsleistung.
- Thermische Kraftwerke werden im Jahr 2020 fast drei Viertel der gesicherten Leistung (59 GW) abdecken müssen.
- Auch 2050 stellen thermische Kraftwerke mit 46 GW noch weit über die Hälfte der gesicherten Leistung.
- Dabei ist der Weiterbetrieb moderner Bestandskraftwerke um 600 Millionen Euro pro Jahr günstiger als der Bau neuer Kraftwerke. Im Zeitraum bis 2050 fallen die Stromerzeugungskosten bei Nutzung der Bestandsanlagen so insgesamt um 24 Milliarden Euro niedriger aus als im Neubauszenario.

Die Versorgungssicherheit des Standortes Deutschland ist unter den aktuellen Energiemarktbedingungen erheblich gefährdet. Die Energiewende kann nur gelingen, wenn ausreichend flexible thermische (Kohle-)Kraftwerke am Netz bleiben, die die stark fluktuierende Stromeinspeisung aus erneuerbaren Energien mit regelbaren Kraftwerkskapazitäten absichern. So fehlen aufgrund des von der Bundesregierung beschlossenen Atomausstiegs bereits im Jahr 2020 mindestens 8 GW gesicherte Erzeugungskapazität, um die Stromversorgung in Deutschland im Moment der Höchstlast zu sichern. Das entspricht etwa 9 % der prognostizierten Höchstlast. Bis 2025 erhöht sich dieser Wert auf 19 GW oder 22 % und bereits 2030 droht eine Versorgungslücke von 27 GW oder 32 % der notwendigen Höchstlast (inkl. 10 % Sicherheitsreserve).

Das sind zentrale Ergebnisse der aktuellen Studie "Bedeutung der thermischen Kraftwerke für die Energiewende", die von der Prognos AG im Auftrag des Vereins der Kohlenimporteure (VDKi) durchgeführt und heute veröffentlicht wurde.

Notwendigen Kraftwerkskapazitäten droht Stilllegung

Die Situation könnte zusätzlich durch eine vorzeitige Stilllegung von fossil befeuerten Bestandskraftwerken verschärft werden. Diese lassen sich unter den aktuellen Marktbedingungen kaum noch wirtschaftlich betreiben und werden daher möglicherweise von ihren Betreibern noch vor dem Ablauf der technischen Lebensdauer vom Netz genommen. "Die Studie zeigt, dass der Standort Deutschland unter den aktuellen Marktbedingungen mittel- bis langfristig auf eine erhebliche Kapazitätslücke bei der Stromversorgung zusteuert", so Dr. Wolfgang Cieslik, Vorstandsvorsitzender des VDKi. "Vor diesem Hintergrund werden Bestandskraftwerke bzw. Maßnahmen zur Verlängerung der Lebensdauer dieser Kraftwerke für die Versorgungssicherheit immer wichtiger. Hier ist die Politik gefordert. Wir benötigen ein Strommarktdesign, das Investitionen in Bestandskraftwerke attraktiv macht und deren Weiterbetrieb wirtschaftlich ermöglicht."

Steinkohlekraftwerke können eine geringe Mindestlast und hohe Laständerungs-geschwindigkeiten bereitstellen. Deshalb bieten sie die notwendige Flexibilität, um Lastspitzen abzufedern und Leistungsreserven sowie Blind- und Regelleistung bereitstellen zu können. Allerdings sind durch die vorrangige Einspeisung von Strom aus erneuerbaren Energien in den vergangenen Jahren die für die Betreiber notwendigen Preise in den Peakstunden (8 bis 20 Uhr, wochentags) stark gesunken. Besonders ältere Steinkohlekraftwerke ohne Kraft-Wärme-Kopplung sind stark von einer vorgezogenen Stilllegung bedroht.

Wegen der wirtschaftlichen Unsicherheit und der niedrigen Börsen-Strompreise werden derzeit auch keine Investitionsentscheidungen für zusätzliche Kraftwerkskapazitäten getroffen. Sie kämen wegen langer Genehmigungsverfahren von fünf bis zehn Jahren voraussichtlich auch zu spät, um die drohenden Kapazitätslücken zu schließen. Zudem erhöhen Restriktionen im Übertragungsnetz die Gefahr von regionalen Engpässen.

Nutzung bestehender Kraftwerke entlastet Stromkunden gegenüber Neubau um 600 Millionen Euro jährlich

Volkswirtschaftlich am günstigsten kann die drohende Kapazitätslücke durch die Nutzung von bestehenden thermischen Kraftwerken geschlossen werden. Hierunter nehmen die Steinkohlekraftwerke mit 30 % die wichtigste Rolle ein. Gegenüber dem Neubau von Kraftwerken führt der Weiterbetrieb von Bestandskraftwerken zu ökonomischen Vorteilen von etwa 600 Millionen Euro pro Jahr. Bis 2020 würden die Kosten der Stromerzeugung so um mehr als 4 Milliarden Euro niedriger ausfallen, bis 2050 sogar um insgesamt 24 Milliarden Euro. Dies eröffnet Handlungsspielräume zur finanziellen Entlastung der Stromkunden.

"Thermische Kraftwerke werden auch langfristig für die Versorgungssicherheit in Deutschland eine wichtige Rolle spielen", so Jens Hobohm, Marktfeldleiter Energiewirtschaft und verantwortlicher Studienautor der Prognos AG. "Neben der Inbetriebnahme der im Bau befindlichen Kraftwerke sind daher vor allem der Weiterbetrieb und die Modernisierung von bestehenden Kraftwerken notwendig."

Diese Situation wird dadurch verschärft, dass Ausbau und Anschluss der Offshore-Windparks stocken. Zudem fehlen bisher sowohl die notwendigen Übertragungsnetze als auch wirtschaftliche Speichertechnologien.

"Auch Stromimporte aus dem Ausland können diese Lücke nur zum Teil füllen, da die Spitzenlast in Mitteleuropa meist gleichzeitig auftritt und unsere Nachbarländer selbst keine großen Leistungsreserven besitzen", so Hobohm. Nach den von Prognos berechneten Szenarien sind zur Leistungsabsicherung unter Berücksichtigung der erneuerbaren Energien, des Lastmanagements, des internationalen Netzausbaus sowie des Ausbaus von inländischen Speichern mindestens 59 GW (2020), 52 GW (2030) bzw. 46 GW (2050) an regelbarer gesicherter Kraftwerksleistung nötig. Diese wird auch langfristig im Wesentlichen durch konventionelle thermische Kraftwerke gewährleistet. Im Jahr 2050 werden sie in Spitzenlastzeiten immer noch über die Hälfte der gesicherten Leistung bereitstellen.

VDKi fordert Knappheitspreise oder alternativ einen für Altanlagen diskriminierungsfreien und marktbasierten Kapazitätsmechanismus

Die Studienergebnisse unterstreichen den politischen Handlungsdruck in diesem Bereich: Nur wenn jetzt die Rahmenbedingungen zur Aufrechterhaltung der Versorgung durch thermische Steinkohlekraftwerke geschaffen werden, kann die mittel- und langfristige Versorgungssicherheit am Standort Deutschland sichergestellt werden. Eine volkswirtschaftlich sinnvolle Lösung, um den entstehenden Kapazitätsengpässen entgegenzuwirken, kann bei einer Beibehaltung des heutigen Energy-Only-Marktdesigns kurzfristig nur durch die Einführung einer diskriminierungsfreien und marktbasierten strategischen Reserve erfolgen. Die Finanzierung der notwendigen Retrofits bei Bestandskraftwerken kann mittelfristig durch das Zulassen von Knappheitspreisen erfolgen - oder alternativ durch einen marktbasierten Kapazitätsmechanismus, der für Altanlagen diskriminierungsfrei ist.

"Schließlich besitzen die meisten Steinkohlebestandsanlagen die notwendige Flexibilität, um die dringend erforderlichen Leistungsreserven für fluktuierende regenerative Stromeinspeisung sicher, umweltschonend und wirtschaftlich liefern zu können. Zudem erbringen sie notwendige Systemdienstleistungen wie Blindleistungsbereitstellung und Regelleistung zur Sicherung der Stabilität im Stromsystem. Das sind wichtige Grundlagen für das Gelingen der Energiewende", so Ciesliks Fazit.

Zur vorliegenden Untersuchung

In der Studie "Bedeutung thermischer Kraftwerke für die Energiewende" ist die Prognos AG der Frage nachgegangen, welche Rolle thermische Kraftwerke für die Versorgungssicherheit der Stromerzeugung in Deutschland vor dem Hintergrund der Energiewende spielen können. Da der Brennstoff (Erdgas, Braun- und Steinkohle sowie Biomasse) speicherbar ist, haben thermische Kraftwerke den Vorteil, dass sie im Durchschnitt zu etwa 90 Prozent der Zeit verfügbar sind und damit auch langfristig den größten Beitrag zur gesicherten Leistung erbringen. Die Studie legt die Ziele der Bundesregierung im Hinblick auf das Ausbautempo der erneuerbaren Energien zu Grunde. Weitere Informationen zur Studie unter www.prognos.de.

Verein der Kohlenimporteure e.V.

Der Verein der Kohlenimporteure e. V. (VDKi) ist die Interessenvertretung des Importsteinkohlemarktes in Deutschland. Die deutschen und europäischen Mitglieder stammen aus den Bereichen Kraftwirtschaft, Industrie, Handel und Logistik. Der Verein hat aktuell 77 Mitglieder, die in ihren Anlagen etwa 73 % des deutschen Steinkohlebedarfs von rund 58 Millionen t verbrauchen. Die Importkohle deckt den Kohlebedarf Deutschlands zu über 80 % ab. Damit vertritt der VDKi den ganz überwiegenden Steinkohlemarkt (deutsche und importierte Steinkohle) in Deutschland mit einem finanziellen Volumen in Milliardenhöhe. Der VDKi untersucht regelmäßig die Bedeutung der globalen Steinkohlemärkte für den europäischen und deutschen Importsteinkohlemarkt, zeigt Perspektiven für die weitere Einfuhrentwicklung auf und veröffentlicht regelmäßig Statistiken über deutsche Steinkohleimporte und -preise. Weitere Informationen unter www.verein-kohlenimporteure.de.

Diese Pressemitteilungen könnten Sie auch interessieren

Dr. Hermann Onko Aeikens: "Wir brauchen verlässliche Zahlen, Daten und Fakten."

, Energie & Umwelt, Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL)

Auf Initiative der Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, Julia Klöckner, haben sich Vertreter von Bund und Ländern am heutigen Montag...

Klöckner: "BVVG hilft mit Sofortmaßnahmen."

, Energie & Umwelt, Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL)

In einzelnen Regionen Deutschlands herrscht eine lang anhaltende Trockenheit. Viele Landwirte haben mit Ernteausfällen und damit verbundenen...

Mission "Stone & Pots" - Erste Geisternetzbergung in Irland

, Energie & Umwelt, Gesellschaft zur Rettung der Delphine e.V.

Geisternetze töten jährlich Millionen von Meerestieren. Die niederländische Ghost Fishing Stiftung wird gemeinsam mit der Gesellschaft zur Rettung...

Disclaimer