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Pressemitteilung BoxID: 416119 (Universität Bielefeld)
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Natürlich statt gekünstelt

Internationale Forscherinnen und Forscher diskutieren an der Universität Bielefeld über die Analyse von Sprachen

(lifePR) (Bielefeld, ) Weltweit archivieren Sprachwissenschaftler Sprachen: Sie sichern in Texten und auf Ton, wie die jeweilige Mundart gesprochen wird. Doch wenn es darum geht, wie Informationen in einer Sprache strukturiert sind, dann werden meistens nur experimentell erhobene Sprachäußerungen analysiert. Die haben wenig mit dem Alltag zu tun. Natürlich geäußerte Sprache wird in diesem Feld bislang eher selten erforscht. Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwissenschaftler kommen deswegen von heute (10. Juni) bis Mittwoch, 12. Juni, in der Universität Bielefeld zusammen.

Die Tagung trägt den Titel "Informationsstruktur in Korpora gesprochener Sprache". Mit dem Begriff "Korpus" werden vor allem Video- und Audioaufnahmen von natürlichen Sprachäußerungen bezeichnet. Viele dieser Aufnahmen sind verschriftlicht und oft auch in mindestens eine andere Sprache übersetzt. Bei Informationsstruktur geht es darum, wie bereits bekannte und neue Information in einem Satz "verpackt" werden. "Ein und dieselbe Situation wird je nach Kontext unterschiedlich beschrieben", erklärt Dr. Claudia Wegener von der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft. Sie ist eine der Organisatorinnen des Workshops. Als Beispiel für Informationsstruktur nennt sie eine Frau, die Kartoffeln schält. "Wenn jemand einfach erzählt, was die Frau so alles macht, während sie kocht, dann sagt man vielleicht 'und dann schält sie die Kartoffeln'", sagt Wegener. In diesem Fall wäre "die Frau" eine bekannte Information, weil schon die ganze Zeit von ihr gesprochen wurde - Kartoffeln schälen wäre hingegen die neue Information in dem Satz. Würde aber jemand fragen "Wer schält die Kartoffeln?", dann sage man eher "Die Frau schält die Kartoffeln". Hier ist die Frau die neue Information. Für die Informationsstruktur kann die Reihenfolge der Wörter in einem Satz eine Rolle spielen oder auch die Betonung einzelner oder mehrerer Wörter.

Teilnehmer des Workshops sind Forscherinnen und Forscher, die sich mit Sprachen aus aller Welt befassen - von Hochdeutsch über niederländische Gebärdensprache bis zu gefährdeten Sprachen wie Hinuq (Dagestan), Mawng und Bilinarra (Australien), Kabyl (Algerien), Cabécar (Costa Rica), Richtersveld Nama (Südafrika), Ixcatec (Mexiko) und Karbi (Indien).

Claudia Wegener organisiert den Workshop zusammen mit Professor Dr. Eva Schultze-Berndt von der University of Manchester und Dr. Candide Simard von der University of London. Die Tagung wird unterstützt von der VolkswagenStiftung und dem Projekt DOBES (Documentation of Endangered Languages - Dokumentation gefährdeter Sprachen).

Wie die Informationsstruktur über die Grammatik erzeugt wird - das wurde bislang hauptsächlich an "Laborsprache" untersucht. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben dafür unter anderem aufgezeichnet, wie Personen bestimmte Sätze lesen. Diese experimentell erzeugten Daten haben wenig mit der natürlichen Sprache zu tun. "Es ist unwahrscheinlich, das verschiedene Leute wie in den Experimenten exakt denselben Satz in natürlichsprachlichen Daten wie Geschichten oder Erklärungen zu traditionellen Kochrezepten äußern", sagt Wegener.

Der Workshop bringt daher diejenigen Forscher zusammen, die Informationsstruktur jetzt nicht mehr nur in kontrollierten, relativ unnatürlichen Daten untersuchen wollen. Besonders in den vergangenen 15 Jahren wurden Sprachen in ihrer natürlichen Form dokumentiert. "Diese Korpora wollen wir für unsere Forschung verstärkt nutzen. Das ist natürlich eine Herausforderung, weil die Daten eben unkontrollierter und weniger ordentlich sind." Jede Sprache erfordert mit ihrer individuellen Struktur eigene Analysestrategien. "In unserem Workshop stellen Forscherinnen und Forscher vor, wie sie jeweils in ihren Untersuchungen vorgegangen sind und was für spannende Resultate die natürlichsprachlichen Daten uns bringen."

Weitere Informationen im Internet: www.uni-bielefeld.de/lili/tagung/ISSLaC