Donnerstag, 19. Juli 2018


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Digitale Demenz auf dem Vormarsch

Keynote-Speaker Prof. Dr. Manfred Spitzer

Köln, (lifePR) - Unternehmen, die ohne digitale Medien auskommen - diese Vorstellung ist heute nahezu undenkbar. PC, Smartphone, Tablet & Co. sind feste Bestandteile der Arbeitswelt. Diese Entwicklung fördert zwar vermeintlich die Leistungsfähigkeit der Betriebe, kann aber langfristig die geistige Gesundheit der Mitarbeiter gefährden, ist Prof. Dr. Manfred Spitzer überzeugt. Der bekannte Psychologe erklärt am Mittwoch, 26. September, auf der Messe Zukunft Personal in Köln, warum ständiger Gebrauch von moderner IT "digitale Demenz" hervorruft und was Personalverantwortliche dagegen tun können.

"Es gibt mittlerweile eine ganze Reihe von Studien, die belegen, dass digitale Medien unser Gedächtnis beeinträchtigen können", sagt Prof. Dr. Manfred Spitzer. Der Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie an der Universität Ulm spricht dabei auch von "digitaler Demenz". Den Begriff verwenden koreanische Ärzte seit 2007, um ein Syndrom zu beschreiben, das sie bei Menschen ab einem Alter von etwa 20 Jahren beobachtet haben, die sehr viel Zeit mit Computer und Internet verbringen: Störungen von Merkfähigkeit und Konzentration, Schwierigkeiten beim Lesen eines Textes, Abgeschlagenheit, Mattigkeit und Motivationslosigkeit.

"Wer Informationen googelt, speichert die Erkenntnisse mit geringer Wahrscheinlichkeit im Gehirn ab", führt der Psychologe Spitzer ein Beispiel an. Wer sich im Chat austausche, statt Face to Face mit einem Gegenüber darüber zu sprechen, merke sich Inhalte nicht so gut. "Im Internet wird zudem mehr gelogen und betrogen als in der realen Welt", so Prof. Spitzer. Das führe dazu, dass unser Gehirn nicht in der gleichen Weise präzise arbeite. Hemme dieser Vorgang die Gehirn-Bildung langfristig, könnten verfrüht Symptome einer Demenz eintreten. Nach einem aktuellen Bericht der Bundessuchtbeauftragten gebe es in Deutschland 500.000 Internet- und Computersüchtige sowie weitere 500.000 Gefährdete. "Deshalb liegt es nahe, dass das Problem der digitalen Demenz in den nächsten Jahrzehnten deutlich zunehmen wird."

Geistiger Abstieg - eine Altersfrage?

In welchem Alter die Symptome einer Demenz aufträten, hänge nicht zuletzt davon ab, wie gut ausgebildet das Gehirn eines Menschen sei. Der Ulmer Psychologe macht dies mit einem Vergleich deutlich: "Wer vom Mount Everest absteigt, befindet sich trotz Abstieg lange Zeit in großer Höhe. Wer von einer Sanddüne auf Meereshöhe absteigt, ist sehr rasch unten."

Degenerative Veränderungen, die bei Demenz häufig vorlägen, hätten zwar ganz selbstverständlich etwas mit dem Alter zu tun. Doch diese Veränderungen führten bei gut trainierten Gehirnen nicht zwangsläufig zu einer nachlassenden Gedächtnisleistung. Es seien Fälle dokumentiert, bei denen die geistige Leistungsfähigkeit des Menschen bis ins hohe Alter vollkommen erhalten bleibe, auch wenn nach ihrem Tod im Gehirn auffällige Veränderungen wie bei Alzheimerscher Demenz nachgewiesen werden konnten. "Wir kennen auch Fälle von Menschen, bei denen mehr als das halbe Gehirn nicht mehr vorhanden ist und die dennoch klinisch völlig unauffällig sind", so Prof. Spitzer.

Gehirn trainieren und Lernzeit nicht verdösen

Die geistige Gesundheit der Beschäftigten steht demnach bei mangelndem Training auf dem Spiel. Zudem könne aus täglichen Überlastungen und Multitasking-Versuchen ein massiver Schaden für die Wirtschaft entstehen. "Ich halte es deshalb für sehr wichtig, dass wir uns einen anderen Umgang mit den Medien angewöhnen", betont der Professor. Nicht jede E-Mail müsse innerhalb von drei Minuten beantwortet werden. Besonders wertvoll sei die Zeit, die Beschäftigte "offline" zum Nachdenken und zur konzentrierten Arbeit hätten. Jede Unterbrechung hingegen könne nur schaden.

Ebenso unsinnig wie Multitasking sei der Ansatz, über E-Learning Personal zu qualifizieren. Implizit gebe dies sogar die E-Learning-Branche zu, indem sie zunehmend von "Blended Learning" spreche. Demnach müsse der Lehrer dem Lernprozess "beigemischt" werden. Doch eine solch "entpersonalisierte" Art zu denken helfe beim Lernen nicht weiter. "Lernen funktioniert vor allem dann, wenn eine gute Beziehung zwischen Lernendem und Lehrendem vorhanden ist, ein Vertrauensverhältnis und eine gegenseitige Wertschätzung", konstatiert Prof. Spitzer. Es komme darauf an, dass der Lehrende im Lernenden ein Feuer entfache und Begeisterung wecke. "Zeit, die wir vor einer Mattscheibe verdösen, ist keine Lernzeit."

Weitere Tipps, was sich gegen digitale Demenz tun lässt, gibt Prof. Dr. Manfred Spitzer in seinem Keynote-Vortrag auf der Messe Zukunft Personal:

"Digitale Demenz"
Mittwoch, 26. September 2012, 16.00 bis 17.00 Uhr,
im Anschluss Public Interview
Koelnmesse, Halle 11.2, Forum 1

Über Prof. Dr. Manfred Spitzer

Prof. Dr. Manfred Spitzer, geboren 1958 in Lengfeld bei Darmstadt, hat seit 1997 den Lehrstuhl für Psychiatrie der Universität Ulm inne und leitet die seit 1998 bestehende Psychiatrische Universitätsklinik in Ulm. Im Jahre 2004 gründete er dort das Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL). Zuvor war Spitzer, der Medizin, Psychologie und Philosophie in Freiburg studierte und im Fach Psychiatrie habilitierte, als Oberarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg tätig (1990 bis 1997).

Bekannt wurde Prof. Spitzer vor allem durch Vorträge und populärwissenschaftliche Bücher sowie durch seine Fernsehserie "Geist und Gehirn", die wöchentlich auf BR alpha ausgestrahlt wird. Fachübergreifend arbeitete er unter anderem mit Annette Schavan und Eckart von Hirschhausen zusammen und förderte mit dem ZNL die Konzeption von "Spielen macht Schule", einem Wettbewerb für Grundschulen.

Das komplette Programm der Zukunft Personal ist unter www.zukunft-personal.de verfügbar.

Über die Messe Zukunft Personal

Vom 25. bis 27. September 2012 öffnet die Zukunft Personal, Europas größte Fachmesse für Fragen rund um das Thema Personal in Unternehmen, bereits zum 13. Mal ihre Tore. Rund 12.000 Personalverantwortliche aus dem In- und Ausland informieren sich jährlich in Köln über Strategien und Lösungen für Personalmanagement. Bekannt ist die Messe insbesondere für ihr umfangreiches Vortragsprogramm. Das Themenspektrum reicht von Recruiting und Retention über Leadership-, Weiterbildungs-, Arbeitsrechts- und Softwarefragen bis hin zur Zukunft der Arbeitswelt.

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